This wooden O

„This wooden O“: Shakespeare, and all that jazz

Clock tower with Big Ben, seen from Westminster Pier by the Thames river in the evening sun

Auf dieser Unterseite erscheint viel Britisches, aber auch Literarisches, oder sagen wir besser: Kulturelles, das mit den Britischen Inseln, mit der englischen Sprache, mit Vielem zu tun hat, was Anglisten, Anglophile, Historiker, Theaterinteressierte, Reisefreudige usw. aufhorchen und genauer hinschauen lässt.
Damit Sie hier nicht zuviel vorfinden, was Sie anderswo schon genauso gelesen und gesehen haben, werden an geeigneten Stellen Links gesetzt; die führen zu Internet-Seiten, auf denen sich schon Andere qualifiziert und/oder originell zu Themen dieser Unterseite geäußert haben. Solches müssen wir hier nicht paraphrasieren und wiederkauen.
Eine Frage vorweg: Sind Sie des Englischen soweit mächtig, dass Ihnen die Lektüre längerer englischer Texte keine besondere Mühe macht? Kurze Angaben oder Zitate, wie nebenstehende Bildunterschrift, werden die BesucherInnen dieser Unterseite sicher mühelos verstehen. Wer aber im Englischen zu den Fortgeschrittenen gehört, also „a good command of the English language“ besitzt, mag sicher gerne auch auf englischsprachige Beiträge zu den Themen dieser Unterseite zugreifen.
Daher setzt der S.R. hier einen link zu einer Seite, die sich „ThoughtCo“ nennt und zum Themenbereich Shakespeare eine Menge Beiträge in englischer Sprache bietet, die über das Allgemeinwissen hinausreichen, aber keine wissenschaftlichen Abhandlungen sind (und also allgemeinverständlich formuliert). Da bleibt noch genug zum Nachforschen übrig für diejenigen mit größerem Wissensdurst:  Everything You Need To Know About Shakespeare Plays .
Wer sich eher auf das Inhaltliche konzentrieren will und das in deutscher Sprache, ist hier ebenfalls gut aufgehoben: Wie Sie sehen, wird diese Unterseite deutschsprachig gestaltet. Auch die unten eingestellte Arbeit über Skakespeares Bezug zu Geschichte und Politik seiner Zeit ist in Deutsch geschrieben.
Anglophil? Kann man das noch sein, wenn die Briten den „Brexit“ durchführen und aus der EU austreten? Langsam! 1. „Die Briten“ sind durchaus nicht alle für den Brexit. 2. Die Propaganda der Brexit-Kampagne im Vorfeld der Abstimmung operierte teils mit handfesten Lügen über Nachteile der Mitgliedschaft des United Kingdom (UK) in der EU. 3. Die Bevölkerung wurde durch einen Großteil der Presse massiv gegen die EU aufgehetzt, vor allem durch Blätter des Medienzars Rupert Murdoch. 4. Ein Teil der jungen Generation, vor allem der Gebildeten, hielt einen Sieg der Brexit-Befürworter für unvorstellbar oder zumindest für so unwahrscheinlich, dass sie gar nicht erst abstimmte. Siehe dazu >Blog, „Ein rabenschwarzer Tag für die EU“, Juni 2016.
Oder man schüttelt den Kopf über die Masse der Lemminge, die Losungen glaubten wie: „Wir werden die Kontrolle zurückgewinnen“, und ähnlichen Unfug. Wer da „wir“ ist und wer da wirklich „die Kontrolle“ oder sonst etwas gewinnt, das sind noch ganz andere Fragen…
Wer glaubte, das absurde Theater in der Politik des UK sei nicht mehr zu toppen, der musste erleben, dass der Troll Boris Johnson von den Tories zum Premierminister gekürt wurde — und bei Wahlen im Oktober 2019 eine relative Mehrheit, im Unterhaus aber eine absolute Mehrheit gewann (aufgrund des britischen Wahlrechts). Oh, dear! Sie werden es noch schaffen, dass ihnen das UK um die Ohren fliegt und nicht mehr „united“ ist. Vielleicht ist das ja der geheime Plan von BoJo und seinen Unterstützern… (eine Verschwörungstheorie, gewiss, aber eine plausibel klingende nach all dem unwahrscheinlichen und teils unmöglichen Spektakel, das einige britische Politiker in den letzten Jahren aufgeführt haben).
Am 31. Januar 2020 war formeller Austrittstag des UK aus der EU (Erstmal blieb noch alles wie gehabt, eine Übergangszeit lief, es wurde verhandelt über die zukünftige Art und Weise der Beziehungen. Genaueres: Großbritannien: Brexit, und jetzt? | ZEIT ONLINE )  Verändert hat sich längst Einiges. Verändert hat sich auch die britische Gesellschaft, gespalten in zwei Lager.
Die Fakten 2016-2020 im Überblick> Chronologie: Die wichtigsten Akte im Brexit-Drama | tagesschau.de
Aber dennoch: Das ganze Brexit-Drama (bzw. -Desaster, das nicht nur für die EU, sondern auch für das UK mehr Nachteile als Vorteile bringen dürfte), ändert rein gar nichts an den Dingen, die wir schon immer an den Britischen Inseln und ihrer Sprache schätzten („very British“) und liebten (siehe auch Abb. oben links). Darum nennen wir diese Unterseite ganz bewusst „This wooden O“. Viele von Euch wissen sofort, was gemeint ist: In einem Skakespeare-Stück wird auf                                                              This wooden O: The Globe Theatre, Replica, London 1997

das Theater Bezug genommen, das seinerzeit ein hölzerner Rundbau war (Henry V, Act I, Prologue, 14; siehe auch: „My wooden O“, – Shakespeare-Festival Neuss ). Wer in London den Nachbau des „Globe“ gesehen hat, hat eine Vorstellung davon — oder schaut auf die Homepage und gewinnt Einblicke von oben und von innen: Home / Shakespeare’s Globe . Aber auch in Neuß bei Düsseldorf gibt es einen solchen Theaterbau nach historischem Vorbild, wo Shakespeare-Dramen aufgeführt werden. Dazu Näheres empfohlen auf  >Shakespeare Festival im Globe Neuss 14. Mai bis 13. Juni 2020

William Shakespeare — ein großer Name. Doch wer genau steckt dahinter?  Immer mal wieder wird spekuliert: War er wirklich der offiziell als der Mann aus Stratford-upon-Avon gerühmte „Swan of Avon“? Die wahre Identität wollen Manche aufgedeckt haben und schreiben seine Werke anderen Zeitgenossen zu. Dieser Frage ging W. R. in einem Blog-Beitrag im April 2014 nach, der nun hier auf dieser Unterseite von fu-frechen.de einen Platz findet:
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Skakespeare!

127+Zum 23. April, dem Welttag des Buches, darf ein Beitrag nicht fehlen, der das Shakespeare-Jubiläum 2014 zum Anlass nimmt, dem großen Sohn Englands zu huldigen und, da der 23. 04. sein mutmaßlicher Geburtstag ist, einen Blick auf die Person William Shakespeare zu werfen. Wenig ist tatsächlich bekannt, d.h. zweifelsfrei durch die historische Forschung gesichert. Wer sich die bekannten Fakten und Vermutungen nochmals in einem guten Überblick ansehen möchte, kann z.B. diesen Link anklicken: http://www.dieterwunderlich.de/William_Shakespeare.htm

Die meisten Besucher von fu-frechen.de haben sicher schon vom Mann aus Stratford-upon-Avon gehört, der als Schauspieler, Autor und Mitbesitzer eines Theaters in London bekannt wurde und sich später in seinem Heimatort zur Ruhe setzte, in dessen Kirche er auch seine letzte Ruhestätte fand.

Ein Bildnis von W. S.

Man will sich natürlich ein Bild von ihm machen: Wie sah er aus? Doch was auf den ersten flüchtigen Blick einfach erscheint, entpuppt sich bald als Problem. Es gibt zwar drei bekannte Bildnisse, die W. S. zeigen sollen, aber sie sehen doch verschieden aus (Abb. siehe engl. Wikipedia-Seite http://en.wikipedia.org/wiki/William_Shakespeare ):

1. Die Grabbüste. Einige Zeit nach seinem Tod (1616), aber vor 1623, wird auf dem Grabmal in der Trinity Church in Stratford eine Büste aufgestellt, die W. S. in typischer Dichterpose mit Feder in der Hand zeigt. Dieses Abbild, in seinem heutigen Aussehen, „vermittelt den Eindruck selbstzufriedenen Spießertums“ (Schabert* S. 181), womit sich gerade die Verehrer des Dichters nicht anfreunden konnten und können. Außerdem wurde es im Laufe der Zeit mehrfach verändert, sodass es womöglich nicht in seinem ursprünglichen Aussehen erscheint. Das Bemühen des 18. Jahrhunderts, sich ein würdigeres Bild anstelle jenes Grabmonuments zu formen, erkennt man deutlich in der steinernen Figur des Ehrenmals in Westminster Abbey in London (1741), siehe http://www.westminster-abbey.org/our-history/people/william-shakespeare .

2. Der Droeshout-Stich. Jedem dürfte dieses Bild schon einmal begegnet sein, es ist die meist gezeigte historische Illustration zur Person Shakespeares. Aber zeigt dieser Kupferstich vorn in der First-Folio-Ausgabe von Shakespeares Werken (1623) wirklich lebensnah den Dichter? Der ausführende Künstler Martin Droeshout war beim Tod des Dichters 15 Jahre alt und hat ihn womöglich nie selbst gesehen. Das Bild befriedigt jedenfalls auch nicht die Erwartungen an ein künstlerisch anspruchsvolles Abbild: „Der Droeshout-Stich (…) ist von überwältigender Mittelmäßigkeit. Er stimmt vorne und hinten nicht.“ (Bryson** S.12)

Die beiden Darstellungen 1. und 2. „sind authentisch nur insofern, als sie tatsächlich Shakespeare meinen und möglicherweise auf mündliche Instruktionen von Auftraggebern zurückgehen, die ihn kannten.“ (Suerbaum*** S.14)

3. Das Chandos-Porträt. Dieses Gemälde aus der Zeit Shakespeares zeigt einen Mann um die 40 mit Ohrring, Bärtchen und hoher Stirn. Es kam 1747 in den Besitz einer Familie Chandos, daher der Name. Dieses Gemälde wurde 1856 der National Portrait Gallery in London geschenkt; dass es Shakespeare darstelle, wurde sofort angezweifelt, weil es nicht der damaligen Erwartung an das Erscheinungsbild des großen Dichters entsprach. Leider kann nicht zurückverfolgt werden, ob es wirklich „Englands größten Barden“ oder einen Zeitgenossen darstellt.

4. Das Cobbe-Porträt. Seit Neuestem steht ein weiteres Bildnis des Dichters zur Auswahl: das sogenannte Cobbe-Porträt, wie das Chandos-Porträt nach der Familie benannt, in deren Besitz es lange Zeit war. Man vermutet, dieses Bild könnte Droeshout als Vorlage oder Anregung für den Stich (→ 1.) gedient haben. Mehr> The UK’s leading expert on Tudor portraiture gives her verdict on the Cobbe portrait of Shakespeare | Culture | The Guardian

Im englischen Wikipedia gelangt man auf http://en.wikipedia.org/wiki/Portraits_of_Shakespeare zu einer Bildergalerie, die eine Auswahl von 12 Porträts zeigt, darunter auch zweifelhafte und zweifelsfrei gefälschte.

Fazit der Bilderschau: Wir haben also bis zu vier Porträts, die als lebensnahe Bildnisse zur engeren Wahl stehen, wissen aber nicht, wie W. S. wirklich ausgesehen hat. Darum habe ich mir selbst ein Bild gemacht, angelehnt an 2. und 3., und die Zeichnung oben am Beginn dieses Beitrags eingefügt. –

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War Shakspere überhaupt „Shakespeare“?

Verschiedene Theorien behaupten, dass die weltberühmten Dramen und Dichtungen gar nicht von besagtem William Shakespeare aus Stratford stammen könnten, der ein frühes Dokument mit „Shakspere“ unterschrieb (Die heute übliche Schreibweise hat W. S. nicht benutzt, dafür in jeder uns bekannten Signatur eine andere Variation). Die Autorenschaft seiner Werke wird stattdessen diversen mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen zugeschrieben: Marlowe, Bacon, u.a.

Als Mark Twain Europa bereiste und 1873 in Stratford Station machte, fand er die Grabbüste auch derart unpassend, dass er sich mit der Identität Shakespeares näher befasste: Sein Essay „Is Shakespeare dead?“ erschien 1909, worin er das Testament des W. S. aus Stratford zerpflückt und findet, das sei der letzte Wille eines Geschäftsmannes ohne den geistigen und emotionalen Hintergrund des großen Dichters. Twain favorisiert Francis Bacon als Autor der weltberühmten Werke.

Der Kinofilm „Anonymous“ von 2011 geht von dem Adligen Edward de Vere (1550-1604) als Autor aus, der sich des Schauspielers W. S. als Strohmann und Pseudonym bedient habe, da er selbst, als Adliger am königlichen Hof, nicht als Dichter für das öffentliche Theater habe in Erscheinung treten dürfen. Der Kandidat wurde erstmals 1920 ins Spiel gebracht und hat Manches für sich, selbst ohne den o.g. Film. In aller Ausführlichkeit behandelt diese Theorie Kurt Kreiler****.

Sigrid Löffler fasste 2001 die Lage sehr gut zusammen:

Der Barde aus Stratford ist in den letzten Jahren wieder ins Gerede gekommen (im Gespräch ist er als weltweit meistgespielter Dramatiker sowieso immer). Im Lichte neuer Theorie-Moden, die „Shakespeare“ als Sammelnamen für viele Autoren-Einflüsse deuten, machen auch alte Ketzer-Thesen wieder Karriere, die dem Biedermann aus Stratford das geniale Werk nie zutrauten und mit anderen Verfassern liebäugelten. Shakespeare-Detektive sind allenthalben an der Arbeit. Die einen wollen wissen, wo der Barde in den sieben „verlorenen Jahren“ gesteckt hat, die anderen rufen Edward de Vere zum wahren Shakespeare aus.*****

Doch die Frage nach der Person Shakespeares, mit all ihrem spekulativen Reiz, tritt zurück hinter dem Werk dieses William Shakespeare, wer immer sich auch als Person hinter diesem Namen verbirgt. Wir können uns glücklich schätzen, dass Freunde 1623 die Werke als Buch herausgaben, denn Vieles aus den Federn seiner Zeitgenossen ist nicht erhalten.

W. R.

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* Ina Schabert, Shakespeare-Handbuch. Stuttgart 1972
** Bill Bryson, Shakespeare wie ich ihn sehe. München 2008
*** Ulrich Suerbaum, Der Skakespeare-Führer. Stuttgart 2001
**** Kurt Kreiler, Der Mann, der Shakespeare erfand: Edward de Vere, Earl of Oxford. Berlin 2011; eine Rezension dazu: William Shakespeare: Das Geheimnis des Genies – Kultur – Tagesspiegel
***** Sigrid Löffler im Editorial zu: LITERATUREN: Das Journal für Bücher und Themen. Hrsg. Friedrich Berlin Verlag. Nr. 3/4 (Doppelheft), März/April 2001, S. 1
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Diesem Beitrag aus dem Shakespeare-Jubiläumsjahr 2014 folgt ein längerer Aufsatz über den historischen und politischen Hintergrund, mit dem Shakespeare und seine Werke, darunter besonders die History Plays, verwoben sind. W. R. schrieb noch als Student im Jahr 1974 eine Hauptseminar-Arbeit, die auch heute lesenswert erscheint. Ihr Titel (war vorgegeben und) ist etwas sperrig, der Textinhalt ist leichter zu genießen:

„Studien zum politischen Bewusstsein der Elisabethaner, insbesondere des Theaterpublikums von Shakespeares Historien“

anklicken: shakespeare.pdf

W. S. leibhaftig in Wachs bei Mme. Tussaud

 

Die „Elisabethaner“ im Titel dieser Schrift sind schlicht die Engländer, die zur Zeit von Queen Elizabeth I lebten. Die Königin aus dem Hause Tudor regierte von 1558 bis zu ihrem Tode 1603. Auch sie steht lebensgroß als Wachsfigur im Festornat im Kabinett der Madame Tussaud in London (siehe Foto rechts). In ihrer Regierungszeit scheiterte die spanische Armada (1588), ausgesandt zu einer Invasion Englands, um das Land zurück zum Katholizismus zu führen.

Nach der Lektüre der Abhandlung von W. R. werden Viele feststellen: Dies ist ein interessanter, zum Weiterdenken anregender Beitrag zur Kulturgeschichte nicht nur der Britischen Inseln…

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Eine kleine Begriffsklärung:

Als die Königin von England, Elisabeth I., 1603 ohne Nachkommen starb, fiel die Krone ihrem nächsten Verwandten, dem König Jakob VI. von Schottland zu, der als „James I“ den englischen Thron bestieg und beide Königreiche vereinigte. Daher heißt dieser Staat „United Kingdom“, im Lande selbst oft mit „UK“ abgekürzt. Als Natonalitätskennzeichen führen die Autos aus dem Vereinigten Königreich nicht etwa ein UK, sondern ein GB.
Unter „Great Britain“ versteht man die große Britische Insel. Meint man den politischen Gesamtstaat, so schließt man Nordirland in der offiziellen Bezeichnung mit ein: „The United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland.“ Geografisch bilden Großbritannien und (die Insel) Irland die Britischen Inseln / „British Isles“. Politisch ist Irland (ohne Nordirland!) die „Irish Republic“, übrigens Mitglied der EU, während Great Britain and Northern Ireland aufgrund der Abstimmung von 2016, planlos und zerstritten, den Austritt aus der EU zu vollziehen unternimmt. Mehr zu den Sachbegriffen in Englisch: The UK, Britain, Great Britain, The British Isles, England – what’s the difference?
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Wir blicken von Germany bzw. vom Continent auf Großbritannien und schätzen, ungeachtet

„The Sherlock Holmes“ mitten in London, Northumberland Street, nur ein paar Gehminuten vom Trafalgar Square entfernt

 

tages-politischer Stimmungen und Vorgänge, eine Menge kultureller Besonderheiten. Das sind neben dem oben schon angesprochenen Shakespeare, um nur Stichworte zu nennen, z. B. Sherlock Holmes,  verschrobene Adlige, die Royals (und die Außenseiterin Lady Diana), das Gentleman-ideal, die Weltstadt London mit ihren Sehenswürdigkeiten, Schottland mit den Whisky-Destillerien und Loch Ness, die Beatles und die Pop-Musik, Rosamunde Pilchers Cornwall, und einiges mehr, das den Leuten zu Großbritannnien einfällt. Wer das Land selbst bereist hat, erinnert sich auch gern an die freundlichen Wirtinnen und Wirte in den Bed&Breakfast-Unterkünften, an manch romantische Orte an der Küste und im Landesinneren, an liebgewonnene Antiqitäten, aufgestöbert auf Flohmärkten und in kleinen Läden…

Bei meinen London-Aufenthalten in den 1980er und 90er Jahren war ich mittags faktisch Stammgast im „Sherlock Holmes“ unweit des Trafalgar Square, warf auch einen interessierten Blick in das „study“ des berühmten Privatdetektivs im 1. Stock, wo man im Restaurant speist. Natürlich besuchte ich auch die Baker Street und hatte in einer Seitenstraße an einer Ecke ein unangenehmes Erlebnis, das mich an einen in einer Holmes-Geschichte beschriebenen Vorfall erinnerte. Und selbstverständlich deckte ich mich damals mit einschlägiger Primär- und Sekundärliteratur ein. Einige TV-Serien mit Verfilmungen von Holmes-Geschichten liefen auch im deutschen Fernsehen, wobei meinem Freund Ulrich E. S. und mir am besten Jeremy Brett in der Hauptrolle gefiel.

Der Autor, der die Figur des Sherlock Holmes erfand, musste bekanntlich eine Weile mit seinen Geschichten hausieren gehen, bis ein Verlag anbiss und 1887 ihre Veröffentlichung begann. Doch erst mit der Serie im „Strand Magazine“ startete 1891 die Erfolgsgeschichte, in deren Verlauf Sherlock Holmes weltweit ein Begriff wurde.

Irgendwann wurde der Autor dieses Erfolgs überdrüssig, weil er eigentlich viel lieber historische Romane schrieb, die aber nur geringen Anklang fanden. Also ließ er seine populäre Figur vorsätzlich sterben: In „The Final Problem“ stürzt Holmes beim Ringkampf mit seinem Erzfeind Professor Moriarty in die Reichenbach-Fälle. So, aus die Maus — dachte Conan-Doyle: Endlich war er seine nicht mehr geliebte Figur los. Doch da hatte er die Rechnung ohne sein Publikum gemacht. Das erhob lauten Protest, es gab sogar Demonstrationen vor seinem Haus, sein Verlag wurde mit Protest- und Bittschreiben bombardiert. Viele emotionale Reaktionen erreichten ein Ausmaß, als habe Conan-Doyle einen Nationalhelden ermordet.

Arthur blieb hart. Sein Verlag sah aber nicht ein, dass die große Nachfrage ungestillt bleiben sollte, und erhöhte das Honorarangebot. Nach weiteren Erhöhungen und anhaltenden Protesten konnte Conan-Doyle nicht mehr ablehnen. Doch zeitlebens fühlte er sich zum Autor historischer Romane berufen, und die Rolle als Schöpfer einer populären wie weltbekannten  Detektiv-Figur war ihm lästig. Aber, wie gesagt, er gab nach und schrieb weiter an Holmes-Abenteuern (die in der Fiktion fast alle von Holmes‘ bestem Freund Dr. Watson aufgezeichnet wurden).

Es erschien zunächst — deklariert als ein früheres Abenteuer — der Roman „The Hound of the Baskervilles“ (1902). Der Erfolg ließ Verlag und Autor nicht ruhen, Arthur Conan-Doyle schrieb nun doch eine weitere Serie von Geschichten mit Sherlock Holmes und dessen Freund Dr. Watson: „The return of Sherlock Holmes.“ Dabei musste er natürlich zuerst erklären, dass und wie Holmes nur vermeintlich umgekommen, tatsächlich aber dem Tod von der Schippe gesprungen war. Das liest sich wie aus einem Old-Shatterhand-Roman von Karl May. Aber egal, Hauptsache, das Lesepublikum konnte mit Sherlock neue Stories erleben, beginnend mit „The adventure of the empty house“, in dessen Verlauf der totgeglaubte Holmes — natürlich in Verkleidung und undercover — zur Überraschung seines entgeisterten Freundes Watson wieder auftaucht.

Viele Details, beinahe alles über Holmes, findet man auf > Sherlock Holmes | Baker Street Wiki | Fandom

Unter den Verfilmungen von Sherlock-Holmes-Geschichten und ihren freien Adaptionen ist ein Spielfim aus dem Jahr 1970 bemerkenswert: Billy Wilders‘ „The Private Life of Sherlock Holmes“. Während sonst Holmes der rational denkende, scharf beobachtende und brillant schlussfolgernde Held ist, trifft er in diesem Abenteuer auf eine ebenbürtige Gegenspielerin, Gabrielle Vallodon (gespielt von der reizenden Geneviève Page). Er ist von ihr als Frau wie als cool denkende Agentin fasziniert und erwähnt sie später gegenüber seinem Freund Watson nur als „the woman“. Dabei greift das Drehbuch des Films offensichtlich und freihändig auf die erste Holmes-Kurzgeschichte zurück, „A Scandal in Bohemia“, in der eine Irene Adler Holmes durchschaut und ihn nachhaltig beeindruckt, sodass er später von ihr nur als „the woman“ spricht. Im Film notiert Watson diese Geschichte als ein früheres Abenteuer, das er als etwas skandalös empfand und daher zu Holmes‘ Lebzeiten nicht in den Kanon seiner Abenteuer aufgenommen hat.

Wer geglaubt hatte, das Interesse des Publikums sei im späten 20. Jahrhundert erlahmt, der wurde eines Besseren belehrt. Zunächst gab es den oben erwähnten Spielfilm von 1970, dann folgte 1985 ein weiterer Spielfilm (Drehbuch: Chris Columbus), der Sherlock Holmes als jungen Mann zur Hauptfigur machte und ihn ein rasantes Abenteuer à la Indiana Jones in London erleben ließ: „Young Sherlock Holmes and the pyramid of fear / Das Geheimnis des verborgenen Tempels“. Darauf legte das Fernsehen eine Serie von Holmes-Geschichten neu auf. Und schließlich, 2010, kam eine Serie von Holmes-Episoden in modern-rasant geschnittener Machart und mit einem besonderen Hauptdarsteller: Benedict Cumberbatch. Damit war die Figur des späten 19. Jahrhunderts in die Moderne katapultiert. Ein bisschen mehr dazu > Sherlock – ARD | Das Erste 

Kenner der Holmes-Geschichten sehen im Überblick schon: Bei „Sherlock“ geht es nicht um eine texttreue, weitgehend der Vorlage folgende Verfilmung, vielmehr werden hier Elemente aus verschiedenen Holmes-Abenteuern frei kombiniert und zu einer filmischen Erzählung zusammengefügt.

Blick aus der U-Bahn in die Baker Street Station (1997)

Einige Autoren nach Conan-Doyle schritten von Holmes-Begeisterung fort zu kreativer Vermehrung der Erzählungen und schrieben weitere Holmes-Abenteuer, natürlich aus der angeblichen Feder des Arztes und Holmes-Freundes Dr. Watson. Einer von ihnen, ein US-Amerikaner namens Rick Boyer, verblüffte wie amüsierte mich durch seine besonders gut getroffene Erzählweise und atmosphärisch nachempfundene Holmes-Welt in dem Roman Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra, auf Deutsch erschienen 2006 bei Bastei-Lübbe.

Das zeigt: Sherlock Holmes lebt und ist nicht tot zu kriegen, wie schon sein Schöpfer Arthur Conan-Doyle seinerzeit nach der Kurzgeschichte „The Final Problem“ zu spüren bekam.