Höheres

Höheres…

… ist für viele Menschen das Erhabene, Entrückte, Göttliche, das der gewöhnlichen irdischen Sphäre entzogen ist. Für Menschen, die nicht an einen personal vorgestellten Gott glauben, ist Höheres das Prinzip des Lebens oder ein Korb höherer, über dem Materiellen stehender Werte. Unabhängig von der jeweiligen Gottesvorstellung ist eine Werte-Vorstellung bzw. -ordnung immer letztlich religiös (oder vornehm gesagt: metaphysisch) begründet.

Dies vorausgeschickt, können wir ganz banal feststellen: Ein Leben ohne Religion (im weitesten Sinne) gibt es eigentlich gar nicht. Jeder Mensch glaubt doch an etwas, was den Sinn des bzw. seines Lebens ausmacht, an etwas, was ihm in schwieriger Zeit Halt gibt und ihn motiviert, weiter zu machen.

Damit könnte man es gut sein lassen und mit dem Alten Fritz sagen: „Jeder möge nach seiner Façon selig werden.“ Friede, Freude, Toleranz und Respekt vor dem andersdenkenden Mitmenschen — und schon ist Schluss mit religiös begründeten Konflikten. Man sucht Verständigung, bemüht sich um Verständnis für die Andersdenkenden (ohne sich ihrer Auffassung anschließen zu müssen), vergisst den Respekt vor dem Menschen nicht — und verzichtet auf gewaltsame Lösungen.

Doch leider funktioniert das nicht, sobald Menschen mit dem Anspruch auftreten: Nur mein Glaube ist der richtige, alle anderen sind Irrtümer, und alle Irregeleiteten müssen zu meinem Glauben übertreten, sonst sind sie verdammt zur Hölle. Das schafft Unfrieden; und es schafft blutige Metzelei, wenn Glaubensfanatiker die „Ungläubigen“ zwangsbekehren oder schon im Diesseits  zur Hölle schicken wollen.

Auf die Dauer kann unter einem solchen Einheitsdruck kein Gemeinwesen blühen und seine Potentiale entfalten. Ein Klima der Unterdrückung und Angst lässt die Entwicklungsmöglichkeiten einer Gesellschaft verkümmern. Das erleben z.B. Staaten, die versuchen, ihr Gemeinwesen zum „Gottesstaat“ zu machen. Allein der Begriff „Gottesstaat“ ist ein Widerspruch in sich, denn da maßen sich Menschen an, ihre Vorstellung von einem irdischen Staatswesen als absolut unantastbaren göttlichen Willen zu deklarieren – und das dank der Eroberung der politischen Macht durchzusetzen.

Der absolute Machtanspruch wird mit brutaler Unterdrückung jeglicher Opposition durchgesetzt: Widerspruch, ja selbst vorsichtige Kritik wird schon mit Gotteslästerung gleichgesetzt. Das kann man überall dort beobachten, wo Fanatiker an die Macht kommen und ihre Ideologie mit Religion gleichsetzen. Im Machtrausch kennen sie kein Halten und keine Grenzen mehr, sehen sich als Vollstrecker eines göttlichen Auftrags — oder sich selbst als Halbgötter. Da spielt es keine Rolle mehr, ob Gegner wie Anhänger zu Tausenden sterben: Gott will es! Und unsere Kämpfer landen als Märtyrer direkt im Paradies. Ein kollektiver Glaubensrausch macht möglich, das wirklich zu glauben (und die Opportunisten sagen sich zu recht: besser mitmachen, als von den eigenen Leuten umgebracht zu werden). —

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Jede anständige Religion stellt Barmherzigkeit in das Zentrum ihres Glaubens. Dagegen sind blutrünstige Gottheiten, die Menschenopfer verlangen und ganze Völker von der Erde vertilgen wollen, eine Ausgeburt sadistischer Phantasie von Menschen, die ihren Hass einem Gott unterschieben, um in seinem Namen Grausamkeiten und Morde zu begehen.
So waren die Kreuzzüge in der Christenheit — ebenso wie Pogrome gegen Juden — eine Verirrung menschlicher Machtphantasien und keineswegs Gottes Wille. Auch die Prägung „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten noch im Zweiten Weltkrieg war eine Anmaßung, deren Bestrafung, wenn man so will, mit der deutschen Niederlage folgte.
Wenn in den letzten Jahren „Gotteskrieger“ auftreten und im Namen des Islam nicht nur „Ungläubige“ abschlachten, sondern auch Moslems, die nicht derselben Auslegung des Islam folgen, dann zeigt sich da wieder nur dieselbe Verirrung und derselbe Missbrauch von Religion wie schon bei den Kreuzzügen und anderen historischen Glaubenskriegen.
Was heißt überhaupt „Glaubenskriege“? Bei genauem Hinsehen sind religiöse Gründe vorgeschoben, um ganz irdische Macht zu erlangen, um Andersgläubige zu berauben und zu vergewaltigen, um mit göttlichem Segen seine niederen Instinkte auszutoben und im Blutrausch des Gemetzels alles zu vergessen, was Jahwe, Gott oder Allah an Menschlichkeit gebietet.

Jedem Beobachter ist klar: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! Die Horden, die da ihre niederen Instinkte austoben, strafen ihre eigenen Behauptungen Lügen, dass sie für den Höchsten kämpften und nur seinen Willen vollstreckten. Denn sie beten in Wahrheit die Gewalt an, ihr „Gottesdienst“ besteht in roher und exzessiver Gewalttätigkeit. Für ihre Gewalt-Orgien zitieren sie aus Tora, Bibel oder Koran die ihnen passenden Sätze, die als Rechtfertigung für ihren Feldzug gegen die Menschlichkeit dienen sollen.
Und wenn ihnen von einigen cleveren Rabbis, Priestern, Popen, Imamen etc. noch so oft die Glorie des Märtyrers und die direkte Fahrkarte ins Paradies, am besten noch mit vielen willigen Jungfrauen, versprochen wird — ihre Taten sind abscheulich, sie beschmutzen und entwerten den Glauben, für den sie angeblich kämpfen. Und dafür soll Gott oder Allah sie mit dem Nonstop-Flug ins Paradies belohnen?

Das glaubt doch nur, wer geistig arg zurückgeblieben ist, oder seinen Verstand verkifft und versoffen, oder seine Kritikfähigkeit mit im Chor gebrüllten Hetzparolen gelähmt hat, wer also seinen von Gott gegebenen Verstand nicht benutzt.
Überhaupt — wer bitte stellt sich denn freiwillig im Paradies diesen verrohten Kämpfern als Sexobjekt zur Verfügung? Wenn das so wäre, dann wäre der Islam keine Religion für Frauen, sondern nur eine Phantasie der Männer, in der sie uneingeschränkt über die Frauen verfügen. Dann wäre Allah ein Feind der Frauen. Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, es sei der Frauen höchstes Glück, diese Sklavinnen-Rolle zu spielen, die ihnen Männer im pubertären Phantasie-Sandkasten zuweisen? Man sollte wohl eher am gesunden Menschenverstand dieser Männer zweifeln, zumindest aber an ihrer charakterlichen Reife. Vielleicht hat an dieser Stelle doch der Spruch seine Berechtigung, den Emanzen gern zitieren: Als Gott den Mann erschuf, übte sie nur. Ich als Mann sehe jedenfalls mit Skepsis auf den Anspruch gerade solcher Gewalttäter, sie seien die „Krone der Schöpfung.“

Frauen als Wesen zweiter Klasse zu sehen und zu behandeln ist eine Anmaßung, die zumindest von mangelnder Information und Bildung zeugt, außerdem von unberechtigtem Stolz, also von Arroganz, Einbildung, Überheblichkeit. Denn wo keine eigene Leistung war, worauf soll ich da stolz sein? Habe ich als befruchtete Eizelle denn selbst etwas leisten müssen, um mich biologisch zum Mann zu entwickeln? Erstmal hat vor allem meine Mutter etwas leisten und aushalten müssen, als sie mich austrug und zur Welt brachte. Der Vater hat, wenn er nicht vor der Verantwortung geflohen ist, die Mutter unterstützt und für Schutz und Nahrung gesorgt.

13g+

Jede anständige Religion sollte nicht nur Barmherzigkeit als positiven Wert enthalten, sondern auch ein anständiges, menschliches Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Wer aber die Herrschaft der Männer über die Frauen als Gottes Willen ausgibt, entlarvt seine Religion als Machtinstrument, das zur Zementierung gesellschaftlicher Ungleichheit genutzt wird.

Wer sich anschaut, was ein gewisser Jesus von Nazareth gepredigt hat, der erkennt signifikante Unterschiede zur damals herrschenden, patriarchalischen Vorstellung von Religion. Dieser Jesus schätzte auch Frauen und ging als Mann mit ihnen auf Augenhöhe um. Dieser Jesus predigte so Manches, was den gängigen Moralvorstellungen gegen den Strich ging — siehe die Bergpredigt, die das besonders in den „Seligpreisungen“ zuspitzt. Übrigens gilt dieser Jesus auch den Moslems als nicht unbedeutender Prophet.

Aber kann man in das geschriebene „Wort Gottes“ unbegrenztes Vertrauen haben? Sind es nicht Menschen, die es aufgeschrieben oder abgeschrieben und dabei womöglich Fehler gemacht haben? In allen Buchreligionen gab und gibt es die Zweifler, die meinen, die Religion sei vom ursprünglichen Inhalt abgewichen, und man müsse zu den Wurzeln zurückkehren und die Tora, die Bibel oder den Koran in frühesten Texten studieren und dort das unter Entstellungen verschüttete, wahre Wort Gottes finden und freilegen.

Doch das hat seine Tücken. Erst einmal muss man die ältesten Texte sprachlich, in ihrer damaligen Bedeutung, richtig lesen und verstehen. Dazu bedarf es sprachwissenschaftlicher Untersuchungen. Dann muss man sich mit evtl. vorhandenen Textvarianten und verschiedenen Lesarten der frühesten Texte auseinandersetzen. Das nennt man Textkritik nach der historisch-kritischen Methode.

Und im Zuge solcher Forschungen kann es zu der Erkenntnis kommen, dass wir uns heute an eine Fassung unserer jeweiligen Heiligen Schrift halten, die zwar versucht, die alten Bedeutungen zeitgemäß verständlich zu artikulieren, die aber auch an vielen Stellen ein Kompromiss zwischen verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten ist. Die Moslems vermeiden dieses Problem, indem sie den arabischen Urtext des Koran lesen und in Koranschulen auswendig lernen. Das scheint den unmittelbaren Zugang zum Wort Allahs, übermittelt durch den Propheten Mohammed, zu garantieren — vorausgesetzt, man hat den einen, echten Urtext vor sich.

Doch werden auch da von Forschern Fragezeichen gesetzt: In den ersten Jahrzehnten und Jahrhunderten nach Mohammeds Tod sei dieser Text auch verändert worden, nicht so sehr durch direkte Eingriffe in den Textinhalt, als vielmehr durch die Herstellung einer Reihenfolge der Textabschnitte (Suren), die nicht alle von einer Hand aufgeschrieben wurden. Die gültige Reihenfolge ist weniger historisch ausgerichtet als vielmehr an der Länge der Suren.

In einer historischen Situation etliche Jahrzehnte nach Mohammeds Tod fanden es führende Männer sinnvoll, den Koran als ideologische Waffe für ihre Kriege und Eroberungsfeldzüge zu schärfen. Daher rückten ihre Geistlichen die besonders militanten Suren, die zum Kampf gegen Ungläubige aufriefen, näher an den Schluss des Koran. So sollte der Eindruck entstehen, der Prophet habe gegen Ende seines Lebens (im Auftrag Allahs) besonderes Gewicht auf den Krieg gelegt — und dieser Wegweisung gelte es zu folgen, sie stelle so etwas wie den „letzten Willen“ des Propheten dar.

Wie auch immer, es berührt seltsam, dass der Islam in seinen ersten Jahrhunderten vor allem mit dem Schwert verbreitet wurde, wobei meist aber die „Ungläubigen“ in den eroberten Gebieten nicht massakriert, sondern mit einer Sondersteuer belegt wurden, wenn sie nicht zum Islam konvertierten. Das bewirkte sicher bei einigen Menschen einen Übertritt weniger aus Überzeugung denn aus wirtschaftlichen Gründen. Aber immerhin: Sie hatten die Wahl.

Diese Form der Toleranz geht z.B. den „Gotteskriegern“ des IS völlig ab, wie wir aktuell aus dem Nahen Osten hören. Sie erheben den Anspruch, ein Kalifat (Kalif=Nachfolger Mohammeds) zu errichten, und profilieren sich vor der Welt mit ins Internet gestellten Videos von Gräueltaten und Geisel-Enthauptungen. Das soll doch nicht etwa Werbung für den Islam sein? Oder wollen sie mit solchen Bildern, die die Realität wie ein spannendes Videospiel inszenieren, nicht eher die Mordlustigen und Sadisten unter den orientierungslosen, von viel Testosteron getriebenen Jugendlichen als Kämpfer anwerben? Diese Anti-Werbung wird zumindest dafür sorgen, dass sich anständige, menschlich fühlende Moslems von einer solch abartigen Auslegung des Islam abgestoßen fühlen und folglich distanzieren: Das hat mit dem Islam kaum etwas oder nichts zu tun!

Solche Banden wie IS (im Nahen Osten) oder Boko Haram (in Afrika) sind längst weit entfernt von ihrem Ursprung, nämlich teils berechtigter Kritik an Missständen, die sie bekämpfen und korrigieren wollten. Dabei ist nebensächlich, woher sie ihr Weltbild und ihre Wertvorstellungen beziehen. Entscheidend ist: Sie sind — wie viele andere Terrorbanden vor ihnen — auf der Straße der Gewalt so weit vorgeprescht, dass es keinen Rückzug und keine Rückkehr zu menschlichem Umgang mit Andersdenkenden und Andersgläubigen mehr zu geben scheint. Schaut auf ihre Taten: Sie sind Feinde des Lebens geworden und verherrlichen den Tod. Ihr Name verbindet sich mit Grausamkeit.

Jede anständige Religion verurteilt eine solche, lebensfeindliche Haltung. Denn jede Religion, die diesen Namen verdient, ist für den Menschen und für das Leben – und wendet sich mit Abscheu gegen die Verherrlichung von Gewalt, Mord und Tod.

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Die drei bekanntesten Buchreligionen sind im Nahen Osten entstanden und haben große, auch weltgeschichtliche Bedeutung erlangt, nämlich (in der Reihenfolge ihres Enstehens) mosaischer Glaube, Christentum und Islam. Sie haben nicht nur gemeinsam, in derselben Region der Erde geboren zu sein — das allein erklärt schon eine Übereinstimmung in einigen Lebensfragen und weltanschaulichen Prinzipien — sondern sie entstammen auch aus historisch-politischer Sicht einer Zeit, in der es keine Trennung zwischen Staat und Religion gab, in der also die moderne Vorstellung eines säkularen Staatswesens, getrennt von der Religion und ihrer Ausübung, den Menschen völlig fern lag.

Ja, das wissen wir, na und? So mögen viele auf diese Feststellung reagieren. Aber diese hat eben Konsequenzen, die in ihrer Tragweite oft nicht wahrgenommen werden. Denn das bedeutet: Je enger sich ein Mensch unserer Zeit an den Wortlaut seiner Heiligen Schrift anlehnt, je rigoroser er/sie seinen/ihren Glauben getreu den Worten der Heiligen Schrift zu leben versucht, desto eher stößt er/sie auf Regeln, Prinzipien, Denkweisen, die nicht konform gehen mit dem Leben in vielen der heutigen, modernen Länder.

Man mache sich das klar: Eine strenge, eng an den Buchstaben gebundene Auslegung und Befolgung einer dieser Heiligen Schriften bedeutet für den Strenggläubigen: Ich richte mein Leben nach Prinzipien, Geboten und Regeln aus, die aus einer Zeit vor weit mehr als tausend Jahren stammen — einer Zeit, in der die Menschen noch in vieler Hinsicht völlig anders lebten und völlig anders dachten. In historisch-politischer Sicht bedeutet das: Dieser Gläubige orientiert sich an sehr alten Vorschriften, die eher einer historisch lange zurückliegenden Zeit entsprechen als der heutigen.

Detail aus der Titelseite der gedruckten Bibelübersetzung Martin Luthers (1534)

Detail aus der Titelseite der gedruckten Bibelübersetzung Martin Luthers (1534)

Ganz logisch, dass die eng schrifttreuen Gläubigen ihre Heilige Schrift denn auch als überzeitlich gültig verstehen wollen, und dass sie sie sogar als ewiggültig — und nicht von dieser Welt — verstehen und verstanden wissen wollen. Daher wehren sie sich heftig gegen eine historische Betrachtungsweise.

Es gibt sie in allen drei der o.g. Religionen: Menschen, die streng nach der Heiligen Schrift leben wollen, die alles wörtlich auslegen und real in ihrem Leben umsetzen wollen. Sie meinen, damit würden sie die wahre, ursprüngliche, reine Form ihrer Religion ausüben. Aus moderner Sicht könnte man dazu sagen: Lasst sie doch, lasst jeden nach seiner Façon seinen Glauben leben! Doch das gilt nicht umgekehrt, weil oft der altertümlich-schrifttreue Glaube einen einheitlichen Glauben im Staat fordert, weil er keine Toleranz im heutigen Sinne kennt — sodass es den streng nach der Schrift Lebenden große Probleme macht, wenn sie andere Glaubensauffassungen als gleichberechtigt respektieren sollen.

Ebenso problematisch, weil mit dem Leben in anderen Zeiten oft nicht kompatibel, ist die Vorstellung mancher radikal zu den Wurzeln ihres Glaubens strebenden Menschen, sie seien dem Glaubensursprung und ihrem Gott am nächsten, wenn sie das Leben ihres Propheten oder Glaubensbegründers möglichst 1:1 kopierten.

Diese völlig ahistorische Sehweise nehmen nicht etwa nur strenggläubige Moslems ein, man findet sie genauso bei anderen Religionen. So versuchte z.B. Franz von Assisi, die Nachfolge Jesu zu leben, indem er in Armut, Demut und praktizierender Nächstenliebe ein die Zeitgenossen im 13. Jahrhundert beeindruckendes Beispiel gab, das Viele damals als berechtigten Protest gegen die Macht und den Prunk der Kirche verstanden.

Auch die Idee vom Gottesstaat auf Erden, den man einrichten müsse, ist nur zu erklären, wenn man gesellschaftliche und politische Verhältnisse bzw. Ideale des Altertums zum Vorbild nimmt, die In Tora, Bibel und auch im Koran ganz selbstverständlich die Grundlage für eine Lebens- und Weltordnung bilden. Religion und politische Staatsordnung ergänzten sich, und das gesellschaftliche Leben sollte an den religiösen Vorstellungen ausgerichtet sein. Demgemäß regierten politische Machthaber und oberste Priester Hand in Hand. Wenn dem Staat Unheil widerfuhr, hieß es: Die Sünden des Volkes haben den Gott/die Götter erzürnt, und nun erleben wir ein göttliches Strafgericht.

Wurde z.B. ein antiker Stadtstaat von einer fremden Macht erobert, die andere Götter anbetete, dann hieß das meist: Die fremden Götter sind stärker, sie haben den Feinden zum Sieg verholfen, somit beten wir besser auch die stärkeren Götter an, damit sie uns in Zukunft beistehen. Jedenfalls glaubte man fest, dass man göttlichen Beistand brauchte, damit es dem eigenen Staat wohl ergehe, und damit er z.B. gegen feindliche Nachbarn siege.

Daher war es für den Erhalt des Staates zwingend notwendig, dem höchsten oder Staatsgott durch die Repräsentanten des Staates im Tempel zu opfern. Das war ein ganz wichtiger Staatsakt und zeigte Allen, wie eng Religion und politische Macht zusammengehörten. Im Römischen Reich wollte man die Zentralmacht des Kaisers dadurch stärken, dass er vergottet wurde und jeder staatstreue Bürger seine Loyalität durch ein Opfer am Kaiser-Altar zeigen sollte. Das brachte bekanntlich die Christen in arge Bedrängnis, weil es für sie nur einen Gott gab.

Solche Vorstellungen kennen wir auch aus anderen Weltgegenden, wo oft der Herrscher zugleich höchster Priester war, z.B. im Staat der Inka: Der Herrscher war eine Verkörperung des höchsten Gottes. Um die Indio-Bevölkerung ihrer Herrschaft zu unterwerfen, legten die spanischen Konqistadoren großen Wert darauf, dass diese zum Christentum bekehrt wurde. So kannten sie es ja aus ihrer Heimat, wo Religion und Politik gemeinsam herrschten, wo überhaupt dem Volk gepredigt wurde, es müsse nach den Vorstellungen der Bibel leben.

Um bei der Bibel zu bleiben: Während den Juden gepredigt wurde, Gott habe sie als sein besonderes Volk auserwählt, übernahmen die Christen die jüdischen Schriften als das „Alte Testament“ in ihre Bibel und übertrugen die Vorstellung vom Volk Gottes auf alle Christen. Daraus wurde dann der „allein seligmachende Glaube“ der katholischen Kirche: Nur durch diesen Glauben gelangt ein Mensch zum Ewigen Leben. Andere fallen der „Verdammnis“ anheim. Das führte man besonders in der Gegenreformation ins Feld gegen die Protestanten (die nach katholischer Auffassung nicht als „Kirche“ gelten).

Diese Vorstellung lag auch den Moslems nicht fern: Allah war der einzig richtige und wahre Gott; andere Religionen waren von diesem Glauben abgeirrt. Da Mohammed diese Religion erst nach Juden und Christen gestiftet hatte, wurde aus der „späten Geburt“ ein Pluspunkt gemacht: Diese Offenbarung an Mohammed zeigte den Weg zurück zur richtigen, ursprünglichen Religion, gerade weil die älteren Religionen abgeirrt waren. Folglich war Mohammed der letzte in einer Reihe von Propheten. (Auch hier geht Geschichte über in eine ahistorisch gesehene Endphase.)

Was heißt das alles nun für uns heute? Zunächst einmal leben wir in den „westlichen“ Ländern in säkularen Staaten, wo Religion und politische Instanzen per Verfassung getrennt sind. Damit ist der Glaube praktisch Privatsache eines jeden Staatsbürgers und wird nicht mehr (als staatstragend) vorgeschrieben oder vereinheitlicht, wie noch vor Jahrhunderten üblich.

Wer sich fragt, warum das seit Längerem so gemacht wird, muss in die Geschichte Europas blicken. Im 16. und 17. Jahrhundert erlebte Europa blutige Kriege, die vordergründig zwischen christlichen Konfessionen, zugleich aber um Macht und Vorherrschaft geführt wurden. Nach dem verheerenden 30jährigen Krieg war vielen Entscheidern endlich klar geworden: Das wollen wir nicht mehr, das bringt mehr Schaden als Nutzen. Aber erst später erkannten sie, dass es auch wenig Sinn machte, dem eigenen Land eine einzige Religion bzw. Konfession vorzuschreiben. Also trennte man sich von dem Prinzip einer Staatsreligion und führte religiöse Toleranz als ein Herrschaftsprinzip ein, z.B. in Preußen.

Was den meisten Menschen, zumindest in der „westlichen Welt“, heute als Fortschritt erscheint, gefällt den oben erwähnten, strenggläubigen Schrifttreuen gar nicht. Sie sehen das, wie schon gesagt, völlig ahistorisch: Weil ihr Heilige Schrift vom Gottesstaat ausgeht, muss diese Vorstellung für alle Zeiten Leitlinie sein. Damit bürden sie sich ein Problem auf: Wie kann ich mit dem Weltbild des Altertums in der heutigen Welt leben?

Das ist ein Grundproblem: Wer seine Heilige Schrift als über der Geschichte schwebendes, für alle Zeiten gültiges Dokument sieht, das man nur in Gänze und ohne jeden Abstrich als Gottes Wort und seinen Willen akzeptieren kann (und muss), der sieht auch keinen Spielraum für eine Modernisierung. Der sieht, mehr noch, schon in einer Betrachtung der Schrift als historisches Dokument eine Gotteslästerung und will nichts von historisch-kritischer Untersuchung seiner Heiligen Schrift hören.

Und so muss auch deutlich festgestellt werden: Wer sich so an den Buchstaben seiner Heiligen Schrift bindet, der kann auch moderne Staats- und Regierungsformen nicht akzeptieren, denn die passen ja überhaupt nicht zum altertümlichen Welt- und Politik-Bild der Tora, der Bibel, des Koran. Wir hören z.B. auch, dass „bibeltreue“ Christen in den USA vehement fordern, die Evolution nach Darwin gehöre nicht in den Biologie-Unterricht einer christlich orientierten Schule; denn in der Bibel gibt es keine Evolution, vielmehr war die Welt am siebten Schöpfungstag fertig — ohne Entwicklung.

Da sehen wir, wie religiöse Vorstellungen sich als Denkverbote auswirken können, als Hemmnisse für Forschung und Wissenserweiterung. Wir kennen Beispiele aus der Geschichte. Im Grunde sind solche enggefassten, rigiden Glaubensvorstellungen modernitätsfeindlich: Sie lehnen, konsequent angewendet, nicht nur die Demokratie ab (wie oben schon dargelegt), sie vertreten auch ein wissenschaftsfeindliches Weltbild und ein antiquiertes, patriarchalisches, mehr oder weniger frauenfeindliches Gesellschaftsmodell.

In diesem Licht stellt Jesus von Nazareth eine Ausnahme dar: Er wendet sich gegen die buchstabengläubigen und möglichst viele religiöse Verhaltensregeln befolgenden Pharisäer, die sich für besonders fromm halten. Jesus spricht zu Frauen auf Augenhöhe. Er verhindert die Steinigung einer Ehebrecherin mit dem Verweis: „Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Er wendet sich gegen die Geschäftemacherei im Tempel. Er hält die „Bergpredigt“, in der er die landläufigen Moralvorstellungen gegen den Strich bürstet…

Dieser Jesus erscheint merkwürdig aus seiner Zeit gefallen — im Vergleich zu dem, was die Schriften sonst vermitteln. Und obwohl an vielen Stellen in den Evangelien Jesus-Worte erscheinen, die sich explizit auf das „Alte Testament“ berufen (schließlich sprach Jesus als Jude zu jüdischem Publikum), wirken seine Sentenzen doch oft revolutionär. Das war anscheinend auch vielen christlichen Kirchenmännern schon in der Spätantike nicht geheuer: Viele wollten vom patriarchalischen Geist nicht lassen und formten in diesem Sinne die Kirche (Beispiel: „Kirchenvater“ Augustinus).

Ähnlich verhalten sich konservative muslimische Prediger: Sie verteidigen die althergebrachte, patriarchalische Gesellschaftsordnung als gottgewollt. Sie predigen, die Muslime hätten sich nach dem Vorbild des Propheten zu richten, wenn sie besonders fromm sein wollten. Frauen sollten deshalb ihre Frömmigkeit durch das Tragen eines Kopftuchs zur Verhüllung ihrer Haarpracht zeigen, sie sollten überhaupt ihre Reize in der Öffentlichkeit möglichst verbergen. Warum? Mohammed hielt seine Frauen zu diesem Verhalten an, um sie den lüsternen Blicken anderer Männer zu entziehen.

Mohammed selbst hatte zu Frauen aber kein patriarchalisch-diktatorisches Verhältnis. Das kann man in der Lebensbeschreibung des Propheten nachlesen. Er machte der Muslima auch das Tragen eines Kopftuchs nicht zur Pflicht. Bleibt als Erklärung nur: Er nahm Rücksicht auf die beinhart-traditionelle, patriarchalische Haltung seiner Anhänger und seiner Umgebung, die er für den Islam gewinnen wollte. Daher sehe ich das o.a. religiöse Argument für das Kopftuch als nicht überzeugend an. Vielmehr scheint es eher die Männer zu entlasten von der Pflicht, Frauen (gleich Mohammed) zu respektieren und ihre männliche Lüsternheit zu beherrschen.

Konservative Prediger (nicht nur im Islam) verurteilen Frauen für „unkeusches“ Auftreten, d.h. für ein Äußeres, das sexuelle Reize nicht völlig verbirgt (Wo das anfängt, ist auch nach Lektüre von Sure 24, 31 auslegungsfähig). Sie erlauben gleichzeitig Männern, sich schwach zu zeigen in ihrer Selbstkontrolle, d.h. sich von ihren Trieben steuern zu lassen. Was ist das für ein Männerbild? Wo bleibt da die Stärke des Mannes, wo seine Selbstbeherrschung? Stärke soll sich wohl eher in Unterdrückung Schwächerer zeigen, oder was? Das ist doch eher ein Eingeständnis von Schwäche.

Man könnte es als eine Stärke Mohammeds bzw. seiner Verkündigung verstehen, dass er die harten Traditionen der Wüste abmilderte und de facto als Reformer wirkte. Er entschärfte die rigiden Ehegesetze, indem er den Frauen mehr Rechte gab, z.B. im Erbrecht. Und er ersetzte die übliche Blutrache durch die Möglichkeit einer materiellen Sühne. Das waren damals fortschrittliche Gebote, nachzulesen im Koran.

Wie auch immer, Muslime müssen zur Kenntnis nehmen, dass (für viele Männer: leider) die traditionelle Unterdrückung der Frauen nicht mehr anerkannter Standard in westlichen Gesellschaften ist. Mehr >Interview – Psychologe: „Übrig bleibt das Macho-Gehabe“ – Politik – Süddeutsche.de

Wenn Jesus teilweise, wie gesagt, aus der Zeit gefallen erscheint, dann spricht das wohl dafür, ihn eher ernst zu nehmen als die altbackenen, altertümlichen, systemkonformen Lehren der alten Heiligen Schriften. Und sein schrecklicher Tod am Kreuz ist, wenn man nicht nur die kirchliche Interpretation berücksichtigt, ein Beweis dafür, dass er bei den Mächtigen aneckte und unbequem war. Man muss ihn nicht einen Revolutionär nennen; es genügt schon, seine Sentenzen als Denkanstöße zu verstehen. Man kann in ihm einen Lehrer und charismatischen Wanderprediger sehen, der den Menschen „food for thought“ gab, der sie veranlasste, über ihr Leben und Handeln grundsätzlich nachzudenken.

Vielleicht — aber das ist Spekulation — würde Jesus heute sagen: Warum haltet Ihr an starren Vorstellungen fest, die in Vielem nicht dem wahren Geist der Religion entsprechen? Warum befolgt Ihr gedankenlos, was einmal vor hunderten von Generationen die Altvorderen für richtig oder angemessen hielten? Warum haltet Ihr Euch an den Buchstaben und nicht an den Kern des Wortes? Gott ist das Leben, nicht die starre, tote Hülle. Der wahre Kern der Botschaft Gottes ist das Lebendige, er spricht für den Menschen und gegen die Abtötung von Gefühl und Verstand.

Als ein von Jesus berufener Jünger einmal einwandte, er müsse erst einen Verstorbenen beerdigen, da entgegnete Jesus: Lass die Toten ihre Toten begraben und folge mir nach. Dieses auf den ersten Blick rätselhaft, ja unsittlich erscheinende Jesus-Wort ist gar nicht so schwer zu deuten. So wie er an den Pharisäern die Überbetonung der formalen religiösen Pflichten kritisierte, so wollte er auch hier sagen: Die Form ist nicht wichtiger als der Inhalt, Formalitäten haben sich dem wichtigen Sinn des Lebens unterzuordnen, das Leben selbst hat Sinn, aber die Form allein ist für sich tot.

An vielen Stellen in den Evangelien demonstriert Jesus: Gesellschaftliche Konventionen und Regeln haben nicht den allerhöchsten Stellenwert. Deshalb ging er auch vor aller Augen zu den Verachteten der Gesellschaft, besuchte sie und speiste mit ihnen. Dies alles lief auf eine Aussage hinaus: Der Mensch an sich ist zu respektieren, niemand ist weniger wert aufgrund geringeren Ansehens. Nicht nur vor Gott sollten alle Menschen gleich sein, sondern auch in der Haltung des Menschen gegenüber dem Leben seines Mitmenschen.

Wer für diese Botschaft offen ist, kann zu der Ansicht kommen, dass Jesus wahrhaft aus seiner Zeit fällt und gerade darum geeignet ist, als moralischer Wegweiser auch in anderen Zeiten zu dienen. So gesehen, bedeutet das Kreuz als Symbol: Seht, ich habe mich für die Verachteten und Unterprivilegierten eingesetzt, ich habe meine Stimme gegen Misstände erhoben, und das hat den Mächtigen im Land nicht gefallen; darum erlitt ich diesen Tod. Die Erzählung von meiner Auferstehung beweist, dass mein Glaube an Menschlichkeit nicht tot ist und Vielen Hoffnung gibt.

Für meine ganz persönlichen Geschmack übrigens wäre der auferstandene Christus ein geeigneteres Symbol als das Kreuz, aus dem oben genannten Grund. Anders als der am Kreuz leidende, gemarterte Christus, der sogar in vielen Schul-Klassenzimmern (nicht nur in Bayern) früher den Kindern täglich vor Augen hing,  wäre ein Bildnis des Auferstandenen ein deutlich positiveres Zeichen der Hoffnung.

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Nachdem diese Unterseite „Höheres“ von fu.frechen.de schon über vier Monate im Netz gestanden hatte, vernahm die Welt am 11. April 2015 aus Rom, dass Papst Franziskus ein Heiliges Jahr* ausrief und unter das Thema „Barmherzigkeit“ stellte. Am 8. 12. wurde es mit der Öffnung der Heiligen Pforte des Petersdoms in Rom eröffnet, es endet am 20.11.2016.

Man könnte auf die Idee kommen zu sagen: Da findet wohl irgendwo im Vatikan die Website fu-frechen.de Beachtung und hat als Anregung zu dieser Themenstellung gedient. Das mag sogar sein, aber wir glauben nicht ernsthaft, dass gerade dieser Papst erst durch unsere Website auf das Thema aufmerksam gemacht werden musste. Er war es doch, der gleich nach seinem Amtsantritt (März 2013) auf die italienische Insel Lampedusa reiste und das überfüllte Flüchtlingslager besuchte. Er erinnerte Europa an die in Fensterreden hochgehaltenen christlichen Werte und mahnte mehr praktische Umsetzung an.

Überhaupt forderte dieser Papst von den Politikern und sonstigen Entscheidern Europas, die doch von ihnen selbst beschworenen europäischen Ideale und Werte wie Frieden, Völkerverständigung, Solidarität zu beachten und in praktische Politik einfließen zu lassen. Diese Mahnung hat ihm für das Jahr 2016 die Verleihung des Karlspreises eingetragen: Um Europa besorgte Politiker haben sich dafür stark gemacht. Ihnen ist es nicht egal, dass die Europäische Union, die auch als Wertegemeinschaft gegründet wurde, derzeit auseinanderfallen könnte (siehe dazu auch >Blog/“Verspielt die EU die europäische Idee?“ vom Juli 2015).

W. R.

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* Wer genauere historische Informationen zum „Heiligen Jahr“ sucht, wird fündig im Buch DIE BEATUS-CHRONIK, S. 60, Anm. 76.

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Einer christlichen Legende zufolge hörte der spätere Kirchenvater Augustinus eines Tages von irgendwo eine Stimme, die rief: „Nimm und lies! Nimm und lies!“ Er bezog das auf sich und sah sich veranlasst, die Bibel aufzuschlagen, genauer: Er las den Römerbrief des Apostels Paulus, und mit Kap. 13, 13-14, so schrieb er in seinen Aufzeichnungen (Bekenntnisse VIII, 12) später, sei ihm Erleuchtung aus dem christlichen Wort Gottes zuteil geworden; wenig später ließ er sich taufen.

Von einer zufälligen und unbedarften Lektüre der Bibel an irgendeiner Stelle ist jedoch abzuraten. Sehr leicht gerät jemand, der nach dem Zufallsprinzip etwa das Alte Testament aufschlägt, an eine Textpassage, die sich ohne qualifizierte Erläuterung nicht oder allenfalls missverstehen lässt. Nicht jede Passage von „Gottes Wort“ ist geeignet, dem Suchenden unmittelbar Trost, moralische Stärkung oder Erleuchtung zu spenden.

Da gibt es, um nur ein Beispiel zu nennen, im 1. Buch Mose zwei voneinander abweichende Schöpfungsberichte. Überhaupt sollte der oben erwähnte Suchende im Zweifel eher das Neue Testament aufschlagen und dort in den Evangelien lesen. Jedenfalls ist gerade das 1. Buch Mose eine Ansammlung von Angaben, die in vieler Hinsicht erläuterungsbedürftig und (nicht nur für Naturwissenschaftler) diskussionswürdig sind. Wie man/frau die Dinge auch anders als gewohnt lesen und interpretieren kann, zeigt folgendes Zitat:

„Ich bin ein Fan von Eva. Während Adam einen auf blöd machte und dumm göttlichen Befehlen folgte, war Eva fleißig und fand den Apfel. Laut Bibel war es der Apfel der Erkenntnis. Im Grunde verdanken wir also Eva Wissenschaft, Raumschiffe, iPhones, Tonstudios, Kaffeebecher aus Pappe und das Internet. Uns wurde gesagt, Männer würden alles erfinden, doch ohne Eva hätten sie gar nicht angefangen zu denken und nach dem Wissen der Welt zu suchen. Eva war die erste Feministin und überhaupt ’ne ziemlich coole Braut.“     (aus: Nadja Tolokonnikowa, Anleitung für eine Revolution. Berlin 2016, S. 77)

Ist das nicht ein schöner Kontrapunkt zu den frauenfeindlichen Lehren des Augustinus? Wer es genau wissen will, dem bleibt nur, dem Ruf „Nimm und lies!“ zu folgen und selbst nachzulesen, was in der Bibel steht, und was Augustinus (folgenreich) lehrte (in seinen „Bekenntnissen“ und anderen Schriften). Augustinus formulierte auch die Lehre von der „Erbsünde“ aus. Dazu die bereits zitierte Nadja T.:

„Das Christentum postuliert die Erbsünde und wir alle sollen von Geburt an Verantwortung dafür übernehmen, dass Eva und Adam vor zehntausend Jahren einen Apfel konsumiert haben. Dann kann man genauso gut weiterhin sündigen. Wir sind sowieso von Geburt an sündig.“   (a.a.O., S. 122f.)

Portalschmuck im Schlosshof Brake, Lemgo

Adam und Eva am Baum der Erkenntnis, Bildschmuck über einem Seitenportal im Hof von Schloss Brake, Lemgo

In aller Deutlichkeit gesagt: Was schon in einigen Apostelbriefen im Neuen Testament an manchen Stellen anklingt, nämlich ein Widerspruch zu der frauenfreundlichen Haltung Jesu, das artikulieren einige christliche Kirchenmänner Ende des 2. Jahrhunderts und später schon lauter, nämlich ihr Missfallen daran, dass Frauen in der Christengemeinde Ämter bekleiden, dass sie missionieren, predigen, Seelsorge betreiben. Bedeutende Theologen wie Tertullian, Origines, und die später „Kirchenväter“ genannten wie Hieronymus, Ambrosius, Augustinus, ziehen alle Register der religiösen und biologischen Argumentation, um zu „beweisen“, dass Frauen für diese Ämter (wie auch sonst im patriarchalisch geprägten Römischen Reich für öffentliche Ämter) nicht geeignet seien.

Ist der Apostel Paulus noch respektvoll mit der Missionarin Thekla umgegangen, schreibt er aber in seinem Römerbrief den später vielzitierten Satz: „Mulier taceat in ecclesia.“ (Die Frau schweige in der Kirche.) Aus heutiger Sicht abstrus und erstaunlich unlogisch wirkt die Argumentation von späteren Kirchenmännern, die sie sich als Männer prinzipiell geistvoller und intelligenter wähnten als die Frauen. Mir kommen sogar Zweifel am charakterlichen Format eines Hieronymus, wenn er über abweichende theologische Meinungen (Häresien) herzieht und dabei deren Vertreter beschimpft und verleumdet, wobei ihm als besonders gewichtig das Argument einfällt, sie hätten sich auch der Hilfe von Frauen bedient (Hieronymus, Gegen Jovinianus 1, 48).

Augustinus schenkte der Christenheit eine Fantasie von einer „Paradiesehe“: Zwar habe es im Paradies eine Ehe und Fortpflanzung, beim Sex aber keine Lust gegeben, sondern nur Steuerung durch den Verstand. Erst durch den Sündenfall sei sexuelle Lust und Begierde entstanden; deshalb sei sie sündhaft und kein positiver Wert (DerGottesstaat, 14). Damit war mehr als ein Jahrtausend der Verklemmung durch „beschämende Lust“ (Augustinus) im Christentum vorprogrammiert.

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Der Blick auf die eigene Geschichte…

…ist bei den o.g. Religionen nicht immer ungetrübt und klar. Wie sonst auch in der historischen Rückschau, gibt es hier keinen „objektiven“ oder von gegenwärtigen Problemen unbeeinflussten Blick. So schlägt sich z.B. die katholische Kirche heute mit dem Problem des Zölibat für Priester und Mönche herum, was nicht nur Ehelosigkeit, sondern auch sexuelle Enthaltsamkeit bedeutet. Dabei ist der Zölibat keine Vorgabe der Bibel, sondern aus teils materiellen Motiven erst im Mittelalter von der Kirchenführung verordnet worden — und daher im Prinzip auch wieder aufhebbar.

Der Blick auf die eigene Geschichte ist auch im Islam nicht unbefangen. Das formuliert die Autorin Irene Schneider (in ihrem Buch „Der Islam und die Frauen“, München 2011) wie folgt:

Die historischen Quellen stammen aus den [auf Mohammeds Tod 632] folgenden Jahrhunderten. In diesen islamischen Überlieferungen wird die Zeit vor Muhammad als „Zeit der Unwissenheit“ (arab. djahiliya) gesehen, womit aus religiöser Perspektive die Zeit vor der göttlichen Offenbarung gemeint ist; die Bezeichnung impliziert jedoch einen Bruch in der historischen Kontinuität, so dass vorislamische Sitten und Bräuche aus der Perspektive der neu entstandenen Religion betrachtet wurden. Viele die vorislamische Zeit betreffenden Nachrichten sind daher unzuverlässig, lückenhaft und widersprüchlich, und Historiker kommen in vielen Fällen nicht über Hypothesen hinaus. Seit den siebziger Jahren hat sich in der islamischen Welt verstärkt die Vorstellung durchgesetzt, die Entstehungszeit des Islams im 7. Jahrhundert sei auch für heutige Muslime als politisch maßgeblich zu betrachten. Dadurch setzte eine rückwärtsgewandte Idealisierung ein, eine aus der Perspektive des 20. oder 21. Jahrhunderts kommende Überformung der ohnehin schwierig zu rekonstruierenden Vergangenheit. Die Biografie Muhammads von Ibn Ishaq ist uns beispielsweise in der Überlieferung von Ibn Hischam (gest. 830) erhalten, der mithin zweihundert Jahre nach dem Propheten lebte.

Auch dort treffen wir auf ein bekanntes Phänomen: Immer wieder gibt es Rückbesinnungen auf die Wurzeln, auf die Anfänge einer Religion, um Orientierung zu finden in einer zunehmenden Fülle abweichender Interpretationen des Glaubens. Dabei wird den Muslimen vereinfachend gepredigt: Haltet euch an die Aussagen des Koran und an die Hadith, die Aufzeichnung der Handlungen des Propheten. Historisch gesehen ist die Sachlage komplizierter, die Überlieferung der Hadith wurde erst im 9. Jahrhundert gesammelt aufgeschrieben.

Im Christentum gibt es auch eine historische Entwicklung hin zur Kodifizierung der Glaubensinhalte, z.B. bei der Festlegung der zur christlichen Bibel gehörenden Schriften. Man einigte sich erst lange nach der Aufzeichnung der ersten vier Evangelien auf den Kanon der Bücher, die als das Neue Testament zusammengefasst eine Fortsetzung der jüdischen Schriften darstellen sollten, welche demnach als das „Alte Testament“ bezeichnet wurden.

In den christlichen Gemeinden des Römischen Reiches wurden zahlreiche Schriften gelesen und als Erbauungsliteratur tradiert, darunter spätere Evangelien und allerlei Apostelbriefe. Viele flogen als „Apokryphen“ aus der Kandidatenrunde hinaus, und um das Jahr 400 einigte man sich auf die bis heute gültigen Teile des NT. Jüngere Forschungen haben allerdings erwiesen, dass z.B. einige Apostelbriefe im NT auch nicht authentisch sind, sondern literarische Produkte, die nach antiker Sitte bekannten Autoren, in diesem Falle Aposteln, untergeschoben wurden. Die damalige Entscheidung, sie in den Kanon aufzunehmen, mag aus Unkenntnis geschehen sein, aber auch aus inhaltlichen Gründen.

An dieser Stelle soll nicht weiter auf die Kritik des Kanons des NT eingegangen werden. In mancher Hinsicht viel grundlegender ist eine Kritik, die auf sprachwissenschaftlicher Forschung beruht: Die Evangelien zitieren viele Jesus-Worte, ihre Sprache ist das Griechische. Doch Jesus sprach Aramäisch. Franz Alt schreibt (in seinem Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“. Gütersloher Verlagshaus, 2015) mit Berufung auf die Forschungen von Günter Schwarz:

Das Übersetzungsproblem ist das größte Problem für das Verstehen des Neuen Testaments. Auch die heutigen Theologiestudenten lernen — wie ich es tat — Lateinisch, Griechisch und Hebräisch, aber nicht die Sprache Jesu. Kaum ein Theologie-Professor ist des Aramäischen mächtig. Hinzu kamen über die Jahrhunderte Abschreibfehler, dogmatische Änderungen, subjektive Ergänzungen, Fehldeutungen, Irrtümer und Auslassungen. (S. 24)

Alt gibt dazu etliche Beispiele von verzerrten oder fehlgedeuteten Jesus-Worten, wie sich aus einer Rückübersetzung ins Aramäische ergibt, genauer gesagt: ins galiläische Westaramäisch (Jesus stammte aus Nazareth in Galiläa). Damit nicht genug, beschreibt Alt weitere Folgerungen aus dem Übersetzungsproblem:

… Das könnte ähnlich auch für den Koran gelten: Zur Zeit der Entstehung des Koran war das Arabische noch keine Schriftsprache. Die Urheber des Arabischen waren wahrscheinlich Christen und Juden. Sie werden im Koran als „Schriftbesitzer“ bezeichnet. Das Wort „Koran“ ist nicht arabisch, sondern syro-aramäisch. (…) In ganz Westasien war zwischen der Zeit Jesu und der Zeit Mohammeds das Syro-Aramäische die lingua franca, die vorherrschende Schriftsprache. In diesem Umfeld entstand auch der Koran. (S. 75)

Folglich macht der Koranforscher und Syrologe Christoph Luxenberg, auf dessen Forschungen sich Alt hier beruft, den Vorschlag, ähnlich wie Günther Schwarz für das NT, den Koran rückzuübersetzen.

In seinem aufsehenerregenden Buch „Die syro-aramäische Lesart des Koran“ schlägt Luxenberg eine Rückübersetzung des Koran vom Arabischen ins Aramäische vor.  Die berühmt-berüchtigten 72 Jungfrauen, die im Paradies angeblich auf Märtyrer warten, sind dann synonym mit „saftigen, weißen Weintrauben“ oder schlicht mit dem Paradies, folgert Luxenberg. Das Aramäische kann tatsächlich helfen, manches unverstandene Rätsel beider Heiliger Schriften mit Herz und Verstand zu lösen. (S. 75)

Auch das Kopftuch-Gebot erscheint in diesem Licht anders als geglaubt:

Das entsprechende Wort „Chumur“ aus der Sure 24, Vers 31 heißt im Aramäischen eher „Gürtel“. Danach soll dieser um Die Lenden geschlagen werden. Mit diesem Wissen hätte man sich weltweit manches Theater ersparen können.

Und Alt schließt diese Ausführungen mit den versöhnlichen Worten ab:

Der Rückbezug auf die gemeinsamen aramäischen Wurzeln der heiligen Bücher in allen drei monotheistischen Religionen kann für den künftigen Dialog zwischen Juden, Muslimen und Christen hilfreich sein.

Wir alle wissen: Das setzt natürlich die Bereitschaft zum Dialog voraus. Beinharter Dogmatismus ist da ebenso hinderlich wie militante Missionsversuche.

W. R.

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