Archiv für den Monat: Juli 2013

Wie Frechen entstand (2)

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Frekena

Mit der Einwanderung fränkischer Siedler ins Linksrheinische kam die Wende in der Entwicklung Frechens. Nun entstand, soweit wir wissen*, erstmals eine dörfliche Siedlung. Die Franken übernahmen selten eine Villa Rustica, viel lieber bauten sie sich neue Höfe und Siedlungen. Den Siedlungskern Frechens wählten sie da, wo der Kirchplatz später die Ortsmitte markierte.

Wie lange zuvor schon die Bandkeramiker weiter östlich (siehe Teil 1), so bauten auch die Franken ihre Behausungen nahe am Bach. Je mehr sich die Ansiedlung vergrößerte, desto weiter schob sich die Bebauung nach Westen, parallel zum Frechener Bach auf leicht ansteigendem Gelände hinauf zur Ville. Dabei lagen die begehrtesten Siedlungsplätze zwischen der späteren Hauptstraße und dem Bachlauf. So lagen die großen Höfe im Ortskern an der Südseite der Hauptstraße, wie Weyerhof, Tönnishof, Clarenhof. Die „billigeren Plätze“ lagen an der Nordseite der Hauptstraße, von wo man weiter laufen musste, um am Bach Wasser zu schöpfen.

In der Klassifizierung der Siedlungsformen ist Frechen als Straßendorf anzusprechen, wohlgemerkt: in Bezug auf die Hauptstraße, die zunächst einfach die „Dorfstraße“ war, bevor später Nebenwege zu weiteren Straßen wurden. Die Fernstraße führte nördlich am Dorf vorbei (Alte Straße), sie spielte für die Siedlung lange Zeit keine direkte Rolle. Ähnliches gilt für viele andere Dörfer entlang der alten Römerstraßen.

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Bäche waren nicht nur wichtig für die Wasserversorgung, sie wurden auch für die Füllung der Wassergräben genutzt, die um die Burgen des Flachlandes angelegt wurden. Auch

Wassergraben am Stüttgenhof

Wassergraben am Stüttgenhof

größere Höfe waren von einem Wassergraben umgeben. Der Stüttgenhof (seit 1975 auf Kölner Gebiet, vorher zur Herrschaft Frechen gehörend) besitzt noch den gefüllten Wassergraben (siehe Foto links), aber vielfach sind solche Gräben heute trocken bzw. zugeschüttet, z.B. an der Vorburg von Burg Bachem.

Man kann nicht immer scharf zwischen Burg und Hofanlage zu unterscheiden. So spricht man von einer „Ackerfeste“, wenn ein Gutshof befestigt war. Viele Burgen waren aber gleichzeitig Rittersitz und Gutshof; der möglichst repräsentativen Hauptburg war die Vorburg vorgelagert, die dem 049a+landwirtschaftlichen Betrieb diente. Diese typische Grundstruktur rheinischer Wasserburgen (in nebenstehender Abbildung schematisch dargestellt) erkennt man noch heute z.B. an Haus Vorst oder Burg Bachem. Meist gelangt man von der Vorburg über eine Brücke in den Hof der Hauptburg, die als letzte Rückzugsmöglichkeit für die Verteidiger in der Regel noch einen besonders festen Wehrturm besitzt, der oft „Bergfried“ genannt wird. Oft haben sich Burgen aus einer kleineren Anlage  im Laufe des Mittelalters durch Erweiterungen erst zur größeren Anlage entwickelt. Dabei hat Haus Vorst in der Neuzeit eine typische Umgestaltung erfahren: Die militärische Verteidigung trat in den Hintergrund, dafür wurden der Wohnkomfort und das repräsentative Aussehen der Hauptburg wichtiger; das Haupthaus wurde im barocken Baustil umgebaut. Das Grabensystem blieb bestehen, bis beim Neubau der B 264 an der Nordseite ein Teil abgeschnitten wurde.

Der Frechener Bach speiste sich aus mehreren Quellen, die die Teiche und Gräben von Burg Benzelrath füllten (1954 weggebaggert). Von dort floss er durch ein Tal im Ville-Abhang ostwärts, vorbei am Dorf Frechen, vorbei am Dorf Marsdorf, und ergoss sich beim Dorf Lind in einen Sumpf, wo er versickerte. Hier, im ehemaligen Rheinbett, ließen Kiesablagerungen das Wasser ins Grundwasser und weiter in den Rhein abfließen. Wo einst Sumpf war, liegt heute der Kölner Stadtwald.

Die fränkischen Siedlungsnamen enden oft auf „-heim“. So kann man an einigen Ortsnamen ablesen, wohin der Strom der Siedler damals floss. Der Zustrom nach Frechen hatte im Raum Neuß den Rhein überquert und floss weiter über Bachem (Bach-Heim!) bis in die Eifel (z.B. Blankenheim).

Keine Sicherheit haben wir über die Deutung des Namens „Frechen“. Die verschriftlichten Namensformen helfen nicht weiter: Die Schreibung „Frechen“ ist eine neuzeitliche Festlegung. Die lateinischen Versionen, z.B. „Frekena“ (877), wurden für Urkunden des Mittelalters gewählt und lateinischen Sprachformen angepasst.

Man muss auch auf den Klang des Namens in der Volkssprache achten: „Vreischem“ sagten die Alten, und in der mündlichen Überlieferung müssen wir am ehesten den ursprünglichen Namen suchen. Natürlich erkennt man leicht in der zweiten Silbe eine Verschleifung von „-heim“, wie bei „Bachem“. Manche meinten, nach keltischen Wörtern zur Erklärung des ersten Teils des Ortsnamens greifen zu müssen; so vermutete z.B. Rudolf Niemann darin einen Hinweis auf Heideland. Das erscheint mir jedoch wenig wahrscheinlich angesichts der fruchtbaren Böden im Umkreis des alten Dorfkerns von Frechen.

Die Franken setzten oft einen Namen, z.B. den Namen des Ortsgründers, in ihre Benennung der neuen Siedlung ein und hängten dann ein „-heim“ an. Im Fall von „Vreischem“ tappt die Forschung in dieser Hinsicht aber im Dunkeln. Man darf also weiter spekulieren: Wie wäre es mit der Herleitung aus der germanischen Göttin Freya? In oder bei Freya-Heim könnte es ein Heiligtum gegeben haben, an dem die Franken wegen der Fruchtbarkeit der Löß-Böden dankbar ihre Frühlings-, Fruchtbarkeits- und Liebesgöttin Freya verehrten. Dies ist eine von mehreren Vermutungen — zu schön, um wahr zu sein?

Keltische Namen in der Landschaft haben z.T. überlebt. Sie gingen nicht in jedem Fall durch fränkische Besiedlung verloren. So blieb der Name des flachen Höhenzuges bei Frechen erhalten: die Ville. Während man früher glaubte, diesen Namen auf die römischen Villae Rusticae (siehe Teil 1) zurückführen zu können, sieht man heute darin eine mögliche Übernahme der keltischen Bezeichnung für ein eingeschnittenes Bachtal. Solche gab und gibt es am Ostabhang der Ville.

Vorstellbar wäre: Fränkische Siedler, von Nordosten kommend, fragten Einheimische, wie denn der Höhenzug hieße; die Einheimischen glaubten, die mit Sack und Pack heranziehenden Franken wollten wissen, wo man am besten die Höhe ersteige, und zeigten auf ein Bachtal und sprachen von der „Ville“. Durch ein solches Missverständnis könnte die Bezeichnung „Ville“ auf den ganzen Höhenzug übertragen worden sein.

Etliche dieser Siedler wählten den fruchtbaren Boden in Bachnähe als neue Heimat, woraus sich das fränkische Dorf Frechen entwickelte. Da die römischen Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen teilweise zusammengebrochen waren und auch die nahe Römerstadt Köln ihre Bedeutung als Handelsplatz nahezu eingebüßt hatte, stattete ein fränkischer Herrscher aus der Sippe der Merowinger Frechen und einige andere Dörfer bzw. Ortschaften mit dem Status eines Freien Kaufdorfs aus.

Das Freie Kaufdorf war eine Sonderstellung, die manche fränkische Orte erhielten: Sie sollten die Funktion eines überörtlichen Handelszentrums erfüllen, wo landwirtschaftliche Produkte und handwerkliche Erzeugnisse angeboten und gekauft wurden. Hier konnte jeder, der wollte, Handel treiben oder ein Handwerk ausüben. Hier gab es im Unterschied zu vielen Orten, die später mit mittelalterlichem Stadtrecht zur Stadt erhoben wurden, keinen Zunftzwang und keine Handelsbeschränkungen. Frechen war also bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine Art Freihandelszone und ein Marktplatz.

Wir wissen nicht genau, wann in fränkischer Zeit Frechen diese Sonderstellung erhielt. Sie erwies sich aber als dauerhaft und blieb nicht nur das ganze Mittelalter über bestehen, sie überdauerte auch in der Neuzeit, bis die Franzosen 1802 das Linksrheinische annektierten, viele Überbleibsel des Mittelalters abschafften und ihre modernen Rechtsverhältnisse wie im übrigen Frankreich einführten.

Es gibt keine Urkunde über die Verleihung des Status Freies Kaufdorf, wir haben aber glücklicherweise die Aufzeichnung des Weistums aus dem 16. Jahrhundert, wo Frechen als Freies Kaufdorf definiert ist. Die Franken kannten von Hause aus keine schriftlichen Urkunden oder Verträge, es galt der Handschlag als Besiegelung und die Garantie durch Eid und Zeugen. So blieb auch im neu eroberten und teils neu besiedelten Frankenreich unter den Merowingern Vieles unbeurkundet. (Das führte in späterer Zeit zu allerlei Fälschungen, da man ohne Urkunde oft strittige Eigentumsverhältnisse nicht klären konnte.)

Doch schafften die Merowinger-Könige die Schriftlichkeit keineswegs ab, als sie in ehemals römische Gebiete eindrangen und die Herrschaft übernahmen. Entgegen früherer Vorstellungen stürzten die Franken auch keineswegs überall wohlorganisierte und hochzivilisierte, blühende Landschaften ins Chaos. Vielmehr erkannten fränkische Herrscher, wie wichtig im Durcheinander nach Völkerwanderungen und Eroberungen eine halbwegs funktionierende Verwaltung war. Und sie fanden in den Abteien und Bischofssitzen die Fachleute der Kirche, die sich mit so etwas auskannten — und machten sie zu ihren Fachkräften in Sachen Beurkundung, Archivierung, Kodifizierung des Rechts, und historischer Dokumentation. Dadurch überlebte auch die Kenntnis des Lesens und Schreibens, zunächst in lateinischer Sprache.

So brauchen wir uns nicht allzu sehr darüber zu wundern, dass der Frankenkönig Chlodwig, nicht nur wegen seiner dem christlichen Glauben anhängenden Ehefrau, dem Übertritt zum Christentum nicht abgeneigt war. Ob Legende oder nicht, den Sieg in der Schlacht bei Zülpich schrieb er der Hilfe des Christengottes zu, bekannte sich zum christlichen Glauben, und seine nächsten Gefolgsleute taten es ihm gleich (um 498). Wenn geplant, war das nicht ungeschickt: Seine Heerführer waren sicher durch einen Gott des Sieges leichter zu überzeugen.

Es war ein historischer, folgenreicher Schritt: Chlodwig und die Kirche gingen eine engere Bindung ein. Man fühlt sich an Kaiser Konstantin erinnert, der die christliche Kirche seit 313 als einigende Klammer seines Reiches nutzte. Chlodwig hatte aber damit noch lange kein christliches Reich; der Adel wurde zwar christlich, die Bevölkerung aber nur teilweise. Darum musste im Reich noch lange Zeit eifrig missioniert werden.

Im Kölngau, also dem Herrschaftsbereich eines fränkischen Grafen im Großraum Köln, war die Bevölkerung ebenfalls noch weitgehend „heidnisch“, d.h. sie verehrten germanische und keltische Gottheiten. Darum unterstützten Herrscher und Adlige die Kirche durch Stiftungen von Klöstern und Schenkungen von Landbesitz (und förderten durch solch „gottgefällige“ Taten auch ihr persönliches Seelenheil). In Ripuarien, wie das Land zwischen Rhein und Maas in fränkischen Quellen genannt wird, wurde also missioniert, wurden Kirchen und Klöster gebaut und das Christentum verkündet.

Etlicher Landbesitz in Frechen wurde in dieser Zeit einem Kloster in Nordfrankreich geschenkt. Die Abtei Saint-Bertin, gegründet von Audomar (mehr siehe: „Wie kam Audomar nach Frechen?“) erhielt diese Schenkung nicht nur aus lauter Frömmigkeit. Diese (nicht beurkundete) Schenkung hatte sicher auch den o.g. missionarischen Zweck. Und Saint-Bertin baute daraufhin die Dorfkirche in Frechen und weihte sie dem Klostergründer und Missionar, dem heiligen Audomar. Das war laut Beatus-Chronik um 750. Urkunden aus späteren Jahrhunderten des Mittelalters lassen den Schluss zu, dass von dieser „Mutterkirche“ aus weitere Kirchen und Kapellen in der Region gegründet wurden.

Junge Menschen des frühen 21. Jahrhunderts können sich das vielleicht nur schwer vorstellen: Die Dorfkirche war in früheren Zeiten der wahre Mittelpunkt des Ortes, das „öffentliche Leben“ spielte sich in und an der Kirche ab. In Frechen waren Sankt Audomar und der Kirchplatz das Dorfzentrum. Da dies die einzige Kirche in Frechen war und bis in die frühe Neuzeit blieb, mussten die Menschen z.T. lange Fußwege in Kauf nehmen, um am Gottesdienst teilzunehmen, sei es aus dem Oberdorf oder aus Hücheln — und das war eine Selbstverständlichkeit: Wer nicht aus der Gemeinschaft ausgestoßen sein wollte, fand sich sonntags beim Gottesdienst ein.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich im „Oberdorf“ ein zweiter Siedlungsschwerpunkt gebildet. Dazwischen lag an der Hauptstraße die Spiesburg, manchmal im Mittelalter als „die Frechener Burg“ tituliert, weil sie zwischen Ober- und Unterdorf lag, also aus späterer Sicht zentral.

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Tatsächlich gab es in Frechen mehrere Burgen, Rittersitze mit Landwirtschaft, umgeben von Wassergräben, die der Frechener Bach mit Wasser versorgte. Ihre Ursprünge liegen im 11. und 12. Jahrhundert. Entlang des Frechener Baches gab es Burg Benzelrath, die Spiesburg, dann von der Kirche abwärts Haus Hochsteden, Haus Rost/Palant, und Haus Vorst. Mit Burg Vogtsbell (in Buschbell) zählte die Herrschaft Frechen sogar sechs Burgen.

Königsdorf gehört heute zu Frechen, lag damals aber außerhalb der Herrschaft Frechen. Auch dort gab es eine Burg, vom Erzbischof als Zollburg an die Südseite der Aachener Straße gesetzt, wenige Meter vom Bach entfernt, der heute wie die Burg selbst verschwunden ist.

Das Dorf Bachem war eine eigene Herrschaft, dort fanden sich drei Rittersitze: Die Burg (Ober-)Bachem, Haus Bitz und Burg Hemmerich (siehe Karte oben). Bachem kam erst nach 1815, als das Rheinland Teil der preußischen Rheinprovinz wurde, zur Bürgermeisterei Frechen, 1927 wurden die Gemeinden Bachem und Buschbell nach Frechen eingemeindet. Frechen IMG_0578beantragte nun die Genehmigung eines IMG_0576Gemeindewappens, die 1928 erteilt wurde. Anschaulich für die Bevölkerung ließ man unter dem Dach des Rathaus-Aufgangs rechts das neue Wappen an die Wand malen, links gegenüber das Wappen der preußischen Rheinprovinz (Rheinpreußen).

Als Frechen am 2.9.1951 Stadt wurde, blieb man beim gewohnten Wappen. Eine gute Entscheidung, denn das Wappen nahm ja Bezug auf die Geschichte Frechens, und sein schmuckes Aussehen steht auch der Stadt gut zu Gesicht, nicht wahr?

Wappen

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 * „Soweit wir wissen“ müssen wir als Einschränkung zu vielen Aussagen über Geschichte eigentlich hinzudenken: Der Stand der Forschung ist oft nur ein vorläufiger, bis neue Funde gemacht und neue Erkenntnisse veröffentlicht werden (mehr >DIE BEATUS-CHRONIK, S. 93-98).

Über die Gründung von Frechen liegt jedenfalls nichts Schriftliches vor. Darum zählt Frechen wie viele andere Orte sein nachweisliches(!) Alter ab der „ersten urkundlichen Erwähnung“. Diese findet sich in einer Urkunde des Kaisers Karls des Kahlen aus dem Jahr 877. So feierte Frechen 1977 sein 1100jähriges Jubiläum, auch wenn das Dorf, inzwischen Stadt, wohl um die drei Jahrhunderte älter ist.

Einen gut nachvollziehbaren Überblick über die Entwicklung Frechens von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert gibt Egon Heeg in seinem Buch „Frechener Straßen“ (1984), S. 15-27.

W. R.

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Als Irland Westeuropas Kultur befruchtete

052Wenig bekannt ist vielen historisch Interessierten, dass es in Europa eine Zeit gab, in der weniger die Parole „Ex oriente lux“ (Aus dem Osten Licht) galt, sondern vielmehr die kulturelle Entwicklung und Weitergabe antiker Gelehrsamkeit sehr von der frühchristlichen Kultur Irlands beeinflusst und geprägt wurde.

Keltisches Hochkreuz, Irland, frühes Mittelalter

Keltisches Hochkreuz, Irland, frühes Mittelalter

Für die Zeit des angehenden Mittelalters sagt Geoffrey Ashe (1976) über Irland: „Soon Erin was the most cultured land of Western Europe: the only one, for instance, where any appreciable number knew Greek.“ Kein Wunder also, dass Missionare aus Irland nach Großbritannien und zum Kontinent ausschwärmten, Christentum und Kultur im Gepäck (s. auch Karten in: DIE BEATUS-CHRONIK, S. 159f.). In der Buchmalerei der westeuropäischen Klöster dominierte der ornamentale Stil der Iren, und Karl der Große betraute den in der irischen Tradition geschulten Alcuin von York mit kulturellen Projekten, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Vom sogenannten (!) „finsteren“ Mittelalter konnte also, was die Hochkultur und die Welt der Gelehrten anging, im Irland des frühen Mittelalters überhaupt keine Rede sein. Bei Ashe findet auch ein irischer Mönch Erwähnung „… named Ferghil or Virgil, [who] became bishop of Salzburg and caused a stir by teaching that the earth is round and that other inhabited worlds exist.“ Offenbar waren das Dinge, die Andere damals nicht zu denken wagten.

Ferghil hingegen brachte diese Gedanken aus seinen Studien antiker Literatur mit, die in Irlands Klöstern bewahrt und per Kopie vervielfältigt wurde. Später wurde in Europa Vieles davon als teuflisches Machwerk vernichtet, Abschriften antiker Texte auf Pergament wurden ausradiert und als Palimpsest mit christlicher Literatur neu beschrieben. Noch im Laufe des Mittelalters gingen so etliche Werke antiker Autoren verloren. Von vielen dieser Werke kennt man nur noch die Titel oder kurze Textstellen, die von anderen Autoren in erhaltenen Schriften zitiert wurden.

Die Beatus-Chronik wirft zu Beginn einen Blick auf die Rolle Irlands im frühen Mittelalter (DIE BEATUS-CHRONIK, S. 17). Dem Chronisten lag wohl daran, die Ursprünge einer Bildungs-Tradition darzustellen, in der auch die seinerzeit (um 1300) geplante Universitätsgründung in Frechen stehen sollte.

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Köln-Notizen #6

50Betr.: Historisches Archiv

Das war zu befürchten, doch leider bleibt sich die Politik des offiziellen Köln hier treu: Die Mehrheit im Stadtrat hat sich nicht besonnen und einer gewagten Sparprognose folgend am 18.07.2013 die „kleine Lösung“ des Archivneubaus beschlossen.

„Gewagt“ in zweifacher Hinsicht: Während Kritiker den finanziellen Nutzen des Sparbeschlusses in Frage stellen und monieren, dass der Spareffekt übertrieben, die Folgekosten des neuen Beschlusses dagegen heruntergerechnet worden seien, stöhnen Andere über den neuerlichen Imageschaden Kölns, das sich doch gern als „Kulturstadt“ mit weltstädtischem Flair darstellt.

Köln ist Kulturstadt eher dank des Engagements vieler seiner Bewohner und weniger dank weiser politischer Beschlüsse – dieser Eindruck drängt sich leider auf. Das Köln regierende Ensemble mag einiges vom Geld und viel von politischen Hakeleien und Sandkastengezänk verstehen, doch fehlt es einer Mehrheit anscheinend des öfteren an Sachkunde und mehr noch an Weitsicht. Und weltstädtisch? Köln wird in Sachen Archiv ja nicht einmal seiner Verantwortung gegenüber der Nation gerecht. (Siehe dazu auch den Artikel in der Süddeutschen Zeitung, nachzulesen auf www.archivkomplex.de)

Weitsicht und nachhaltiges Investieren scheinen nicht nur in der Kölner Politik inzwischen eher verpönt zu sein. Es dominiert die kurzfristige Kosten-Nutzen-Kalkulation sowohl im finanziellen Bereich als auch im politischen Alltagsgeschäft, das zuweilen einer Kabbelei im Kasperle-Theater ähnelt – mit einem Horizont, der nicht über den Tellerrand der nächsten Wahl hinausreicht. Zur Unterhaltung des Wahlpublikums wird dem politischen Gegner ab und zu ein Beinchen gestellt oder hinterrücks Sand ins Hemd gestreut, der sich dann als Sand im Getriebe auswirkt und wichtige Entscheidungen verhindert oder beeinträchtigt.

Liebe Politiker, das ist zuwenig! Ihr kostet uns auch Geld und finanziert teure Wahlkämpfe teils mit Steuermitteln – Wahlkämpfe, die wenig Substanz und Niveau erkennen lassen, und die von denkenden Wählern nicht ernst genommen werden können.

Ach – genug der Politikerschelte. Was dann? Ja, was wohl: Mischt Euch mehr ein und wartet nicht bis zu den Wahlen, um Eure Meinung da kundzutun, wo sie wahrgenommen wird!

W. R.

13g+

Köln-Notizen #5

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„Historiker entsetzt über Stadt Köln“, überschreibt der KStA von Dienstag, 16.07.2013, auf S.22 seinen Bericht über den Skandal um die Planung zum Neubau des Kölner Stadtarchivs. Aus der Presse-mitteilung nationaler Verbände von Archivaren und Historikern wird u.a. zitiert: „In einem unwürdigen Schauspiel begräbt die Stadt Köln ihr Stadtarchiv ein zweites Mal, diesmal im letztlich undurchschaubaren Gewirr ihrer Entscheidungen.“ Offenbar sei den Verantwortlichen die Tragweite ihrer Hinhaltepolitik in keiner Weise bewusst.

Wir haben zur Sache schon in den Köln-Notizen #1 berichtet, und unser Kommentar dort (neben dem Bild) hat leider weiterhin Gültigkeit.

W. R.

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Köln-Notizen #4

50Das zerbombte Köln 1945 – wer kennt sie nicht, diese Fotos von der verheerten Trümmerlandschaft, aus der nur der Dom scheinbar unversehrt herausragt? Die Innenstadt war nicht mehr wiederzuerkennen. Das Entsetzen steckte allen Kölnern in den Knochen, die den Krieg und seine Schrecken überlebt hatten und in ihre Heimatstadt zurückkehrten. Da war es für viele wohl ein zu großer seelischer Kraftakt, auch noch zuzugeben, dass sie die Katastrophe mitverschuldet hatten durch ihre Duldung oder Unterstützung des NS-Regimes.

Im Kölner Stadt-Anzeiger von heute, 08.07.2013, beschreibt Carl Dietmar ganzseitig den Umgang der Kölner mit dieser seelischen Belastung. Insbesondere geht er der Frage nach, wie es zu der Nachkriegslegende kam, Köln sei ein Hort des Widerstandes gewesen, in dieser Stadt habe es stärkere Vorbehalte gegen Hitler gegeben als in vielen anderen deutschen Großstädten. Dietmar stellt fest:

Die überwiegende Mehrheit der Kölner hat die NS-Herrschaft, wenn auch unter beispiellosem systemimmanentem und kollektiven Druck, mehr oder weniger widerspruchslos hingenommen – oder angepasst mitgetragen.

Im anschließenden Gespräch Dietmars mit Werner Jung, dem Leiter des Kölner NS-Dokumentationszentrums, liest man, dass die Aufarbeitung von Schuld bei der großen Masse schnell in den Hintergrund gedrängt wurde, weil man den Aufbau eines neuen, demokratischen Gemeinwesens angehen musste und nicht Millionen von „Belasteten“ wegen ihrer Parteimitgliedschaft in der NSDAP einfach ausschließen konnte: Es bestand eine personelle Kontinuität in fast allen Bereichen, und diese Kontinuität machte dann, erst recht in der Phase von Kaltem Krieg und Wirtschaftswunder, das konsequente Verdrängen der Vergangenheit möglich.

Carl Dietmar hat in einem früheren Artikel schon gezeigt, dass man im Kölner Karneval diese Widerstandslegende pflegte und dabei verdrängte, wie wenig tatsächlich der Vereinnahmung durch die Nazis entgegengesetzt wurde, und das auch eher nur im organisatorischen, formalen Bereich.

Wir, die wir heute in bequemer Distanz, mit mehr Hintergrundinformation und in einem völlig anderen gesellschaftlichen und politischen Umfeld urteilen können, sollten uns nicht zu einer schnellen, hämischen Verurteilung der damals erwachsenen Menschen hinreißen lassen. Verdrängung von unbequemer oder kaum zu ertragender seelischer Belastung ist ein menschliches Phänomen, das wahrlich nicht auf Köln oder die Nachkriegszeit beschränkt ist.

Noch in den Jahren um 2000 regten sich viele, vor allem ältere Deutsche über die damalige Wehrmachtsausstellung auf, die der Beteiligung regulärer Soldaten (nicht SS etc.) an Gräueltaten und Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg besondere Aufmerksamkeit widmete und damit der Legende entgegentrat, die Wehrmacht sei „sauber“ geblieben und habe sich nicht in die Verbrechen des Regimes verstrickt.

Das ist nicht auf Deutschland beschränkt, Menschen in anderen Ländern verdrängen solch unbequeme Wahrheiten auch ganz gern. Das ist z.T. eine Folge der üblichen Kriegspropaganda: Unsere Jungs kämpfen auf der richtigen Seite, wir sind die „Guten“, dagegen die zu Feinden erklärten Anderen die „Bösen“. Dieses Schwarz-Weiß-Schema ist eine Beleidigung für jeden intakten Verstand, hilft aber dem Oberkommando bei der Emotionalisierung der eigenen Bevölkerung, die dabei ihre eigene Erfahrung und Menschenkenntnis vergessen soll.

Als z.B. eine Fernseh-Dokumentaton der BBC über das Massaker von Srebenica (1995) nach 2000 im serbischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, ging ein Aufschrei der Empörung durch das Land: Unsere jungen Helden haben so etwas nicht getan — sie haben nur für die heilige serbische Nation gekämpft!

Es hat einige Zeit gedauert, bis verständige Leute wenigstens einen Teil ihrer serbischen Landsleute davon überzeugen konnten, zumindest einen Teil dieser Verbrechen für wahr zu halten: Serbische Soldaten (bzw. Milizionäre) unter dem Kommando des Generals Mladic hatten ca. 8000 unbewaffnete männliche Personen aus Srebenica mitgenommen und auf einem Marsch im Gelände umgebracht (Näheres >Wikipedia >Massaker von Srebenica). Mladic befahl diese Aktion gezielt, um Feindschaft zu vertiefen und spätere Versöhnung zu torpedieren.

Menschen laden bisweilen Schuld auf sich, indem sie unkritisch einer Fahne hinterherlaufen und ihren Verstand ebenso wie ihren Fähigkeit zum Mitgefühl (Empathie) zurücklassen. Falls sie später Verstand und Empathie wiederfinden und zur Einsicht kommen, finden sie meist selbst schrecklich, wozu sie sich haben hinreißen lassen, und verdrängen es. Wenn nicht, zerbrechen sie an ihrer Schuld — oder bleiben fanatische Rechtfertiger der unter dieser Fahne begangenen Missetaten.

Der sinnvolle Weg zur Heilung dessen, was sich nicht ungeschehen machen lässt, ist die Aufarbeitung der Schuld, indem man sich den Tatsachen stellt, indem man, statt totzuschweigen, im Gespräch das Belastende benennt, sich damit auseinandersetzt, und lernt, damit zu leben. Das hört sich leichter an, als es für Betroffene ist. Darum flüchten Viele lieber in die Verdrängung. So gibt es z.B. immer noch Menschen, die den Holocaust leugnen oder die Zahl der Opfer nicht anerkennen wollen. Sie erkennen nicht einmal, dass sie selbst Opfer sind — von Täuschung und Selbsttäuschung.

Sich den Tatsachen stellen heißt auch: Wahrhaben, dass man Mitmenschen Empathie und menschliche Solidarität verweigert hat, dass man sie als „Feinde“ entmenschlicht und sie kaltherzig zu Opfern gemacht hat. Und dass man damit sich selbst ein Stück Menschlichkeit genommen hat.

W. R.

13g+

Wie Frechen entstand (1)

48

Frekena

Die Anfänge liegen, wie bei vielen anderen Orten, im Dunkeln. Die Beatus-Chronik berichtet mit Berufung auf Gerlacus und Fredegar in wenigen Sätzen über Frechens Geschichte vor und während der Römerzeit.

Noch weiter zurückreichende Siedlungsspuren hat die Archäologie gefunden: Aus der Steinzeit stammen Spuren am Sandberg, aus der Jungsteinzeit Reste eines Dorfes von Bandkeramikern am Frechener Bach zwischen Stüttgenhof und dem Militärring. Über diese Menschen weiß man wenig, benannt wurden sie von Forschern aufgrund der von ihnen zurückgelassenen Reste von gebranntem Tongeschirr, das mit Schnur- und Bandmustern verziert war. Man ist heute vorsichtig damit, allein dies als Indiz Tal des Fre.Baches hint. Stüttgenhofdafür zu werten, dass alle Bandkeramiker der gleichen Volksgruppe zugerechnet werden könnten, während man früher noch annahm, man könnte „die Bandkeramiker“ als ein überall dort siedelndes Volk annehmen, wo diese Keramikreste auftauchten.

Nebenstehendes Foto zeigt den Blick aus der nach Köln fahrenden Linie 7 zum Tal des Frechener Baches, wo die Archäologen in den 1920er Jahren gruben. Den Ort für ihr Dorf hatten die Erbauer nahe dem lebenswichtigen Wasser gewählt, ihn aber etwas höher gelegt wegen möglicher Hochwasser. Wo die Bahngleise den festen Fußweg kreuzen, rollt die Bahn durch einen Teil des früheren Dorfbereiches. In den Geschichtsbüchern nennt man es das „jungsteinzeitliche Dorf von Köln-Lindenthal“.

Diese Siedlung wurde, wie man früher annahm, mehrfach verlassen und wieder in Benutzung genommen. Möglicherweise deutet dies darauf hin, dass seine Bewohner zwar schon an der Schwelle zur Sesshaftigkeit standen, aber dennoch zeitweise umherwanderten, wenn sie sich in der Umgebung ihrer Siedlung nicht ausreichend ernähren konnten oder mit ihrem Vieh weiter entfernte Weidegründe aufsuchten. Allgemein sieht die Forschung bekanntlich die Menschen in der Jungsteinzeit (=Neolithikum) die „neolithische Revolution“ vollziehen, d.h. sie gehen vom Nomadendasein mit Viehherden allmählich zur Ansiedlung mit Ackerbau über und werden Bauern.

Inzwischen neigt die Forschung zu der Ansicht, nicht das Dorf sei zeitweise verlassen und wieder bewohnt gewesen, vielmehr habe man in langen zeitlichen Abständen die Häuser an anderer Stelle im Dorf neu errichtet, aber während dieser Zeit das Dorf nicht aufgegeben.

Das Dorf der Bandkeramiker war längst von der Erdoberfläche verschwunden, als keltische Stämme in Rheinland und Voreifel siedelten. Genaueres weiß man eigentlich aus schriftlichen Quellen nicht, ausgenommen den Bericht des Eroberers Cäsar (De Bello Gallico – Vom Gallischen Krieg). Er interessierte sich vorrangig für wirtschaftlich entwickelte Gebiete, wo nicht nur reiche Beute winkte, sondern auch saftige Steuern erhoben werden konnten. So verzichtete er auf Eroberungen in den Wäldern Germaniens und hielt sich mehr an das relativ dicht besiedelte Gallien und das heutige Belgien.

Die keltischen Eburonen, die zwischen Rhein und Maas siedelten, wollten aber nicht einfach unter römische Oberhoheit kommen. Unter ihrem Anführer Ambiorix lockten sie die Besatzung des römischen Winterquartiers mitten in ihrem Gebiet aus dem Lager und – ähnlich wie später Arminius die Legionen des Varus – in einen Hinterhalt: Die römische Legion wurde in einem Tal überfallen und niedergemacht. Das provozierte die übliche Reaktion römischer Feldherren: In einer „Strafexpedition“ brach eine römische Übermacht ins Land der Eburonen ein und metzelte alles nieder, verbrannte die Häuser und rottete diesen Volksstamm nahezu aus.

Römische Feldherren und Politiker – Cäsar war beides – verstanden dies als „abschreckendes Beispiel“ für alle, die die Absicht hatten, sich ihrem Willen zu widersetzen und Aufstände anzuzetteln. Zur Ehrenrettung der Römer muss man aber erwähnen, dass solche Gewaltorgien des Militärs auch auf Kritik stießen. In einem anderen Fall wurde Cäsar im römischen Senat dafür scharf kritisiert, seine Gegner forderten sogar, ihm das Kommando zu entziehen. Cäsar war geschickt und politisch gut genug vernetzt, um solche Versuche abzuwehren.

Die Römer wollten nun das Eburonen-Land nicht nahezu menschenleer lassen. Da kamen ihnen die rechtsrheinisch lebenden Ubier gerade recht: Diese baten die Römer um Unterstützung gegen Nachbarstämme, von denen sie bedrängt wurden. Die Römer, wie gesagt, waren aber zumindest zu diesem Zeitpunkt wenig am rechtsrheinischen Germanien interessiert. Deshalb holte der Befehlshaber Agrippa die Ubier, von ihren Nachbarn als Römerfreunde verschrien, über den Rhein ins entvölkerte Eburonenland.

Ubier besiedelten als treue römischen Untertanen das linksrheinische Rheinland, bevorzugt die Ebenen entlang des Rheins, und den von den Römern bestimmten Ort auf einem hochwassersicheren Plateau 48cam Rhein, der zunächst Oppidum Ubiorum (Ortschaft der Ubier) hieß und später zur römischen Siedler-Stadt (colonia) hochgestuft wurde, besser bekannt unter ihrem neuen Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium, von der römischen Verwaltung abgekürzt mit CCAA.

Die römische Macht wurde an der Germanengrenze durch Legionslager gesichert. Die im Oppidum Ubiorum stationierten Soldaten wurden bald nach Neuß und Bonn verlegt, südlich der Siedlung entstand ein Stützpunkt der römischen Rheinflotte. Die bekannten, meist schnurgerade durchs Land geführten Römerstraßen verbanden Legionslager und Städte und machten schnelle Truppenverlegungen möglich. Von CCAA führte u.a. eine Fernstraße nach Westen durch das heutige Königsdorf über Jülich bis zum heutigen Boulogne an der Kanalküste, eine Nebenstrecke bog vor den Mauern Kölns nach Südwesten ab und führte durch das heutige Frechen (Alte Straße) und westwärts über Kerpen und Düren nach Aquae Sextiae (Aachen).

Aus römischer Zeit gibt es auch in Frechen Reste von Gebäuden, und Gräber. Sie werden den Landgütern (villae rusticae) zugeordnet, die im Umland der Römerstadt Landwirtschaft betrieben und Köln mit Nahrungsmitteln belieferten. Jüngst wurden in Königsdorf (In der Widdau) Reste einer Villa Rustica untersucht, einige Funde waren 06 Öllampe Bronze, Grabbeig.in einer Ausstellung im Stadtarchiv Frechen zu sehen, wie die hier abgebildete bronzene Öllampe in Gestalt einer Sandale mit Fuß – ein recht seltener Fund aus römischer Zeit nördlich der Alpen. Am Rathaus kann man zwei römische Steinsärge besichtigen, die zwischen Frechen und Haus Vorst gefunden wurden. Hier könnte der Begräbnisplatz einer Villa Rustica an der Bonnstraße gelegen haben, von der Reste gefunden wurden. Außerdem fand man in Frechens Erde auch Reste einer Villa Rustica am Herbertskaul. Wir müssen annehmen, dass Einiges (zum Kummer vor Allem der Archäologen) untergepflügt, überbaut oder von Raubgräbern und Grabräubern entwendet wurde – wie leider an vielen anderen Orten auch.

Nebenstehendes Foto zeigt die oben erwähnten Steinsärge am Rathaus. Sie waren erst kurzIMG_0580 vor ihrer Bergung von einem Grabräuber heimgesucht worden – was bedeutet, dass wertvolle Hinweise und der Fundzusammenhang ge- oder zerstört wurden. Während der Grabräuber vielleicht Fundstücke für ein paar Euro auf dem Schwarzmarkt verscherbeln kann, entsteht uns Allen ein Verlust: Uns wurde eine Möglichkeit gestohlen, mehr über Frechens Vergangenheit in der Römerzeit zu erfahren.

Von einer Ortschaft Frechen kann man zur Römerzeit nicht sprechen, da wir nur von verstreut liegenden Villae Rusticae wissen. Die Landgüter der Römer (oft gebaut von Veteranen des römischen Militärs, die sich den Traum vom Landleben als Pensionäre erfüllten) lagen bevorzugt nahe der Verkehrswege, also der Römerstraßen, auf denen die landwirtschaftlichen Produkte geradewegs zum Markt in Köln transportiert werden konnten. Das in Königsdorf untersuchte Gut lag nur einen guten Steinwurf entfernt von der Fernstraße Köln-Boulogne (Via Belgica). Andere lehnten sich an die erwähnte Straße Köln-Düren-Aachen an.

Die Straßen brachten auch Rohstoffe nach Köln: Frechener Quarzsand wurde in Kölner Glaswerkstätten verarbeitet. Spezialisten stellten dort die kunstvollen Diätret-Gläser her. Man kann wenige erhaltene im Römisch-Germanischen Museum in Köln sehen.

In den unsicheren Zeiten des frühen 4. Jahrhunderts, als germanische Stämme über den Rhein in römisches Gebiet eindrangen und zunächst „nur“ plünderten und brandschatzten, verließen einige römische Besitzer ihre Güter, andere versuchten, ihre Hofanlage mit Befestigungen bzw. einem Fluchtturm (Burgus) zu schützen. Als sich dann aber verschiedene Stämme zu ganzen Verbänden zusammenschlossen, die man unter dem Namen „Franken“ kennt, da wurde es für die Römer brenzlig: Erst nahmen die Franken vorübergehend Köln ein. Später, im 5. Jahrhundert, kamen sie in großer Zahl über den Rhein, um zu bleiben und sich geeignete Siedlungsplätze zu suchen.

Wie ging der Wechsel der Herrschaft vor sich? Die römische Macht bröckelte infolge der wandernden, in römische Gebiete eindringenden Stämme und Völker, militärisch konnte man ohne germanische Hilfstruppen dieser Flut nicht mehr Herr werden. Die römische Armee hatte schon lange Germanen in Dienst genommen und germanische Einheiten aufgestellt. Außerdem wurden verbündete Stämme in die Verteidigungsoperationen einbezogen. Germanen waren also schon im Rheinland präsent, nämlich als Teil römischer Legionen.

Als römische Truppen zur Verteidigung der Kernlande des Reiches abgezogen wurden und es auf den Verbindungsstraßen teilweise drunter und drüber ging, kamen die Soldzahlungen nicht mehr im Rheinland an, sodass die auf sich selbst gestellten germanischen Truppeneinheiten kurzerhand die Macht übernahmen. Es war weniger eine Eroberung, eher eine Übernahme der Provinz Germania Inferior (Niedergermanien). Familien und entfernte Stammesverwandte zogen nach und besiedelten die teils entvölkerten Gebiete im Rheinland.  —  (Forts.: Teil 2)

W. R.  13g+

Köln-Notizen #3

50Die Stadt Köln hat vom Mittelalter bis ins späte 19. Jahrhundert ein Raumproblem gehabt, oder besser: Es mangelte ihr an einem eigenen Territorium, einem eigenem Um- bzw. Hinterland.

Und kaum hatte sie in den 1880er Jahren die ersten Stadterweiterungen vollzogen, indem sie die vor ihren Toren gelegenen Dörfer wie Ehrenfeld, Longerich und Müngersdorf eingemeindete, da wurde schon die nächste Erweiterung durch Eingemeindung ins Auge gefasst, sodass sich das Kölner Stadtgebiet im frühen 20. Jahrhundert erheblich nach Norden und Osten vergrößerte.

1945 gab es Pläne, weiter nach Westen bis nach Frechen auszugreifen, was die Alliierten damals aber nicht genehmigten. Erst 1975 konnte Köln sein Stadtgebiet im Westen bis an die Autobahn A4 vorschieben. Und weiter wuchsen die Begehrlichkeiten: 2010 wurde wieder verlautet, Köln brauche weitere Flächen des Umlandes als Bauland und Gewerbegebiet, nämlich von Pulheim, Frechen und Hürth. Und wer weiß, was erst wird, wenn Köln seinen Plan verwirklicht, den Großmarkt nach Marsdorf zu verlegen? (siehe auch: DIE BEATUS-CHRONIK, S. 115)

W. R. 13g+

Wie war das noch – Epochen der Geschichte

052Mittelalter, Frühes, Hoch-, Spät- … Wann, und wie lange, und was tat sich da? Viele von uns wissen viel, aber sie wissen nicht immer, wie sie es einordnen und in einen zeitlichen Zusammenhang oder eine Abfolge bringen sollen. Diese Unsicherheit kann hier beseitigt und Klarheit geschaffen werden! Also zur Sache:

MITTELALTER ist ein Begriff, den das Mittelalter selbst nicht kannte. Erst einige Zeit nach dieser Epoche, die man gemeinhin um 1500 enden lässt, kamen Gelehrte auf die Idee, die ganze, jahrhundertelange Zeit vor ca. 1500 unter einen Begriff zu fassen. Sie glaubten, ihre Zeit der Wiedergeburt antiker Kultur (Renaissance und Humanismus) sei besonders hochstehend, während die Zeit davor, zwischen griechisch-römischer Antike und ihrer Gegenwart, nur eine eher dunkle Zwischenepoche gewesen sei, kulurell geringwertiger. Das sah dann als Epocheneinteilung so aus:

Antike bis ca. 500 n. Chr.

Mittelalter ca. 500 bis ca. 1500 n. Chr.

Neuzeit ab ca. 1500 n. Chr.

Diese Epocheneinteilung ist das heute meist verwendete Schema, aber die Gelehrten waren sich lange Zeit uneins über die Epochengrenzen, vor allem über den Übergang von der Antike zum Mittelalter. Manche wollten das Mittelalter erst mit der Kaiserkrönung Karls des Großen (800) beginnen lassen, andere viel früher, schon mit Beginn der germanischen Völkerwanderung um 375 n. Chr., und manche sahen sogar schon in dem Jahr des Toleranzedikts Kaiser Konstantins (312) eine Epochenwende zu einem „christlichen Mittelalter“. Man hat sich inzwischen weitgehend darauf geeinigt, dass ein Markstein der Epochenwende die Abdankung des letzten weströmischen Kaisers im Jahre 476 sei.

Wo auch immer man die Grenzen festlegt, das Mittelalter als Epoche entzieht sich einfachen Charakteristika und ist keineswegs eine in sich geschlossene Epoche, weder kulturell noch politisch: Nicht nur an den Epochengrenzen, sondern auch innerhalb dieser 1000 Jahre verändert sich Europa. Und nur auf Europa lässt sich dieses Epochenschema anwenden; in der Weltgeschichte haben sich die Kontinente und Regionen unterschiedlich entwickelt und müssen daher für sich betrachtet werden.

Bezogen auf Europa taugt eine solche Epocheneinteilung dazu, Ereignisse und Entwicklungen zeitlich ein- oder einander zuzuordnen. Man sagt „Mittelalter“ und weiß, dass man nicht über einen Zeitpunkt um 1600 oder um 300 redet. Aber zur genaueren Periodisierung der Geschichte des Mittelalters fand man weitere Unterteilungen sinnvoll. So hat man Teilepochen benannt:

Frühes Mittelalter ca. 500 bis ca. 1000

Hochmittelalter ca. 1000  bis 1250

Spätes Mittelalter 1250 bis ca. 1500

Auch hier finden sich nicht alle Historiker auf einer Linie, was den Übergang vom frühen zum Hochmittelalter betrifft. Diese Divergenzen rühren aus der Betrachtung einzelner Fachrichtungen her: Je nach Teilbereich, den ein Historiker untersucht, erscheinen ihm evtl. bestimmte Dinge bezeichnender für eine Epoche oder Teilepoche als andere. Aber in der Fachliteratur wird heute meist auf das oben gezeigte Schema Bezug genommen.

Dass man überhaupt ein solches Epochenschema entwickelte, ist schon bemerkenswert: Hier zeigt sich ein fundamentaler Wandel im Weltbild der Gelehrten. Denn wie teilte man zuvor die Zeitläufte ein? Es galt ein von der Religion, von Angaben in der Bibel bestimmtes Welt- und Geschichtsbild. Und in diesem war „Geschichte“ kein abgeschlossenes Wissensgebiet und keine selbständige Wissenschaft. Geschichte nach unserem heutigen Verständnis gab es gar nicht, weil es nur die in der Bibel vorgezeichnete Heilsgeschichte der Welt gab.

Das christliche Weltbild kannte drei Epochen der Heilsgeschichte: 1. die Zeit des Alten Testaments, 2. die Zeit des Neuen Testaments, und 3. die Zeit danach bis zum Jüngsten Gericht, bei dem Christus wiederkehren und auf seinem Richterstuhl Platz nehmen werde, um die Seelen der Menschen zu richten. Endzweck der Welt- bzw. Heilsgeschichte war also der Übertritt der Mernschen je nach persönlicher Lebensführung auf Erden ins Ewige Leben, als Seliger im Himmel oder Verdammter in der Hölle. (Wir lassen Feinheiten wie das Fegefeuer hier beiseite.)

Dieser Heilsgeschichte war der Gedanke einer Entwicklung in der Geschichte fremd. Man sah gar keinen Sinn in der Betrachtung historischer Entwicklungen, denn wichtig war nur das Seelenheil, das der Einzelne auf der irdischen Pilgerreise anstrebte. Der mittelalterliche Mensch lebte also, wie noch Luther es ausdrückte, im „irdischen Jammertal“ und hoffte auf Erlösung und Auferstehung im Himmel. Luther quälte sich lange mit der für ihn existentiellen Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ Für die aufständischen Bauern hatte er kein Verständnis.

Dennoch ist das Jahr 1517, der Beginn der Reformation mit Luthers Thesenveröffentlichung zur Kirchenreform, ein Epochenjahr an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. In der Kirchen- und Mentalitätsgeschichte Europas vollzieht sich in der Folge ein Wandel.

53a

Wer sich schwerpunktmäßig mit Sozialgeschichte befasst, der muss jedoch feststellen: Für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung, die auf dem Lande lebte, änderte sich mit dem Übergang in die Neuzeit so gut wie nichts. Mit dem Scheitern der Bauernaufstände 1525 verfestigten sich in Deutschland eher noch die Abhängigkeiten der Bauern von den feudalen Grundherren. Erst mit der Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert, als in Teilen Europas im Gefolge der Französischen Revolution feudale Herrschaftsverhältnisse und mittelalterliche Abhängigkeiten aufgelöst wurden, gab es für das Gros der Bevölkerung spürbare Veränderungen und ein tatsächliches Ende des Mittelalters.

W. R.

13g+