Archiv für den Monat: Juni 2018

Bach-Revival

Wer buddelt denn da? Es ist die Stadt Köln, die im Westen, zwischen Stadtwald und Marsdorf, Natur und Landschaft weiter zu beleben unternimmt: Sie „revitalisiert“ ein Teilstück des Frechener Bachs.
Lange Zeit, d.h. seit Jahrtausenden, floss der Frechener Bach, ähnlich dem Duffesbach in Hürth, von der Ville herunter ins Rheintal der Kölner Bucht. Im Unterschied zum Duffesbach, der in den Rhein mündete, floss der Frechener Bach nur bis zum Gebiet des heutigen Stadtwald und versickerte dort in einem Sumpf, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Park umgewandelt wurde. Durchlässige Kiesschichten unter dem Sumpf leiteten das zufließende Wasser ins Grundwasser und weiter Richtung Rhein.
Der Bachlauf wurde im späten 19. Jahrhundert ab Stüttgenhof geändert: Statt durch die flache Talsenke wurde er nun durch einen Graben geführt, der sich entlang des neu gebauten Bahnkörpers Richtung Militärring zog.
Damit wurde in diesem Bereich der historische Bachlauf beseitigt. Später wurde das Wasser meist nicht einmal mehr durch den Graben geleitet, sondern in den in Marsdorf quer laufenden Randkanal, der Sümpfungswasser des Braunkohletagebaus abführte.
Ab Marsdorf wird nun der Bach „revitalisiert“, was bedeutet, dass man ihn in ein halbwegs natürliches Fließgewässer zurückverwandeln will. Dazu wird das Bachbett neu gestaltet und in besagtem Abschnitt hinter dem Stüttgenhof ganz neu gegraben. Die Versickerung soll dann in einem Kiesbett vor dem Militärring stattfinden.
Im neu belebten Frechener Bach soll eine Flora und Fauna angesiedelt werden, die einem natürlichen Bachlauf entspricht. Man darf gespannt sein, wie sich das Ganze in den kommenden Jahren entwickelt.
Aus der Sicht des Historikers wäre anzumerken, dass der neu gegrabene Bachverlauf nicht ganz dem historischen entspricht. Um genau zu sein: auf jeden Fall nicht dem prähistorischen in der Jungsteinzeit (siehe auch unten: Kartenskizze). Denn das jungsteinzeitliche Dorf der Bandkeramiker, das um 1930 archäologisch untersucht wurde, lag zum Schutz vor Hochwasser erhöht über dem Bachbett in einem Bereich (punktierte Linie in der Kartenskizze), den der neu entstehende Bachverlauf jetzt durchschneidet. Der prähistorische Bach floss in der (heute kaum erkennbaren) Talsohle, doch kann er durchaus in den folgenden Jahrtausenden seinen Verlauf variiert haben. Die Bahntrasse durchschneidet den Dorfbereich im südlichen Zipfel, sie existiert seit 1893.

Mehr Einzelheiten zu diesem Projekt eines Bach-„Revival“ findet man hier: Frechener Bach wird revitalisiert – Stadt Köln  Eine Kleinigkeit in diesem Text ist zu berichtigen: Im Unterschied zu Haus Vorst war der Stüttgenhof nie ein Adelssitz, auch wenn er von einem Wassergraben geschützt wird (der besonders zur Blüte der Rododendron-Büsche einen idyllischen Anblick bietet).

Für diejenigen, die noch weitere historische Fakten genau wissen wollen, sei hier Folgendes berichtet:

In historischer Perspektive floss der Frechener Bach vom Quellgebiet an der Burg Benzelrath bis ca. 300m vor der Versickerung immer durch Frechener Gebiet. Genauer gesagt: Seit dem Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts war es die „Herrschaft Frechen“. Im 19. Jahrhundert, in

Karte des alten Landkreises Köln (Ausschnitt) im Frechener Stadtarchiv, mit Gemeindegrenzen (schwarze Linien); gedruckt 1862; anklicken!

preußischer Zeit, wurde der Landkreis Köln westlich der Stadt Köln gebildet, und dabei wurde Üsdorf aus der ehemaligen Herrschaft Frechen der Gemeinde Lövenich zugeteilt; der östliche Zipfel der Herrschaft Frechen, der bis knapp vor den Militärring reichte, wurde gleich hinter dem Stüttgenhof abgezwackt und der Gemeinde Efferen zugeschlagen. Ab diesem Zeitpunkt endete das Gebiet der Gemeinde Frechen direkt hinter dem Stüttgenhof (siehe Karte). Das blieb so bis zur „Gebietsreform“, die 1974 festlegte, dass ab 1.1.1975 Kölns Stadtgrenze weiter westlich verlief und damit Marsdorf und der Stüttgenhof fortan zu Köln gehörten. Das Stadtgebiet Kölns reichte nun bis zur Autobahn A4, das Frechener Kreuz wurde umgetauft in Kreuz Köln-West.

Der alte Lauf des Frechener Baches ist übrigens in der oben abgebildeten, historischen Karte als dünne, schwarze Linie gut zu sehen, wenn man sie anklickt. (Die fetteren Linien zeigen die Gemeindegrenzen an.)

W. R.

Anmerkung im August 2019: Bachbett und Brücke zwischen Stüttgenhof und Militärring sind fertig, aber das Bachbett harrt noch seiner Ausgestaltung, und man kann noch kein Wasser fließen sehen. — Anm. Apr. 2021: Im Verlauf von Marsdorf zum Militärring fließt bisher kein Wasser, am Militärring wird noch gebuddelt an der „Erneuerung des Einlaufbauwerks Frechener Bach“. — Anm. Juni 2021: Zur Enttäuschung der Bach-Fans fließt in dem Schluss-Abschnitt (vgl. Kartenskizze oben: hellblaues Band) noch immer kein Bach. In Marsdorf ließ man ein paar Mal Wasser in Richtung Stüttgenhof fließen, davon blieben ein paar Tümpel und Pfützen, die teils bei warmem Wetter wegtrocknen. Ab Stüttgenhof bis vor den Militärring ist das extra gegrabene Bachbett (siehe Foto ganz oben) trocken.

Aktualisierung (oder, in besserem Neudeutsch: Update) Juli 2021: Inzwischen war des öfteren zu beobachten, dass dem Bachlauf Wasser zugeführt wurde. Dieses erreichte aber selten das Endstück, das ab der neuen Brücke verbreitert und zur Versickerung bestimmt ist. Wer auf der schicken Brücke stand und einen fließenden, gar rauschenden Bach erwartete, wurde meist enttäuscht. Doch am Nachmittag des 14. Juli sah man — oh Wunder! — einen fließenden Bach von Westen herbeiströmen und sich hinter der Brücke zu einem Teich ausdehnen. Die unwetterartigen Regenfälle hatten dem Bach anscheinend ein bachwürdiges Erscheinungsbild beschert (vielen Menschen allerdings vollgelaufene Keller und unbewohnbare Häuser). Die starken Regenfälle setzten sich am Abend fort. Am folgenden Nachmittag (15.7.) war der ganze Endabschnitt ab der Brücke in ein stehendes Gewässer verwandelt, wo die Versickerungsschicht überfordert war und das Wasser sogar bis Ende teils kniehoch stand.  Auch in den Senken im benachbarten Gelände standen kleine Seen. Am Abend war das Wasser im Versickerungsabschnitt trotz weiteren Zuflusses aber schon soweit verschwunden, dass kein großflächiger Wasserspiegel mehr zu sehen war.