Archiv für den Monat: August 2019

Danke, Greta!

Nachdem es den rechten Geiferern nicht gelungen war, die Person mit persönlichen Beleidigungen madig zu machen, nachdem es Christian Lindner (FDP) nicht gelungen war, ihr und den anderen jungen Demonstrierenden die Sachkompetenz abzusprechen, bemühten sich weitere Personen, Greta Thunberg und die Bewegung Fridays-For-Future zu diskreditieren. Da war z.B. im ZDF ein Beitrag im „Auslandsjournal“ über einen „Personenkult“ um Greta, den die Autorin da sehen will, da gab es angeblich Greta unkritisch anhimmelnde jugendliche Fans, da wurde ein Stab von Leuten thematisiert, die Gretas PR planen, usw. Im Internet-Begleittext des ZDF stand tatsächlich: „Greta spaltet.“
Da schlag doch einer lang hin! Man glaubt es kaum: Greta T. wird da in ein schräges Licht gestellt, als ob man über einen Donald Trump berichtete! Und das ist noch nicht alles: Nun will man Gretas Glaubwürdigkeit massiv untergraben, indem alle Medien unisono melden, ihre Segel-Überfahrt nach New York habe doch, scharf gerechnet, eine schlechtere CO2-Bilanz, als wenn sie geflogen wäre — was sich nur errechnen lässt, wenn man noch ein paar sidekicks dazuzählt. Aber egal, Hauptsache, es gibt schlechte PR für Greta, man will ja endlich mal Negativ-Schlagzeilen über sie produzieren und vor allem: ihre Glaubwürdigkeit untergraben.
Wer ist „man“? Das sind z.B. gewissen „Altparteien“ nahestehende Leute, die Panik bekommen angesichts davonlaufender JungwählerInnen, und da sind einer Uraltpartei* (die sich fälschlich „Alternative“ nennt) Nahestehende, die Panik bekommen, weil sie nicht mehr die Themen in der öffentlichen Debatte bestimmmen, sondern einem Thema hinterherlaufen müssen, zu dem sie aber auch gar nichts Brauchbares zu bieten haben.
Ist schon bemerkenswert, was alles versucht wird, um Greta vom Sockel zu stoßen. Dabei sind es doch eher die Medien, die ihr einen Promi- und sogar Heldinnen-Status zuschreiben, während sie selbst bei allen öffentlichen Auftritten auf dem Teppich bleibt und ernsthaft und sachlich zur Thematik spricht.
Wäre ich ein Verschwörungstheoretiker, dann sähe ich jetzt eine konzertierte Kampagne ins Werk gesetzt, die in Berliner Hinterzimmern bei Hintergrundgesprächen zwischen Politikern und Medienleuten ausgeheckt wurde. Solche Theorien braucht aber keiner, der einfach nur seinen kritischen Verstand arbeiten lässt und wie gewohnt fragt: Wer hat in diesem Spiel welche Interessen? Wem geht die Klimadebatte gegen den Strich? Wer möchte lieber ein gemächliches Weiter-so im gewohnten Politikbetrieb, wo die Ungeduld der jungen Leute nur stört?
Selbst-denkenden Menschen brauche ich das nicht zu sagen. Durch Gretas öffentliches Auftreten ist aber Vielen bewusst geworden: Das ist keine jugendliche Ungeduld, das ist das berechtigte Verlangen nach einer lebenswerten Zukunft! Fridays-For-Future hat für Klarheit gesorgt: Wir hören und sehen, wer auf der Bremse steht.

Danke für die Klärung, Greta!

W. R.

 * Uralt-Partei? Das wird klar, wenn man sich anhört, was von der AfD an Äußerungen und Parolen kommt. Das ist inhaltlich Altbackenes und Gestriges, Fremdenfeindlichkeit, Provinzmief, und Reaktionäres. Ansonsten versuchen sie immer wieder, Begriffe umzudeuten, Tabus zu brechen und damit zu provozieren — was ihnen bisher mehr Medien-Aufmerksamkeit brachte, als es ihren inhaltlichen Punkten angemessen wäre (weil die zum Gähnen sind). Aber auch diese Masche nutzt sich auf Dauer ab.

Sie können ja weiter von einem Klimawandel (hört sich eher harmlos an) reden, der natürliche Ursachen habe (prima, da brauchen wir nichts zu ändern und können die Erde weiter verheizen), oder Sie hören mal richtig hin, wenn wirkliche Fachleute die globale Erderwärmung und ihre Ursachen erklären.

Wenn Sie ein Weiter-wie-bisher wünschen und die entsprechenden Politiker wählen, werden Sie in einigen Jahren darüber stöhnen, dass es nun soweit gekommen sei, dass man wirklich nicht mehr viel gegen die katastrophalen Folgen der globalen Erderärmung tun könne. Die weltweiten Auswirkungen werden uns überrollen und für Alle Folgen haben.

Dann wird niemand ein Raumschiff zum Mars oder sonstwohin besteigen und die verheizte Erde hinter sich lassen können. Denn dummerweise nimmt die Erderwärmung immer mehr Fahrt auf. Umsiedlung auf den Mond oder den Mars bleibt daher eine Illusion, weil die technischen Voraussetzungen erst in einigen Jahrzehnten evtl. in greifbare Nähe kommen (wenn überhaupt). Die Zeit haben wir nicht.

Vor diesem Hintergrund auch interessant: XR Deutschland | XR de  .

Köln-Notizen Aug. ’19

Folgen des Klimawandels berühren uns nicht — oder doch? Na gut, da waren zwei Hitze-Sommer, da waren in verschiedenen Regionen „Jahrhundertfluten“, ja mei, das kann halt passieren, das Wetter ist halt unzuverlässig, oder? Jetzt bombardieren sie uns vermehrt mit Meldungen von Klimaschäden: riesige Waldbrände in Sibirien, zuviel Wärme in der Arktis und schnelles Abschmelzen des Eises, und so.  Fehlt noch ein Sack Reis, der in China umfällt, oder was?
Und jetzt dies: Hier bei uns, z.B. im Kölner Stadtwald, werden vermehrt Buchen und andere Bäume gefällt, weil sie vertrocknen oder wegen Trockenheit anfälliger für Pilze und Schädlinge geworden sind und umzufallen drohen. Und ein Biologe stellt fest, dass er schon mehrere Tigermücken in Köln gesichtet hat (die gehören eigentlich in die Subtropen und Tropen).
Wer mal rausfährt, z.B. ins Bergische Land, sieht schon an der Autobahn immer wieder Fichten, die braun geworden sind oder schon wie Gerippe dastehen. Und beim Waldspaziergang sieht man jede Menge gefällte Fichten, die vom letzten Sturm umgedrückt oder abgebrochen wurden, und von denen die meisten, sogar für Laien sichtbar, von Borkenkäfern heimgesucht worden waren.
Aber so isser, der Homo Sapiens: Was er nicht zur Kenntnis nehmen will, das verdrängt er. Nicht alle sind blöd genug, Donald Trumps Behauptung zu folgen und den (zum großen Teil von Menschen gemachten) Klimawandel als „Erfindung der Chinesen“ abzutun. Aber viele wollen gern glauben, dass alles übertrieben sei und nicht so schlimm. Vor allem wollen die meisten nicht vom Gewohnten lassen und schon gar nicht auf irgendetwas verzichten.
Kein Wunder, dass vielen, vor allem jungen Menschen der Kragen platzt und sie mit der „Fridays-for-Future“-Bewegung der schläfrigen Politik Beine machen wollen. Erste Erfolge sind da, krasses Beispiel ist die Kehrtwende des ergrünten bayrischen Ministerpräsidenten Söder (CSU).
Währenddessen hatte sein Parteikollege Scheuer (Bundesverkehrsminister) den grandiosen

E-Scooter liegen am Stadtwaldgürtel herum, Köln, Anfang August 2019: ein „Beitrag zur Verkehrswende“

Einfall, Elektroroller für den öffentlichen Straßenverkehr zuzulassen — als Beitrag zur Verkehrswende. Mit den Folgen lässt er die Städte allein, es gibt Unfälle, oft werden die Roller einfach irgendwo stehen oder liegen gelassen. Im Nachhinein denkt man über verschärfte Regeln nach.
Der Homo Sapiens Germanicus der Gegenwart will meist auf Gewohntes nicht verzichten, wie schon gesagt, und er will seit Neuestem sich nichts von niemandem mehr sagen lassen. Regeln — wozu? Sollen sich doch Andere daran halten, ich nicht, mir sagt keiner was! Man erlebt es im Straßenverkehr, und auch sonst im menschlichen Miteinander, das oft zu einem Gegeneinander entgleist. Es scheint, als degeneriere bei vielen Exemplaren des Homo Sapiens die Fähigkeit, sich in ein soziales Miteinander einzuordnen. Manche scheinen da geistig überfordert, da vermisst man die soziale Intelligenz.
Ist das eine Art von Wohlstandsverwahrlosung, die in den wohlhabenden Industrieländern um sich greift? Findet deshalb vielleicht auch das Ertrinkenlassen von Flüchtlingen im Mittelmeer Zustimmung in Teilen der Bevölkerung Europas? Man kann doch nicht ernsthaft behaupten, das stehe im Einklang mit den Werten der Europäischen Union — oder etwa doch? Die viel beschworene „christlich-jüdische Kultur des Abendlandes“, moralische Grundlage Europas — was ist sie praktisch wert? Politikergewäsch? Und welche Werte will eigentlich Pegida verteidigen — gegen den Islam?
Entweder haben wir es da durch die Bank mit hohlen Phrasen zu tun, oder diese Menschen wissen überhaupt nicht, wovon sie reden.

W. R.