Archiv der Kategorie: Atomkraft

Hier geht es um die Bedeutung und die Risiken der Atomkraft

11. März – ein Gedenk- und Bedenktag

IMG_518111. März – wieder ein Gedenktag, alles Andere als ein Jubiläum: Vor drei Jahren ereignete sich die Katastrophe von Fukushima. Es war eine doppelte, eine sozusagen kombinierte Katastrophe. Erst ein selten starkes Erdbeben, gefolgt von einem ungeahnt wuchtigen Tsunami, der ganze Ortschaften an der Küste wegspülte und Schiffe weit weg von ihren Häfen im Lande absetzte – und damit noch nicht genug, hatten Erdbeben und Tsunami im Zusammenwirken die Stromversorgung des Atomkraftwerks (AKWs) von Fukushima gekappt, und während die Techniker des AKWs im Dunkeln tappten und falsche Messdaten über die Kühlung der Reaktoren registrierten, liefen diese heiß, sodass es schließlich in drei Reaktorblöcken zu Explosionen kam. Radioaktive Dämpfe traten aus, später lief verstrahltes Kühlwasser ins Meer.
Wer die Filmaufnahmen vom Tsunami sieht, glaubt sich in das unwirkliche Szenario eines Katastrophenfilms versetzt – doch die Aufnahmen bilden die Wirklichkeit vor Ort ab, man hört das Brausen und Gurgeln der Flutwelle, das Rufen und Schreien von Menschen, die sich nicht alle in höher gelegenes Gelände retten können…
Die hohe Zahl der Todesopfer, die Massen von unvermittelt obdach- und besitzlosen, traumatisierten Menschen, das alles sackt erst im Gefolge dieser Bilder ins Bewusstsein.
Hinzu kommen die immensen Auswirkungen und Folgeschäden des GAUs im AKW. Tausende Einwohner im Umkreis wurden wegen der Strahlung evakuiert, etliche davon erst mit Verspätung. Und die Fischerei an einem langen Küstenabschnitt kam zum Erliegen – nicht nur wegen der Zerstörungen in den Küstenorten und Fischereihäfen, sondern auch wegen der ins Meer laufenden, verstrahlten Wassermengen aus dem AKW-Gelände (Kühl-, Lösch- und Überschwemmungswasser).
Unsere AKWs sind sicher und auf dem technischen Stand der Zeit! Das hatten Politik und Atomwirtschaft Hand in Hand in Japan ständig verkündet, bis sie es selbst glaubten. Das wollten nun viele Japaner nicht mehr hinnehmen und verlangten weitreichende Konsequenzen.
Die sahen so aus: Wir, Regierung und Betreiberfirma Tepco, sitzen die erste Empörung mit ein paar öffentlichen Entschuldigungen aus, schalten erstmal alle AKWs ab, und nach etwas Zeit erklären wir, dass Japan gar nicht aus der Atomernergie aussteigen kann, dann fahren wir die AKWs wieder an.
Dabei zeigt sich bis heute, dass sie mit so einer Katastrophe heillos überfordert sind. Weder bekam Tepco sein havariertes AKW in den Griff, noch konnte die Regierung überzeugende Katastrophenpläne für die Zukunft vorlegen – kam sie doch schon mit der Bewältigung der Fukushima-Katastrophe nicht nach.
In der Region Fukushima liegen an vielen Sammelplätzen die Beutel mit vertrahlter Erde, die entwurzelten Menschen dürfen nicht in ihre Heimat zurück, leben z.T. immer noch in Notunterkünften und warten auf wirksame Unterstützung zur Normalisierung ihres Lebens, wenn es so etwas denn gibt (Das Trauma bleibt). An manchen Stellen hat man alles dekontaminiert, sagt man, und lässt die Evakuierten zurückkehren. Experten warnen dennoch. Man hat in der Region bereits Strahlenschäden an Tieren beobachtet, z.B. häufige Missbildungen an Schmetterlingen. Aktuelle Lage 2015: >Japans Atomkrise | Greenpeace – japans-atomkrise-09032015.pdf
Das Wort „Katastrophe“ klingt angesichts des Geschehens und der Folgen eher zu harmlos, um all das zusammenzufassen.

Und die Sicherheit? Alles Beteuern und Verharmlosen nach Katastrophen wie Tschernobyl (26. Aprl 1986) und Fukushima (2011), alle Ablenkung vom weltweit ungelösten Problem der Endlagerung von Atommüll (krass: Der Müll aus dem ehemaligen Salzbergwerk Asse muss aufwändig wieder herausgeholt werden) bedeutet nichts Anderes als die Feststellung: Auf offizielle Verlautbarungen ist kein Verlass, wir werden im Zweifel nur über das nicht mehr zu Verheimlichende informiert.

IMG_0632(zum Scharfstellen die Karikatur anklicken)

Radioaktive Strahlung ist zwar messbar, aber unsichtbar und geruchlos. Unsere Sinne (und anscheinend auch die der Tiere) sind nicht auf diese Gefahr eingestellt. Ich erinnere mich noch gut, wie verunsichert wir im Mai 1986 bei strahlendem Wetter nach draußen blickten und uns fragten, ob wir da draußen gefahrlos spazierengehen könnten, ob wir das Laub der Sträucher anfassen und uns auf eine Wiese setzen könnten, ohne mit verstrahltem Material in Berührung zu kommen. Der Wind hatte über Europa den strahlenden Auswurf des geschmolzenen Reaktors von Tschernobyl verteilt: Vielerorts waren frisch geerntete Lebensmittel unverkäuflich geworden und wurden vernichtet. In Bayern durften längere Zeit keine in der Natur gepflückten Pilze verzehrt werden.
Das war noch gar nichts gegen die Schäden an Leben und Gesundheit, die die Bevölkerung in Teilen der Ukraine und Weißrusslands erlitt.
Und gerade auch in Japan weiß man sehr genau, was Strahlungsschäden bedeuten: Bis heute leiden dort Menschen an den Folgen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Davon wurde aber ungern gesprochen, besonders nachdem japanische Regierungen das Land in der Energieversorgung auf Atomkurs festgelegt hatten.

Es geht beim Thema „Atomkraft“ (die positiv gefärbte Wortwahl sagt „Kernkraft“) nicht nur um die Gefahr großer Katastrophen, sondern auch um Gefahren unterhalb der Katastrophenschwelle. Große Energiekonzerne lassen sofort ein Rudel Experten von der Leine, die Gefahren dementieren oder herunterspielen, wenn jemand z.B. ein statistisch erhöhtes Krebsrisiko im Umfeld von Atomkraftwerken öffentlich macht: Da werden Messwerte angezweifelt, als zufällig oder fehlerhaft hingestellt und als nicht aussagekräftig abgetan. Zuverlässig sind dagegen nur die von den AKW-Betreibern veröffentlichten Messwerte, Aussagen und Statistiken. Na klar. Und wieder hören wir im Falle eines nicht vertuschbaren „Störfalles“ im AKW: „Für die Bevölkerung bestand zu keiner Zeit eine Gefahr.“

In Deutschland wird weiter nach einem sicheren Endlager für Atomabfall gesucht. In einigen Jahren wird nach Ausstiegsplan das letzte AKW abgeschaltet – wenn nicht noch einmal eine Kehrtwende der Politik dazwischenkommt. Der strahlende Müll bleibt. Auf Jahrhunderte…

-SR-

Aktueller Nachtrag am 11.03.2020: Jahrestag des Reaktorunglücks: Die Zeit wird knapp in Fukushima | tagesschau.de

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Köln-Notizen #7

50Es ist der 6. August, ein besonderes Datum, das man nicht so leicht vergisst. An diesem Tag im Jahr 1945 fand der erste Einsatz einer Atombombe statt, sie wurde über der japanischen Großstadt Hiroshima abgeworfen mit dem Ziel, möglichst viel Zerstörung und Tod anzurichten und möglichst großen Schrecken zu verbreiten.

In Köln, zwischen dem Japanischen Kulturinstitut am Aachener Weiher und der Universität, heißt ein Park seit einigen Jahren Hiroshima-Nagasaki-Park. Über Nagasaki wurde ein paar Tage nach der ersten die zweite Atombombe abgeworfen.

Eigentlich nennt man so etwas Terror. Aber hier handelt es sich ja um Maßnahmen eines mächtigen Staates, und der hatte ja erklärtermaßen nur Gutes im Sinn: Man wollte möglichst wenige Menschenleben opfern, wohlgemerkt die Leben amerikanischer Soldaten, während man Japan zur Kapitulation zwang. Also musste Japan mit einem Riesenschock zum Aufgeben gezwungen werden, einem Schock, ausgelöst durch das schlagartige Auslöschen sehr vieler Leben japanischer Zivilisten. Nebenbei waren zumindest die beteiligten Wissenschaftler und Techniker daran interessiert, bei diesem ersten Kriegseinsatz der A-Bombe die realen Auswirkungen zu beobachten, also: einen Test auf Feindesgebiet durchzuführen.

Die realen Auswirkungen – wir kennen wohl alle die Filmaufnahmen, die Tage später im zerstörten Zentrum von Hiroshima gedreht wurden – sind mit Worten kaum zu fassen und mit keinem vorherigen Waffeneinsatz vergleichbar. Die Menschen waren nicht vorgewarnt, und bis heute sind die Spätfolgen, die schweren Erkrankungen tausender verstrahlter Menschen, an denen die meisten längst vorzeitig verstorben sind, in Japan präsent.

Umso eindringlicher appellierten viele Demonstranten in Japan nach dem Reaktor-GAU von Fukushima, die Gefahren im Umgang mit Atomkraft nicht herunterzuspielen. Aber die Politik und die Betreiber von Atomkraftwerken sträuben sich dagegen, ihre gut geölte Verzahnung, die über Jahrzehnte den Ausbau der Nutzung von  Atomkraft den Japanern als notwendig und sicher verkauft hat, zu revidieren und z.B. Kurs auf den Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien zu nehmen.

Merkwürdigerweise wurden die an den Spätfolgen leidenden Opfer von Hiroshima und Nagasaki jahrzehntelang in der Öffentlichkeit eher versteckt und fast wie Unpersonen behandelt. Warum? 1. Sie erinnerten die Japaner an die schwere Niederlage am Ende des Zweiten Weltkrieges. 2. Sie erinnerten an die gefährlichen Wirkungen freigesetzter radioaktiver Strahlung, und die wollte man von offizieller Seite möglichst verdrängen.

Man lernt daraus, wie nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch kollektiv von ganzen Nationen unangenehme Erinnerungen verdrängt werden können. Das gibt es nicht nur in Japan, sondern überall auf der Welt, wo Menschen sich schwer damit tun, sich einer schmerzlichen Wahrheit zu stellen. (siehe auch >Köln-Notizen #4)

In Deutschland hatten wir z.B. die von Hindenburg freigesetzte Dolchstoßlegende: Der Erste Weltkrieg sei nicht durch eine militärische Niederlage verloren gegangen, die Hindenburg &Co zu verantworten hatten, sondern die Revolutionäre in der Heimat hätten der deutschen Front von hinten einen Dolchstoß versetzt und damit die Niederlage verschuldet. Hindenburg log sich und Ludendorff damit aus der Verantwortung und belastete für die Folgezeit das politische Klima der Weimarer Republik. Und viele Deutsche glaubten gern, dass ihre Helden-Armee „im Felde unbesiegt“ gewesen sei. Sie wählten Hindenburg später sogar zum Reichspräsidenten!

Nach diesem Muster versuchten sich in Deutschland immer wieder braun-verseuchte Köpfe an der Konstruktion einer „Auschwitz-Legende“. Nach dem Verdrängungs- und Nicht-Wahrhaben-Wollen-Prinzip wurden die Opferzahlen der Nazi-Mordindustrie heruntergespielt. Man baute darauf, dass viele Menschen gerne die verbrecherische Grundrichtung des Nazi-Regimes verdrängen wollten. Das hat aber nur bei Wenigen funktioniert.

Übrigens darf man froh sein, dass Hitler nicht über die Atombombe verfügte. Er hätte seinen Satz „Wir werden ihre Städte ausradieren“ hemmungslos in die Tat umgesetzt. Man darf froh sein, dass der Zweite Weltkrieg in Europa schon im Mai 1945 mit der deutschen Kapitulation zu Ende war – sonst hätten die USA die Bombe zuerst bei uns eingesetzt.

Man lernt daraus – oder sollte das zumindest daraus lernen: Krieg ist Mist, und wem immer er im Einzelfall auch Nutzen bringen mag, die Verlierer und Leidtragenden sind immer die große Mehrheit der Menschen. Das haben wenigstens die Menschen in Europa weitgehend kapiert. Und darum hat Köln auch einen Friedenspark: Den findet man am Ende der Südstadt in Rheinnähe, wo vom ehemaligen preußischen Befestigungsgürtel Kölns ein Fort übriggeblieben ist. Wenn man dort spazierengeht, den Frieden genießt und die Kinder spielen sieht, dann wird einem wohler.

W. R.

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