Archiv der Kategorie: Mittelalter-Magazin

Hier sind Beiträge versammelt, die das Mittelalter betreffen

Zum Beispiel: der hl. Martin

052faIn den Köln-Notizen #9 ging es u.a. um den heutigen Blick auf St. Martin und das Verständnis der moralischen Werte, für die diese Figur steht. Diese Figur ist ein Heiliger der katholischen Kirche, außerdem eine historische Persönlichkeit, die im 4. Jahrhundert lebte, in einer Zeit, in der das Christentum im Römischen Reich nicht mehr von Staats wegen verfolgt, sondern anderen Religionen  durch das Toleranzedikt Kaiser Konstantins aus dem Jahre 313 endlich gleichgestellt, und bald darauf sogar vom Staat gefördert wurde.

Streng historisch genommen lebte Martin also in der Spätantike, aber im Übergang zum Mittelalter wurde er zum Nationalheiligen des fränkischen Reiches und auch in den folgenden Jahrhunderten hoch geachtet. Dabei wurden jedoch manche Aspekte seiner Persönlichkeit ignoriert, weil sie nicht ins kirchenpolitische Konzept passten.

Martin hatte seinen eigenen Kopf und war alles Andere als ein stromlinienförmiger Mitläufer. In der berühmten Mantelteilung hängte er sein Mäntelchen gerade nicht nach dem Wind, sondern half einem frierenden Armen, ohne sich um Vorschriften zu kümmern, die ihm das untersagt hätten: Als römischem Armeeangehörigen war es ihm nicht erlaubt, Heereseigentum zu beschädigen oder zu verschenken (Das ist auch heute noch Teil der militärischen Vorschriften). Doch er zerschnitt seinen Mantel und gab dem Frierenden einen Teil, auf dass er sich vor dem kalten Wind schütze.

Die Mantelteilung ist die symbolische Handlung schlechthin, die sich mit dem Namen des heiligen Martin von Tours verbindet. Doch war das nicht die einzige Gelegenheit, bei der Martin sich als Mensch zeigte, der Menschlichkeit und Gewissen über Vorschriften, Regeln oder die Mehrheitsmeinung stellte.

Martin war wenig begeistert vom Trend der christlichen Kirche, von Konstantin und den Nachfolgern nicht nur Wohltaten anzunehmen, sondern sich dem Kaiser und dem Staat sozusagen an den Hals zu werfen und dadurch nicht nur Vorteile zu erlangen, sondern auch eine engere Verbindung mit dem römischen Staat einzugehen und Abhängigkeiten in Kauf zu nehmen.

Man kann sich vorstellen, dass die Kirche, nach der bekannten historischen Entwicklung zur Staatsreligion im Römischen Reich sowie zur engen Zusammenarbeit mit anderen Machthabern wie dem Frankenkönig Chlodwig und den Regierungen bis heute, die Vorbehalte des Martin gegen die Verquickung von Kirche und Staat nicht gern thematisierte.

Und eine weitere Stellungnahme Martins zu einer anderen Entwicklung passte dem Mainstream ebenso wenig: Als der spanische Bischof Priscillian wegen abweichender theologischer Meinungen als Ketzer zum Tode verurteilt wurde, protestierte Martin gegen diesen Beschluss. Martin teilte die Ansichten des Priscillian nicht, wehrte sich aber gegen die neue Praxis, solche Abweichler zum Tode zu verurteilen.

Leider hatte Martins Protest keinen Erfolg, vielmehr wurde es im Mittelalter gängige Praxis, als Ketzer Verurteilte öffentlich zu verbrennen. Die Kirche bzw. ein Inquisitionstribunal verurteilte (streng korrekt) nach festgelegten Kriterien den „Ketzer“, übergab ihn dann zur Vollstreckung des Urteils der weltlichen Gerichtsbarkeit, weil die Kirche „kein Blut an den Händen“ haben wollte. Und dann wurde der Scheiterhaufen angezündet. Ähnlich verfuhr man mit „Hexen“ oder „Hexern“.

Gegen den Hexenwahn und die unmenschliche Praxis der Prozesse, die in der frühen Neuzeit meist unweigerlich zum Todesurteil führten, wandte sich Friedrich Spee von Langenfeld, auch ein Mann der Kirche, in einem Buch mit dem Titel „Cautio Criminalis“ (1631). Daran sieht man: Wer pauschal „die Kirche“ für Ketzer- und Hexenverfolgung sowie andere Grausamkeiten verantwortlich macht, der übersieht, dass Viele in der Kirche moralisch sensibel waren und ihr Gewissen befragten, wodurch sie nicht nur zu kritischen Gedanken geführt wurden, sondern sich auch zu offener Kritik gedrängt fühlten.

Offene Kritik war riskant, man gefährdete nicht nur seine Karriere, man wurde oft auch verdächtigt, mit Ketzern oder Hexen zu sympathisieren. So läuft das immer in autokratischen bzw. autoritär geführten Systemen. Von da führt eine gedankliche Linie bis zu dem Katholiken Hans Küng, der als Theologe seine Kirche kritisierte und damit seine kirchliche Lehrerlaubnis riskierte. Küngs Kritik zielt vor allem auf die absolutistische Macht des Papstes über die Kirche, er favorisiert ein System erweiterter Mitsprache der Gläubigen, z.B. auch mit mehr Macht für die Konzilien, wie es sie in der Geschichte früher teilweise gab.

Kurzum: Es gibt (nicht nur in der katholischen Kirche) durchaus Menschen, die mit einem durch ihre Religion geschärften Gewissen offen ihre Meinung kundtun und sich nicht vor vorgesetzten Autoritäten wegducken. Dafür gab schon Martin von Tours ein Beispiel, das aus erklärbaren Gründen (s.o.) auf seine Mitleidstat gegenüber einem armen Frierenden reduziert wurde.

Man kann sagen: Zumindest in der heutigen Zeit, in der wir demokratische Werte hochhalten und oft von Menschenrechten reden, reicht es nicht mehr, sich stur gegen den „Zeitgeist“ zu stemmen und an Werten aus Kaisers Zeiten festzuhalten. Da müssen Christen mehr bieten als Lippenbekenntnisse, um glaubwürdig zu sein. Sturer Doktrinismus und Fundamentalismus sind keine Qualitätsmerkmale für eine Religion, die für sich beansprucht, die Menschen und ihre Nöte wirklich ernst zu nehmen. –

Quelle zu St.Martin u.a.: Martin Happ, „Die Martinslegende als ein religionsgeographisches Problem“, überarb. Fass. aus: M. Büttner (Hrsg.), Beiträge zum Geographentag in Bonn 1997, Fft./M. 1998, S. 59-88

-SR-

13g+

Mittelalter-Magazin: Kölns Raumproblem

052faDie Stadt Köln hat, wie schon in den Köln-Notizen #3 angesprochen, ein Raumproblem. Vielleicht steckt dahinter aber auch ein aus der Geschichte herrührender Komplex: Köln hatte im Mittelalter und in der Neuzeit kein Territorium außerhalb seiner Mauern, anders als etwa die Freie Reichsstadt Nürnberg.

Wenn im Buch DIE BEATUS-CHRONIK von Köln und Frechen die Rede ist und der Kölner Macht- und Einflussbereich im Mittelalter angesprochen wird, wenn Kölns Bannmeile und auch der Burgbann in einer Karte zu sehen sind (S. 163), dann verschwimmt den meisten LeserInnen das Bild von den tatsächlichen Grenzen Kölner Machtbefugnisse außerhalb seinen Mauern. Aber der Autor wollte die LeserInnen nicht mit dieser schwierigen Materie belasten, zumal ihre differenzierte Betrachtung nicht notwendig zum Kernthema jenes Buches gehört.

Um das für Interessierte aber doch einmal abzuklären, halten wir zunächst fest: Köln war, wie gesagt, eine Stadt ohne eigenes externes Territorium. Köln war umgeben von fremdem Territorium, das zum großen Teil zum Erzstift alias Kurköln gehörte (siehe Karte unten). Und dort regierte als weltlicher Fürst der Erzbischof von Köln, der auf die Stadt Köln nicht gut zu sprechen war. Grund für das seit dem Hochmittelalter meist schlechte Verhältnis waren die Querelen und Konflikte um Kompetenzen in Fragen der Rechtsprechung, der Besteuerung oder der Zölle. Es ging um die Macht, die der formale Herr der Stadt real über Köln ausüben wollte, die ihm aber die Stadtregierung zunehmend streitig machte.

In einem mehrere Jahrhunderte auf und ab schwankenden Maß hatten die Kölner dem Erzbischof das eine oder andere Recht (Privileg) abgerungen, abgeschwatzt oder als Dank für treue Dienste erhalten, so das für die Handelsstadt enorm wichtige Stapelrecht (1259). Allmählich hatte sich die Stadt ein Stück weit aus der Herrschaft und Bevormundung des Erzbischofs gelöst. Auch andere Städte versuchten im Mittelalter, sich vom Stadtherrn zu emanzipieren und politisch von ihm unabhängig zu werden. Das gelang einigen auch, sie wurden reichsunmittelbar; das bedeutete, dass sie nur den Kaiser bzw. König als Herren anerkannten.

Als der Kölner Erzbischof wieder einmal verärgert über die Kölner war, strafte er die Stadt mit neuen Zöllen, die in Zollburgen am Rhein und anderswo erhoben wurden. Er brauchte ohnehin Geld, während die Kölner auf Handel angewiesen waren, den sie aber nicht durch neue Zölle verteuert sehen wollten. Mit der Aussicht auf Zerstörung von Zollburgen waren die Kölner von den Feinden des Erzbischofs gelockt worden, ihm vor der Schlacht von Worringen (1288, mehr >Mittelalter Magazin, ~) in den Rücken zu fallen und zur Gegenseite überzulaufen.

Danach war das Verhältnis verständlicherweise nicht verbessert. Es kam zwar zu keinen großen militärischen Konfrontationen mehr, aber der Erzbischof sah sich weiter als rechtmäßigen Herrn der Stadt, und die Kölner versuchten ohne Erfolg, ihren eng begrenzten Machtbereich vor der mittelalterlichen Stadtmauer zu erweitern. Jedesmal, wenn sie Fakten schaffen wollten, schickte der Erzbischof Soldaten, z.B. als sie im Gelände vor den Toren ein Schützenfest abhielten: Die Soldaten ritten heran und lösten die Veranstaltung auf. Der Erzbischof achtete genau darauf, dass die Kölner nicht auf sein Territorium übergriffen (Becker, S. 78f.).

Wie die Karte hier eher ungenau zeigt, hatte Köln im Mittelalter und danach bis Ende des 18. Jahrhunderts zwei verschiedene Bezirke um sich her: 1. den Burgbann, einen Rechtsbezirk, der ein Stück weit vor den 13+aMauern endete, 2. die Bannmeile, die im Halbkreis um Köln mit etwa 5 km Abstand von der Mauer verlief und im Westen bis in Frechener Gebiet (Herrlichkeit Frechen) reichte.

Wie man bei Becker* ausführlich nachlesen kann, hatte der Rat der Stadt Köln aber in diesen Bereichen vor seinen Toren keine rechtlichen Befugnisse und keine politische Macht. Köln versuchte zwar immer wieder, seine Kompetenzen über das unmittelbare Vorfeld seiner Mauern hinaus auszuweiten, der Erzbischof wachte aber mit Argusaugen über die Einhaltung der Grenzen (s.o.). Dasselbe gilt für den Rhein, an dessen Ufer Köln stieß, während das gegenüberliegende Ufer mit Deutz Territorium des Erzstiftes war. Köln konnte seinen Anspruch auf den Fluss, oder wenigstens die Flussmitte als Grenze, nicht durchsetzen.

Man kann Kölns Interesse ebenso verstehen wie das des Erzbischofs: Letzterer hatte ein am Rhein langgestrecktes und gerade auf der Höhe Kölns ziemlich schmales Territorium, durch Jülichs Vogtei über die Herrlichkeit Frechen von Westen eingeschnürt (vgl. Karte oben). Da wollte er keinen Fußbreit der Stadt Köln überlassen. Er sah sich ohnehin bis zuletzt, bis zur Annexion des Linksrheinischen durch Frankreich (1802), als rechtmäßigen Oberherrn der Stadt Köln, und hatte trotz der verlorenen Schlacht bei Worringen diesen Anspruch nie aufgegeben. Köln war zwar offiziell Freie Reichsstadt geworden (vom Kaiser bestätigt 1475), hatte aber dennoch nicht die volle Souveränität, da vor allem die Burgvogtei über Köln, verbunden mit dem Hochgericht, seit 1279 wieder in der Hand des Erzbischofs war.

Auch die Gerichtshoheit in der Bannmeile ließ sich nicht durchsetzen, sie lag in den Händen Kurkölns, bzw. im Süden das Gericht Rodenkirchen in Händen Bergs, wie auch im Norden die Herrschaft Riehl, im Südwesten stand Efferen und im Westen Frechen unter der Gerichtshoheit Jülichs. Und diese starken Nachbarn ließen keine Eingriffe in ihre Rechte zu. Köln war und blieb auf sein Stadtgebiet beschränkt. Es gab auch keine kleineren Gebiete im näheren Umkreis, die Köln als territorialen Zuwachs hätte erwerben können.

Erst im 19. Jahrhundert, unter ganz anderen Voraussetzungen und ohne territoriale Umklammerung durch den Gegner Kurköln, konnte Köln sein Stadtgebiet ausdehnen und erste Dörfer im Umkreis eingemeinden. Aber da war das Mittelalter längst Geschichte, ebenso das Heilige Römische Reich mit seiner Kleinstaaterei, mit den geistlichen Fürstentümern wie Kurköln, und mit den Freien Reichsstädten. Köln war nun eine Großstadt in Preußen, und die Industrialisierung ließ seine Bevölkerung stark anwachsen. Köln machte seine mittelalterliche Stadtmauer weitgehend platt und wuchs darüber hinaus – in mehreren Schritten während des 20. Jahrhunderts bis zu einer Ausdehnung, von der man bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht einmal träumen konnte.

Derzeit liegt Kölns Stadtgebiet in den Grenzen von 1975/76, das scheint aber auf lange Sicht nicht das Ende Kölner Begehrlichkeit zu sein (vgl. W. Reinert, DIE BEATUS-CHRONIK, S. 115 u. 164). –

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* Wer sich damit ausführlicher beschäftigen will, sei auf dieses fundierte Buch verwiesen: Hans-Michael Becker, „Köln contra Köln: Von den wechselvollen Beziehungen der Stadt zu ihren Erzbischöfen und Kurfürsten.“ Köln: J.P.Bachem Verlag, 1992.

W. R.

13g+

Mittelalter: Vorsicht vor Missverständnissen

052faAn der Schwelle zum Mittelalter: Vorsicht vor Missverständnissen!

Wer sich mit Geschichte in der Epoche des Mittelalters beschäftigt, stößt mehr oder weniger schnell auf Dinge und Begriffe, die sich mit den uns heute geläufigen Vorstellungen kaum oder gar nicht in Einklang bringen lassen. Dazu gehören nicht nur mentale Bereiche wie Religion und Aberglaube, dazu gehören vor allem Rechtsverhältnisse* und gesellschaftliche Gliederungen und Regeln. Hinzu kommen politische Ordnungen, die nicht nur Hierarchien betreffen, sondern auch territoriale Zuordnungen – und damit nicht genug, auch Begriffe, die wir erst einmal gar nicht verstehen, wie Burgbann, Königsbann oder Bannmeile.

Blickt man in den historischen Atlas des mittelalterlichen Europa, sieht man Grenzlinien und verschieden gefärbte Gebiete und meint zunächst, diese Markierungen entsprächen heutigen Grenzen in politischen Landkarten. Doch da lauert schon das erste Missverständnis: Flächenstaaten und kompakte Herrschaftsgebiete sind dem Mittelalter weitgehend unbekannt, vielmehr sind „Staaten“ damals Personalverbände mit Gefolgschafts- und Abhängigkeitsverhältnissen, also noch keine Staaten im modernen Sinne, die von der Grundidee des Staatsvolkes in einem Staatsgebiet ausgehen und im Idealfall** einen Nationalstaat bilden. Diese Vorstellung verbreitete sich aber erst im 19. Jahrhundert in Europa, vorher dominierten die aus dem Mittelalter überkommenen feudalen Abhängigkeitsverhältnisse.

Wer sich auf der Landkarte des Mittelalters ein Dorf herauspickt und meint, dieses stünde ganz unter der Herrschaft eines Feudalherren, der wiederum einem Fürsten oder König verpfichtet sei, kann auch hier völlig danebenliegen: Oft haben Menschen oder Besitztümer, die im selben Dorf existieren, ganz unterschiedliche Herren und Verpflichtungen. Im Extremfall kann sogar jeder Hof im Dorf einem anderen Herrn abgabepflichtig und zusätzlich noch mit besonderen Pflichten oder Rechten ausgestattet sein.

Ausgehend von der Grundherrschaft, konnte ein Hof dem König (Krondomäne), einem adligen Herren, einem Kloster oder auch einem Domstift gehören – eben allen, die Grundbesitz hatten. Komplizierter noch wird es, wenn z.B. Abgaben eines Besitzes Teil einer kirchlichen Pfründe waren, mit denen ein Pfarrer, Domherr, Bischof etc. versorgt wurde, während andere Pflichten und Rechte aber einem anderen Herren gehören, weil sie z.B. verpfändet wurden. Aus dieser Gemengelage kann sich im Laufe der Jahrhunderte ein Flickenteppich von Besitz- und Rechtsverhältnissen entwickelt haben, der ohne genaues Studium der einzelnen Verhältnisse nicht zu durchschauen ist.

Auch ein freier Besitz konnte durch Erbteilungen im Laufe der Zeit nicht nur zersplittern, sondern auch in unterschiedliche Abhängigkeiten geraten. Das Mittelalter umfasst tausend Jahre, und in dieser Zeit änderte sich Vieles. So versuchten gegen Ende des Mittelalters die Grundherren verstärkt, freibäuerlichen Besitz unter ihre Herrschaft zu bringen. In manchen Gebieten eigneten sie sich auch bisher gemeinschaftlich genutztes Land (Allmende) an, weil sie sich auf das um sich greifende römische Recht beriefen. Im Gegensatz zu germanischer Rechtstradition folgte dieses dem Grundsatz: Kein Land ohne Herren. Im Zweifel beanspruchte also der nächstgrößere adlige Feudalherr das Allmende-Land. Dies war in manchen Gegenden ein Auslöser für Bauernaufstände.

Was die Bildung von Territorien oder Herrschaftsgebieten angeht, so darf man, wie gesagt, auch da nicht mit heutigen Vorstellungen herangehen. Wenn man etwa die Entwicklung im Frankenreich im frühen Mittelalter ins Auge fasst, so stand am Anfang die Eroberung und Landnahme ehemals römischer Provinzen durch die fränkischen Stammesverbände, an deren Spitze der König als Heerführer stand.

Der Besitz an wertvollem, d.h. in erster Linie fruchtbarem Ackerland wurde bisherigen Besitzern der alten Führungsschicht weggenommen, der König verteilte es neu unter seine Gefolgsleute, wie auch sonstige Beute unter den Mitkämpfern verteilt wurde. Die besten Stücke behielt der König für sich. Er hortete nach Möglichkeit Land und Edelmetall, um daraus auch später Gefolgsleute für treue Dienste belohnen zu können.

Das große Frankenreich konnte vom König allein nicht effektiv regiert werden, er setzte Grafen ein, die für ihn Gebiete kontrollierten, indem sie vor allem die höhere Gerichtsbarkeit ausübten. Er selbst ritt möglichst viel umher, denn nur da, wo er präsent war, konnte er auch unmittelbar regieren. Dieses „Reisekönigtum“ stützte sich auf verstreut angelegte Königspfalzen, die als große Wirtschaftshöfe König und Gefolge eine Zeitlang versorgen konnten. Außerdem quartierte er sich auch bei vermögenden Adligen oder Bischöfen und bei reichen Abteien ein, die für die Versorgung und Unterhaltung der Gäste aufzukommen hatten.

Die Adligen, Bischöfe und Abteien erhielten Land als Lehen, die Kirchen und Abteien oft als Schenkungen, und daraus ergab sich in Summe das formale Herrschaftsgebiet des Königs, das Königreich. Doch konnte der König eben nicht „von oben“ beliebig in seine Gebiete hineinregieren: Die kirchlichen Besitztümer waren formal seinem Einfluss entzogen, und oft unterstellten sich Klöster direkt der Herrschaft des Papstes, ansonsten standen sie unter der Aufsicht eines Bischofs. Die Adligen trachteten schon bald danach, ihre Lehen in erblichen Besitz umzuwandeln, was ihnen auch immer häufiger gelang. Daher stützten sich die Könige des Mittelalters hauptsächlich auf das Kronland, den direkten Besitz des Königs.

Einen folgenschweren Einschnitt in dieser Entwicklung nahm Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen vor. Im Jahre 1220 trat er an die Erzbischöfe und Bischöfe eine Reihe seiner Herrschaftsrechte (Regalien) ab, um sich ihre Zustimmung zu seiner Politik zu sichern und sich mehr um seine Herrschaft in Italien kümmern zu können. Ähnlich bedachte er 1232 auch die Großen unter den weltlichen Herren des Reiches mit Privilegien. Die nutzten die Regalien sofort und ausgiebig, um ihre Herrschaft über die ihnen zu Gebote stehenden Gebiete auszubauen und zu sichern. Erst nachdem sie in diesen Gebieten weitgehend die Herrschaft übernommen hatten, kann man hier vorsichtig von ersten „Staaten“ sprechen, die zumindest weitgehend politisch unabhängig waren: Der König bzw. Kaiser hatte dort nicht mehr viel zu bestimmen.

Diese Entwicklung setzte sich in der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. (1356) fort. Im Zuge der Regelung der Kaiserwahl durch sieben Kurfürsten wurden nicht nur letztere in ihrer Macht gefestigt, sondern die Zustimmung anderer Fürsten durch Erhebung von Grafen zu Herzögen erkauft. So war der Erzbischof von Köln nun als einer der Kurfürsten festgeschrieben, während die benachbarten Grafen von Jülich und Berg zu Herzögen aufstiegen.

In Geschichtsatlanten schlägt sich das lediglich in den Bezeichnungen „Kurköln“ für das Erzstift (=weltliches Herzogtum des Erzbischofs von Köln) und „Herzogtum Jülich“ sowie „Herzogtum Berg“ nieder. Der politische Schacher um Macht und Einkünfte wird darin nicht sichtbar. Einkünfte brachte den Kurfürsten jede Kaiserwahl, da Bestechung der Wahlberechtigten durch die Kandidaten üblich war. Das setzte sich weit über das Ende des Mittelalters hinaus fort.

Im Mittelalter wurde also schrittweise die Grundlage der „Kleinstaaterei“ in Deutschland gelegt, die im 19. Jahrhundert die Bildung eines deutschen Nationalstaates behinderte. Doch enthalten wir uns hier besser einer Bewertung: Auch die Idee des Nationalstaates ist in die Jahre gekommen und wird im heutigen Europa nicht mehr durchweg als Nonplusultra der historischen Entwicklung gesehen. Will sagen: Das heutige Europa handelt politisch als EU oft nicht harmonisch vereint, vielmehr sperrt sich oft nationaler Eigensinn gegen z.B. eine gemeinsame Außenpolitik.

Das Mittelalter hat aber selbst für das heutige Europa noch eine Bedeutung, die man leicht übersieht: Die Verfechter der europäischen Idee, d.h. des Zusammenwachsens zu einem vereinten oder wenigstens eng zusammenrückenden Europa, berufen sich auf die Vorstellung, dass Europa kulturell eine Einheit bildet, dass (wie vor allem bayrische Politiker gern hervorheben) im Mittelalter ein christliches Abendland entstand, das die Wurzeln eines (kulturellen) Gesamt-Europas ausmacht.

Manche loben Karl den Großen als quasi ersten Europäer hoch, weil sein Frankenreich eine übernational-europäische Idee vorgeprägt habe. Wenn man deshalb in Aachen den Karlspreis an gute Europäer verleiht, habe ich persönlich als Historiker leichte Bauchschmerzen: Hat jener Karl denn wirklich im Sinne von Völkerverständigung und einem friedlich zusammenwachsenden Europa ein Vorbild abgegeben? Daran hätten damals, im 9. Jahrhundert, nicht nur die Sachsen erhebliche Zweifel angemeldet.

Wer Karls Frankenreich im Geschichtsatlas anschaut, der gewinnt leicht einen falschen Eindruck. Die weit gespannten äußeren Grenzen umfassen keineswegs ein wohlorganisiertes, vor allem kein einfach zu regierendes Reich (s.o.). Außerdem drohte auch immer der Abfall von Gebieten, deren Herrscher sich zwar unterworfen, aber später dann doch lieber ohne Karl als Oberherrn regiert hätten. Das traf nicht nur auf Sachsen zu.

Dieses Reich war eben nicht vergleichbar mit dem Römischen Reich, das als Vielvölkerstaat und großer Wirtschaftsraum mit gut gepflegten Verkehrswegen und einheitlicher Währung doch eher als Vorbild Europas taugen könnte – aber eben auch zusammenerobert war und ohne neue Eroberungen fast zwangsläufig in strukturelle Krisen geriet.

Nun, wie auch immer, Geschichte wiederholt sich nicht, und historische Vergleiche hinken schon deshalb. Im Mittelalter jedenfalls wurde der Begriff „Europa“ so gut wie gar nicht verwendet, eher spielte die Idee des christlichen Kaiserreiches eine Rolle, des „Heiligen Römischen Reichs“ in Nachfolge des weströmischen Kaiserreichs. Dessen Grenzen waren noch weniger europa-umgreifend als die des o.a. Karls-Reiches, und hier gilt auch: Was im Geschichtsatlas zum Reich gehört, ist nicht immer fester Bestandteil.

Kurzum: Wer Vorbilder oder Vergleiche aus der Mittelalter-Kiste hervorholt, sollte sich gut informieren und die zahlreichen Schwellen beachten, die wir überwinden müssen, ehe wir die Verhältnisse jener Zeit richtig verstehen können. Das aber ist nicht einfach, wir sind auf die Arbeit von Spezialisten angewiesen, die uns das möglichst nachvollziehbar erklären. Dagegen mag ein Besuch auf einem Mittelalter-Markt unterhaltsam sein, er erklärt uns aber bestenfalls – und anschaulich – ein paar Dinge aus der praktischen Lebenswelt der damals lebenden Menschen.

Der Mittelalter-Markt ist aber in erster Linie eine kommerzielle Veranstaltung, die eher an die Vorstellungen des Publikums anknüpft, als ihm bis dahin fremde Welten realitätsnah zu zeigen. Damit die Besucher nicht weggbleiben, muss man Kompromisse machen, z.B. sprachliche: Die altertümlich klingenden Wendungen, die Akteure in mittelalterlicher „Gewandung“  in der Ansprache des Publikums benutzen, sind eine Kunstsprache mit Elementen aus höfischen Floskeln des 18. Jahrhunderts. Das klingt dem Publikum aus irgendwelchen Romanen oder Hollywood-Filmen noch halbwegs vertraut. Man kann ihm aber keine „Originalsprache“ des Mittelalters zumuten – soweit man sie nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis korrekt aussprechen könnte – und z.B. eine Variante des Mittel-hochdeutschen verwenden. Das würde wie eine Fremdsprache wirken.

Ähnliches gilt für die Betrachtung der Bildwelten des Mittelalters, wo es eine uns weitgehend fremd gewordenen Symbolsprache zu entschlüsseln gilt. Noch am Ausgang des Mittelalters, als in  Italien längst die Renaissance Einzug gehalten hat, entstehen in Deutschland Kunstwerke (z.B. von Cranach oder Dürer), die man ohne besondere Kenntnis der mittelalterlichen Symbolik (und selbstredend der Bibel) nicht deuten kann.

Diese Warnung vor Missverständnissen soll niemanden abschrecken, sich mit dem Mittelalter zu beschäftigen, im Gegenteil; aber man darf keine vorschnellen Vergleiche mit der heutigen Lebenswelt ziehen, man muss vielmehr beachten: Vieles hat sich äußerlich wie inhaltlich stark verändert. Am wenigsten trifft dies auf die Natur des Menschen zu, denn die Evolution verändert ihn vielleicht ein wenig in Zehntausenden von Jahren, wenn überhaupt, während die von ihm entwickelte technische Zivilisation der Evolution immer schneller davoneilt. –

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* Wer sich einen Begriff von der Unübersichtlichkeit der Rechtsverhältnisse im Mittetalter machen will, lese Dietmars zusammenfassende Darstellung am Beispiel Köln: „Das Kölner Gerichtswesen im Mittelalter“, in: Carl Dietmar, Das mittelalterliche Köln. Köln: J.P.Bachem Verlag, 2004, S. 35-39.

** „Idealfall“ ist hier nicht als Wertung zu verstehen: Wie es den Menschen in einem Staat geht, hat nicht allein mit der Staatsform zu tun. So gibt es Nationalstaaten, die eine homogene Nation künstlich herbeizwingen wollen und deshalb ihren Minderheiten deren eigene Sprache und kulturelle Identität verbieten. Derartige Staatswesen sind keineswegs als Ideal geeignet! Wünschenswert sind eher Staaten, die sich ohne ideologische Überhöhung erst einmal als Organisationsform betrachten, die allen Staatsbürgern ein erträgliches Leben ermöglichen wollen, und daher Interessengegensätze auszugleichen suchen, anstatt die Interessen einer Bevölkerungsgruppe gegen andere durchzusetzen. Diese Einstellung ist auch nach außen, gegenüber anderen Staaten, die beste Voraussetzung für ein friedliches Miteinander.

W. R.

13g+

Wie Frechen entstand (2)

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Frekena

Mit der Einwanderung fränkischer Siedler ins Linksrheinische kam die Wende in der Entwicklung Frechens. Nun entstand, soweit wir wissen*, erstmals eine dörfliche Siedlung. Die Franken übernahmen selten eine Villa Rustica, viel lieber bauten sie sich neue Höfe und Siedlungen. Den Siedlungskern Frechens wählten sie da, wo der Kirchplatz später die Ortsmitte markierte.

Wie lange zuvor schon die Bandkeramiker weiter östlich (siehe Teil 1), so bauten auch die Franken ihre Behausungen nahe am Bach. Je mehr sich die Ansiedlung vergrößerte, desto weiter schob sich die Bebauung nach Westen, parallel zum Frechener Bach auf leicht ansteigendem Gelände hinauf zur Ville. Dabei lagen die begehrtesten Siedlungsplätze zwischen der späteren Hauptstraße und dem Bachlauf. So lagen die großen Höfe im Ortskern an der Südseite der Hauptstraße, wie Weyerhof, Tönnishof, Clarenhof. Die „billigeren Plätze“ lagen an der Nordseite der Hauptstraße, von wo man weiter laufen musste, um am Bach Wasser zu schöpfen.

In der Klassifizierung der Siedlungsformen ist Frechen als Straßendorf anzusprechen, wohlgemerkt: in Bezug auf die Hauptstraße, die zunächst einfach die „Dorfstraße“ war, bevor später Nebenwege zu weiteren Straßen wurden. Die Fernstraße führte nördlich am Dorf vorbei (Alte Straße), sie spielte für die Siedlung lange Zeit keine direkte Rolle. Ähnliches gilt für viele andere Dörfer entlang der alten Römerstraßen.

048e+

Bäche waren nicht nur wichtig für die Wasserversorgung, sie wurden auch für die Füllung der Wassergräben genutzt, die um die Burgen des Flachlandes angelegt wurden. Auch

Wassergraben am Stüttgenhof

Wassergraben am Stüttgenhof

größere Höfe waren von einem Wassergraben umgeben. Der Stüttgenhof (seit 1975 auf Kölner Gebiet, vorher zur Herrschaft Frechen gehörend) besitzt noch den gefüllten Wassergraben (siehe Foto links), aber vielfach sind solche Gräben heute trocken bzw. zugeschüttet, z.B. an der Vorburg von Burg Bachem.

Man kann nicht immer scharf zwischen Burg und Hofanlage zu unterscheiden. So spricht man von einer „Ackerfeste“, wenn ein Gutshof befestigt war. Viele Burgen waren aber gleichzeitig Rittersitz und Gutshof; der möglichst repräsentativen Hauptburg war die Vorburg vorgelagert, die dem 049a+landwirtschaftlichen Betrieb diente. Diese typische Grundstruktur rheinischer Wasserburgen (in nebenstehender Abbildung schematisch dargestellt) erkennt man noch heute z.B. an Haus Vorst oder Burg Bachem. Meist gelangt man von der Vorburg über eine Brücke in den Hof der Hauptburg, die als letzte Rückzugsmöglichkeit für die Verteidiger in der Regel noch einen besonders festen Wehrturm besitzt, der oft „Bergfried“ genannt wird. Oft haben sich Burgen aus einer kleineren Anlage  im Laufe des Mittelalters durch Erweiterungen erst zur größeren Anlage entwickelt. Dabei hat Haus Vorst in der Neuzeit eine typische Umgestaltung erfahren: Die militärische Verteidigung trat in den Hintergrund, dafür wurden der Wohnkomfort und das repräsentative Aussehen der Hauptburg wichtiger; das Haupthaus wurde im barocken Baustil umgebaut. Das Grabensystem blieb bestehen, bis beim Neubau der B 264 an der Nordseite ein Teil abgeschnitten wurde.

Der Frechener Bach speiste sich aus mehreren Quellen, die die Teiche und Gräben von Burg Benzelrath füllten (1954 weggebaggert). Von dort floss er durch ein Tal im Ville-Abhang ostwärts, vorbei am Dorf Frechen, vorbei am Dorf Marsdorf, und ergoss sich beim Dorf Lind in einen Sumpf, wo er versickerte. Hier, im ehemaligen Rheinbett, ließen Kiesablagerungen das Wasser ins Grundwasser und weiter in den Rhein abfließen. Wo einst Sumpf war, liegt heute der Kölner Stadtwald.

Die fränkischen Siedlungsnamen enden oft auf „-heim“. So kann man an einigen Ortsnamen ablesen, wohin der Strom der Siedler damals floss. Der Zustrom nach Frechen hatte im Raum Neuß den Rhein überquert und floss weiter über Bachem (Bach-Heim!) bis in die Eifel (z.B. Blankenheim).

Keine Sicherheit haben wir über die Deutung des Namens „Frechen“. Die verschriftlichten Namensformen helfen nicht weiter: Die Schreibung „Frechen“ ist eine neuzeitliche Festlegung. Die lateinischen Versionen, z.B. „Frekena“ (877), wurden für Urkunden des Mittelalters gewählt und lateinischen Sprachformen angepasst.

Man muss auch auf den Klang des Namens in der Volkssprache achten: „Vreischem“ sagten die Alten, und in der mündlichen Überlieferung müssen wir am ehesten den ursprünglichen Namen suchen. Natürlich erkennt man leicht in der zweiten Silbe eine Verschleifung von „-heim“, wie bei „Bachem“. Manche meinten, nach keltischen Wörtern zur Erklärung des ersten Teils des Ortsnamens greifen zu müssen; so vermutete z.B. Rudolf Niemann darin einen Hinweis auf Heideland. Das erscheint mir jedoch wenig wahrscheinlich angesichts der fruchtbaren Böden im Umkreis des alten Dorfkerns von Frechen.

Die Franken setzten oft einen Namen, z.B. den Namen des Ortsgründers, in ihre Benennung der neuen Siedlung ein und hängten dann ein „-heim“ an. Im Fall von „Vreischem“ tappt die Forschung in dieser Hinsicht aber im Dunkeln. Man darf also weiter spekulieren: Wie wäre es mit der Herleitung aus der germanischen Göttin Freya? In oder bei Freya-Heim könnte es ein Heiligtum gegeben haben, an dem die Franken wegen der Fruchtbarkeit der Löß-Böden dankbar ihre Frühlings-, Fruchtbarkeits- und Liebesgöttin Freya verehrten. Dies ist eine von mehreren Vermutungen — zu schön, um wahr zu sein?

Keltische Namen in der Landschaft haben z.T. überlebt. Sie gingen nicht in jedem Fall durch fränkische Besiedlung verloren. So blieb der Name des flachen Höhenzuges bei Frechen erhalten: die Ville. Während man früher glaubte, diesen Namen auf die römischen Villae Rusticae (siehe Teil 1) zurückführen zu können, sieht man heute darin eine mögliche Übernahme der keltischen Bezeichnung für ein eingeschnittenes Bachtal. Solche gab und gibt es am Ostabhang der Ville.

Vorstellbar wäre: Fränkische Siedler, von Nordosten kommend, fragten Einheimische, wie denn der Höhenzug hieße; die Einheimischen glaubten, die mit Sack und Pack heranziehenden Franken wollten wissen, wo man am besten die Höhe ersteige, und zeigten auf ein Bachtal und sprachen von der „Ville“. Durch ein solches Missverständnis könnte die Bezeichnung „Ville“ auf den ganzen Höhenzug übertragen worden sein.

Etliche dieser Siedler wählten den fruchtbaren Boden in Bachnähe als neue Heimat, woraus sich das fränkische Dorf Frechen entwickelte. Da die römischen Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen teilweise zusammengebrochen waren und auch die nahe Römerstadt Köln ihre Bedeutung als Handelsplatz nahezu eingebüßt hatte, stattete ein fränkischer Herrscher aus der Sippe der Merowinger Frechen und einige andere Dörfer bzw. Ortschaften mit dem Status eines Freien Kaufdorfs aus.

Das Freie Kaufdorf war eine Sonderstellung, die manche fränkische Orte erhielten: Sie sollten die Funktion eines überörtlichen Handelszentrums erfüllen, wo landwirtschaftliche Produkte und handwerkliche Erzeugnisse angeboten und gekauft wurden. Hier konnte jeder, der wollte, Handel treiben oder ein Handwerk ausüben. Hier gab es im Unterschied zu vielen Orten, die später mit mittelalterlichem Stadtrecht zur Stadt erhoben wurden, keinen Zunftzwang und keine Handelsbeschränkungen. Frechen war also bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine Art Freihandelszone und ein Marktplatz.

Wir wissen nicht genau, wann in fränkischer Zeit Frechen diese Sonderstellung erhielt. Sie erwies sich aber als dauerhaft und blieb nicht nur das ganze Mittelalter über bestehen, sie überdauerte auch in der Neuzeit, bis die Franzosen 1802 das Linksrheinische annektierten, viele Überbleibsel des Mittelalters abschafften und ihre modernen Rechtsverhältnisse wie im übrigen Frankreich einführten.

Es gibt keine Urkunde über die Verleihung des Status Freies Kaufdorf, wir haben aber glücklicherweise die Aufzeichnung des Weistums aus dem 16. Jahrhundert, wo Frechen als Freies Kaufdorf definiert ist. Die Franken kannten von Hause aus keine schriftlichen Urkunden oder Verträge, es galt der Handschlag als Besiegelung und die Garantie durch Eid und Zeugen. So blieb auch im neu eroberten und teils neu besiedelten Frankenreich unter den Merowingern Vieles unbeurkundet. (Das führte in späterer Zeit zu allerlei Fälschungen, da man ohne Urkunde oft strittige Eigentumsverhältnisse nicht klären konnte.)

Doch schafften die Merowinger-Könige die Schriftlichkeit keineswegs ab, als sie in ehemals römische Gebiete eindrangen und die Herrschaft übernahmen. Entgegen früherer Vorstellungen stürzten die Franken auch keineswegs überall wohlorganisierte und hochzivilisierte, blühende Landschaften ins Chaos. Vielmehr erkannten fränkische Herrscher, wie wichtig im Durcheinander nach Völkerwanderungen und Eroberungen eine halbwegs funktionierende Verwaltung war. Und sie fanden in den Abteien und Bischofssitzen die Fachleute der Kirche, die sich mit so etwas auskannten — und machten sie zu ihren Fachkräften in Sachen Beurkundung, Archivierung, Kodifizierung des Rechts, und historischer Dokumentation. Dadurch überlebte auch die Kenntnis des Lesens und Schreibens, zunächst in lateinischer Sprache.

So brauchen wir uns nicht allzu sehr darüber zu wundern, dass der Frankenkönig Chlodwig, nicht nur wegen seiner dem christlichen Glauben anhängenden Ehefrau, dem Übertritt zum Christentum nicht abgeneigt war. Ob Legende oder nicht, den Sieg in der Schlacht bei Zülpich schrieb er der Hilfe des Christengottes zu, bekannte sich zum christlichen Glauben, und seine nächsten Gefolgsleute taten es ihm gleich (um 498). Wenn geplant, war das nicht ungeschickt: Seine Heerführer waren sicher durch einen Gott des Sieges leichter zu überzeugen.

Es war ein historischer, folgenreicher Schritt: Chlodwig und die Kirche gingen eine engere Bindung ein. Man fühlt sich an Kaiser Konstantin erinnert, der die christliche Kirche seit 313 als einigende Klammer seines Reiches nutzte. Chlodwig hatte aber damit noch lange kein christliches Reich; der Adel wurde zwar christlich, die Bevölkerung aber nur teilweise. Darum musste im Reich noch lange Zeit eifrig missioniert werden.

Im Kölngau, also dem Herrschaftsbereich eines fränkischen Grafen im Großraum Köln, war die Bevölkerung ebenfalls noch weitgehend „heidnisch“, d.h. sie verehrten germanische und keltische Gottheiten. Darum unterstützten Herrscher und Adlige die Kirche durch Stiftungen von Klöstern und Schenkungen von Landbesitz (und förderten durch solch „gottgefällige“ Taten auch ihr persönliches Seelenheil). In Ripuarien, wie das Land zwischen Rhein und Maas in fränkischen Quellen genannt wird, wurde also missioniert, wurden Kirchen und Klöster gebaut und das Christentum verkündet.

Etlicher Landbesitz in Frechen wurde in dieser Zeit einem Kloster in Nordfrankreich geschenkt. Die Abtei Saint-Bertin, gegründet von Audomar (mehr siehe: „Wie kam Audomar nach Frechen?“) erhielt diese Schenkung nicht nur aus lauter Frömmigkeit. Diese (nicht beurkundete) Schenkung hatte sicher auch den o.g. missionarischen Zweck. Und Saint-Bertin baute daraufhin die Dorfkirche in Frechen und weihte sie dem Klostergründer und Missionar, dem heiligen Audomar. Das war laut Beatus-Chronik um 750. Urkunden aus späteren Jahrhunderten des Mittelalters lassen den Schluss zu, dass von dieser „Mutterkirche“ aus weitere Kirchen und Kapellen in der Region gegründet wurden.

Junge Menschen des frühen 21. Jahrhunderts können sich das vielleicht nur schwer vorstellen: Die Dorfkirche war in früheren Zeiten der wahre Mittelpunkt des Ortes, das „öffentliche Leben“ spielte sich in und an der Kirche ab. In Frechen waren Sankt Audomar und der Kirchplatz das Dorfzentrum. Da dies die einzige Kirche in Frechen war und bis in die frühe Neuzeit blieb, mussten die Menschen z.T. lange Fußwege in Kauf nehmen, um am Gottesdienst teilzunehmen, sei es aus dem Oberdorf oder aus Hücheln — und das war eine Selbstverständlichkeit: Wer nicht aus der Gemeinschaft ausgestoßen sein wollte, fand sich sonntags beim Gottesdienst ein.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich im „Oberdorf“ ein zweiter Siedlungsschwerpunkt gebildet. Dazwischen lag an der Hauptstraße die Spiesburg, manchmal im Mittelalter als „die Frechener Burg“ tituliert, weil sie zwischen Ober- und Unterdorf lag, also aus späterer Sicht zentral.

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Tatsächlich gab es in Frechen mehrere Burgen, Rittersitze mit Landwirtschaft, umgeben von Wassergräben, die der Frechener Bach mit Wasser versorgte. Ihre Ursprünge liegen im 11. und 12. Jahrhundert. Entlang des Frechener Baches gab es Burg Benzelrath, die Spiesburg, dann von der Kirche abwärts Haus Hochsteden, Haus Rost/Palant, und Haus Vorst. Mit Burg Vogtsbell (in Buschbell) zählte die Herrschaft Frechen sogar sechs Burgen.

Königsdorf gehört heute zu Frechen, lag damals aber außerhalb der Herrschaft Frechen. Auch dort gab es eine Burg, vom Erzbischof als Zollburg an die Südseite der Aachener Straße gesetzt, wenige Meter vom Bach entfernt, der heute wie die Burg selbst verschwunden ist.

Das Dorf Bachem war eine eigene Herrschaft, dort fanden sich drei Rittersitze: Die Burg (Ober-)Bachem, Haus Bitz und Burg Hemmerich (siehe Karte oben). Bachem kam erst nach 1815, als das Rheinland Teil der preußischen Rheinprovinz wurde, zur Bürgermeisterei Frechen, 1927 wurden die Gemeinden Bachem und Buschbell nach Frechen eingemeindet. Frechen IMG_0578beantragte nun die Genehmigung eines IMG_0576Gemeindewappens, die 1928 erteilt wurde. Anschaulich für die Bevölkerung ließ man unter dem Dach des Rathaus-Aufgangs rechts das neue Wappen an die Wand malen, links gegenüber das Wappen der preußischen Rheinprovinz (Rheinpreußen).

Als Frechen am 2.9.1951 Stadt wurde, blieb man beim gewohnten Wappen. Eine gute Entscheidung, denn das Wappen nahm ja Bezug auf die Geschichte Frechens, und sein schmuckes Aussehen steht auch der Stadt gut zu Gesicht, nicht wahr?

Wappen

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 * „Soweit wir wissen“ müssen wir als Einschränkung zu vielen Aussagen über Geschichte eigentlich hinzudenken: Der Stand der Forschung ist oft nur ein vorläufiger, bis neue Funde gemacht und neue Erkenntnisse veröffentlicht werden (mehr >DIE BEATUS-CHRONIK, S. 93-98).

Über die Gründung von Frechen liegt jedenfalls nichts Schriftliches vor. Darum zählt Frechen wie viele andere Orte sein nachweisliches(!) Alter ab der „ersten urkundlichen Erwähnung“. Diese findet sich in einer Urkunde des Kaisers Karls des Kahlen aus dem Jahr 877. So feierte Frechen 1977 sein 1100jähriges Jubiläum, auch wenn das Dorf, inzwischen Stadt, wohl um die drei Jahrhunderte älter ist.

Einen gut nachvollziehbaren Überblick über die Entwicklung Frechens von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert gibt Egon Heeg in seinem Buch „Frechener Straßen“ (1984), S. 15-27.

W. R.

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Als Irland Westeuropas Kultur befruchtete

052Wenig bekannt ist vielen historisch Interessierten, dass es in Europa eine Zeit gab, in der weniger die Parole „Ex oriente lux“ (Aus dem Osten Licht) galt, sondern vielmehr die kulturelle Entwicklung und Weitergabe antiker Gelehrsamkeit sehr von der frühchristlichen Kultur Irlands beeinflusst und geprägt wurde.

Keltisches Hochkreuz, Irland, frühes Mittelalter

Keltisches Hochkreuz, Irland, frühes Mittelalter

Für die Zeit des angehenden Mittelalters sagt Geoffrey Ashe (1976) über Irland: „Soon Erin was the most cultured land of Western Europe: the only one, for instance, where any appreciable number knew Greek.“ Kein Wunder also, dass Missionare aus Irland nach Großbritannien und zum Kontinent ausschwärmten, Christentum und Kultur im Gepäck (s. auch Karten in: DIE BEATUS-CHRONIK, S. 159f.). In der Buchmalerei der westeuropäischen Klöster dominierte der ornamentale Stil der Iren, und Karl der Große betraute den in der irischen Tradition geschulten Alcuin von York mit kulturellen Projekten, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Vom sogenannten (!) „finsteren“ Mittelalter konnte also, was die Hochkultur und die Welt der Gelehrten anging, im Irland des frühen Mittelalters überhaupt keine Rede sein. Bei Ashe findet auch ein irischer Mönch Erwähnung „… named Ferghil or Virgil, [who] became bishop of Salzburg and caused a stir by teaching that the earth is round and that other inhabited worlds exist.“ Offenbar waren das Dinge, die Andere damals nicht zu denken wagten.

Ferghil hingegen brachte diese Gedanken aus seinen Studien antiker Literatur mit, die in Irlands Klöstern bewahrt und per Kopie vervielfältigt wurde. Später wurde in Europa Vieles davon als teuflisches Machwerk vernichtet, Abschriften antiker Texte auf Pergament wurden ausradiert und als Palimpsest mit christlicher Literatur neu beschrieben. Noch im Laufe des Mittelalters gingen so etliche Werke antiker Autoren verloren. Von vielen dieser Werke kennt man nur noch die Titel oder kurze Textstellen, die von anderen Autoren in erhaltenen Schriften zitiert wurden.

Die Beatus-Chronik wirft zu Beginn einen Blick auf die Rolle Irlands im frühen Mittelalter (DIE BEATUS-CHRONIK, S. 17). Dem Chronisten lag wohl daran, die Ursprünge einer Bildungs-Tradition darzustellen, in der auch die seinerzeit (um 1300) geplante Universitätsgründung in Frechen stehen sollte.

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Wie kam Audomar nach Frechen?

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Frekena

Die Frage könnte auch lauten: Wie kam Frechen zu Audomar? Denn seltsam: Nur Frechen hat, als einziger Ort in deutschen Landen, eine Kirche, die „Sankt Audomar“ heißt. Heißt das, dass ein 40Heiliger dieses Namens in Frechen wirkte, oder dass ein solcher hier begraben ist?

Weder noch, vielmehr ist Audomar physisch nur in Gestalt einer Reliquie, und zwar eines ziemlich kleinen Knochenstücks, in Frechen anwesend. Dieses wird, wie üblich, in einem Reliquiar aufbewahrt, das in der Kirche auf einem schmalen Seitenaltar zu sehen ist. Das Reliquiar, eine aus Silber gearbeitete Büste, zeigt unter dem Kinn das von einem Bergkristall geschützte Gebein.

So kostbar den Gläubigen Reliquien sind, so verächtlich gingen Soldaten in der Französischen Revolution damit um. In Saint-Omer (deutsch: Heiliger-Audomar) stürmten sie013d damals in die Kathedrale und plünderten das Grab des Heiligen. Die Knochen streuten sie draußen auf das Straßenpflaster. Weniges davon wurde von einem Gläubigen aufgelesen und gerettet.

Aus diesem Rest stammt ebenjenes Knochenteil, das im 20. Jahrhundert der Kirche St. Audomar in Frechen geschenkt wurde. Das wertvolle Reliquiar (siehe Foto links) soll veranschaulichen, wie bedeutsam der Inhalt ist. Das hat Tradition: Viele Heilige wurden in Kirchen nicht einfach in einem Steinsarg bestattet; man bemühte sich, den ideelen Wert in materieller, sichtbarer Form auszudrücken. Darum hat man z.B. die Gebeine der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom in einem großen, goldenen Schrein mit aufwändigen Verzierungen beigesetzt (siehe Foto unten).

Ansonsten ist Audomar in seiner Frechener Kirche noch als farbig bemalte Holzfigur aus dem 19. 013bJahrhundert präsent. Sie stand lange flankierend am Altarraum, bis sie Mitte des 20. Jahrhunderts, im Zuge einer „Modernisierung“ des Kircheninneren, in das linke Seitenschiff versetzt wurde, wo man auch das oben abgebildete Reliquiar findet. Sie stellt ihn als bärtigen, segnenden Bischof dar. Sein tatsächliches Aussehen ist unbekannt, weil wir keine authentischen Abbildungen oder Beschreibungen aus seiner Lebenszeit (um 590-670) oder von Zeitzeugen kurz danach kennen.

Das Mittelalter kennt ohnehin kaum porträtähnliche Abbildungen von Heiligen. Selten wird überhaupt bei Heiligen wie bei Herrschern eine äußerliche Besonderheit abgebildet, und auch nur dann, wenn sie überliefert und bekannt, also ein persönliches Kennzeichen war wie das Heiligen-Attribut. Im Falle von Audomar waren Buch und Weinrebe häufig verwendete Attribute.

An seinen Attributen erkannte man den jeweiligen Heiligen. So hat auch der Bildhauer Olaf Höhnen (1933-2009) Anfang der 1980er Jahre die Statue aus Basaltlava gestaltet, die außen am Portal auf einer Halbsäule steht. Für unseren heutigen Geschmack wirkt sie schöner als die aus heutiger Sicht etwas kitschige Figur in der Kirche (siehe oben). Die Kopfbedeckung der Stein-Plastik (Mitra in der Form des frühen Mittelalters) weist Audomar als Mann der Kirche aus (Diese Steinplastik ist also etwas näher an der historischen Erscheinung als die Holzfigur im Ornat späterer Zeiten). Audomar wirkte nicht 2anur als Missionar und Klostergründer, sondern auch über drei Jahrzehnte als Bischof.

Wie kam es zu seiner Verehrung als Heiliger? Im frühen Mittelalter war die offizielle Heiligsprechung (Kanonisierung) noch nicht von Rom reguliert und kodifiziert. Als Heilige galten per se die Märtyrer des Glaubens, hinzu kamen im Laufe der Zeit Persönlichkeiten, die sich in herausragender Weise als fromme und karitativ tätige Menschen ausgezeichnet hatten (siehe dazu DIE BEATUS-CHRONIK, S. 56, Anm. 10). Manche ihrer Taten erschienen als Wunder, und nach ihrem Tod wurden oft Wunder berichtet, die sich an ihrem Grab zugetragen hatten oder von ihren Reliquien ausgingen (vgl. ebda, S. 24, § 46).

Als die Zahl der Heiligen immer weiter anwuchs und sich die Gedenktage im Jahreskalender häuften, nahm die Kirchenleitung in Rom die Koordination in die Hand und erließ Regeln. Voraussetzung zur Heiligsprechung wurde 1. ein heiligmäßiges Leben und 2. ein wundertätiges Wirken, d.h. ein über das normalmenschliche Maß hinausgehendes in Form von wundersamer Heilung unheilbar Kranker, oder ähnlichem. Das Verfahren wurde später weiter differenziert und gilt auch für die Vorstufe einer Heiligsprechung, die Seligsprechung.

Für Audomar, seine Mitbrüder Bertin und Momelin sowie andere Zeitgenossen galten noch die einfachen Regeln: Heilig ist, wer als solcher angesehen und verehrt wird. Und diese Verehrung ging meist vom Volk aus, sie wurde seltener von oben verordnet. In vielen Fällen hieß das: Die unmittelbar Betroffenen, die das Charisma und die hilfreiche Tätigkeit des Heiligen selbst erfahren hatten, kürten die Person zum Heiligen. In späterer Zeit wurden von Rom viele Heilige zwar nicht in den offiziellen Kanon übernommen, man tolerierte aber die lokale bzw. regionale Verehrung (Beispiel: Engelbert von Köln, +1225). Die ließ sich in vielen Fällen auch schwer unterbinden, erst recht, wenn wenn das Grab des Heiligen eine große Zahl von Pilgern anzog.

Hier kommen auch wirtschaftliche Motive ins Spiel. Pilgerfahrten waren im Mittelalter so bedeutend IMG_1519wie heute Pauschalreisen, Pilger galten wie Touristen als wichtige Einnahmequelle. So profitierte z.B. Köln wirtschaftlich sehr vom Einzug der Reliquien der Heiligen Drei Könige (1164): In erster Linie Handelszentrum, wurde die Stadt Ende des 12. Jahrhunderts auch noch bedeutendes Wallfahrtsziel, und die drei Kronen zierten fortan das Stadtwappen.

In Frechens Kirche müsste es schon im Mittelalter eine Reliquie des Audomar gegeben haben (DIE BEATUS-CHRONIK, S. 22, § 35), vielleicht am Altar platziert oder an sonst prominenter Stelle. Wir wissen nichts von ihrem Verbleib. Möglich, dass sie bei einer Plünderung Frechens geraubt wurde, oder bei anderen Ereignissen verlorenging. Vielleicht war sie auch im Chor vergraben und wurde bei Umbauten der Kirche nicht geborgen (siehe auch ebda, S. 58, Anm. 45-47).

Soweit zur Person des Audomar und seinen Reliquien. Doch noch steht die Frage im Raum, warum Frechen als einziger deutscher Ort das Patrozinium des heiligen Audomar aufweist. Die Antwort liegt wiederum weit zurück, im frühen Mittelalter, als Frechen im Frankenreich lag und in diesem die Dynastie der Merowinger herrschte.

Das von Audomar gegründete Kloster Sithiu, bald umgetauft auf den Namen des ersten Abtes Saint-Bertin (+709), hatte besondere Beziehungen zum merowingischen Herrscherhaus. Hier wurden die fränkischen Reichsannalen aufgezeichnet; hier nahm man abgesetzte Könige auf, die als Mönche „entsorgt“ wurden (kahlgeschoren und unter Aufsicht gestellt, kamen sie immerhin mit dem Leben davon).

Die Beatus-Chronik berichtet: „Bald nach 720 erhielt die Abtei Saint-Bertin Schenkungen von Landbesitz im Rheinland, in Ripuarien, wie man damals das Land zwischen Rhein und Maas nannte.“ (Beatus-Chronik, § 29) Diese Ländereien lagen in Frechen, Gelsdorf und Niederkassel (§ 43). Was das für Frechen bedeutete, berichtet § 45: „Um das Jahr 750 baute die Abtei, als größte Grundbesitzerin am Ort, Frechen eine Kirche aus Holz, die dem heiligen Audomar geweiht wurde.“ Nach dem Rechtsgrundsatz der „Eigenkirche“ war die Abtei wegen ihres Landbesitzes am Ort zu diesem Bau verpflichtet, damit verbunden war das Patronatsrecht (Sie bestimmte den Pfarrer an dieser Kirche).

So bekam das Dorf Frechen im 8. Jahrhundert seine Kirche St. Audomar. Sie wurde am ursprünglichen Zentrum des Dorfes errichtet: An der Kirche war unter Linden der Versammlungs- und Gerichtsplatz, und gegenüber lag der vermutlich erste Gasthof, in „bester Lage“: am Dorfzentrum, und nahe der Fernstraße, die am Dorf vorbeilief (heutige Alte Straße). In der Beatus-Chronik (um 1300) wird dieser Gasthof unter dem Namen „Zur Sonne“ erwähnt. Im 20. jahrhundert stand hier bis zum Abbruch im Jahre 1970 das Gasthaus „Zur Glocke“, dessen Fassaden mit grün-glasierter Ooms’scher Keramik verziert waren.

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                              Kirchplatz mit Linde, Gasthof „Zur Glocke“ und Christus-Statue,                                   vor dem Abbruch der „Glocke“ und der benachbarten Häuser (Blick von der Kirche Richtung Hüchelner Straße; Foto: W. R., Juni 1969)

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5.6.1288 Schlacht bei Worringen

Zu diesem Er052faeignis erschien am 5.6.2013 im Kölner Stadt-Anzeiger ein ganzseitiger Artikel von Carl Dietmar, einem ausgewiesenen Kenner der Geschichte Kölns. Dieser Autor wird daher auch zu verschiedenen Fragen in DIE BEATUS CHRONIK zu Rate gezogen. In der Chronik selbst wird das Ereignis mit wenigen Sätzen behandelt (s.S.26, §55), der Chronist Beatus vergisst dabei nicht, auf den Treubruch der Kölner hinzuweisen: „Doch kurz vor einer wichtigen Schlacht (…) ließen die Kölner ihren Herrn im Stich, wechselten die Seiten…“ Auch Carl Dietmar beschreibt den plötzlichen Seitenwechsel als Vertrags- und Treubruch. Damit folgt er nicht der üblichen Bewertung der Schlacht, die den Treubruch eher übergeht und sie als Entscheidung für die Freiheit der Stadt Köln bejubelt. Dietmar weist zu Recht darauf hin, dass es nicht um Köln, sondern um die Machtverhältnisse am Niederrhein ging, und dass die Schlacht den Limburgischen Erbfolgekrieg entschied.

Dessenungeachtet feierte Köln sich als Mitsieger der Schlacht und stilisierte sie zum entscheidenden Ereignis der Stadtgeschichte im Kampf um Unabhängigkeit vom Stadtherrn, dem Erzbischof. Sogar eine Dankeskapelle für den Sieg wurde gebaut; ab 1309 führte der Rat am Jahrestag der Schlacht eine Prozession zur Bonifatiuskapelle und gedachte feierlich des Sieges.

An der Seite der kölnischen Abordnung kämpfte in der Schlacht im Kontingent des Grafen von Berg ein Haufen bergischer Bauern. Diese Bauern fielen durch ihr Verhalten aus dem Rahmen: Sie nahmen keine Gefangenen, um diese, sofern adelig und vermögend, später gegen Lösegeld freizugeben, vielmehr schlugen sie auf alles ein, was einen bunten Waffenrock trug, auf Freund wie Feind. War dies vielleicht ein frühes Beispiel von Klassenbewusstsein? Sahen diese Bauern in jedem Adligen einen Feind und potentiellen Unterdrücker?

Dietmar schreibt, die bergischen Bauern seien „mit den Regeln ritterlicher Kriegskunst nicht vertraut“ gewesen. Mag sein, dass niemand vor der Schlacht daran gedacht hatte, diese Bauern in einem „Briefing“ in diese Regeln einzuweisen. So gingen sie in die Schlacht, um zu schlachten. Auch deswegen lagen am Ende des Tages tausende Tote auf dem Schlachtfeld –  kein Grund zum Jubeln. Allerdings machten auch die Brabanter in einer kritischen Phase der Schlacht keine Gefangenen und töteten jeden Besiegten. Der Graf von Luxemburg lag am Ende mit seinen Brüdern ebenso unter den Toten wie eine große Zahl Adliger aus den Grafschaften Brabant, Berg, Geldern, Jülich, Limburg und dem Erzstift.

Großer Sieger ist Johann I. Herzog von Brabant, großer Verlierer (unter den Überlebenden) Erzbischof Siegfried von Westerburg.

Handfesten Nutzen haben die Kölner durch die Zerstörung der Zollburg des Erzbischofs in Worringen. Damit hatte Johann von Brabant sie auch geködert, ihrem Stadtherren in den Rücken zu fallen. Aus Kölner Sicht ist es wichtig, die Handelswege um Köln von zusätzlichen Zöllen freizuhalten. Wie die Kartenskizze zeigt, griffen die Kölner in jener Zeit mehrfach auch zu militärischen Mitteln, um Zollburgen des Erzbischofs zu beseitigen, teils im Bündnis mit dem Grafen von Jülich.

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Während Siegfried von Westerburg auf Schloss Burg gefangen saß, eigneten sich einige Kölner seine Besitzungen und Einnahmen in der Stadt an.

Zwei Jahre nach der Schlacht von Worringen tagte in Bonn ein päpstlicher Untersuchungsausschuss zum Treubruch der Kölner gegenüber dem Erzbischof. Köln zahlte die ziemlich hohe Geldstrafe nicht und wurde mit dem Interdikt (Verweigerung kirchlicher Amtshandlungen) belegt, das erst von Siegfrieds Nachfolger Wikbold von Holte 1298 im Zuge einer Aussöhnung mit der Stadt aufgehoben wurde. –

Inhaltlich gestützt auf Carl Dietmars o.g. Artikel und das Buch „Worringen 1288“ von Vera Torunsky, Köln 1988)

Eine weitere Leseempfehlung: Carl Dietmar, Kölner Mythen. Köln 1999, S. 22-31. Hier hält Dietmar nicht mit deutlichen Wertungen zurück, z.B. dieser: „In der sogenannten ‚Köln-Literatur‘ sucht man vergebens nach einem Hinweis auf die Rolle der Stadt als ‚lachende Dritte‘, die – skrupellos und vertragsbrüchig – einen Konflikt ausnutzte, der sie nichts anging.“ (ebda., S. 30)

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