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Hooligans in Hamburg

Der G20-Gipfel in Hamburg geht zu Ende, Rauchschwaden der Ausschreitungen angereister Hooligans verfliegen, und der Streit um die richtige Polizei-Taktik geht weiter. Schon Tage zuvor beklagten sich Teilnehmer an Protest-Aktionen über das Verhalten der Polizei. Doch lasse ich das nicht als Ausrede gelten, um das Verhalten der Hooligans vom „Schwarzen Block“ zu rechtfertigen oder auch nur zu relativieren. Die Randale-Touristen haben mit Politik und begründetem Protest nichts am Hut. Das Demonstrationsrecht ist Teil des Rechts auf freie Meinungsäußerung und kein Freibrief für selbsternannte Rächer der Unzufriedenen und Benachteiligten, um brennend und plündernd durch Wohnstraßen zu ziehen und wahllos Eigentum auch kleiner Leute zu zerstören. Das ist pubertäre Gewalttätigkeit, die niemand als politische Äußerung ernst nehmen kann. Mehr ->https://daily.spiegel.de/news/gewalt-beim-g20-gipfel-kampf-den-zwerghasen-a-18684
Man wüsste gern mehr über den ernstzunehmenden Protest, seine Anliegen, seine Begründungen.* Doch die Medien, na klar, bringen Bilder von Krawall und Gewalt, von der Kaperung der Demos durch vermummte Schwarzer-Block-Kämpfer, die so tun, als wären sie Teil des Protestes. Sind sie aber nicht. Sondern sie sind eher ein Anlass für die Polizei, den Protest insgesamt zu stoppen und aufzulösen. Das führt zu falscher Frontbildung und macht den friedlichen Protest kaputt, er geht fast unter in den Medien.
Schon Wochen vor dem G20-Gipfel fanden konzertierte Anschläge auf Anlagen der Deutschen Bahn statt und behinderten den Zugverkehr für die Bevölkerung. Was sollte das? Von einer auch nur ansatzweise verständlichen Begründung habe ich nichts gehört. Aber mir war klar: Das ist kein politischer Protest, das ist nur Sabotage, wenn nicht im Ansatz schon Terrorismus, mit der simplen Begründung: „Wir können es, also machen wir es. Wen das trifft, interessiert uns nicht.“ Sowas kann schon deshalb keine politische Aktion sein, weil man damit die Bevölkerung nur gegen sich aufbringt. Wo ist der Unterschied zu den Hooligans in und an Fußballstadien? Die wollen auch nur Krawall und Gewalt als Selbstzweck. Und verursachen erhöhten Einsatz von Steuergeldern für Polizei-Einsätze.
Es sieht aber nicht so aus, als könnte man den Adrenalin-Junkies unter den Hools mit Argumenten kommen. Vielleicht sind die zu sehr von ihrem Darm gesteuert (vgl. Beitrag „Homo Sapiens“?).

W. R.

* Wer nach den sachlichen Kritikpunkten am G20 fragt, erhält vielleicht Hinweise durch folgende Links:  1. Interview mit  Heike Löschmann von der Heinrich-Böll-Stiftung >G20-Kritik: „Ein Durchregieren der Großen und Starken“ – heute-Nachrichten ; 2. Statements auf der Attac-Homepage >Attac Deutschland – Startseite – Attac Deutschland  – www.attac.de    Dies zur Information, als Beispiele für die kritischen Standpunkte.

„Homo Sapiens“?

er Mensch hängt am Gewohnten, und deshalb ist er manchmal auch geistig träge. Das muss Jeder zugeben, der auch nur einen Funken Selbstkritik aufbringen kann. So weigert der Mensch sich oft, Neues zur Kenntnis zu nehmen, und findet es zu mühsam, es in sein Weltbild zu integrieren. Manche empfinden es schon als Zumutung, ihre Meinung und ihr Urteil zu überprüfen, weil sie sich für unfehlbar halten (Alles Idioten außer mir!).
Infolgedessen treffen wir oft Menschen an, die mental in vergangenen Zeiten hängengeblieben sind und die Veränderungen in der Welt erst leugnen, dann verurteilen; die sich kategorisch dagegen wehren, ihre längst zu Vorurteilen verkrusteten Ansichten zu überdenken. Das Phänomen kennt jeder, nimmt es aber meist nur an Anderen wahr.
Aber es gibt Unterschiede: Die Hardcore-Rechthaber laufen z.B. in Pegida-Demos mit und fordern ein Zurück in eine rückwärtsgewandte Utopie, und/oder sammeln Wehrmachts-Militaria und dekorieren damit die Wände in ihrer Kaserne, sie fordern „Grenzen dicht!“ und wettern gegen die Globalisierung, sie suchen Zuflucht in der scheinbar kuscheligen Wärme völkischen Bio-Deutschtums…
Typisch dabei ist, dass sie z.B. ausblenden, welche Vorteile auch sie persönlich durch Globalisierung und Einwanderung genießen, dass Deutschland insgesamt von der EU wie vom zugänglichen Weltmarkt ganz schön profitiert. (Toll, die T-Shirts für zwei Euro! Warum die bei uns so billig sind? Keine Ahnung.)
Und sie blenden aus, welche teuer und blutig erkauften Erfahrungen wir Deutschen mit völkischen Vorstellungen, Rassismus, und nationalistischer Überheblichkeit gemacht haben.
Deshalb ist ihnen auch nicht klar, wie schnell man mit Retro-Parolen eine Diktatur der Mehrheit über Minderheiten herbeireden kann, und wie schnell aus nationalistischem Gesülze und Säbelrasseln eine Kriegsgefahr heraufziehen kann. Selbst Erfahrungen aus jüngster Vergangenheit wie im zerfallenen Jugoslawien in den 1990er Jahren werden da nicht zur Kenntnis genommen, gar nicht zu reden von der Krim und der Ost-Ukraine…
Und wenn wir ins eigene Land schauen, dann graut es jedem Demokraten bei manchen Äußerungen jenes Voll-Horst in Bayern und seinen Parteigenossen, und es gruselt ihm bei der wiederaufgewärmten Diskussion um den Begriff „deutsche Leitkultur“, die, man glaubt es kaum (oder doch?), vom deutschen Innenminister entfacht wurde.
Es will einfach in manchen Köpfen nicht heimisch werden: Das Grundgesetz als demokratische Verfassung geht eben nicht von völkischen Leitgedanken aus, sondern ganz klar vom Prinzip der allgemeinen Menschenrechte, die für alle Menschen gelten. Das steht in Artikel 1 und ist näher ausgeführt in den folgenden Grundrechten. Da steht aber auch rein gar nichts von besonderer Bevorzugung biologischer oder anderer Merkmale.
Das ist den Völkischen und Rechtsaußen natürlich ein Dorn im Auge, und deshalb versuchen sie, die Bundesrepublik als Staat verächtlich zu machen, wärmen uralte Nazi-Parolen auf und zielen darauf ab, die Legitimation dieses Staates zu untergraben. Da kommen z.B. sogenannte Reichsbürger daher und behaupten unverfroren, wir lebten juristisch noch im Deutschen Reich, und verspotten die BRD als „GmbH“. Nimmt man das ernst, muss man erkennen, dass sich da ein paar Besserwisser etwas zusammengestrickt haben und das als oberschlauen Durchblick verkaufen — wohl wissend, dass 99% der Bevölkerung das gar nicht überprüfen können und daher einige darauf hereinfallen werden, sofern es nur überzeugend und laut vorgetragen wird.
Was für einen Staat wollen solche Leute? Einen, wo die Maschinengewehre rattern und alles in Scherben fällt? Ja, geht’s euch zu gut?
Wenn’s dem Esel zu wohl wird, geht er auf’s Eis. Dieser alte Spruch benennt die alte Erfahrung, dass es immer Menschen gibt, die, sei es aus Langeweile oder Leichtsinn, zum Zündeln neigen und dann sehen wollen, was passiert und wieviel Unheil sie anrichten.
Und dazwischen rennen heutzutage noch ein paar Blödiane herum, die alles mit dem Handy filmen wollen und den Rettungskräften schamlos im Wege stehen. Daran sieht man: Die Esel und Egoisten werden nicht alle. Im Zweifel hilft nur, konsequent dagegen einzuschreiten.
Der Mensch, von Wissenschaftlern vor langer Zeit „homo sapiens“ getauft, hat eben so seine Defekte. Er mag ja „sapiens“, also weise oder wissend sein, oder, wie es auch heißt, „vernunftbegabt.“ Aber diese Selbsteinschätzung hat eben auch ihre Defekte. Wissenschaftler vertreten seit Kurzem die Ansicht, dass wir nicht nur von unseren Hirn gesteuert werden, sondern auch von unserem Darm. Und dann setzen einige noch eins drauf und verkünden, dass eine dritte Instanz auch noch mitredet: die Darmbakterien.
Bis zu drei Gehirnen? So etwas kann einen schon ins Grübeln bringen. Wer hätte nicht schon einmal gedacht, wie schwer es doch ist, alte Gewohnheiten abzulegen, und wer hätte nicht schon einmal geseufzt, wenn er in mit viel Willensstärke überwundene Unarten zurückfiel?
Ist das jetzt eine Entschuldigung für alle Konservativen und Retro-Utopisten, und für alle, die sich ändern wollten und es aufgegeben haben? Sollen wir uns ganz dem „Bauch“ überlassen, dem Darm und der Bakterien-Flora unsere Entscheidungen überlassen (oder unterschieben)? Im Abendland war man einmal stolz auf die fortschrittlichen Denker, z.B. auf einen Descartes, der den Satz prägte: „Ich denke, also bin ich.“ Sollen wir in Zukunft sagen: „Ich verdaue, also bin ich“?
Dann wird man womöglich im Abendland bald den lauten Rülpser höher schätzen als einen klugen Ausspruch. Na, dann Prost Mahlzeit! Dann können wir uns keine intelligenten Talkshows und Diskussionen mit einem gewissen geistigen Niveau mehr anhören, um „food for thought“ mitzunehmen und uns am Mitdenken zu erfreuen, sondern dann wird zumindest das bayrische Fernsehen nur noch Dauer-Livesendungen aus den Bierzelten des Oktoberfestes ausstrahlen, das von irgendeinem Vollhorst eröffnet wird mit den Worten „Ich rülpse, also bin ich“ — und dafür tosenden Applaus erntet.

Bin ich jetzt zynisch, gönne ich den Leuten ihr harmloses Vergnügen nicht? I wo, ich habe eher eine Portion Mitleid mit den Menschen, sie sind mir nicht unsympathisch. Und: Ich schließe mich selbst nicht aus, wenn ich auf Defekte des Homo Sapiens hinweise. Mehr noch: Ich ziehe nicht einfach nur her über Menschen, die in unserer Welt der Beschleunigung, des schnellen Wandels, der Informationsflut mental nicht Schritt halten und sich überfordert fühlen. Ich versuche sie zu verstehen — wie ich überhaupt meist versuche, jemanden oder einen Sachverhalt zu verstehen, ehe ich darüber urteile. Und schließlich bin ich selbst jemand, der noch im analogen Zeitalter aufgewachsen ist und sich nur zögerlich mit der digitalen Welt anfreunden kann. Andererseits bin ich gewohnt, in Zusammenhängen zu denken und Vieles zu hinterfragen. Und mich nicht nur für ein Schmalspur-Thema zu interessieren. Das verschafft mir einen weiteren Horizont. Doch manchmal beneide ich fast diejenigen Leute, die scheinbar unbelastet von Wissen und Grübeln ganz unmittelbar das Leben genießen. Als Rheinländer kann ich das mit Hilfe von Alkohol im Karneval ganz gut. Aber sonst?

Der Rheinländer Konrad Adenauer sagte einmal den weisen und zugleich pragmatischen Satz: „Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind. Andere haben wir nicht.“ Also muss man auch den Homo Sapiens nehmen, wie er mit gewissen Defekten ist, oder soll man besser sagen: wie er mit seinem Darm und seinen Bakterien ist. Und mit seiner Portion Selbstüberschätzung und Egozentrik. Und dass er am Gewohnten hängt, weil ihn Veränderungen manchmal ängstigen, oder schlicht überfordern.

W. R.

Nachtrag 15.05.17: Weil der Mensch am Gewohnten hängt, müsste er sich eigentlich viel mehr Sorgen um seine Umwelt machen, die Klimaveränderung müsste ihn ängstigen — doch leider scheint es ihn zu überfordern, die globalen Zusammenhänge wahrzunehmen und sein eigenes, kleines Umfeld gedanklich ins große Ganze einzuordnen. Es gibt auch zuviele Ablenkungen, die ihn am ruhigen, gründlichen Nachdenken hindern, und es gibt egoistische Profitinteressen, die langfristiges, vorausschauendes und nachhaltiges Planen und Handeln sabotieren und schnellen Gewinnen nachjagen. Und es gibt noch den unsäglichen Donald Trump.

Der Satz „Macht euch die Erde untertan“ in der Bibel wird so ausgelegt, dass Hinz und Kunz sich nach Belieben in der Natur austoben und sich an ihr bereichern dürfen. Selbst diejenigen Menschen, die die Bibel gar nicht kennen, finden oft nichts dabei, die Natur hemmungslos auszubeuten und dabei viel Dreck in der versauten Landschaft zu hinterlassen. Man muss erst sehen, dass Insekten immer weniger werden und kaum noch Bienen unsere Obstplantagen bestäuben, damit bei einigen Menschen eine Warnlampe aufleuchtet und sie aufwachen. Der Rest tanzt weiter auf dem Vulkan und meint, das werde schon gut gehen, das könne man ignorieren.

Peter Berthold schreibt vorn in sein Buch Unsere Vögel (2017): „Dieses Buch ist all denjenigen gewidmet, die sich nicht entmutigen lassen, von unserer wunderbaren Natur so viel wie möglich in die Zeit nach homo horribilis hinüberzuretten.“ Mit Homo horribilis (schrecklicher Mensch) meint er den Teil der Art homo sapiens, der wie oben gesagt, unsensibel, gedankenlos und egoistisch die Natur mit Füßen tritt. Und er hofft offensichtlich, dass es eine Zukunft geben wird, in der homo sapiens seinen Verstand gebraucht und den hohen Wert der ihn umgebenden Natur erkennt, um sie zu schonen und zu bewahren, ehe das meiste davon zerstört ist.

Schon Nietzsche schrieb im 19. Jahrhundert: „Für die Tiere ist die Welt eine Hölle, und die Menschen sind ihre Teufel.“ Mit „Teufel“ meinte er dasselbe wie Berthold mit homo horribilis.

Egal ob Sie sich nun als homo sapiens sehen oder überlegen, inwieweit Sie (zumindest aus der Sicht von Mitgeschöpfen) eher ein homo horribilis sind — Selbstüberschätzung ist der sicherste Weg in die (unbemerkte) Manipulation durch Andere. Wer glaubt, HerrIn seines/ihres Willens und seiner/ihrer Entscheidungen zu sein, sehe sich vor: Hochmut kommt vor dem Fall. Nicht nur Darm und Darmbakterien reden mit, es kommt vielleicht noch hinzu, dass Sie von außen manipuliert werden. Ja, Sie, Sie da am Smartphone, und am Computer! Kann nicht sein, denken Sie. Moment mal, vielleicht haben Sie noch nicht von Captology gehört, von den Methoden, Sie zu steuern, ohne dass Sie es bemerken: Sie sollen erst tun, dann denken — oder das Denken gleich unterlassen. Mehr dazu >Digitale Überredungstechnik lässt Menschen nach ihrer Pfeife tanzen – SPIEGEL ONLINE

March for Science

Am 22.04.2017 kann die Freie Universität Frechen nicht umhin, auf den March for Science hinzuweisen: Das Thema Wissenschaft statt gefühlte Wahrheiten hat ja in letzter Zeit an Aktualität zugenommen. Wer für Bildung und Aufklärung ist, kann daher nur zustimmen, wenn gerade Demokraten auf die Bedeutung gesicherter Fakten verweisen. Mehr >Science March Germany

Und es wurde dabei auch an Wissenschaftler appelliert, ihre Erkenntnisse nicht allein FachkollegInnen mitzuteilen, sondern sie mehr als bisher auch unters „Volk“ zu bringen, d.h. in verständlicher Form der Offentlichkeit zu kommunizieren.

Es gibt in Deutschland (anders als in den angelsächsischen Ländern) ja immer noch Vorbehalte dagegen, die hehre Wissenschaft allgemeinverständlich zu publizieren. Man bleibt lieber im Elfenbeinturm einer in sich kreisenden Wissenschaft, wie es z.B. die Philosophie an den Universitäten noch weitgehend ist. Wie sonst wäre zu erklären, dass es Kritik an einem Mann wie Richard David Precht gab, der Philosophie auf verständliche Sprache herunterbricht und sogar in phantastischer Weise in der Lage ist, lange, fundierte Vorträge frei, d.h. ohne Redepapier vor einem Saal-Publikum zu halten. Precht sitzt gelegentlich auch mal in einer Fernseh-Talkshow, und seine Redebeiträge sind so klar, verständlich und begründet, dass er oft mit wenigen Sätzen das Thema der Sendung schon umfassend behandelt, während andere Teilnehmer sich z.T. in Phrasen ergehen und/oder sich auf politisches Hickhack einlassen.

Das musste bei dieser Gelegenheit einmal gesagt werden. Precht bekam wegen seiner Verdienste, Wissenschaft in einem guten Sinne zu popularisieren, für eins seiner früheren Bücher bereits den Animus-Preis (siehe >F.U.F.-Bibliothek).

Ein Beispiel, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Praxis und produktives (im Gegensatz zu destruktivem) Verhalten umgesetzt werden können, findet sich hier: >Bildung für nachhaltige Entwicklung | Greenpeace

Es geht also! Man muss nur aus dem schluffigen Trott des Altgewohnten herauskommen und an den richtigen Stellen Mut zur Veränderung aufbringen.

W. R.

Übrigens: Im Juni findet wieder die phil.cologne statt. Mehr >Startseite | phil.cologne

„Drah di net um…“

Noch vor einigen Tagen dachte ich, Trump und Erdogan wetteiferten darum, wer von beiden das größte Rumpelstilzchen in der Politik sei. Doch seit gestern muss ich zugeben: Erdogan liegt eindeutig vorn mit seiner Drohung an alle Europäer, sie sollten sich in Acht nehmen, wenn sie raus auf die Straße gehen… Erdogan droht: “Kein Europäer wird mehr sicher sein”
Da kann man nur noch das Lied von Falco (leicht abgewandelt) singen: „Drah di net um, der Erdogan geht um…“ Wobei der hier nicht den Kommissar, sondern eher den Mafia-Boss gibt.*
Gar nicht lustig finden das mit Sicherheit alle, die in der Türkei mit Urlaubern aus Europa Geld verdienen. Erdogan zieht die türkische Wirtschaft damit weiter nach unten.

Mich beschleicht der Gedanke, dass wir diesem Möchtegern-Sultan eines Tages im Rückblick noch dankbar sein könnten, weil er das populistische „Starker-Mann“-Schema dermaßen übertreibt und ad absurdum führt, dass man es nur noch lächerlich finden kann.

Erdogans schon längst autokratisches Regieren hat zwar die Gefängnisse statt mit Kriminellen mit politischen Gefangenen gefüllt, aber den Terror hat er im Lande weder verhindert noch besiegt (Sogar der russische Botschafter wurde im Dezember 2016 auf offener Bühne ermordet). By the way: Wie nennt man eigentlich jemanden, der die Bevölkerung der ganzen EU bedroht? Dieser Mann ist doch wohl mit dem Ausdruck zu bezeichnen, mit dem er selbst so gern um sich wirft, um seine Kritiker zu kriminalisieren: Terrorist. Sorry, was denn sonst? —
Unser neuer Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am 22.3.2017 in seiner Antrittsrede im Bundestag klare Worte gesprochen. Gut so! Die ganze Rede zum Nachlesen >Steinmeiers Antrittsrede im Wortlaut – Politik – Süddeutsche.de

W. R. (ein Europäer)

* Das Original kann man hier hören >Falco – Der Kommissar – YouTube

Nachtrag vom 23.04.2017: In den Rumpelstilzchen-Wettbewerb hat sich nun auch Nordkoreas Gottkönig Kim Jong Un eingeschaltet. Er droht Australien mit dem Einsatz seiner Atomwaffen und zeigt sich als ein Vertreter des Diktatorentyps „Kraftmeier&Sprücheklopfer“. In der Sportart „Personenkult“ ist er seit langem Weltmeister. Aber trotz der schönen Satire-Vorlagen sollte man nicht vergessen, dass er nach dem Vorbild Stalins keine starken Figuren neben sich duldet; und er versteht keinen Spaß. Bei ihm gibt es z.B. auch einen Schießbefehl auf Menschen, die seinem Machtbereich entfliehen wollen.

Köln-Notizen März-2017

Während die diesjährige LitCologne zu Ende ging, legte Oberbürgermeisterin Henriette Reker feierlich am Eifelwall den Grundstein für den Neubau des Historischen Archivs der Stadt Köln. Als erstes Stadtoberhaupt hatte sie am 3.3. auch an der Gedenkfeier für den Archiveinsturz und seine drei Opfer teilgenommen und dort gesprochen. Kurz zuvor hatte der Stadtrat die Schenkung des Hinweisschildes (s. Foto links) angenommen, das Mischa Kuball für den Einsturzort entworfen hatte.
Auf der Gedenkfeier wurde auch das Stück „Kölner Klagegesang“ aufgeführt; mehr dazu >ArchivKomplex ist eine Webseite von Künstlern und Architekten zum Archiveinsturz in Köln   Auch der S.R. der FUF wohnte der Feier bei und machte ein paar Fotos.

Da man immer von zwei Todesopfern des Einsturz hörte, nämlich den beiden jungen Männern Khalil (24) und Kevin (17), dabei aber ein weiterer Mensch vergessen wurde, der indirekt auch Opfer des Einsturzes war, brachte der Kölner Stadt-Anzeiger am 3.3. einen ausführlichen Nachruf auf Josefine Borcilo (84): Sie verlor zunächst durch den Einsturz ihre Wohnung, wurde in einem Hotel untergebracht, verlor einige Tage später auch ihren Lebensmut und schied aus dem Leben, ohne die schon bereitstehende neue Wohnung zu beziehen. Mehr > Kölner Stadtarchiv: Nachruf auf Josefine Borcilo: Die wunde Seele vom Waidmarkt kam nicht zur Ruhe | Kölner Stadt-Anzeiger

Foto oben links: 2 der (lesenswerten!) Infotafeln zum Ereignis 2009 (Bild anklicken!) —– rechts: Die Anwesenden lauschen dem „Kölner Klagegesang“ während der Gedenkfeier am Einsturzort.

S. R.

Aktueller Nachtrag am 26.05.2017: Nach Berichten des Kölner Stadt-Anzeigers im Mai 2017 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage „wegen fahrlässiger Tötung und  Baugefährdung“ gegen mehrere Personen, die am Bau und an der Bauaufsicht beteiligt waren. Anscheinend führten unter Zeitdruck schlampig ausgeführte Arbeiten an Teilen der Schlitzwand in über 20m Tiefe sowie Vertuschung und mangelnde Kontrolle durch die Bauaufsicht zum Schlamm- und Gerölleinbruch, der dem Stadtarchiv den Untergrund entzog und zum Einsturz führte. Mehr und Genaueres >Archiveinsturz Köln: Vorwürfe an Baufirma und Kölner Verkehrsbetriebe wegen Baugefährdung | Kölner Stadt-Anzeiger

Geld, lange Yachten, und Bildung

Das Engagement vermögender Leute für Bildung und soziale Projekte lässt auf die Zukunft der Menschheit hoffen, die ansonsten düster aussähe… z.B. indem die zunehmend Superreichen, abgekoppelt vom Leben der weniger Betuchten und Armen, sich nach dem Privatjet noch eine weitere, diesmal 42m lange Yacht leisten, weil der Nachbar eine 38m lange am Anleger vertäut (und auch keine bessere Idee hat, wie er seine nicht benötigten zig Millionen ausgeben könnte). Aber lassen wir das schwere Leben der Superreichen beiseite und fragen uns, wie die öffentlichen Aufgaben der Daseinsvorsorge von meist verschuldeten Gemeinden, Städten, Ländern und dem Bund finanziert werden sollen, wo doch ständig Geld in Steueroasen abfließt und die o.g. weniger betuchten und armen Steuerzahler* nicht beliebig hoch belastet werden können.

Zur Daseinsvorsorge gehören das Gesundheitssystem, die Verkehrs-Infrastruktur, das Bildungswesen, die Trinkwasserversorgung, die Abwasserentsorgung und -klärung, und einiges mehr. Diese Dinge werden von Allen genutzt, aber nicht von Allen finanziert. (Wie das? Es gibt z.B. Firmen, die in Deutschland verdientes Geld nicht hier versteuern, aber gern die hier bereitstehende Infrastruktur nutzen.)

Es ist ja erklärtermaßen auch ein Anliegen der F.U.F., Bildung und das Interesse daran zu fördern und zu ermuntern. Darum wird auf fu-frechen.de Einiges an Information und Bildung  geboten — kostenlos. Umso erfreulicher, dass es Stiftungen wie den Kölner Gymnasial- und Stiftungsfond gibt, die dort unterstützend wirken, wo finanzielle und soziale Hindernisse jungen Leuten sonst keine Chance ließen, ihren Begabungen gemäß Schule und Studium zu absolvieren.**
Wir erinnern uns, dass wir regelmäßig in offiziellen Berichten lesen, wie sehr besonders in Deutschland Bildung und berufliche Karriere oft mit sozialer Herkunft zusammenhängen, also Menschen aus schwierigeren sozialen Verhältnissen oder „bildungsfernen Schichten“ gegen Benachteiligungen und Vorurteile anzukämpfen haben und deutlich seltener „höhere“ Bildung und beruflichen Aufstieg erreichen.
Wo es in Elternhäusern (warum auch immer) an Anregung fehlt, müssen vermehrt Anreiz und Förderung von außen dazu beitragen, dass Neugier und Wissensdurst junger Menschen nicht nur geweckt, sondern in anhaltende Lernmotivation gelenkt und gezielt gefüttert werden. Dazu ist offenbar das aktuelle deutsche Bildungssystem nicht flächendeckend in der Lage. (Und das war es schon nicht, bevor vermehrt Flüchtlinge ihren Fuß auf deutschen Boden setzten.)
Kurzum, es tut nicht nur den Geförderten gut, sondern auf lange Sicht auch dem ganzen Land, wenn sich eine gebildete Schicht nicht nur ständig selbst reproduziert, sondern wenn Talente aus allen Schichten der Gesellschaft gefördert und ausgebildet werden und anspruchsvolle Tätigkeiten mit der erforderlichen Qualifikation ausüben können.

Was wir unter „Bildung“ verstehen, sollte noch einmal klargestellt werden: Es geht nicht allein um Grundlagen- und Fachwissen, das bestimmte Institutionen der Wirtschaft von Schulabgängern und Hochschulabsolventen erwarten. Zur Bildung gehört auch Persönlichkeitsbildung, also auch nicht speziell berufs- und laufbahnbezogene Qualifikationen, die zur menschlichen Entwicklung und Reife beitragen und dem Blick in die Welt einen weiteren Horizont geben, als es eine schmalspurige Ausbildung ermöglicht.

Schließlich liegt es auch im Interesse des Staates, dass seine heranwachsenden BürgerInnen auch ein gewisses Maß an politischer Bildung mitbekommen, damit sie ihr Wahlrecht ausüben und sich ggf. sinnvoll politisch oder sozial engagieren können (späterer Ausbau dieser Bildung nicht ausgeschlossen).

Sinnvolles Engagement für die Gesellschaft/für die Allgemeinheit/für Alle ist sogar manchen der o.g. Superreichen Einiges wert: Sie spenden für soziale Organisationen, gründen selbst Stiftungen, oder finanzieren direkt Schulen in benachteiligten Regionen, oder ähnliche Projekte. Das sind die Menschen, die den höchsten Sinn des Lebens nicht im maßlosen Horten von Reichtümern sehen. Bei denen hat die früher erfahrene Persönlichkeitsbildung zu der Einsicht geführt, dass es befriedigender sein kann, in die glücklichen Augen einiger Menschen zu schauen, denen man helfen konnte, als dem uferlosen materiellen Egoismus zu frönen und eine kaum genutzte Hochseejacht am Kai dümpeln zu lassen.

W. R.

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* „Wieso arme Steuerzahler?“ denkt jetzt vielleicht manch Eine/r und meint, arme und arbeitslose Leute ohne Einkommen zahlten doch gar keine Steuern. Denkste! Gerade die Ärmsten werden z.B. durch die Mehrwertsteuer stark belastet, die ja bei jedem Einkauf, jeder Handwerkerrechnung usw. fällig ist. Die 19% MWSt zahlt in Deutschland auch der Ärmste, wobei für bestimmte Waren der ermäßigte Steuersatz von 7% gilt. Sie wird auf jedem Kassenbon und jeder Rechnung gesondert ausgewiesen. Wer wenig im Portemonnaie hat und scharf rechnen muss, ist davon proportional härter getroffen als jemand, der gar nicht auf’s Geld schauen muss und immer Plus auf dem Konto hat. Denn anders als etwa die Einkommensteuer kennt die MWSt als Verbrauchssteuer keine Progression. Übrigens ist die Steuer- und Abgabenbelastung nach neuesten Berechnungen in Deutschland vergleichsweise hoch, und das trifft am meisten die niedrigen und mittleren Einkommen, insbesondere Alleinstehende des Mittelstandes (Das nur zur vollständigen Information).

** Kölner Stadt-Anzeiger, 22.02.2017, Ausgabe Köln S. 28: C. Schminke, „Per Stiftung zum  Studium“

Der Chaot im Weißen Haus

Eigentlich steht hier im Blog über Donald Trump schon alles Wesentliche geschrieben. Einzig der aktuelle Blamage-Faktor von Trumps Tweets und verkündeten Maßnahmen ist noch steigerungsfähig. Peinlich? Ein zu schwaches Wort! Er zeigt den Ehrgeiz, als ultimativer Fake-Präsident in die Geschichte einzugehen: 1. Fake als politikunfähiger Präsidenten-Darsteller, und 2. Fake als König der erfundenen Nachrichten.
Was für ein Mensch Trump ist, war zumindest vielen Amerikanern in Kalifornien schon seit den 1980er Jahren bekannt. So knöpfte sich z.B. der berühmte Underground-Comiczeichner Robert Crumb in einer Geschichte den egomanen, machtbesessenen Immobilien-Mogul vor.* Aber bei denen, die ihn 2016 wählten, kam er mit seiner kurzatmigen Sprache (kurze, oft unvollständige Sätze, viele Wiederholungen) und seinen Ausfällen gegen Alles und Jeden gut an — so gut, dass er auch einen Monat nach Amtsantritt noch nicht aus dem Wahlkampfmodus herausgekommen ist und weiter Attacken und „alternative Fakten“ ausspuckt: Die Medien, die ihn kritisieren oder seine Äußerungen korrigieren, sind nicht nur seine Feinde, sondern „Feinde des amerikanischen Volkes“!

Ein Präsident, der wie in seinem Wahlkampf weiter auf Spaltung und Konfrontation setzt, der die Verfassung geringschätzt, wo sie seinem Ego im Wege steht — wo soll das noch hinführen?

Man fürchtet bereits, dass er vorhat, vier Jahre Dauerwahlkampf zu machen. Was soll er auch tun, wenn er nichts anderes kann? Schlimm, dass im Hintergrund der Finsterling Stephen Bannon die Strippen zieht: Dem ist es womöglich egal, ob am Ende alles in Scherben fällt…

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* Robert Crumb, „Point the Finger“, 1989, gefunden im Sammelband Robert Crumb’s America. SF/CA 1995, S. 83-88.  C. über T.: „singlehandedly making the world an uglier place to live in is one of Trump’s lesser crimes against humanity.“ (S. 84)

Zurück aus der Winterpause

57Was bisher geschah: http://www.zeit.de/video/2017-01/5300010962001/usa-sieben-tage-trump
Dazu die Analyse des SR: Trump pöbelt und verkauft sich als volksnah, hat aber keinen Plan und kann Politik nicht, Diplomatie schon gar nicht. Sein Unvermögen sucht er zu einer Stärke zu machen und als „Kampf gegen das Establishment“ auszugeben. Anscheinend kann er weder Politik noch präsidiales Verhalten, er kann aber Show und Pöbelei. Wider Erwarten Präsident geworden, reitet er erstmal sein Erfolgsrezept aus dem Wahlkampf weiter und hofft, dass ihm oder seinen Beratern schon noch was einfällt, wenn es eng wird. Einstweilen twittert und schockiert, droht und beleidigt er weiter, schwätzt über Folter… Kann er noch einen draufsetzen? Vielleicht die Ankündigung, die Sklaverei wieder einzuführen?

Trump blamiert die USA vor aller Welt: ein angeblich kaputtes Land, das auf seinen Retter Donald Trump gewartet hat. Haben die Amis das verdient? Mir tun sogar seine Wähler leid, die sich (noch?) mit markigen Worten zu ihm bekennen. Das andere Amerika, das Mutterland demokratischer Werte — vertreten z.B. durch Meryl Streep* oder Michelle Obama** — kann nur versuchen, auf Niveau und Distanz zu bleiben, um nicht mit Trump in einen (Nacht)topf geworfen zu werden…

„Good night and good luck!“ 

SR

P.S.: Wenn Ihr scharf darauf seid, Euch fortan ständig über den Obengenannten aufzuregen, dann seid Ihr hier falsch; denn der SR hat nicht vor, jeden Klops, Furz oder Aufreger, den Trump fast täglich ‚raushaut, zu kommentieren. Dafür ist der SR nicht zurück aus der Winterpause. Wieso das? Einen guten Grund nennt dieser Kommentar: Achterbahn mit dem US-Präsidenten: Dauerempörung spielt Donald Trump in die Karten – Politik – Tagesspiegel   Es gibt genug andere wichtige Themen, und, bitte, bleibt besonnen!***

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* Wer gut Englisch versteht, sehe und höre ihre Rede auf der Verleihung des Golden Globe 2017, zu finden auf ihrer Homepage: MSO: Meryl Streep Online .    Ebenso beachtenswert ist …

** Michelle Obamas Rede auf einer Wahlkampfveranstaltung Hillary Clintons im Oktober 2016: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-08/usa-wahlen-wahlkampf-american-short-stories   (man muss ein wenig scrollen, bis man den Beitrag mit dem Video im Artikel findet).

*** Nachtrag vom 06.02.2017: Wer sich mit einer eher sachlichen Diskussion über den Prollo im Weißen Haus beschäftigen möchte, sei verwiesen auf >„Anne Will“ zu Donald Trump: „Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit“ – SPIEGEL ONLINE Wer den Nerv dafür hat, kann auch dort besserwisserische Wutkommentare aus der antidemokratischen Ecke finden. Aus psychologischer Sicht vielleicht interessant, aber muss man nicht lesen (Warum — siehe >Startseite, Fußnote zu Kommentaren im Netz).

13g+

Zum Neuen Jahr 2017

80aJahresrückblicke 2016 gab es ja schon seit Anfang Dezember in verschiedenen Medien, anscheinend wollte da jeder der erste sein — so wie der Handel teils schon im September die Schokoladen-Nikoläuse und -Weihnachtsmänner anbietet. Mir persönlich gefiel der Rückblick von Dieter Nuhr ganz gut — obwohl auch er auf den billigen Gag mit dem nuschelnden Til Schweiger nicht verzichtete. Urban Priol verweilte etwas länger darauf und zog auch noch Veronika Ferres durch den Kakao, wofür mir allerdings kein Anlass erkennbar wurde.

Ist es vielleicht so, dass manche Kabarettisten glauben, auf ein paar platte Kalauer nicht verzichten zu können, damit im Fernseh-Publikum auch die geistig weniger Aktiven was zu lachen haben? Dann bieten sich als sichere Bank eben die geläufigen Bashing-Objekte an. Wenn über Trumps Frisur schon eine Menge Witze gemacht wurden, dann bitte wenigstens etwas origineller, z.B. wenn Nuhr von einem „auf dem Kopf implantierten Eichhörnchen“ spricht.

Apropos geistige Aktivität: Gern wird die Ferres in einem Atemzug mit ihrem Ehemann Carsten Maschmeyer an den Pranger gestellt. Ich habe zwar nicht verfolgt, was genau ihm derzeit juristisch vorgeworfen wird, bin aber soweit informiert, dass er wie viele Andere eine Gesetzeslücke genutzt hat oder haben soll, die über trickreiche Umwege dazu führte, dass der deutsche Staat ihnen Steuer-Rückerstattungen doppelt auszahlte (sogen. „Cum-Ex-Geschäfte“).

Moralisch sehe ich das in derselben Kategorie wie Hauptwohnsitz-Verlegung in ausländische Steueroasen: zwar legal, aber… Wer moralisch wertet, fragt auch: Warum hat Schäubles Finanzministerium diese Lücke, die jahrelang bekannt war, nicht umgehend gestopft? Warum wurde weiterhin jahrelang sehenden Auges Geld anderer Steuerzahler zum Fenster hinaus geworfen?

Und da komme ich zur Frage der geistigen Aktivität: Laut Bericht eines TV-Magazins war diese Materie so kompliziert, dass es selbst im Ministerium an Sachverstand fehlte, um Durchblick zu bekommen und Abhilfe zu schaffen. Der Sachverstand scheint aber bei Finanzfachleuten in der Wirtschaft vorhanden gewesen zu sein, als sie ihren Kunden die Lücke nutzbar machten. Warum nicht im Ministerium? Man könnte sarkastisch anmerken: Da hatten wohl die externen Fachleute wieder an einem Gesetzesentwurf mitgeschrieben und auf kurzem Dienstweg erfolgreich Lobbyarbeit betrieben. Ihr Text, den im Ministerium keiner richtig verstand, wurde dann Gesetzesvorlage und vom (ebenso wenig durchblickenden) Parlament abgesegnet.

[Zwischenfrage: Kann es sein, dass unsere besten Leute eher in gut bezahlte Positionen in der Wirtschaft einrücken, statt weniger gut bezahlte politische Ämter und Funktionen zu übernehmen?]

Wer will da die Schuld einseitig verteilen? Natürlich ist so etwas dem breiteren Publikum nicht zu vermitteln. Das schreit ja heute ohnehin immer lauter nach einfachen Lösungen, gern auch „postfaktischen“: Verschont uns mit komplizierten Sachverhalten — wir wollen Schwarz oder Weiß, Schuldig oder Unschuldig hören, und zwar schnell! Schäuble kann also schmunzeln, wenn Comedians und Satiriker auf Maschmeyer und Andere draufhauen und von anderen Mitwirkenden ablenken. Deshalb meine Bedenken: Oft artet selbst satirische Unterhaltung in den Medien in Ablenkung von wirklichen Problemen aus.

Wir haben aber schon mehr als genug Ablenkung durch Informationsüberflutung und Zerstreuung, unsere Aufmerksamkeit wird ständig auf etwas Neues oder Anderes gezogen, sodass kaum jemand mehr Pause macht und die Dinge ordnet, einordnet und überdenkt. Statt wohldurchdachte Fragen zu entwickeln und Zusammenhänge zu verstehen (ach, wie mühsam!), fallen die Leute lieber auf allerlei gut klingende „Informationen“ und sensationelle Verschwörungstheorien herein. Am liebsten konsumieren sie zur Nachricht gleich die vorgegebene Meinung und deftige Emotionen mit (nach bekanntem VorBILD).

Entschleunigung im Bereich Information und Medien täte oft gut, statt immer der nächsten Sau nachzurennen, die gerade wieder durch’s Dorf getrieben wird…  als ginge es nur darum, kein Spektakel zu verpassen. Überspitzt formuliert: Die wollen uns nicht mehr informieren, die wollen nur noch Quote und Werbeeinnahmen steigern — im TV wie im Internet. Ich möchte nicht wissen, wieviele interessante Meldungen im Mediengeschäft untergehen, weil sie nicht unterhaltsam genug sind bzw. weil nicht die richtigen Bilder dazu gezeigt werden können (obwohl schon viele Leute Handy-Videos von schlimmen Unfällen etc. an die Medien liefern).**

Also: Was diese Website fu-frechen.de anzuregen versucht, wird hoffentlich aus den obigen Ausführungen deutlich. Ansonsten schaue man ins Impressum sowie in die Startseite, oder in die Unterseite Clio oder andere.

In diesem Sinne: Ein gutes, ein an Fakten und klugen Einsichten interessiertes und orientiertes Neues Jahr 2017 allen BesucherInnen dieser Website!***

S. R.

* mehr dazu >Finanzrichter zum Dividendenstripping: Drohen Steuernachzahlungen im großen Stil?

** Wohltuend hebt sich davon Vieles ab, was man sich z.B. im Radio auf WDR 5 anhören kann — vorausgesetzt, man gehört zu den Menschen, die noch mit Konzentration und Geduld längeren Wortbeiträgen folgen wollen und können und zu Vielem mehr als nur eine Kurzmeldung wissen wollen. Schade, dass ein Sendekanal, der oft ausführlicher als jede Nachrichtensendung Hintergründe und Zusammenhänge beleuchtet, de facto ein Minderheitenprogramm sendet. Es soll ja auch eine Menge Leute geben, die nicht in der Lage sind, den Sinn längerer Sätze oder eines längeren Textes zu erfassen. Von denen gehen aber auch viele wählen: eine leichte Beute für Stimmvieh-Fänger (ja, die mit den einfachen Weltbildern und einfachen Lösungen für Probleme, die in ihrer Komplexität von Vielen nicht einmal ansatzweise begriffen werden).

*** Für Leute mit Sinn für Satire hier noch ein Schmankerl mit postfaktischen Lifestyle-Tipps zum Neuen Jahr: >Nullinger – Videos | Facebook   Wohlgemerkt: Man muss sich dazu nicht bei Facebook anmelden, ein Klick auf „Jetzt nicht“ genügt, und man kann das Video trotzdem anschauen. Der SR setzt diesen Link als Belohnung für die, die bis hierher dem obigen, langen Text gefolgt sind. Für Freundinnen und Freunde der Satire hier noch ein weiterer Link (übrigens für Alle gut tanzbar): >Bob Geldof – The Great Song of Indifference (with Lyrics) – YouTube  Den Text findet Ihr auch im „Liederbuch der FUF“, S. 172. Also: Heiter geht’s weiter (in die Blog-Winterpause 02. bis 28.01.). —

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