Archiv für den Monat: Januar 2020

Gedenktag – und DENKtag!

Am 27. Januar ist Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Tag wurde gewählt als Erinnerung an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945.
Der Zvilisationsbruch des millionenfachen, organisierten Massenmordes ist so unerträglich, dass es sogar Leute gibt, die das Unfassbare einfach nicht wahr haben wollen. Diese Holocaust-Leugner sind halt zu schwach, um die historischen Fakten auszuhalten, sie wollen die Schande dieser Verbrechen nicht eingestehen. Es soll nicht sein, was nicht sein darf: Die Deutschen, die sich gern als „Volk der Dichter und Denker“ bespiegelten, wollten die Augen davor verschließen, dass dasselbe auch als „Volk der Richter und Henker“ gelten konnte.
Aber Leugnen hilft nicht, weder beim Holocaust noch beim Klimawandel. Im Gegenteil: Je länger man einen Teil der Wirklichkeit leugnet und ausblendet, desto größer wird der Schaden. Jeder in Psychologie bewanderte Mensch kann Ihnen das erklären: Verdrängung beseitigt das Problem nicht, es brodelt unter der Oberfläche weiter, besonders, wenn dabei Schuldgefühle im Spiel sind.
Aus einem Schuld-Dilemma gibt es nur einen möglichen Ausweg: Ein Geständnis und eine ehrliche Aussprache zwischen Täter und Opfer — und dann vielleicht ein Verzeihen von Seiten des Opfers. Dazu müssen die Beteiligten viel seelische Kraft aufbringen, und ein Gelingen ist nicht sicher: Ausgang offen.

Im Fall Holocaust haben wir es mit zwei Ebenen zu tun: Da ist einmal die Ebene der Täter, ihre persönliche Verantwortung für Mordtaten und Beihilfe zum Mord. Das sind die Ausführenden, aber daneben gibt es die Glieder in der Befehlskette, die höheren Vorgesetzten, die wussten, was sie anordneten, und es gibt die Organisatoren, die dazu beitrugen, dass der Massenmord in großem Stil durchgeführt werden konnte. Und außerdem gibt es noch diejenigen, die von der KZ-Maschinerie der SS profitierten, indem sie billige Arbeitskräfte mieteten. Wir wissen inzwischen aus verschiedenen Prozessen, in welcher Weise bei diesen Helfern und Profiteuren des Unmenschen-Systems Schuld festgestellt wurde, persönlich zugerechnete Schuld, wohlgemerkt. Auf einer weiteren Ebene betrifft die Frage nach Verantwortung und Schuld auch die Deutschen, insbesondere die Unterstützer und Dulder des Nazi-Regimes. Viele Deutsche schämten sich nach dem Krieg, weil sie Hitler auf den Leim gegangen waren und den Weg in Deutschlands Verderben unterstützt hatten. Nicht alle davon wussten oder ahnten das Ausmaß, in dem Verbrechen von Staats wegen verübt worden waren. Deutschland stand am Pranger der Weltöffentlichkeit, und diesmal — anders als 1918 in der Kriegsschuldfrage — konnte man über die Sachlage schwerlich diskutieren.

Aber leider muss man auch sagen: Antisemitismus und Hass auf Juden gab es in Deutschland schon vor der Hitler-Herrschaft. Daher nahm ein Teil der Bevölkerung es Hitler nicht übel, dass er den Antisemitismus besonders betonte. Das ermöglichte den Nazis, dieses Gift weiter in die Köpfe einzuträufeln und den Widerstand bei Vielen zu lähmen, die eigentlich meinten, dass man so mit Menschen nicht umgehen sollte. Wie weit die Nazis gehen würden, war ja auch schwer vorstellbar: Erst eine schrittweise Ausgrenzung aus der Gesellschaft, zunehmende Verleumdung und Entwürdigung, dann Deportation in Ghettos und Lager, und dann in großer Zahl durchgeführte Morde mit dem erklärten Ziel, soviele Juden wie nur möglich zu vernichten, soweit man sie im besetzten Europa greifen konnte.

Und das auf einer irr-sinnigen Grundlage: Sogar die Hirne gebildeter, intelligenter Menschen waren vom Gift des Antisemitismus verseucht, sie glaubten ihren dumpfen Vorurteilen mehr als dem Gebrauch ihres Verstandes. Wie kann sich Homo Sapiens nur so weit von Vernunft und Denken entfernen, dass er diese Gottesgabe nicht angemessen nutzt?

Aber diese Frage beschleicht mich heute auch im Hinblick auf Hass und Hetze, die viele Leute im Netz und in allerlei Mitteilungen absondern. Das ist ähnlich irrsinnig wie der antisemitische Unfug. Wer selbst als Mensch respektiert werden will, kann nicht so über andere Menschen herfallen. Punkt.

W. R.

P.S. Und kommt mir bloß nicht mit der Rechtsaußen-Parole vom „Schuldkult“! Wir alle wissen (wenn wir klar denken): Die Schuldigen am Holocaust und anderer Nazi-Verbrechen sind benannt, es gibt keine Erbschuld, keine Schuld der Nachgeborenen an diesen Verbrechen. Wer aber diese Verbrechen verharmlost oder gar zu leugnen versucht, der lädt in der Tat neue Schuld auf sich, weil er damit versucht, die Konsequenzen aus den Nazi-Verbrechen auszuhebeln, z.B. die Werte des Grundgesetzes (→Art. 1!) und der Demokratie.

Die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches hat eine Verpflichtung, von Staats wegen angerichtete Schäden nach Möglichkeit wiedergutzumachen. Das kann angesichts des vielfach zugefügten menschlichen Leids natürlich nur  ansatzweise, und manchmal nur symbolisch gelingen. Denn wie soll man etwa die Auslöschung ganzer Familien wieder gut machen?

Köln-Notizen 01/2020, Dreikönigstag

Die Heiligen Drei Könige sind in Köln besonders präsent — sind doch ihre Gebeine, geborgen in einem prachtvollen, goldenen Schrein, das Zentrum des Kölner Doms, der für ihre würdige Unterbringung und Repräsentation gebaut wurde. In vielen Kirchen sind sie Teil der Weihnachtskrippenszene, am 6. Januar, ihrem Gedenktag, gesellen sie sich zum Ensemble der Figuren.
Derzeit sind diese drei Figuren in manchen Kirchen nicht präsent, sie wurden entwendet. Damit wollten Aktivisten auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik aufmerksam machen. Wieso das? Der Zusammenhang leuchtet kaum ein: Die drei Weisen, Sterndeuter, Könige sind laut Matthäus, der sie in seinem Evangelium auftreten lässt, von Osten nach Jerusalem gekommen, um einen neugeborenen König aufzufinden, zu ehren und zu beschenken, den sie schließlich in Bethlehem finden. Von Flüchtlingen ist da keine Rede. Erst kurz nach dem Besuch der Drei flüchten Maria und Josef mit Jesus nach Ägypten, um Jesus vor der Ermordung zu retten.
Um auf die Situation von Flüchtlingen aufmerksam zu machen, die z.B. auf griechischen Inseln unter unmöglichen Bedingungen in überfüllten Lagern hausen, wären Aktionen sinnvoller, die den Verhinderern einer menschlichen Flüchtlingspolitik in Europa Druck machen und sie nicht mit bloßen Lippenbekenntnissen zu einem „christlich-abendländischen“ Europa davonkommen lassen. „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen,“ heißt es ja schon in der Bibel!
Also: Statt Helfer im Mittelmeer zu kriminalisieren, sollten die EU-Staaten sich endlich zu einer gemeinsamen Haltung und konkreten Hilfsmaßnahmen gegenüber Flüchtlingen durchringen, endlich einige schon auf dem Papier vorhandene Maßnahmen umsetzen und sich vor Erdogans Erpressungsdrohungen mit der massenhaften Weiterleitung syrischer Kriegsflüchtlinge nicht in die Hosen machen.
Gut, das ist leicht gesagt, und geredet wurde schon viel. Aber, wie es im Fußball heißt, „entscheidend is auf’m Platz!“
Wenn es nicht die „christlichen Werte“ sind, die Europa hochhält, wie steht es dann mit den Menschenrechten? Deren Respektierung wird nur solange gefordert, wie keine wirtschaftlichen Interessen auf dem Spiel stehen. Da lob ich mir doch den damals vielgeschmähten Fußballer Özil, der neulich öffentlich gegen die Unterdrückung der Uiguren in China protestierte — wofür sich dann wiederum sein Verein offiziell entschuldigen zu müssen glaubte! Immer, wenn Sportler öffentlich politischen Protest äußern, springen viele „Offizielle“ im Dreieck. Das kennt man ja auch aus den USA.
Aber was soll aus dieser Welt werden, wenn wir den Mächtigen und Offiziellen jede Schweinerei durchgehen lassen?
W. R.

Übrigens: Im Januar 2014 gab es bereits einen Blog-Beitrag „Drei Könige“.