Archiv für den Monat: Juli 2013

Wie Frechen entstand (2)

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Frekena

Mit der Einwanderung fränkischer Siedler ins Linksrheinische kam die Wende in der Entwicklung Frechens. Nun entstand, soweit wir wissen*, erstmals eine dörfliche Siedlung. Die Franken übernahmen selten eine Villa Rustica, viel lieber bauten sie sich neue Höfe und Siedlungen. Den Siedlungskern Frechens wählten sie da, wo der Kirchplatz später die Ortsmitte markierte. …

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13g+

 

Als Irland Westeuropas Kultur befruchtete

052Wenig bekannt ist vielen historisch Interessierten, dass es in Europa eine Zeit gab, in der weniger die Parole „Ex oriente lux“ (Aus dem Osten Licht) galt, sondern vielmehr die kulturelle Entwicklung und Weitergabe antiker Gelehrsamkeit sehr von der frühchristlichen Kultur Irlands beeinflusst und geprägt wurde.

Keltisches Hochkreuz, Irland, frühes Mittelalter

Keltisches Hochkreuz, Irland, frühes Mittelalter

Für die Zeit des angehenden Mittelalters sagt Geoffrey Ashe (1976) über Irland: „Soon Erin was the most cultured land of Western Europe: the only one, for instance, where any appreciable number knew Greek.“ Kein Wunder also, dass Missionare aus Irland nach Großbritannien und zum Kontinent ausschwärmten, Christentum und Kultur im Gepäck (s. auch Karten in: DIE BEATUS-CHRONIK, S. 159f.). In der Buchmalerei der westeuropäischen Klöster dominierte der ornamentale Stil der Iren, und Karl der Große betraute den in der irischen Tradition geschulten Alcuin von York mit kulturellen Projekten, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Vom sogenannten (!) „finsteren“ Mittelalter konnte also, was die Hochkultur und die Welt der Gelehrten anging, im Irland des frühen Mittelalters überhaupt keine Rede sein. Bei Ashe findet auch ein irischer Mönch Erwähnung „… named Ferghil or Virgil, [who] became bishop of Salzburg and caused a stir by teaching that the earth is round and that other inhabited worlds exist.“ Offenbar waren das Dinge, die Andere damals nicht zu denken wagten.

Ferghil hingegen brachte diese Gedanken aus seinen Studien antiker Literatur mit, die in Irlands Klöstern bewahrt und per Kopie vervielfältigt wurde. Später wurde in Europa Vieles davon als teuflisches Machwerk vernichtet, Abschriften antiker Texte auf Pergament wurden ausradiert und als Palimpsest mit christlicher Literatur neu beschrieben. Noch im Laufe des Mittelalters gingen so etliche Werke antiker Autoren verloren. Von vielen dieser Werke kennt man nur noch die Titel oder kurze Textstellen, die von anderen Autoren in erhaltenen Schriften zitiert wurden.

Die Beatus-Chronik wirft zu Beginn einen Blick auf die Rolle Irlands im frühen Mittelalter (DIE BEATUS-CHRONIK, S. 17). Dem Chronisten lag wohl daran, die Ursprünge einer Bildungs-Tradition darzustellen, in der auch die seinerzeit (um 1300) geplante Universitätsgründung in Frechen stehen sollte.

-SR-13g+

Köln-Notizen #6

50Betr.: Historisches Archiv

Das war zu befürchten, doch leider bleibt sich die Politik des offiziellen Köln hier treu: Die Mehrheit im Stadtrat hat sich nicht besonnen und einer gewagten Sparprognose folgend am 18.07.2013 die „kleine Lösung“ des Archivneubaus beschlossen.

„Gewagt“ in zweifacher Hinsicht: Während Kritiker den finanziellen Nutzen des Sparbeschlusses in Frage stellen und monieren, dass der Spareffekt übertrieben, die Folgekosten des neuen Beschlusses dagegen heruntergerechnet worden seien, stöhnen Andere über den neuerlichen Imageschaden Kölns, das sich doch gern als „Kulturstadt“ mit weltstädtischem Flair darstellt.

Köln ist Kulturstadt eher dank des Engagements vieler seiner Bewohner und weniger dank weiser politischer Beschlüsse – dieser Eindruck drängt sich leider auf. Das Köln regierende Ensemble mag einiges vom Geld und viel von politischen Hakeleien und Sandkastengezänk verstehen, doch fehlt es einer Mehrheit anscheinend des öfteren an Sachkunde und mehr noch an Weitsicht. Und weltstädtisch? Köln wird in Sachen Archiv ja nicht einmal seiner Verantwortung gegenüber der Nation gerecht.

Weitsicht und nachhaltiges Investieren scheinen nicht nur in der Kölner Politik inzwischen eher verpönt zu sein. Es dominiert die kurzfristige Kosten-Nutzen-Kalkulation sowohl im finanziellen Bereich als auch im politischen Alltagsgeschäft, das zuweilen einer Kabbelei im Kasperle-Theater ähnelt — mit einem Horizont, der nicht über den Tellerrand der nächsten Wahl hinausreicht. Zur Unterhaltung des Wahlpublikums wird dem politischen Gegner ab und zu ein Beinchen gestellt oder hinterrücks Sand ins Hemd gestreut, der sich dann als Sand im Getriebe auswirkt und wichtige Entscheidungen verhindert oder beeinträchtigt.

Liebe Politiker, das ist zuwenig! Ihr kostet uns auch Geld und finanziert teure Wahlkämpfe teils mit Steuermitteln — Wahlkämpfe, die wenig Substanz und Niveau erkennen lassen, und die von denkenden Wählern nicht ernst genommen werden können.

Ach — genug der Politikerschelte. Was dann? Ja, was wohl: Mischt Euch mehr ein und wartet nicht bis zu den Wahlen, um Eure Meinung da kundzutun, wo sie wahrgenommen wird!

W. R.

13g+

Köln-Notizen #5

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„Historiker entsetzt über Stadt Köln“, überschreibt der KStA von Dienstag, 16.07.2013, auf S.22 seinen Bericht über den Skandal um die Planung zum Neubau des Kölner Stadtarchivs. Aus der Presse-mitteilung nationaler Verbände von Archivaren und Historikern wird u.a. zitiert: „In einem unwürdigen Schauspiel begräbt die Stadt Köln ihr Stadtarchiv ein zweites Mal, diesmal im letztlich undurchschaubaren Gewirr ihrer Entscheidungen.“ Offenbar sei den Verantwortlichen die Tragweite ihrer Hinhaltepolitik in keiner Weise bewusst.

Wir haben zur Sache schon in den Köln-Notizen #1 berichtet, und unser Kommentar dort (neben dem Bild) hat leider weiterhin Gültigkeit.

W. R.

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Köln-Notizen #4

50Das zerbombte Köln 1945 – wer kennt sie nicht, diese Fotos von der verheerten Trümmerlandschaft, aus der nur der Dom scheinbar unversehrt herausragt? Die Innenstadt war nicht mehr wiederzuerkennen. Das Entsetzen steckte allen Kölnern in den Knochen, die den Krieg und seine Schrecken überlebt hatten und in ihre Heimatstadt zurückkehrten. Da war es für viele wohl ein zu großer seelischer Kraftakt, auch noch zuzugeben, dass sie die Katastrophe mitverschuldet hatten durch ihre Duldung oder Unterstützung des NS-Regimes.

Im Kölner Stadt-Anzeiger von heute, 08.07.2013, beschreibt Carl Dietmar ganzseitig den Umgang der Kölner mit dieser seelischen Belastung. Insbesondere geht er der Frage nach, wie es zu der Nachkriegslegende kam, Köln sei ein Hort des Widerstandes gewesen, in dieser Stadt habe es stärkere Vorbehalte gegen Hitler gegeben als in vielen anderen deutschen Großstädten. Dietmar stellt fest:

Die überwiegende Mehrheit der Kölner hat die NS-Herrschaft, wenn auch unter beispiellosem systemimmanentem und kollektiven Druck, mehr oder weniger widerspruchslos hingenommen – oder angepasst mitgetragen.

Im anschließenden Gespräch Dietmars mit Werner Jung, dem Leiter des Kölner NS-Dokumentationszentrums, liest man, dass die Aufarbeitung von Schuld bei der großen Masse schnell in den Hintergrund gedrängt wurde, weil man den Aufbau eines neuen, demokratischen Gemeinwesens angehen musste und nicht Millionen von „Belasteten“ wegen ihrer Parteimitgliedschaft in der NSDAP einfach ausschließen konnte: Es bestand eine personelle Kontinuität in fast allen Bereichen, und diese Kontinuität machte dann, erst recht in der Phase von Kaltem Krieg und Wirtschaftswunder, das konsequente Verdrängen der Vergangenheit möglich.

Carl Dietmar hat in einem früheren Artikel schon gezeigt, dass man im Kölner Karneval diese Widerstandslegende pflegte und dabei verdrängte, wie wenig tatsächlich der Vereinnahmung durch die Nazis entgegengesetzt wurde, und das auch eher nur im organisatorischen, formalen Bereich.

Wir, die wir heute in bequemer Distanz, mit mehr Hintergrundinformation und in einem völlig anderen gesellschaftlichen und politischen Umfeld urteilen können, sollten uns nicht zu einer schnellen, hämischen Verurteilung der damals erwachsenen Menschen hinreißen lassen. Verdrängung von unbequemer oder kaum zu ertragender seelischer Belastung ist ein menschliches Phänomen, das wahrlich nicht auf Köln oder die Nachkriegszeit beschränkt ist.

Noch in den Jahren um 2000 regten sich viele, vor allem ältere Deutsche über die damalige Wehrmachtsausstellung auf, die der Beteiligung regulärer Soldaten (nicht SS etc.) an Gräueltaten und Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg besondere Aufmerksamkeit widmete und damit der Legende entgegentrat, die Wehrmacht sei „sauber“ geblieben und habe sich nicht in die Verbrechen des Regimes verstrickt.

Das ist nicht auf Deutschland beschränkt, Menschen in anderen Ländern verdrängen solch unbequeme Wahrheiten auch ganz gern. Das ist z.T. eine Folge der üblichen Kriegspropaganda: Unsere Jungs kämpfen auf der richtigen Seite, wir sind die „Guten“, dagegen die zu Feinden erklärten Anderen die „Bösen“. Dieses Schwarz-Weiß-Schema ist eine Beleidigung für jeden intakten Verstand, hilft aber dem Oberkommando bei der Emotionalisierung der eigenen Bevölkerung, die dabei ihre eigene Erfahrung und Menschenkenntnis vergessen soll.

Als z.B. eine Fernseh-Dokumentaton der BBC über das Massaker von Srebenica (1995) nach 2000 im serbischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, ging ein Aufschrei der Empörung durch das Land: Unsere jungen Helden haben so etwas nicht getan — sie haben nur für die heilige serbische Nation gekämpft!

Es hat einige Zeit gedauert, bis verständige Leute wenigstens einen Teil ihrer serbischen Landsleute davon überzeugen konnten, zumindest einen Teil dieser Verbrechen für wahr zu halten: Serbische Soldaten (bzw. Milizionäre) unter dem Kommando des Generals Mladic hatten ca. 8000 unbewaffnete männliche Personen aus Srebenica mitgenommen und auf einem Marsch im Gelände umgebracht (Näheres >Wikipedia >Massaker von Srebenica). Mladic befahl diese Aktion gezielt, um Feindschaft zu vertiefen und spätere Versöhnung zu torpedieren.

Menschen laden bisweilen Schuld auf sich, indem sie unkritisch einer Fahne hinterherlaufen und ihren Verstand ebenso wie ihren Fähigkeit zum Mitgefühl (Empathie) zurücklassen. Falls sie später Verstand und Empathie wiederfinden und zur Einsicht kommen, finden sie meist selbst schrecklich, wozu sie sich haben hinreißen lassen, und verdrängen es. Wenn nicht, zerbrechen sie an ihrer Schuld — oder bleiben fanatische Rechtfertiger der unter dieser Fahne begangenen Missetaten.

Der sinnvolle Weg zur Heilung dessen, was sich nicht ungeschehen machen lässt, ist die Aufarbeitung der Schuld, indem man sich den Tatsachen stellt, indem man, statt totzuschweigen, im Gespräch das Belastende benennt, sich damit auseinandersetzt, und lernt, damit zu leben. Das hört sich leichter an, als es für Betroffene ist. Darum flüchten Viele lieber in die Verdrängung. So gibt es z.B. immer noch Menschen, die den Holocaust leugnen oder die Zahl der Opfer nicht anerkennen wollen. Sie erkennen nicht einmal, dass sie selbst Opfer sind — von Täuschung und Selbsttäuschung.

Sich den Tatsachen stellen heißt auch: Wahrhaben, dass man Mitmenschen Empathie und menschliche Solidarität verweigert hat, dass man sie als „Feinde“ entmenschlicht und sie kaltherzig zu Opfern gemacht hat. Und dass man damit sich selbst ein Stück Menschlichkeit genommen hat.

W. R.

13g+

Wie Frechen entstand (1)

48

Frekena

Die Anfänge liegen, wie bei vielen anderen Orten, im Dunkeln. Die Beatus-Chronik berichtet mit Berufung auf Gerlacus und Fredegar in wenigen Sätzen über Frechens Geschichte vor und während der Römerzeit.

Noch weiter zurückreichende Siedlungsspuren hat die Archäologie gefunden: Aus der Steinzeit stammen Spuren am Sandberg, …

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W. R.  13g+

Köln-Notizen #3

50Die Stadt Köln hat vom Mittelalter bis ins späte 19. Jahrhundert ein Raumproblem gehabt, oder besser: Es mangelte ihr an einem eigenen Territorium, einem eigenem Um- bzw. Hinterland.

Und kaum hatte sie in den 1880er Jahren die ersten Stadterweiterungen vollzogen, indem sie die vor ihren Toren gelegenen Dörfer wie Ehrenfeld, Longerich und Müngersdorf eingemeindete, da wurde schon die nächste Erweiterung durch Eingemeindung ins Auge gefasst, sodass sich das Kölner Stadtgebiet im frühen 20. Jahrhundert erheblich nach Norden und Osten vergrößerte.

1945 gab es Pläne, weiter nach Westen bis nach Frechen auszugreifen, was die Alliierten damals aber nicht genehmigten. Erst 1975 konnte Köln sein Stadtgebiet im Westen bis an die Autobahn A4 vorschieben. Und weiter wuchsen die Begehrlichkeiten: 2010 wurde wieder verlautet, Köln brauche weitere Flächen des Umlandes als Bauland und Gewerbegebiet, nämlich von Pulheim, Frechen und Hürth. Und wer weiß, was erst wird, wenn Köln seinen Plan verwirklicht, den Großmarkt nach Marsdorf zu verlegen? (siehe auch: DIE BEATUS-CHRONIK, S. 115)

W. R. 13g+

Wie war das noch – Epochen der Geschichte

052Mittelalter, Frühes, Hoch-, Spät- … Wann, und wie lange, und was tat sich da? Viele von uns wissen viel, aber sie wissen nicht immer, wie sie es einordnen und in einen zeitlichen Zusammenhang oder eine Abfolge bringen sollen. Diese Unsicherheit kann hier beseitigt und Klarheit geschaffen werden! Also zur Sache:

MITTELALTER ist ein Begriff, den das Mittelalter selbst nicht kannte. Erst einige Zeit nach dieser Epoche, die man gemeinhin um 1500 enden lässt, kamen Gelehrte auf die Idee, die ganze, jahrhundertelange Zeit vor ca. 1500 unter einen Begriff zu fassen. Sie glaubten, ihre Zeit der Wiedergeburt antiker Kultur (Renaissance und Humanismus) sei besonders hochstehend, während die Zeit davor, zwischen griechisch-römischer Antike und ihrer Gegenwart, nur eine eher dunkle Zwischenepoche gewesen sei, kulurell geringwertiger. Die humanistischen Gelehrten sahen fortan diese Epocheneinteilung als sinnvoll an:

     Antike  bis ca. 500 n. Chr.

     Mittelalter  ca. 500 bis ca. 1500 n. Chr.

     Neuzeit  ab ca. 1500 n. Chr.

Diese Epocheneinteilung ist das bis heute für die europäische Geschichte meist verwendete Schema, aber die Gelehrten waren sich lange Zeit uneins über die Epochengrenzen, vor allem über den Übergang von der Antike zum Mittelalter. Manche wollten das Mittelalter erst mit der Kaiserkrönung Karls des Großen (800) beginnen lassen, andere viel früher, schon mit Beginn der germanischen Völkerwanderung (um 375), und manche sahen sogar schon in dem Jahr des Toleranzedikts Kaiser Konstantins (312) eine Epochenwende zu einem „christlichen Mittelalter“. Man hat sich inzwischen weitgehend darauf geeinigt, dass ein Markstein der Epochenwende die Abdankung des letzten weströmischen Kaisers im Jahre 476 sei.

Wo auch immer man die Grenzen festlegt, das Mittelalter als Epoche entzieht sich einfachen Charakteristika und ist keineswegs eine in sich geschlossene Epoche, weder kulturell noch politisch: Nicht nur an den Epochengrenzen, sondern auch innerhalb dieser 1000 Jahre verändert sich Europa. Und nur auf Europa lässt sich dieses Epochenschema anwenden; in der Weltgeschichte haben sich die Kontinente und Regionen unterschiedlich entwickelt und müssen daher für sich betrachtet werden.

Bezogen auf Europa taugt eine solche Epocheneinteilung dazu, Ereignisse und Entwicklungen zeitlich ein- oder einander zuzuordnen. Man sagt „Mittelalter“ und weiß, dass man nicht über eine Zeit um 1600 oder um 300 redet. Aber zur genaueren Periodisierung der Geschichte des Mittelalters fand man weitere Unterteilungen sinnvoll. So hat man Teilepochen benannt:

     Frühes Mittelalter  ca. 500 bis ca. 1000

     Hochmittelalter  ca. 1000  bis 1250

     Spätes Mittelalter  1250 bis ca. 1500

Auch hier finden sich nicht alle Historiker auf einer Linie, was den Übergang vom frühen zum Hochmittelalter betrifft. Diese Divergenzen rühren aus der Betrachtung einzelner Fachrichtungen her: Je nach Teilbereich, den ein Historiker untersucht, erscheinen ihm evtl. bestimmte Dinge oder Erscheinungen bezeichnender für eine Epoche oder Teilepoche als andere. Aber in der Fachliteratur wird heute meist auf das oben gezeigte Schema Bezug genommen.

Dass man überhaupt ein solches Epochenschema entwickelte, ist schon bemerkenswert: Hier zeigt sich ein fundamentaler Wandel im Weltbild der Gelehrten. Denn wie teilte man zuvor die Zeitläufte ein? Es galt ein von der Religion, von Angaben in der Bibel bestimmtes Welt- und Geschichtsbild. Und in diesem war „Geschichte“ kein abgeschlossenes Wissensgebiet und keine selbständige Wissenschaft. Geschichte nach unserem heutigen Verständnis gab es gar nicht, weil es nur die in der Bibel vorgezeichnete Heilsgeschichte der Welt gab.

Das christliche Weltbild kannte drei Epochen der Heilsgeschichte: 1. die Zeit des Alten Testaments, 2. die Zeit des Neuen Testaments, und 3. die Zeit danach bis zum Jüngsten Gericht, bei dem Christus wiederkehren und auf seinem Richterstuhl Platz nehmen werde, um die Seelen der Menschen zu richten. Endzweck der Welt- bzw. Heilsgeschichte war also der Übertritt der Mernschen je nach persönlicher Lebensführung auf Erden ins Ewige Leben, als Seliger im Himmel oder Verdammter in der Hölle. (Wir lassen Feinheiten wie das Fegefeuer hier beiseite.)

Dieser Heilsgeschichte war der Gedanke einer Entwicklung in der Geschichte fremd. Man sah gar keinen Sinn in der Betrachtung langfristiger historischer Entwicklungen, denn wichtig war nur das Seelenheil, das der Einzelne auf der irdischen Pilgerreise anstrebte. Der mittelalterliche Mensch lebte also, wie noch Martin Luther es ausdrückte, im „irdischen Jammertal“ und hoffte auf Erlösung und Auferstehung im Himmel. Luther quälte sich lange mit der für ihn existentiellen Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ Für die aufständischen Bauern hatte er kein Verständnis.

Dennoch ist das Jahr 1517, der Beginn der Reformation mit Luthers Thesenveröffentlichung zur Kirchenreform, ein Epochenjahr an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. In der Kirchen- und Mentalitätsgeschichte Europas vollzieht sich in der Folge ein Wandel mit weitreichenden Folgen auch für die Politik.

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Wer sich schwerpunktmäßig mit Sozialgeschichte befasst, der muss jedoch feststellen: Für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung, die auf dem Lande lebte, änderte sich mit dem Übergang in die Neuzeit so gut wie nichts. Mit dem Scheitern der Bauernaufstände 1525 verfestigten sich in Deutschland eher noch die Abhängigkeiten der Bauern von den feudalen Grundherren. Erst mit der Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert, als in Teilen Europas im Gefolge der Französischen Revolution feudale Herrschaftsverhältnisse und mittelalterliche Abhängigkeiten aufgelöst wurden, gab es für das Gros der Bevölkerung spürbare Veränderungen und ein tatsächliches Ende des Mittelalters.

W. R.

13g+