Frekena (Geschichte Frechens)

… ist die Bezeichnung des Ortes Frechen in einer mittel-alterlichen Urkunde,

nicht irgendeiner Urkunde, sondern derjenigen, die Kaiser Karl III. am 20. Juni 877 in Compiègne dem Abt der Abtei Saint-Bertin in Flandern ausgestellt hat zur Bestätigung der Besitztümer der Abtei.

Was ist daran so Besonderes? Die Urkunde zählt unter den Besitztümern der Abtei auch Ländereien im Rheinland auf, darunter die Kirche und Höfe mit Land im Dorf Frechen. Dies ist die älteste schriftliche Erwähnung Frechens. Das bedeutet, dass der Ort mit Sicherheit im Jahr 877 schon länger existierte, und aus dem Zusammenhang des Inhalts der Urkunde ergibt sich, eingebettet in den historischen Hintergrund, folgendes Bild:

Frechen existierte bereits in merowingischer Zeit als Dorf und bekam den Status Freies Kaufdorf zugesprochen, weil es in der Region an Markt- und Handelsplätzen mangelte und das nahegelegene Köln seine alte Bedeutung (römische Provinzhauptstadt und Handelsstadt) nahezu vollständig eingebüßt hatte. Seit Chlodwigs Übertritt zum römisch-katholischen Christentum (ca. 500 n. Chr.) war die herrschende Adelsschicht wie die Kirche daran interessiert, die Bevölkerung im Frankenreich, die großenteils „heidnischem“ Glauben anhing, zum Christentum zu bekehren.

Der großgrundbesitzende Adel machte der Kirche immer wieder Landbesitz zum Geschenk, um sie materiell zu versorgen und ihre Missionstätigkeit im Lande zu unterstützen. So erhielt die o.g. Abtei Saint-Bertin, gegründet von Audomar, Schenkungen im Rheinland, u.a. in Frechen. Da sie damit die größte Grundbesitzerin am Ort wurde, war sie nach damals geltenden Grundsätzen verpflichtet, die Kirche zu errichten. Nach dem Prinzip der Eigenkirche war sie nicht nur Besitzerin dieser Kirche, sondern bestimmte dort auch den Pfarrer.

Aus dieser Zeit stammt auch das Patrozinium „Sankt Audomar“. Diesen Namen trägt die Kirche bis heute. Laut besagter Urkunde von 877 war sie damals „Mutterkirche“. Daraus leiten sich Rückschlüsse ab: Die Kirche war bereits Ausgangspunkt weiterer (Tochter-)Kirchengründungen im Umkreis gewesen, sie bestand folglich schon eine längere Zeit. Doch mangels schriftlicher Zeugnisse lässt sich der Zeitpunkt der Kirchengründung in Frechen nur ungefähr eingrenzen: nicht vor Einsetzen der Verehrung Audomars als Heiliger, und nicht vor der Schenkung an die Abtei, also nicht vor ca. 720, und weit vor 877, nämlich vor 820, weil in diesem Jahr das neugegründete Stift an Notre Dame in Saint-Omer Miteigentümer der rheinischen Besitzungen wurde.  Möglicherweise liegt die Angabe in der Beatus-Chronik (s.u.) richtig, die um 750 als Datum nennt.

Die Urkunde von 877 ist also wichtig für unsere Kenntnis der Geschichte Frechens, sie ist aber keineswegs eine Geburtsurkunde, sondern bestätigt nur, was schon lange Bestand hatte. Und: „Frekena“ ist nicht etwa der offizielle Name Frechens gewesen; es ist ein Kunstwort, das in die lateinische Urkunde eingesetzt wurde. Das Dorf Frechen entstand weit früher, nämlich als Gründung fränkischer Siedler, und hatte daher einen fränkischen Namen. Näheres siehe FRECHENER GESCHICHTE, S. 16f. Im Anhang dieses Buches ist auch der Text der Urkunde von 877 zitiert. Überhaupt widmet dieses Buch der frühen Geschichte Frechens viel Aufmerksamkeit, weil darüber in der Bevölkerung bisher wenig bekannt ist.

Eine zweite, für die Frechener Geschichte fast noch wichtigere Quelle ist dort ebenfalls – in Auszügen – abgedruckt: das Frechener Weistum (S. 46-48). Diese Quelle aus dem 16. Jahrhundert gibt uns Auskunft über das teils Jahrhunderte alte Gewohnheitsrecht, das viele Details des Zusammenlebens der Menschen in Frechen regelte. Und in diesem Zusammenhang fällt der Name eines echten Helden der Frechener Geschichte, dem wir die Aufzeichnung des Weistums verdanken: Hermann Spies von Büllesheim (siehe dort S. 32).

Dieses Weistum ist mehr als eine historische Quelle. Anhand des Waldweistums und des Schicksals des Erbenwaldes oberhalb von Frechen (vgl. dort S. 48) kommt man ins Grübeln: Die in diesem Falle erfolgte Umwandlung von Gemeineigentum in parzelliertes Privateigentum (1827) hatte für Frechen langfristig den Verlust dieses Waldes zur Folge. —

Das Buch:

Wolfgang Reinert, FRECHENER GESCHICHTE: Edition Animus, 2018; Format A5, 52 Seiten, mit vielen Abbildungen. Für 8,- € erhältlich in der Buchhandlung Brauns, Frechen, Keimesstr. 22.

Vorstellung des Buches: Klappentext S. 52 (back page) hier anklicken > FG Backpage 1a sowie Artikel > Frechen: Kurz und kompakt: Freyaheim, Frekena, Frechen | rheinische-anzeigenblaetter.de

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Schon 2013 veröffentlichte der Autor des oben vorgestellten Buches mehrere Beiträge zur frühen Geschichte Frechens im Blog von fu-frechen.de. Diese Beiträge finden nun einen Platz auf der Unterseite Frekena: Wie Frechen entstand (Teil 1 und 2) und Wie kam Audomar nach Frechen?

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Wie Frechen entstand (Teil 1)

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Frekena

Die Anfänge liegen, wie bei vielen anderen Orten, im Dunkeln. Die Beatus-Chronik berichtet mit Berufung auf Gerlacus und Fredegar in wenigen Sätzen über Frechens Geschichte vor und während der Römerzeit.

Noch weiter zurückreichende Siedlungsspuren hat die Archäologie gefunden: Aus der Steinzeit stammen Spuren am Sandberg, aus der Jungsteinzeit Reste eines Dorfes von Bandkeramikern am Frechener Bach zwischen Stüttgenhof und dem Militärring. Über diese Menschen weiß man wenig, benannt wurden sie von Forschern aufgrund der von ihnen zurückgelassenen Reste von gebranntem Tongeschirr, das mit Schnur- und Bandmustern verziert war. Man ist heute vorsichtig damit, allein dies als Indiz Tal des Fre.Baches hint. Stüttgenhofdafür zu werten, dass alle Bandkeramiker der gleichen Volksgruppe zugerechnet werden könnten, während man früher noch annahm, man könnte „die Bandkeramiker“ als ein überall dort siedelndes Volk annehmen, wo diese Keramikreste auftauchten.

Nebenstehendes Foto zeigt den Blick aus der nach Köln fahrenden Linie 7 zum Tal des Frechener Baches, wo die Archäologen in den 1920er Jahren gruben. Den Ort für ihr Dorf hatten die Erbauer nahe dem lebenswichtigen Wasser gewählt, ihn aber etwas höher gelegt wegen möglicher Hochwasser. Wo die Bahngleise den festen Fußweg kreuzen, rollt die Bahn durch einen Teil des früheren Dorfbereiches. In den Geschichtsbüchern nennt man es das „jungsteinzeitliche Dorf von Köln-Lindenthal“.

Diese Siedlung wurde, wie man früher annahm, mehrfach verlassen und wieder in Benutzung genommen. Möglicherweise deutet dies darauf hin, dass seine Bewohner zwar schon an der Schwelle zur Sesshaftigkeit standen, aber dennoch zeitweise umherwanderten, wenn sie sich in der Umgebung ihrer Siedlung nicht ausreichend ernähren konnten oder mit ihrem Vieh weiter entfernte Weidegründe aufsuchten. Allgemein sieht die Forschung bekanntlich die Menschen in der Jungsteinzeit (=Neolithikum) die „neolithische Revolution“ vollziehen, d.h. sie gehen vom Nomadendasein mit Viehherden allmählich zur Ansiedlung mit Ackerbau über und werden Bauern.

Inzwischen neigt die Forschung zu der Ansicht, nicht das Dorf sei zeitweise verlassen und wieder bewohnt gewesen, vielmehr habe man in langen zeitlichen Abständen die Häuser an anderer Stelle im Dorf neu errichtet, aber während dieser Zeit das Dorf nicht aufgegeben.

Das Dorf der Bandkeramiker war längst von der Erdoberfläche verschwunden, als keltische Stämme in Rheinland und Voreifel siedelten. Genaueres weiß man eigentlich aus schriftlichen Quellen nicht, ausgenommen den Bericht des Eroberers Cäsar (De Bello Gallico – Vom Gallischen Krieg). Er interessierte sich vorrangig für wirtschaftlich entwickelte Gebiete, wo nicht nur reiche Beute winkte, sondern auch saftige Steuern erhoben werden konnten. So verzichtete er auf Eroberungen in den Wäldern Germaniens und hielt sich mehr an das relativ dicht besiedelte Gallien und das heutige Belgien.

Die keltischen Eburonen, die zwischen Rhein und Maas siedelten, wollten aber nicht einfach unter römische Oberhoheit kommen. Unter ihrem Anführer Ambiorix lockten sie die Besatzung des römischen Winterquartiers mitten in ihrem Gebiet aus dem Lager und – ähnlich wie später Arminius die Legionen des Varus – in einen Hinterhalt: Die römische Legion wurde in einem Tal überfallen und niedergemacht. Das provozierte die übliche Reaktion römischer Feldherren: In einer „Strafexpedition“ brach eine römische Übermacht ins Land der Eburonen ein und metzelte alles nieder, verbrannte die Häuser und rottete diesen Volksstamm nahezu aus.

Römische Feldherren und Politiker – Cäsar war beides – verstanden dies als „abschreckendes Beispiel“ für alle, die die Absicht hatten, sich ihrem Willen zu widersetzen und Aufstände anzuzetteln. Zur Ehrenrettung der Römer muss man aber erwähnen, dass solche Gewaltorgien des Militärs auch auf Kritik stießen. In einem anderen Fall wurde Cäsar im römischen Senat dafür scharf kritisiert, seine Gegner forderten sogar, ihm das Kommando zu entziehen. Cäsar war geschickt und politisch gut genug vernetzt, um solche Versuche abzuwehren.

Die Römer wollten nun das Eburonen-Land nicht nahezu menschenleer lassen. Da kamen ihnen die rechtsrheinisch lebenden Ubier gerade recht: Diese baten die Römer um Unterstützung gegen Nachbarstämme, von denen sie bedrängt wurden. Die Römer, wie gesagt, waren aber zumindest zu diesem Zeitpunkt wenig am rechtsrheinischen Germanien interessiert. Deshalb holte der Befehlshaber Agrippa die Ubier, von ihren Nachbarn als Römerfreunde verschrien, über den Rhein ins entvölkerte Eburonenland.

Ubier besiedelten als treue römischen Untertanen das linksrheinische Rheinland, bevorzugt die Ebenen entlang des Rheins, und den von den Römern bestimmten Ort auf einem hochwassersicheren Plateau 48cam Rhein, der zunächst Oppidum Ubiorum (Ortschaft der Ubier) hieß und später zur römischen Siedler-Stadt (colonia) hochgestuft wurde, besser bekannt unter ihrem neuen Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium, von der römischen Verwaltung abgekürzt mit CCAA.

Die römische Macht wurde an der Germanengrenze durch Legionslager gesichert. Die im Oppidum Ubiorum stationierten Soldaten wurden bald nach Neuß und Bonn verlegt, südlich der Siedlung entstand ein Stützpunkt der römischen Rheinflotte. Die bekannten, meist schnurgerade durchs Land geführten Römerstraßen verbanden Legionslager und Städte und machten schnelle Truppenverlegungen möglich. Von CCAA führte u.a. eine Fernstraße nach Westen durch das heutige Königsdorf über Jülich bis zum heutigen Boulogne an der Kanalküste, eine Nebenstrecke bog vor den Mauern Kölns nach Südwesten ab und führte durch das heutige Frechen (Alte Straße) und westwärts über Kerpen und Düren nach Aquae Sextiae (Aachen).

Aus römischer Zeit gibt es auch in Frechen Reste von Gebäuden, und Gräber. Sie werden den Landgütern (villae rusticae) zugeordnet, die im Umland der Römerstadt Landwirtschaft betrieben und Köln mit Nahrungsmitteln belieferten. Jüngst wurden in Königsdorf (In der Widdau) Reste einer Villa Rustica untersucht, einige Funde waren 06 Öllampe Bronze, Grabbeig.in einer Ausstellung im Stadtarchiv Frechen zu sehen, wie die hier abgebildete bronzene Öllampe in Gestalt einer Sandale mit Fuß – ein recht seltener Fund aus römischer Zeit nördlich der Alpen. Am Rathaus kann man zwei römische Steinsärge besichtigen, die zwischen Frechen und Haus Vorst gefunden wurden. Hier könnte der Begräbnisplatz einer Villa Rustica an der Bonnstraße gelegen haben, von der Reste gefunden wurden. Außerdem fand man in Frechens Erde auch Reste einer Villa Rustica am Herbertskaul. Wir müssen annehmen, dass Einiges (zum Kummer vor Allem der Archäologen) untergepflügt, überbaut oder von Raubgräbern und Grabräubern entwendet wurde – wie leider an vielen anderen Orten auch.

Nebenstehendes Foto zeigt die oben erwähnten Steinsärge am Rathaus. Sie waren erst kurzIMG_0580 vor ihrer Bergung von einem Grabräuber heimgesucht worden – was bedeutet, dass wertvolle Hinweise und der Fundzusammenhang ge- oder zerstört wurden. Während der Grabräuber vielleicht Fundstücke für ein paar Euro auf dem Schwarzmarkt verscherbeln kann, entsteht uns Allen ein Verlust: Uns wurde eine Möglichkeit gestohlen, mehr über Frechens Vergangenheit in der Römerzeit zu erfahren.

Von einer Ortschaft Frechen kann man zur Römerzeit nicht sprechen, da wir nur von verstreut liegenden Villae Rusticae wissen. Die Landgüter der Römer (oft gebaut von Veteranen des römischen Militärs, die sich den Traum vom Landleben als Pensionäre erfüllten) lagen bevorzugt nahe der Verkehrswege, also der Römerstraßen, auf denen die landwirtschaftlichen Produkte geradewegs zum Markt in Köln transportiert werden konnten. Das in Königsdorf untersuchte Gut lag nur einen guten Steinwurf entfernt von der Fernstraße Köln-Boulogne (Via Belgica). Andere lehnten sich an die erwähnte Straße Köln-Düren-Aachen an.

Die Straßen brachten auch Rohstoffe nach Köln: Frechener Quarzsand wurde in Kölner Glaswerkstätten verarbeitet. Spezialisten stellten dort die kunstvollen Diätret-Gläser her. Man kann wenige erhaltene im Römisch-Germanischen Museum in Köln sehen.

In den unsicheren Zeiten des frühen 4. Jahrhunderts, als germanische Stämme über den Rhein in römisches Gebiet eindrangen und zunächst „nur“ plünderten und brandschatzten, verließen einige römische Besitzer ihre Güter, andere versuchten, ihre Hofanlage mit Befestigungen bzw. einem Fluchtturm (Burgus) zu schützen. Als sich dann aber verschiedene Stämme zu ganzen Verbänden zusammenschlossen, die man unter dem Namen „Franken“ kennt, da wurde es für die Römer brenzlig: Erst nahmen die Franken vorübergehend Köln ein. Später, im 5. Jahrhundert, kamen sie in großer Zahl über den Rhein, um zu bleiben und sich geeignete Siedlungsplätze zu suchen.

Wie ging der Wechsel der Herrschaft vor sich? Die römische Macht bröckelte infolge der wandernden, in römische Gebiete eindringenden Stämme und Völker, militärisch konnte man ohne germanische Hilfstruppen dieser Flut nicht mehr Herr werden. Die römische Armee hatte schon lange Germanen in Dienst genommen und germanische Einheiten aufgestellt. Außerdem wurden verbündete Stämme in die Verteidigungsoperationen einbezogen. Germanen waren also schon im Rheinland präsent, nämlich als Teil römischer Legionen.

Als römische Truppen zur Verteidigung der Kernlande des Reiches abgezogen wurden und es auf den Verbindungsstraßen teilweise drunter und drüber ging, kamen die Soldzahlungen nicht mehr im Rheinland an, sodass die auf sich selbst gestellten germanischen Truppeneinheiten kurzerhand die Macht übernahmen. Es war weniger eine Eroberung, eher eine Übernahme der Provinz Germania Inferior (Niedergermanien). Familien und entfernte Stammesverwandte zogen nach und besiedelten die teils entvölkerten Gebiete im Rheinland.  —  (Forts.: Teil 2)

W. R.  13g+

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Wie Frechen entstand (Teil 2)

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Frekena

Mit der Einwanderung fränkischer Siedler ins Linksrheinische kam die Wende in der Entwicklung Frechens. Nun entstand, soweit wir wissen*, erstmals eine dörfliche Siedlung. Die Franken übernahmen selten eine Villa Rustica, viel lieber bauten sie sich neue Höfe und Siedlungen. Den Siedlungskern Frechens wählten sie da, wo der Kirchplatz später die Ortsmitte markierte.

Wie lange zuvor schon die Bandkeramiker weiter östlich (siehe Teil 1), so bauten auch die Franken ihre Behausungen nahe am Bach. Je mehr sich die Ansiedlung vergrößerte, desto weiter schob sich die Bebauung nach Westen, parallel zum Frechener Bach auf leicht ansteigendem Gelände hinauf zur Ville. Dabei lagen die begehrtesten Siedlungsplätze zwischen der späteren Hauptstraße und dem Bachlauf. So lagen die großen Höfe im Ortskern an der Südseite der Hauptstraße, wie Weyerhof, Tönnishof, Clarenhof. Die „billigeren Plätze“ lagen an der Nordseite der Hauptstraße, von wo man weiter laufen musste, um am Bach Wasser zu schöpfen.

In der Klassifizierung der Siedlungsformen ist Frechen als Straßendorf anzusprechen, wohlgemerkt: in Bezug auf die Hauptstraße, die zunächst einfach die „Dorfstraße“ war, bevor später Nebenwege zu weiteren Straßen wurden. Die Fernstraße führte nördlich am Dorf vorbei (Alte Straße), sie spielte für die Siedlung lange Zeit keine direkte Rolle. Ähnliches gilt für viele andere Dörfer entlang der alten Römerstraßen.

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Bäche waren nicht nur wichtig für die Wasserversorgung, sie wurden auch für die Füllung der Wassergräben genutzt, die um die Burgen des Flachlandes angelegt wurden. Auch

Wassergraben am Stüttgenhof

Wassergraben am Stüttgenhof

größere Höfe waren von einem Wassergraben umgeben. Der Stüttgenhof (seit 1975 auf Kölner Gebiet, früher zur Herrschaft Frechen gehörend) besitzt noch den gefüllten Wassergraben (siehe Foto links), aber vielfach sind solche Gräben heute trocken bzw. zugeschüttet, z.B. an der Vorburg von Burg Bachem.

Man kann nicht immer scharf zwischen Burg und Hofanlage zu unterscheiden. So spricht man von einer „Ackerfeste“, wenn ein Gutshof befestigt war. Viele Burgen waren aber gleichzeitig Rittersitz und Gutshof; der möglichst repräsentativen Hauptburg war die Vorburg vorgelagert, die dem 049a+landwirtschaftlichen Betrieb diente. Diese typische Grundstruktur rheinischer Wasserburgen (in nebenstehender Abbildung schematisch dargestellt) erkennt man noch heute z.B. an Haus Vorst oder Burg Bachem. Meist gelangt man von der Vorburg über eine Brücke in den Hof der Hauptburg, die als letzte Rückzugsmöglichkeit für die Verteidiger in der Regel noch einen besonders festen Wehrturm besitzt, der oft „Bergfried“ genannt wird. Oft haben sich Burgen aus einer kleineren Anlage  im Laufe des Mittelalters durch Erweiterungen erst zur größeren Anlage entwickelt. Dabei hat Haus Vorst in der Neuzeit eine typische Umgestaltung erfahren: Die militärische Verteidigung trat in den Hintergrund, dafür wurden der Wohnkomfort und das repräsentative Aussehen der Hauptburg wichtiger; das Haupthaus wurde im barocken Baustil umgebaut. Das Grabensystem blieb bestehen, bis beim Neubau der B 264 an der Nordseite ein Teil abgeschnitten wurde.

Der Frechener Bach speiste sich aus mehreren Quellen, die die Teiche und Gräben von Burg Benzelrath füllten (1954 weggebaggert). Von dort floss er durch ein Tal im Ville-Abhang ostwärts, vorbei am Dorf Frechen, vorbei am Dorf Marsdorf, und ergoss sich beim Dorf Lind in einen Sumpf, wo er versickerte. Hier, im ehemaligen Rheinbett, ließen Kiesablagerungen das Wasser ins Grundwasser und weiter in den Rhein abfließen. Wo einst Sumpf war, liegt heute der Kölner Stadtwald.

Die fränkischen Siedlungsnamen enden oft auf „-heim“. So kann man an einigen Ortsnamen ablesen, wohin der Strom der Siedler damals floss. Der Zustrom nach Frechen hatte im Raum Neuß den Rhein überquert und floss weiter über Bachem (Bach-Heim!) bis in die Eifel (z.B. Blankenheim).

Keine Sicherheit haben wir über die Deutung des Namens „Frechen“. Die verschriftlichten Namensformen helfen nicht weiter: Die Schreibung „Frechen“ ist eine neuzeitliche Festlegung. Die lateinischen Versionen, z.B. „Frekena“ (877), wurden für Urkunden des Mittelalters gewählt und lateinischen Sprachformen angepasst. Die Urkunden („Briefe“) wurden in Latein geschrieben, daher musste auch für Frechen eine lateinische Namensform gefunden werden.

Man muss auch auf den Klang des Namens in der Volkssprache achten: „Vreischem“ sagten die Alten, und in der mündlichen Überlieferung müssen wir am ehesten den ursprünglichen Namen suchen. Natürlich erkennt man leicht in der zweiten Silbe eine Verschleifung von „-heim“, wie bei „Bachem“. Manche meinten, nach keltischen Wörtern zur Erklärung des ersten Teils des Ortsnamens greifen zu müssen; so vermutete z.B. Rudolf Niemann darin einen Hinweis auf Heideland. Das erscheint mir jedoch wenig wahrscheinlich angesichts der fruchtbaren Böden im Umkreis des alten Dorfkerns von Frechen.

Die Franken setzten oft einen Namen, z.B. den Namen des Ortsgründers, in ihre Benennung der neuen Siedlung ein und hängten dann ein „-heim“ an. Im Fall von „Vreischem“ tappt die Forschung in dieser Hinsicht aber im Dunkeln. Man darf also weiter spekulieren: Wie wäre es mit der Herleitung aus der germanischen Göttin Freya? In oder bei Freya-Heim könnte es ein Heiligtum gegeben haben, an dem die Franken wegen der Fruchtbarkeit der Löß-Böden dankbar ihre Frühlings-, Fruchtbarkeits- und Liebesgöttin Freya verehrten. Dies ist eine von mehreren Vermutungen — zu schön, um wahr zu sein?

Keltische Namen in der Landschaft haben z.T. überlebt. Sie gingen nicht in jedem Fall durch fränkische Besiedlung verloren. So blieb der Name des flachen Höhenzuges bei Frechen erhalten: die Ville. Während man früher glaubte, diesen Namen auf die römischen Villae Rusticae (siehe Teil 1) zurückführen zu können, sieht man heute darin eine mögliche Übernahme der keltischen Bezeichnung für ein eingeschnittenes Bachtal. Solche gab und gibt es am Ostabhang der Ville.

Vorstellbar wäre: Fränkische Siedler, von Nordosten kommend, fragten Einheimische, wie denn der Höhenzug hieße; die Einheimischen glaubten, die mit Sack und Pack heranziehenden Franken wollten wissen, wo man am besten die Höhe ersteige, und zeigten auf ein Bachtal und sprachen von der „Ville“. Durch ein solches Missverständnis könnte die Bezeichnung „Ville“ auf den ganzen Höhenzug übertragen worden sein.

Etliche dieser Siedler wählten den fruchtbaren Boden in Bachnähe als neue Heimat, woraus sich das fränkische Dorf Frechen entwickelte. Da die römischen Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen teilweise zusammengebrochen waren und auch die nahe Römerstadt Köln ihre Bedeutung als Handelsplatz nahezu eingebüßt hatte, stattete ein fränkischer Herrscher aus der Sippe der Merowinger Frechen und einige andere Dörfer bzw. Ortschaften mit dem Status eines Freien Kaufdorfs aus.

Das Freie Kaufdorf war eine Sonderstellung, die manche fränkische Orte erhielten: Sie sollten die Funktion eines überörtlichen Handelszentrums erfüllen, wo landwirtschaftliche Produkte und handwerkliche Erzeugnisse angeboten und gekauft wurden. Hier konnte jeder, der wollte, Handel treiben oder ein Handwerk ausüben. Hier gab es im Unterschied zu vielen Orten, die später mit mittelalterlichem Stadtrecht zur Stadt erhoben wurden, keinen Zunftzwang und keine Handelsbeschränkungen. Frechen war also bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine Art Freihandelszone und ein Marktplatz.

Wir wissen nicht genau, wann in fränkischer Zeit Frechen diese Sonderstellung erhielt. Sie erwies sich aber als dauerhaft und blieb nicht nur das ganze Mittelalter über bestehen, sie überdauerte auch in der Neuzeit, bis die Franzosen 1802 das Linksrheinische annektierten, viele Überbleibsel des Mittelalters abschafften und ihre modernen Rechtsverhältnisse wie im übrigen Frankreich einführten.

Es gibt keine Urkunde über die Verleihung des Status Freies Kaufdorf, wir haben aber glücklicherweise die Aufzeichnung des Weistums aus dem 16. Jahrhundert, wo Frechen als Freies Kaufdorf definiert ist. Die Franken kannten von Hause aus keine schriftlichen Urkunden oder Verträge, es galt der Handschlag als Besiegelung und die Garantie durch Eid und Zeugen. So blieb auch im neu eroberten und teils neu besiedelten Frankenreich unter den Merowingern Vieles unbeurkundet. (Das führte in späterer Zeit zu allerlei Fälschungen, da man ohne Urkunde oft strittige Eigentumsverhältnisse nicht klären konnte.)

Doch schafften die Merowinger-Könige die Schriftlichkeit keineswegs ab, als sie in ehemals römische Gebiete eindrangen und die Herrschaft übernahmen. Entgegen früherer Vorstellungen stürzten die Franken auch keineswegs überall wohlorganisierte und hochzivilisierte, blühende Landschaften ins Chaos. Vielmehr erkannten fränkische Herrscher, wie wichtig im Durcheinander nach Völkerwanderungen und Eroberungen eine halbwegs funktionierende Verwaltung war. Und sie fanden in den Abteien und Bischofssitzen die Fachleute der Kirche, die sich mit so etwas auskannten — und machten sie zu ihren Fachkräften in Sachen Beurkundung, Archivierung, Kodifizierung des Rechts, und historischer Dokumentation. Dadurch überlebte auch die Kenntnis des Lesens und Schreibens, zunächst in lateinischer Sprache.

So brauchen wir uns nicht allzu sehr darüber zu wundern, dass der Frankenkönig Chlodwig, nicht nur wegen seiner dem christlichen Glauben anhängenden Ehefrau, dem Übertritt zum Christentum nicht abgeneigt war. Ob Legende oder nicht, den Sieg in der Schlacht bei Zülpich schrieb er der Hilfe des Christengottes zu, bekannte sich zum christlichen Glauben, und seine nächsten Gefolgsleute taten es ihm gleich (um 498). Wenn geplant, war das nicht ungeschickt: Seine Heerführer waren sicher durch einen Gott des Sieges leichter zu überzeugen.

Es war ein historischer, folgenreicher Schritt: Chlodwig und die Kirche gingen eine engere Bindung ein. Man fühlt sich an Kaiser Konstantin erinnert, der die christliche Kirche seit 313 als einigende Klammer seines Reiches nutzte. Chlodwig hatte aber damit noch lange kein christliches Reich; der Adel wurde zwar christlich, die Bevölkerung aber nur teilweise. Darum musste im Reich noch lange Zeit eifrig missioniert werden.

Im Kölngau, also dem Herrschaftsbereich eines fränkischen Grafen im Großraum Köln, war die Bevölkerung ebenfalls noch weitgehend „heidnisch“, d.h. sie verehrten germanische und keltische Gottheiten. Darum unterstützten Herrscher und Adlige die Kirche durch Stiftungen von Klöstern und Schenkungen von Landbesitz (und förderten durch solch „gottgefällige“ Taten auch ihr persönliches Seelenheil). In Ripuarien, wie das Land zwischen Rhein und Maas in fränkischen Quellen genannt wird, wurde also missioniert, wurden Kirchen und Klöster gebaut und das Christentum verkündet.

Etlicher Landbesitz in Frechen wurde in dieser Zeit einem Kloster in Nordfrankreich geschenkt. Die Abtei Saint-Bertin, gegründet von Audomar (mehr siehe: „Wie kam Audomar nach Frechen?“) erhielt diese Schenkung nicht nur aus lauter Frömmigkeit. Diese (nicht beurkundete) Schenkung hatte sicher auch den o.g. missionarischen Zweck. Und Saint-Bertin baute daraufhin die Dorfkirche in Frechen und weihte sie dem Klostergründer und Missionar, dem heiligen Audomar. Das war laut Beatus-Chronik um 750. Urkunden aus späteren Jahrhunderten des Mittelalters lassen den Schluss zu, dass von dieser „Mutterkirche“ aus weitere Kirchen und Kapellen in der Region gegründet wurden.

Junge Menschen des frühen 21. Jahrhunderts können sich das vielleicht nur schwer vorstellen: Die Dorfkirche war in früheren Zeiten der wahre Mittelpunkt des Ortes, das „öffentliche Leben“ spielte sich in und an der Kirche ab. In Frechen waren Sankt Audomar und der Kirchplatz das Dorfzentrum. Da dies die einzige Kirche in Frechen war und bis in die frühe Neuzeit blieb, mussten die Menschen z.T. lange Fußwege in Kauf nehmen, um am Gottesdienst teilzunehmen, sei es aus dem Oberdorf oder aus Hücheln — und das war eine Selbstverständlichkeit: Wer nicht aus der Gemeinschaft ausgestoßen sein wollte, fand sich sonntags beim Gottesdienst ein.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich im „Oberdorf“ ein zweiter Siedlungsschwerpunkt gebildet. Dazwischen lag an der Hauptstraße die Spiesburg, manchmal im Mittelalter als „die Frechener Burg“ tituliert, weil sie zwischen Ober- und Unterdorf lag, also aus späterer Sicht zentral.

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Tatsächlich gab es in der Herrschaft Frechen mehrere Burgen, Rittersitze mit Landwirtschaft, umgeben von Wassergräben, die der Frechener Bach mit Wasser versorgte. Ihre Ursprünge liegen im 11. und 12. Jahrhundert. Entlang des Frechener Baches gab es Burg Benzelrath, die Spiesburg, dann von der Kirche abwärts Haus Hochsteden, Haus Rost/Palant, und Haus Vorst.

In der Herrschaft Buschbell lag die Burg Vogtsbell. Königsdorf gehört seit 1975 zu Frechen. Auch dort gab es im Mittelalter eine Burg, vom Erzbischof als Zollburg an die Südseite der Aachener Straße gesetzt, wenige Meter vom Bach entfernt, der heute wie die Burg selbst verschwunden ist.

Das Dorf Bachem war eine eigene Herrschaft, dort fanden sich drei Rittersitze: Die Burg (Ober-)Bachem, Haus Bitz und Burg Hemmerich (siehe Karte oben). Bachem kam erst nach 1815, als das Rheinland Teil der preußischen Rheinprovinz wurde, zur Bürgermeisterei Frechen, 1927 wurden die Gemeinden Bachem und Buschbell nach Frechen eingemeindet. Frechen IMG_0578beantragte nun die Genehmigung eines IMG_0576Gemeindewappens, die 1928 erteilt wurde. Anschaulich für die Bevölkerung ließ man unter dem Dach des Rathaus-Aufgangs rechts das neue Wappen an die Wand malen, links gegenüber das Wappen der preußischen Rheinprovinz (Rheinpreußen).

Als Frechen am 2.9.1951 Stadt wurde, blieb man beim gewohnten Wappen. Eine gute Entscheidung, denn das Wappen nahm ja Bezug auf die Geschichte Frechens, und sein schmuckes Aussehen steht auch der Stadt gut zu Gesicht, nicht wahr?

Wappen

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* „Soweit wir wissen“ müssen wir als Einschränkung zu vielen Aussagen über Geschichte eigentlich hinzudenken: Der Stand der Forschung ist oft nur ein vorläufiger, bis neue Funde gemacht und neue Erkenntnisse veröffentlicht werden (mehr >DIE BEATUS-CHRONIK, S. 93-98).

Über die Gründung von Frechen liegt jedenfalls nichts Schriftliches vor. Darum zählt Frechen wie viele andere Orte sein nachweisliches(!) Alter ab der „ersten urkundlichen Erwähnung“. Diese findet sich in einer Urkunde Kaiser Karls des Kahlen aus dem Jahr 877. So feierte Frechen 1977 sein 1100jähriges Jubiläum, auch wenn das Dorf, inzwischen Stadt, wohl um die drei Jahrhunderte älter ist.

Einen gut nachvollziehbaren Überblick über die Entwicklung Frechens von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert gibt Egon Heeg in seinem Buch „Frechener Straßen“ (1984), S. 15-27.

W. R.

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Wie kam Audomar nach Frechen?

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Frekena

Die Frage könnte auch lauten: Wie kam Frechen zu Audomar? Denn seltsam: Nur Frechen hat, als einziger Ort in deutschen Landen, eine Kirche, die „Sankt Audomar“ heißt. Heißt das, dass ein 40Heiliger dieses Namens in Frechen wirkte, oder dass ein solcher hier begraben ist?

Weder noch, vielmehr ist Audomar physisch nur in Gestalt einer Reliquie, und zwar eines ziemlich kleinen Knochenstücks, in Frechen anwesend. Dieses wird, wie üblich, in einem Reliquiar aufbewahrt, das in der Kirche auf einem schmalen Seitenaltar zu sehen ist. Das Reliquiar, eine aus Silber gearbeitete Büste, zeigt unter dem Kinn das von einem Bergkristall geschützte Gebein.

So kostbar den Gläubigen Reliquien sind, so verächtlich gingen Soldaten in der Französischen Revolution damit um. In Saint-Omer (deutsch: Heiliger-Audomar) stürmten sie013d damals in die Kathedrale und plünderten das Grab des Heiligen. Die Knochen streuten sie draußen auf das Straßenpflaster. Weniges davon wurde von einem Gläubigen aufgelesen und gerettet.

Aus diesem Rest stammt ebenjenes Knochenteil, das im 20. Jahrhundert der Kirche St. Audomar in Frechen geschenkt wurde. Das wertvolle Reliquiar (siehe Foto links) soll veranschaulichen, wie bedeutsam der Inhalt ist. Das hat Tradition: Viele Heilige wurden in Kirchen nicht einfach in einem Steinsarg bestattet; man bemühte sich, den ideelen Wert in materieller, sichtbarer Form auszudrücken. Darum hat man z.B. die Gebeine der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom in einem großen, goldenen Schrein mit aufwändigen Verzierungen beigesetzt (siehe Foto unten).

Ansonsten ist Audomar in seiner Frechener Kirche noch als farbig bemalte Holzfigur aus dem 19. 013bJahrhundert präsent. Sie stand lange flankierend am Altarraum, bis sie Mitte des 20. Jahrhunderts, im Zuge einer „Modernisierung“ des Kircheninneren, in das linke Seitenschiff versetzt wurde, wo man auch das oben abgebildete Reliquiar findet. Sie stellt ihn als bärtigen, segnenden Bischof dar. Sein tatsächliches Aussehen ist unbekannt, weil wir keine authentischen Abbildungen oder Beschreibungen aus seiner Lebenszeit (um 590-670) oder von Zeitzeugen kurz danach kennen.

Das Mittelalter kennt ohnehin kaum porträtähnliche Abbildungen von Heiligen. Selten wird überhaupt bei Heiligen wie bei Herrschern eine äußerliche Besonderheit abgebildet, und auch nur dann, wenn sie überliefert und bekannt, also ein persönliches Kennzeichen war wie das Heiligen-Attribut. Im Falle von Audomar waren Buch und Weinrebe häufig verwendete Attribute.

An seinen Attributen erkannte man den jeweiligen Heiligen. So hat auch der Bildhauer Olaf Höhnen (1933-2009) Anfang der 1980er Jahre die Statue aus Basaltlava gestaltet, die außen am Portal auf einer Halbsäule steht. Für unseren heutigen Geschmack wirkt sie schöner als die aus heutiger Sicht etwas kitschige Figur in der Kirche (siehe oben). Die Kopfbedeckung der Stein-Plastik (Mitra in der Form des frühen Mittelalters) weist Audomar als Mann der Kirche aus (Diese Steinplastik ist also etwas näher an der historischen Erscheinung als die Holzfigur im Ornat späterer Zeiten). Audomar wirkte nicht 2anur als Missionar und Klostergründer, sondern auch über drei Jahrzehnte als Bischof.

Wie kam es zu seiner Verehrung als Heiliger? Im frühen Mittelalter war die offizielle Heiligsprechung (Kanonisierung) noch nicht von Rom reguliert und kodifiziert. Als Heilige galten per se die Märtyrer des Glaubens, hinzu kamen im Laufe der Zeit Persönlichkeiten, die sich in herausragender Weise als fromme und karitativ tätige Menschen ausgezeichnet hatten (siehe dazu DIE BEATUS-CHRONIK, S. 56, Anm. 10). Manche ihrer Taten erschienen als Wunder, und nach ihrem Tod wurden oft Wunder berichtet, die sich an ihrem Grab zugetragen hatten oder von ihren Reliquien ausgingen (vgl. ebda, S. 24, § 46).

Als die Zahl der Heiligen immer weiter anwuchs und sich die Gedenktage im Jahreskalender häuften, nahm die Kirchenleitung in Rom die Koordination in die Hand und erließ Regeln. Voraussetzung zur Heiligsprechung wurde 1. ein heiligmäßiges Leben und 2. ein wundertätiges Wirken, d.h. ein über das normalmenschliche Maß hinausgehendes in Form von wundersamer Heilung unheilbar Kranker, oder ähnlichem. Das Verfahren wurde später weiter differenziert und gilt auch für die Vorstufe einer Heiligsprechung, die Seligsprechung.

Für Audomar, seine Mitbrüder Bertin und Momelin sowie andere Zeitgenossen galten noch die einfachen Regeln: Heilig ist, wer als solcher angesehen und verehrt wird. Und diese Verehrung ging meist vom Volk aus, sie wurde seltener von oben verordnet. In vielen Fällen hieß das: Die unmittelbar Betroffenen, die das Charisma und die hilfreiche Tätigkeit des Heiligen selbst erfahren hatten, kürten die Person zum Heiligen, manchmal schon vor ihrem Ableben. In späterer Zeit wurden von Rom viele Heilige zwar nicht in den offiziellen Kanon übernommen, man tolerierte aber die lokale bzw. regionale Verehrung (Beispiel: Engelbert von Köln, +1225). Die ließ sich in vielen Fällen auch schwer unterbinden, erst recht, wenn das Grab des Heiligen eine große Zahl von Pilgern anzog.

Hier kommen auch wirtschaftliche Motive ins Spiel. Pilgerfahrten waren im Mittelalter so bedeutend IMG_1519wie heute Pauschalreisen, Pilger galten wie heute Touristen als wichtige Einnahmequelle. So profitierte z.B. Köln wirtschaftlich sehr vom Einzug der Reliquien der Heiligen Drei Könige (1164): In erster Linie Handelszentrum, wurde die Stadt im späten 12. Jahrhunderts auch noch bedeutendes Wallfahrtsziel, und die drei Kronen zierten fortan das Stadtwappen.

In Frechens Kirche müsste es schon im Mittelalter eine Reliquie des Audomar gegeben haben (DIE BEATUS-CHRONIK, S. 22, § 35), vielleicht am Altar platziert oder an sonst prominenter Stelle. Wir wissen nichts von ihrem Verbleib. Möglich, dass sie bei einer Plünderung Frechens geraubt wurde, oder bei anderen Ereignissen verlorenging. Vielleicht war sie auch im Chor vergraben und wurde bei Umbauten der Kirche nicht geborgen (siehe auch ebda, S. 58, Anm. 45-47).

Soweit zur Person des Audomar und seinen Reliquien. Doch noch steht die Frage im Raum, warum Frechen als einziger deutscher Ort das Patrozinium des heiligen Audomar aufweist. Die Antwort liegt wiederum weit zurück, im frühen Mittelalter, als Frechen im Frankenreich lag und in diesem die Dynastie der Merowinger herrschte.

Das von Audomar gegründete Kloster Sithiu, bald umgetauft auf den Namen des zweiten Abtes Saint-Bertin (+709), hatte besondere Beziehungen zum merowingischen Herrscherhaus. Hier wurden die fränkischen Reichsannalen aufgezeichnet; hier nahm man abgesetzte Könige auf, die als Mönche „entsorgt“ wurden (kahlgeschoren und unter Aufsicht gestellt, kamen sie immerhin mit dem Leben davon).

Die Beatus-Chronik berichtet: „Bald nach 720 erhielt die Abtei Saint-Bertin Schenkungen von Landbesitz im Rheinland, in Ripuarien, wie man damals das Land zwischen Rhein und Maas nannte.“ (Beatus-Chronik, § 29) Diese Ländereien lagen in Frechen, Gelsdorf und Niederkassel (§ 43). Was das für Frechen bedeutete, berichtet § 45: „Um das Jahr 750 baute die Abtei, als größte Grundbesitzerin am Ort, Frechen eine Kirche aus Holz, die dem heiligen Audomar geweiht wurde.“ Nach dem Rechtsgrundsatz der „Eigenkirche“ war die Abtei, als größter Landbesitzer am Ort, zu diesem Bau verpflichtet, damit verbunden war das Patronatsrecht (Sie bestimmte den Pfarrer an dieser Kirche).

So bekam das Dorf Frechen im 8. Jahrhundert seine Kirche St. Audomar. Sie wurde am ursprünglichen Zentrum des Dorfes errichtet: An der Kirche war unter Linden der Versammlungs- und Gerichtsplatz, und gegenüber lag der vermutlich erste Gasthof, in „bester Lage“: am Dorfzentrum, und nahe der Fernstraße, die am Dorf vorbeilief (heutige Alte Straße). In der Beatus-Chronik (um 1300) wird dieser Gasthof unter dem Namen „Zur Sonne“ erwähnt. Im 20. jahrhundert stand hier bis zum Abbruch im Jahre 1970 das Gasthaus „Zur Glocke“, dessen Fassaden mit grün-glasierter Ooms’scher Keramik verziert waren.

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                              Kirchplatz mit Linde, Gasthof „Zur Glocke“ und Christus-Statue,                                   vor dem Abbruch der „Glocke“ und der benachbarten Häuser (Blick von der Kirche Richtung Hüchelner Straße; Foto: W. R., Juni 1969)

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Im April 2013 erschien ein Buch, das das Publikum weitgehend sprachlos machte: Die Einen fühlten sich von der Wucht der Informationen überfordert, die Anderen trotz ihres allgemeinen Fachwissens ratlos und meist nicht bereit, eine sachliche Beurteilung abzugeben. Daher gab es auch kaum Rezensionen in Fachzeitschriften. Der Autor selbst stellte sein Buch wie folgt vor:

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allegorische Darstellung der „Universitas Frekenae“, nach einer Buchmalerei Anf. 14. Jh.

Das hat Frechen noch nicht gesehen und Köln noch nicht gehört: Eine mittelalterliche Chronik enthüllt den bislang unbekannten Plan aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts, in Frechen eine Universität zu gründen. Erfunden? Gelogen? Gefälscht? Oder sieben Jahrhunderte lang ignoriert und vergessen, weil beiseite geschoben, vertuscht, und totgeschwiegen?

Zur Bewertung dieser Chronik ist festzustellen: Im Abgleich mit dem Stand der historischen Forschung zeigt sich, dass die Chronik nichts Anderes berichtet, als was damals, um das Jahr 1300, denkbar war und was nicht. Der Plan (der nur aus heutiger Sicht abwegig erscheint) und das Scheitern des Projekts „Universitas Frekenae“ passen in die historische Gesamtsituation, d.h. in die politischen Machtspiele und -interessen sowie die kulturellen Rahmenbedingungen der europäischen Geschichte in den Jahrzehnten um 1300. Damit entfaltet die Beatus-Chronik ein historisches Tableau, das uns das späte Mittelalter näher bringt und Einblicke in die Vorstellungswelt jener Zeit ermöglicht.

Wenn man bedenkt, dass unsere Geschichtsbücher in der Schule uns Einiges von Köln, aber nichts von Frechen berichtet haben, dann wird uns hier sogar eine Flut von Informationen geboten, die wir uns sonst mühsam zusammensuchen müssten. Hier wird der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit nicht auf die große Stadt Köln gerichtet, wie wir es gewohnt sind, sondern auf das „Freie Kaufdorf Frechen“, das bereits in der Zeit der fränkischen Merowinger-Könige diesen

Eine Lektüre, die auch der hl. Audomar empfiehlt – auch weil man dort etwas mehr über ihn erfährt

Status erlangte und damit eine Art „Freihandelszone“ war. Und wenn es auch bald vom wieder aufblühenden Köln überschattet wurde, blieb ihm der Status doch bis Ende des 18. Jahrhunderts erhalten.

Diese Chronik füllt eine Lücke im historischen Gedächtnis Frechens: Die Stadt erinnert sich meist nur ihrer großen Zeit als Töpfer-Ort im 16. bis 18. Jahrhundert, auf die auch der Bartmannkrug im Stadtwappen verweist. Die davor liegende Zeit, das Mittelalter, wird dagegen als größtenteils „weißer Fleck“, als fast leere Seite im Buch der lokalen Geschichte wahrgenommen, und folglich im historischen Gedächtnis der Stadt meist übergangen. Das soll nicht länger so bleiben, zumal auch diese Epoche ein sehr lehrreiches Kapitel sein kann!

Warum wussten wir bisher nichts von jenem Universitäts-Projekt? Das liegt auf der Hand: Diejenigen, die diese Gründung verhindern wollten, waren nicht an einer weiteren Publizität des Projekts interessiert. Und die Betreiber, d.h. Abtei und Stift in St.-Omer, wollten den französischen König nach ihrem Rückzieher nicht weiter verärgern und fuhren offiziell die Linie: „Niemand hat die Absicht, in Frechen eine Universität zu gründen.“ Sie verlegten sich wie die Gegner des Projekts auf Vertuschen und Totschweigen.

Apropos „historisches Gedächtnis“ der Stadt: Der Herausgeber dieser Chronik widmet sein Buch den beiden jungen Menschen, die 2009 beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs ums Leben kamen. (Dort lagerten übrigens auch einige Frechen betreffende Dokumente aus dem Mittelalter.) In seiner Vorbemerkung zum Buch begründet er diese Widmung mit der anhaltenden Betroffenheit über dieses Ereignis. Deshalb wird auch auf fu-frechen.de das Thema nach dem Erscheinen des Buches (April 2013) weiterverfolgt und auf aktuelle Entwicklungen hingewiesen (>Blog/Köln-Notizen).

Der Herausgeber der Beatus-Chronik wendet sich ausdrücklich nicht nur an Historiker, sondern auch an ein größeres, historisch interessiertes Publikum, dem er mit Anmerkungen zum Text, mit Hintergrund-Informationen, und sogar noch als „Ausklang“ des zweiten Teils mit einer anschaulichen Kurzgeschichte deutlich macht, was die Historie für unsere Gegenwart bedeutet.

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Der Chronist Beatus

Dabei hat dieses Buch durchaus einen doppelten Boden: Man kann es als ein populärwissenschaftlich angelegtes Werk lesen, wie es der Herausgeber in der Einführung deklariert; man kann aber auch auf Hintergründiges stoßen und Zusammenhänge finden, die nicht gleich ins Auge springen, und man kann sich sich zum Nachdenken, z.B. über Sinn und Wesen von „Geschichte“, anregen lassen. Für das akademisch gebildete Publikum gibt das Nachwort einer Geisteswissenschaftlerin weitere Denkanstöße. Alles in Allem kann man sagen: Dieses Buch bietet in verständlicher Sprache Jeder und Jedem etwas, sowohl den historischen Laien als auch den Informierteren, den mit normaler Schulbildung Ausgestatteten ebenso wie den Studierten.

Das Anliegen des Herausgebers, möglichst Vielen den Zugang zu Information, Aufklärung und Orientierung anzubieten, entspricht seiner Grundhaltung, die scheinbar beiläufig in einer Bemerkung im Buch aufscheint: „Keiner ist unwichtig.“ Er schließt in diesen Satz die beiden Opfer des Archiveinsturzes in Köln ein, sowie die vielen Menschen, die ungenannt im Dunkel der Geschichte bleiben; so erging es auch einer ganzen Ortschaft (nämlich Frechen), die im Schatten Kölns bei Historikern wenig Beachtung fand. Seit W. Reinert die Herausgabe der Beatus-Chronik übernommen hat, versucht er dazu beizutragen, dass das historische Frechen mehr Interesse weckt. —

Ein gutes Geschenk für Leute, die sich für Geschichte interessieren!

Und die richtige Lektüre für historisch Interessierte, die auch das Große Ganze im Blick behalten wollen, sowie eine wichtige Lektüre für Frechener, die bisher ihre Heimatstadt als relativ unbedeutenden und wenig geschichtsträchtigen Ort gesehen (und damit unterschätzt) haben.

Und wo bekomme ich dieses Buch?

Leicht findet man die Händler im Internet, die das Buch (Neupreis 15,50€) anbieten. Die Bestellung übernimmt gern die Buchhandlung Ihres Vertrauens in Ihrer Umgebung — die sollten Sie auf jeden Fall aufsuchen, damit sie nicht morgen oder übermorgen schließt und Ihr Wohnort damit ein Stück ärmer wird.

Nebenbei bemerkt: Das gilt auch für andere Läden. Einige könnten wegen der Online-Konkurrenz kurz vor der Aufgabe stehen, denn ohne Umsatz, also ohne zahlendes Publikum, kann kein Laden existieren. Wer über ein zurückgehendes Angebot an Einzelhandelsgeschäften klagt, sollte also auch an die eigene Nase fassen und sein eigenes Kaufverhalten hinterfragen.

Grundsätzlich ist DIE BEATUS-CHRONIK also für Interessierte weiterhin verfügbar, und das ist gut wegen der längerfristigen Aktualität dieses Buches. Wer sich in die Stadtbibliothek Frechen begibt (was sich immer lohnt), kann dort (1. Stock, Signatur: Dek-REI) im Buch blättern und lesen oder es ausleihen. Außerdem führt es der Frechener Geschichtsverein in seiner Bibiliothek (Kat.Nr. 963)..

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Schon kurz nach der Veröffentlichung des Buches DIE BEATUS-CHRONIK im April 2013 erreichten mich, den Herausgeber, die ersten LeserInnen-Fragen. Nachdem ich diese mündlich beantwortet hatte, kam mir in den Sinn, dass auf der FUF-Website, also hier, doch ein Platz wäre, allen LeserInnen (sowie anderen an diesem Buch Interessierten) Antworten und Informationen anzubieten. Dieser Service versteht sich für einen Autor von selbst, solange er nicht die Gelegenheit hat, sowohl bei Lesungen öfter ins Gespräch mit dem Publikum zu kommen, als auch in Radio- und TV-Kultursendungen ausführlich über sein Buch Auskunft zu geben.

Bis Juli 2014 habe ich 9 FAQs registriert, auf die ich im Folgenden antworten möchte.

FAQ (Frequently Asked Questions/Häufig gestellte Fragen) zum Buch DIE BEATUS-CHRONIK

und die Antworten des Herausgebers.

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Frage 1: Wo gibt es dieses Buch, nur im Internet-Handel oder auch im Buchladen?

Das Buch bekommt man für 15,50€ bei verschiedenen Händlern im Internet wie auch im nächsten Buchladen vor Ort. Jeder Buchhändler bestellt es Ihnen, sodass Sie es in wenigen Tagen in Händen halten können. Bei manchen Anbietern im Internet kann man außer dem Info-Text über das Buch auch eine Leseprobe anklicken.

Ein Leser meinte: „In diesem Buch ist Stoff für gleich mehrere Bücher.“ Wahr gesprochen! Denn die KäuferInnen bekommen viel Buch für’s Geld. Hier trifft das Wort 1bp„preiswert“ voll zu. Daran zeigt sich auch: Dieses Buch ist nicht primär kommerziell (auf maximale Verkaufszahlen) konzipiert, also auch nicht auf eine bestimmte Seitenzahl künstlich aufgebläht, sondern im Gegenteil inhaltlich stark aufgeladen.

Außerdem wird der Inhalt nicht so schnell veralten (siehe auch unten: Fragen 6 und 8). Auf jeden Fall sollten Interessierte die Chance nicht verpassen, sich diese, fast möchte man (mit Frau Bogner-Lafranc, vgl. unten, Frage 6) sagen: „heimliche Frechener Bibel“, für ihren Bücherschrank zu sichern (auch als Langzeit-Investition).

Die Zeitungsartikel im KStA/Rhein-Erft (20./21.04.2013) und in der KR/Rhein-Erft (09.05.2013), die Buch und Autor vorstellten, waren zwar ausführlich, ließen aber bei einigen LeserInnenn noch Fragen offen, z.B. diese:

Frage 2: Fiktion oder historische Tatsachen? Was ist denn nun diese Chronik, und hat es in Frechen wirklich den Versuch der Gründung einer Universität im Mittelalter gegeben?

Das ist eine gute, und wenn es um Geschichte geht, auch wichtige Frage. Doch eine kurze, 1bfschnelle Antwort würde am Kern des Buches vorbeizielen, geht es doch darin auch um das Problem der geltenden „historischen Wahrheit“.*

Im „Nachwort des Herausgebers“ (S. 77ff.) ist zu lesen, dass die Beatus-Chronik, erstmals gedruckt, einem größeren Publikum vor allem einen Einblick ins Mittelalter ermöglichen soll und keineswegs ein bloß lokalgeschichtliches Werk ist. Als studierter Historiker nimmt der Herausgeber auch eine Einbettung in überregionale Zusammenhänge und die europäischen Geschichte des Mittelalters vor, und er spricht viele Aspekte der Mentalitätsgeschichte an. Außerdem stellt er für das heutige Publikum zeitgeschichtliche und aktuelle Bezüge her.

Auf S. 78 fallen — nicht nur nebenbei — Schlüsselbegriffe wie food for thought, Weiterdenken, und WvdV+weitere Forschungen. Und schon sind wir mitten in der Problematik der Geschichte, nämlich bei ihren z.T. nur vorläufigen Ergebnissen, bei oft wenig sicheren Fakten und Erkenntnissen, bei der somit veränderlichen Betrachtung und Bewertung unserer Vergangenheit. Diese Problematik wird eigens thematisiert in Teil II „Hintergrund“ mit dem ersten Aufsatz „Überraschungen…“ (mehr für Interessierte auch auf dieser Website unter >Clio).

Man kann sogar sagen, dass die Frage, die das Publikum stellt, sich im Grunde wie ein roter Faden durch fast das ganze Buch zieht, mal indirekt, mal direkt thematisiert. Als Historiker möchte der Herausgeber niemandem vorgaukeln, Geschichte sei ein feststehendes Faktengerüst zum Auswendiglernen, also bloß ein Wissensgebiet mit in Stein gemeißelter, ewig gültiger Wahrheit. Nein, Geschichte ist mehr, es ist ein Betätigungsfeld für Neugierige, die die Oberfläche der Welt und die scheinbar oft zusammenhanglose Folge von Ereignissen hinterfragen wollen, für Denker, die Zusammenhängen nachspüren und sie wenigstens ein Stück weit aufhellen und verstehen wollen.

Im Buch auf den Seiten 96 bis 98 wird deutlich ausgeführt und begründet, was Geschichte ist, und warum die Beschäftigung mit ihr so wichtig ist. Und am Schluss, im Nachwort von Frau Dr. Bogner-Lafranc, wird den Durchblickern ins Gewissen geredet, sich nicht allein im stillen Kämmerlein oder im kleinen Zirkel von Spezialisten an ihrem Wissen zu ergötzen, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, d.h. sich auch anderen, weniger informierten Menschen mitzuteilen, und das bitte in verständlicher Form. Denn daran hapert es leider oft: Es gibt eine Menge Wissenschaftler, die sich nur in der Fachsprache und nur in komplexen Schachtelsätzen über ihre Forschungsergebnisse äußern.

In diesem Buch geht es — auf einer weiteren, hintergründigen Ebene — nicht darum, ob die Universität in Frechen nachweislich um die Jahreswende 1303/04 gegründet werden sollte: Eigentlich ist das Fragen viel wichtiger als die evtl. gefundenen Antworten. Die Frage, ob es hätte sein können, muss klar mit „ja“ beantwortet werden. Warum? Das lässt sich anhand des reichen Materials in diesem Buch erkennen, und darum sind auch die Anmerkungen zum Chronik-Text z.T. sehr ausführlich und in einem eigenen Anmerkungs-Teil untergebracht. Sowohl der Versuch der Universitätsgründung als auch sein Scheitern lassen sich vor dem historischen Hintergrund  (aus heutiger Sicht) plausibel nachvollziehen.

Das Scheitern des Universitätsprojekts von 1300 war für die Menschen in jener Zeit keineswegs wahrscheinlich, geschweige denn vorhersehbar. Erst lange Zeit danach (hinterher ist man immer schlauer) können wir im Rückblick sagen: Der Plan konnte nicht gelingen, jedenfalls nicht in dieser historischen Gesamtsituation (wie wir sie heute überschauen können). Dafür bietet die Chronik des Beatus selbst genügend Hinweise, weil sich der Chronist Beatus an — auch aus heutiger Sicht — gültige, nachprüfbare „historische Fakten“ hält und nicht zum Fabulieren neigt wie manche seiner Kollegen, andererseits aber durchaus emotional beteiligt ist und teils sehr entschieden urteilt.

Streng wissenschaftlich sagt der heutige Historiker: Solange ein Vorfall, ein Ereignis oder ein Projekt wie das einer mittelalterlichen Universität in Frechen nur in einer Quelle erwähnt wird, eine Bestätigung durch weitere aber (noch) nicht vorliegt, können wir nicht von einem gesicherten Fakt sprechen. Mögen daher Manche dieses Projekt als historische These, Andere als Sage oder Mythos ansehen — die Leserinnen und Leser erhalten durch die Beatus-Chronik auf jeden Fall Einblick in die realen Verhältnisse im beginnenden Spätmittelalter. Und was dann wirklich zum anerkannten, also eindeutig belegten Fakt der Geschichte wird, mag der Fortgang der historischen Forschung und Diskussion entscheiden.

Denn der Herausgeber W. R. wünscht sich vor Allem eins: Dass diese Veröffentlichung Anlass und Anstoß für weitere Forschungen sein möge, dass berufene Historiker (Mediävisten mit besonderer Kenntnis der rheinischen Geschichte) den Fragen nachgehen, die dieses Buch aufwirft oder offen lässt, und dass im Laufe dieser Forschungen neue Hinweise in Archiven entdeckt werden, die von anderen Forschern überlesen wurden. Das ist durchaus vorstellbar, weil deren erkenntnisleitendes Interesse anderen Fragen nachspürte und sie das Projekt Universitas Frekenae noch nicht „auf dem Schirm“ hatten.         050

Neben einer historischen Darstellung und Diskussion geht es in diesem Buch aber auch um moralische Fragen. Daher fällt, bei dieser thematischen Bandbreite des Buches, die Einordnung in eine gängige Schublade nicht leicht. Bei Verlag und Handel wird es mit Recht in der Kategorie „Geschichte“ bzw. „historisches Fachbuch“ geführt. Inhaltlich geht es aber weit über ein rein historisches Sachbuch hinaus.

Besonders für die Frechener von heute könnte man dieses Buch als Bereicherung des historischen Gedächtnisses ansehen, dazu als Beitrag zur Einordnung Frechener und rheinischer Geschichte in den europäischen Hintergrund, und als Aufforderung zu mehr Nachdenklichkeit im Umgang mit Geschichte — statt gewohnheitsmäßig Bilder der Vergangenheit mit ihren blinden Flecken und Irrtümern ungeprüft beizubehalten.

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* Nachtrag  29.01.2017: Als hätte ich es vorausgeahnt, wird inzwischen diskutiert, dass wir im „postfaktischen“ Zeitalter leben, wo Lüge und Wahrheit, Fakten und Verschwörungstheorien oft austauschbar bzw. gleichrangig behandelt werden. Daran sind z.T. die sozialen Medien und Internetforen schuld, die nicht nur alle Äußerungen gleichrangig nebeneinander stellen, sondern auch per Algorithmus dem Nutzer eine Blase oder Echokammer bauen, wo sich nur noch seine Vorlieben und bevorzugten Ansichten abbilden. Dort wird aber — im Gegensatz zu den hergebrachten Medien — keine Einordnung bzw. Orientierungshilfe geboten, wie sie gelernte Journalisten in besagten Medien bereitstellen. Folglich stehen im Netz „fake news“ unbewertet neben echten Nachrichten, der durchschnittlich gebildete bzw. informierte User kann Falschmeldungen und Desinformation meist nicht erkennen und durchschauen — und glaubt folglich manche Unwahrheit. Das ist im Ergebnis das Gegenteil von Ermunterung zu kritischem Hinterfragen und zum Gebrauch des eigenen Verstandes.

W. R.

Frage 3: Ist es ein Buch nur für historisch Interessierte?

Kurze Antwort: Jein. Man kann feststellen: Zumindest ab S. 73 (von 171) bezieht sich eine Vielzahl von Aussagen auch auf die Gegenwart, sodass man nicht mehr von bloß historisch interessanten Fakten oder Details sprechen kann (vgl. Antwort auf Frage 2). Der Autor legt großen Wert auf den Gegenwartsbezug und damit auf die Aktualität von Geschichte. Er macht deutlich, dass „Geschichte“ im Grunde überhaupt nur aus dem Interesse an Fragen und Problemen der Gegenwart betrieben wird. So gesehen, ist DIE BEATUS-CHRONIK auch ein Buch über Geschichte.

W. R., im Juli 2013

1h

Foto: DIE BEATUS-CHRONIK in guter Gesellschaft, 2013 im Buchladen Brauns in Frechen

Falls jemand Näheres zu Wehlers Buch (Mitte des Fotos) erfahren möchte: >http://www.zeit.de/2013/11/Hans-Ulrich-Wehler-Umverteilung-Ungleichheit

Die Fragen 4 und 5 haben sich inzwischen (2018) erledigt.

Frage 6: Welchen Stellenwert oder welche Bedeutung hat dieses Buch im Hinblick auf die Geschichte Frechens und der Region?

Da möchte ich mich als Herausgeber und Autor zurückhalten und die Antwort Anderen überlassen, nämlich den LeserInnen sowie den Fachleuten in den Bereichen Geschichte, Religionswissenschaft, Ethik, u.a.

Frau Dr. Bogner-Lafranc, die das Nachwort für das akademische Publikum (S. 137-145) beisteuerte, meinte dazu im Januar 2013:

Diese Veröffentlichung wird kein Strohfeuer oder ein schnell verpuffender Knalleffekt sein — im Gegenteil, aus meiner Sicht wird dies voraussichtlich ein Langzeit-Brenner. Nach meiner Einschätzung werden sich die Verkaufszahlen zwar kurzfristig in Grenzen halten, und das Buch wird wohl kaum auf einer Bestsellerliste auftauchen — aber langfristig wird es immer wieder zitiert werden, es wird andere Veröffentlichungen beeinflussen und — wer weiß? — womöglich auf lange Sicht sogar als eine Art „Frechener Bibel“ geschätzt werden. Darum werde ich es mir auf jeden Fall in meinen Bücherschrank stellen.

Diese Äußerung lasse ich unkommentiert hier stehen. Ich kann nur sagen: Das Buch enthält Anregungen und Fragen bzw. Denkanstöße zu vielen Themen und ist auf jeden Fall ein Diskussionsbeitrag, der über eine tagesaktueller Bedeutung weit hinausreicht.

Frage 7: Ist die lokalpatriotische Note in diesem Buch nicht ein wenig peinlich oder aufgesetzt, vielleicht sogar unangebracht und abwegig?

Was für eine Frage! Ich muss doch sehr bitten. Aber gut, ich werde sie trotzdem sachlich beantworten.

Der Zugang zum historischen Frechen findet hier nicht nur in sachlicher, nüchterner Art statt. Vielmehr schwingen da auch Gefühle mit, die im Buch selbst im zweiten Teil unter der Überschrift „Frechens Vineta“ angesprochen werden, und zwar in dem vorangestellten Zitat, in dem der Begriff „Vineta“ für das Interesse an einer teils sagenhaften, näher zu ergründenden Vergangenheit eines Ortes steht (S. 101).

Wenn man in die Frühe Neuzeit zurückgeht, wird einem sofort bewusst, dass Frechen ein solches, versunkenes Vineta besitzt: Fast der gesamte Ortskern im Bereich Hauptstraße-Alte Straße-Oberdorf ist dicht besetzt mit Relikten früherer Töpfer-Werkstätten, die bei jedem Ausschachten für ein Bauvorhaben zutage treten (und seit Jahrzehnten die Raubgräber anlocken). Was Wunder: Wir wissen von Zeiten, in denen gewaltige Mengen an Tonkrügen und -geschirr produziert und von Händlern in alle Welt verkauft wurden. Da muss zeitweise das halbe Großdorf Frechen für die Töpfer-Branche beschäftigt gewesen sein.

Es ist allerdings nicht dieses durch Grabungen und schriftliche Quellen gut belegte „Vineta“ der Frühen Neuzeit, dem sich DIE BEATUS-CHRONIK vor allem widmet, sondern die 1bavorangegangene Zeit des Mittelalters, von der sehr wenig bekannt ist. Das Töpferhandwerk war schon im Mittelalter in Frechen präsent (auch wenn in manch einer Publikation etwas Anderes zu lesen ist). Der Status des Freien Kaufdorfs spielte dabei für Handel und Handwerk eine wichtige Rolle.

Für Frechen liegt die Bedeutung dieses Buches u.a. vielleicht gerade in der Anregung, den Ort und seine Geschichte mit mehr Interesse und Wertschätzung zu betrachten, ihn sogar zum Objekt oder Schauplatz von Literatur zu machen, ihn als lohnenden Stoff zu begreifen, und sich von der kleinmütigen Sicht vieler Frechener nicht herunterziehen zu lassen, die von vorneherein nach Köln blicken und Frechen kaum noch eines Blickes für wert halten. Diese fast „nestbeschmutzende“ Identifizierung mit dem großstädtischen Nachbarort ist wohlfeil, um nicht zu sagen: platt und gedankenlos; sie verachtet die eigene Herkunft und glaubt, sich der nahen Großstadt per Identifikation anbiedern zu können, indem sie den eigenen Wohn- oder Herkunftsort heruntermacht. Das ist mit Sicherheit auch der mangelnden Kenntnis der Frechener Geschichte geschuldet. Ein Grund mehr, dieser Unkenntnis abzuhelfen.

Im Frechen-Lied des Kabarettisten Rainald Grebe mag es witzig klingen, weil er wohl noch ein Frechen erlebt hat, das, gerade erst nominell Stadt geworden, der traditionell schmähenden Geringschätzung seitens der Kölner nicht viel entgegenzusetzen wusste. Doch das ist heute nicht mehr Stand des wirklichen Lebens und Erlebens.*

Ich kenne jenes Frechen aus meiner Kindheit und Jugend und habe selbst in jungen Jahren  so manche geringschätzige oder satirische Äußerung über die „junge Stadt mit Tradition“ gemacht. Seitdem ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen, ich habe viele Jahre in Köln gelebt und kenne auch dort manch unschöne Gegenden und Ecken, die wenig vorzeigbar sind. Auch Köln wird von den Kölnern selbst viel kritisiert, z.B. wegen unattraktiver Plätze, die nicht zum Verweilen einladen. Der Tourist sieht Vieles nicht, oder er sieht Köln als One-stop-city, wo man den Dom anschaut, in der Altstadt ein Kölsch trinkt und dann weiterfährt.

Köln wird außerdem von Politik und Verwaltung, sagen wir: nicht immer optimal gemanagt. Das sagen und schreiben (z. B. in Leserbriefen an die lokalen Zeitungen) viele Kölner nicht erst seit dem Archiveinsturz von 2009. Auch darum gibt es aus Frechener Sicht derzeit weder Grund noch Anlass, Kölns Expansions-Begehrlichkeiten nachzugeben und sich in die Großstadt eingemeinden zu lassen. Davon würde eher Köln als Frechen profitieren.

W. R., im Oktober 2013

Nachtrag dazu vom 27.11.2013: Wie der Kölner Stadt-Anzeiger heute meldet (siehe Blog, >Köln-Notizen #10), gibt uns Bergheim ein Beispiel, wie man selbstbewusst die lokale Geschichte pflegt und verteidigt und sich dabei lokalpatriotisch gegen Kölner Großstadt-Gebaren behauptet. Jawoll, auch im Rhein-Erft-Kreis ist lebendige Geschichte zu Hause!

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* Wem das noch nicht aufgefallen ist, der mag sich vielleicht bei der Durchsicht der Unterseite >Arts in Frechentown anregen lassen, sich einige Dinge in Frechen noch einmal (oder erstmals genauer) anzusehen, nicht zuletzt die unter >“Frechen sehen (6)“. Da findet aber keine unbegründete Hochjubelei statt, der Autor bleibt kritisch nach allen Seiten. Auf jeden Fall sollte man — auch mit Hilfe der Serie „Frechen sehen“ — erkennen, dass Frechen ein Ort mit eigenem Gepräge ist und ein Profil hat, das diese Stadt von anderen Orten unterscheidet.

Und die Frechener selbst sollten ihren Wohnort wertschätzen, z.B. indem sie mehr darauf drängen, dass „ästhetische Verbrechen“ vermieden werden, und dass Wert auf eine lebenswerte Umwelt gelegt wird — sowohl im Hinblick auf die ästhetische Qualität des Stadtbildes als auch auf die ökologische Wohnqualität.

– W. R. –

Frage 8: Gibt es (neben den Artikeln in der Lokalpresse anlässlich des Erscheinens) Rezensionen zu diesem Buch?

Ja, gibt es, z. B. diese: B.C.-Lit.krit_.-G.A.Finnw_

oder Kurzbesprechungungen und Bezugnahmen, aus denen hier zitiert wird:

„Das Buch richtet den Blick weniger auf Fragen nach der Zuverlässigkeit der Quelle, sondern auf den Text selbst, der in einer lesbaren Fassung, d.h. in heutigem Deutsch, erstmals gedruckt wird. Im Focus stehen der Chronik-Text, seine Entstehungsgeschichte, das historische Umfeld, in dem er entstand, und damit die Zeit und die Situation, wodurch vor dem geistigen Auge des Lesers auch ein Bild des späten Mittelalters um 1300 entsteht.“ — Gerhard Gengenheim in: Historische Literatur und ihre Autoren, Folge 5 (2013), Rubrik „Neue Bücher“

„… ist ein Werk, das sich der einfachen Einordnung in eine literarische Gattung widersetzt und irgendwo zwischen Literatur und Sachbuch anzusiedeln ist. (…) Mich erinnert es an die Sachliteratur des Mittelalters: Der Text eines alten Meisters bzw. Kirchenvaters wurde glossiert und kommentiert, und die Textauslegung entwickelte oft seine Gedanken weiter und leistete damit einen Beitrag zum gelehrten Diskurs. So hat der Herausgeber der Beatus-Chronik auch Zusatzinformationen, Denkanstöße und weiterführende Gedanken aufgeboten, um nicht bloß einen Text zu edieren, sondern die LeserInnen darüber hinaus zu weiterer Beschäftigung mit den angeschnittenen Themen anzuregen.“  —  Renate Munzinger in: Geschichte in Antike und Mittelalter XXVIII (2013), S. 215, Rubrik „Neu erschienen“

„Bemerkenswert aus feministischer Sicht ist die Haltung des Chronisten Beatus: Er setzt sich deutlich ab von der abschätzigen, frauenfeindlichen Sichtweise der Altvorderen wie Kirchenvater Augustinus, und weist auf die altirische Tradition hin, die den Frauen mehr Respekt entgegenbrachte, und die von Missionaren wie Columbanus nach Westeuropa importiert wurde. Hier prallte sie auf die römisch-patriarchalisch geprägte Kirchenhierarchie, der sie auf Dauer unterlag…“  —  Geneviève Mandel, «Femme, tais-toi», in: La France Médiévale CXVII (2014), S. 185-230; übers. v. J. Bogner-Lafranc

„Hier wird die Geschichte eines Ortes einmal ganz anders aufgerollt: Ausgehend von einer mittelalterlichen Chronik, entfaltet Reinert ein Bild der Frechener Geschichte, verwoben mit der Geschichte des Rheinlandes und Europas. Und nebenbei stellt er auch noch die herkömmliche Geschichtsschreibung bzw. unser Verständnis davon in Frage, teils in subtiler Weise. So bietet dieses Buch viele Ansätze zum Weiterdenken. Es ist ein Buch über lokale Geschichte, aber zugleich — und sogar mehr — über Geschichte schlechthin. (…) Und es zeigt auch: „Geschichte“ hängt nicht umsonst sprachlich mit „Geschichten“ zusammen, denn „Geschichte“ bekommt erst Leben eingehaucht, wenn sie erzählt wird. Geschichte ist also kein 1:1 Abbild der Vergangenheit, sondern immer die Erzählung der Vergangenheit. Das mag selbstverständlich klingen, doch das wird hier von Reinert in einer ganz eigenen Art demonstriert…“  —  Johannes T. Köhler, „Neue Beiträge zum historischen Diskurs: eine Umschau.“ Blätter des Klio-Instituts, Folge 37, Febr. 2016, S. 111-154

 

Frage 9: Haben Sie schon ein nächstes Buch in Arbeit, und was wird das sein?

Klar, ein Autor oder eine Autorin hat immer, wenn er oder sie ein Buch-Manuskript abschließt, schon Ideen, wie das Thema oder der Gegenstand oder Teilthemen noch weiter, über das fertige Buch hinaus, behandelt werden könnten. Das ergibt sich einfach aus der umfangreichen Materialsammlung, die während der Recherchen entstanden ist und für das vorliegende Buch nur z.T. ausgeschöpft wurde, sowie aus Überlegungen und Einfällen während des Schreibens.

Dabei habe ich, wie oben bereits erwähnt, schon reichlich Information in dieses Buch gepackt — und die Geduld oder Aufnahmebereitschaft mancher Leserin und manches Lesers strapaziert. Diverse Rückmeldungen von LeserInnen gaben Anlass zu derIMG_4168+ Überlegung, dass ich das nächste Buch anders, nämlich durchgehend publikumsfreundlicher, konzipieren könnte, wie es ja in Teil II (Hintergrund) von DIE BEATUS-CHRONIK schon weitgehend realisiert wurde: Dieser Teil des Buches liest sich leichter als der vorangegangene Teil I, genauer: als der Chronik-Text und die dazu gehörenden Anmerkungen. (Anm. v. Juli 2018: Mit meiner „Frechener Geschichte“ habe ich genau diese Überlegung zu verwirklichen unternommen:)

Eines der möglichen, von mir ins Auge gefassten Projekte für ein nächstes Buch wäre eines zur Frechener Geschichte mit Schwerpunkt Frühgeschichte bis frühe Neuzeit. Damit würden die bereits vorliegenden Publikationen zur Geschichte Frechens ergänzt, die den Schwerpunkt in der Zeit ab ca. 1530 (Blütezeit der Töpferei in Frechen) oder ab der Industrialisierung im 19. Jahrhundert haben. Übrigens ist es logisch, dass mehr über die Zeit ab dem 16. Jahrhundert geschrieben wurde: Erst ab da liegt Einiges an Quellenmaterial zu Frechen vor, aus dem man schöpfen kann, während die Quellendichte für das Mittelalter (besonders vor dem Fund der Beatus-Chronik) doch eher lückenhaft und streckenweise sehr dünn zu nennen ist.

Bisher liegt meines Wissens aus den vergangenen Jahrzehnten nur ein Werk vor, das Frechener Geschichte überhaupt in einem Längsschnitt behandelt: Egon Heegs Publikation zum Frechener Jubiläum „50 Jahre Stadt“ im Jahre 2001, herausgegeben vom Stadtarchiv Frechen (und dort noch erhältlich). Heeg beginnt mit Frechens Aufwertung zum Freien Kaufdorf in fränkischer Zeit, fokussiert die Geschichte auf die Dorf- und Gemeindeverfassung  und behandelt ausführlich die Zeit des Nationalsozialismus. Er liefert den Frechenern zum Jubiläum Nachhilfe zum Auffüllen von Wissenslücken vor allem in der lokalen Geschichte — ein, wie ich finde, nötiges, wichtiges und wertvolles Unterfangen, denn es verhilft den heutigen Frechenern zu einem ausgeprägteren geschichtlichen Bewusstsein und der Stadt zu mehr Selbstbewusstsein eingedenk ihrer weit zurückreichenden Geschichte.1ba

Dass es an letzterem immer noch mangelt und viele Frechener weiterhin die nahe Großstadt Köln als Maß aller Dinge sehen, war ein zusätzlicher Grund, DIE BEATUS-CHRONIK herauszubringen, damit diese einseitige Sicht ein wenig korrigiert werde: Wer sich von der reich dokumentierten Geschichte Kölns beeindrucken lässt, sollte dennoch zur Kenntnis nehmen, dass Frechen keineswegs geschichtslos ist, sondern ein eigenes, ausgeprägtes historisches Profil besitzt.

Im Schwung der Arbeit an der BEATUS-CHRONIK und ihrer Veröffentlichung erwog ich, wie oben schon angedeutet, ein neues Buchprojekt als historisches Sachbuch. Außerdem habe ich zunächst viel Zeit und Hirnschmalz in die Website fu-frechen.de gesteckt und tue das auch weiterhin.

Für die Veröffentlichung des projektierten Buches wollte ich diesmal nicht auf ein Self-Publishing-Unternehmen, sondern eher auf einen etablierten Verlag zugehen. Dieser sollte ein Buch finanzieren, herausbringen und bewerben, das den Schwerpunkt auf die lokale Geschichte des Ortes Frechen legt.

Jedoch: Mehr denn je schauen kommerzielle Verlage auf die voraussichtlichen Absatzzahlen eines Buches. Es ist ihnen zuwenig lukrativ, ein Buch für ein geschichtsinteressiertes Publikum nur in Frechen und seiner näheren Umgebung auf den Markt zu bringen. Im Begleitschreiben zur Rücksendung eines solchen Manuskripts wäre höchstwahrscheinlich zu lesen: Der angesprochene Leserkreis ist zu klein. Also sinngemäß: Das rechnet sich für uns nicht (weil es keine Chance hat, hohe Verkaufszahlen zu erreichen oder gar in einer Bestseller-Liste aufzutauchen).

Da also Verlage möglichst solche Bücher auf den Markt bringen, die ihrer Einschätzung nach Chancen auf hohe Verkaufszahlen haben, müssen wir wohl oder übel auf so manches Sachbuch über lokale und regionale Geschichte verzichten — weil es nicht publiziert wird. That’s economy, stupid! Verlage sind in aller Regel Wirtschaftsunternehmen, die Gewinne erzielen müssen, die verlegten Bücher folglich auch. Ihre literarische oder künstlerische Qualität allein lässt noch nicht die Kasse klingeln, also muss der Verlag Einiges in Werbung investieren, um gut zu verkaufen. Zu diesem Zweck bündelt er seine Mittel und konzentriert sie auf wenige Produkte — in der Hoffnung, dass sie viel gekauft und im günstigsten Fall sogar Bestseller werden.

Ich gehe davon aus, dass es in Frechen eine nicht geringe Zahl von Menschen gibt, die Sachbücher oder auch Belletristik zu schreiben in der Lage sind und gern ein Buch schreiben würden, das sich mit Frechen beschäftigt bzw. dessen Story dort ihren Schauplatz hat. Doch finden Sie mal einen Verlag, der nicht gleich abwinkt, wenn ihm solch ein Manuskript auf den Tisch kommt!

Trotz alledem möchte ich Frechener AutorInnen ermutigen: Ein historischer Roman, oder überhaupt eine Erzählung, muss nicht unbedingt nur in Köln spielen, auch Frechen und seine Geschichte sind durchaus literaturfähig. So möge denn die Kurzgeschichte „Vom Himmel hoch“ (→ DIE BEATUS-CHRONIK, S. 129ff.) als eine Anregung dienen, die (nebenbei bemerkt) selbst eine literarische Anregung aufgreift (siehe Fußnote S. 133). Schauplatz: der Himmel und — Frechens Innenstadt um das Jahr 2010.

Man kann einen anderen Weg gehen und seine wissenschaftlichen oder Kreativ-Produkte im Internet veröffentlichen. Fragt sich nur, wieviele Menschen man erreicht, wieviel Aufmerksamkeit das Werk findet, und ob das dann eher das Interesse von etablierten Verlagen weckt… Es ist wie bei vielen anderen Dingen, z.B. Musik, wohl so, dass Viele einen Internet-Auftritt produzieren, aber nur ganz Wenigen der Sprung in den kommerziellen Markt gelingt. Und da zählen nicht allein hohe Klick-Zahlen. Wenn Literatur, Kunst oder Musik zur Ware werden soll, spielen noch weitere Gesichtspunkte eine Rolle, die hier auszubreiten zu weit führen würde. Wir hören ja nichts über die vielen gescheiterten Versuche, wir hören immer nur von den wenigen geglückten: Wer redet über arme Künstler, wenn auf Auktionen Gemälde der großen Namen für Millionen den Besitzer wechseln?

Noch ein Letztes zur historischen Literatur über Frechen und Umgebung. Bis Anfang der 1990er Jahre gab es den Rheinland-Verlag in Köln, der einige gut bebilderte Bücher über Kulturdenkmäler im Rhein-Erft-Kreis (damals noch Erftkreis) verlegte. Seit der Verlag diese Arbeit eingestellt hat, finde ich nur noch wenige Publikationen dieser Art auf dem Buchmarkt. Es scheint für HistorikerInnen und KunsthistorikerInnen schwieriger geworden zu sein, Bücher über die Region zu veröffentlichen. Eher muss man heute Führer für Rad- oder Wandertouren schreiben, um wenigstens in knappen Darstellungen Informationen über sehenswerte kulturgeschichtliche Objekte unter die Leute zu bringen.

Dagegen haben es ausführliche kulturhistorische Werke auf dem Markt schwer. Beispiel: In einem besonderen Kraftakt schafften es im Jahre 2011 die Herausgeber Egon Heeg, Axel Kurth und Peter Schreiner mit Unterstützung weiterer Personen, das Buch Königsdorf im Rheinland: Beiträge zu seiner Geschichte zu veröffentlichen. Die lange Liste der Sponsoren und Beitragenden auf S. 3 allein zeigt schon, dass viel Geld eingeworben werden musste, um dieses umfangreiche, reich bebilderte Sachbuch zu finanzieren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Doch eine derart aufwändige Veröffentlichung stemmt man vielleicht nur einmal im Jahrzehnt — und auch nur dann, wenn Leute mit Know-how, Energie und langem Atem das Projekt vorantreiben.

W. R., im Juli 2014, ergänzt 2016 und 2017

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Und nun noch eine positive Nachricht:

Zu Beginn des Jahres 2018 schrieb ich eine kleine, aber umfassende FRECHENER GESCHICHTE im Längsschnitt durch die Jahrtausende (Titelseite siehe Abb. links). Diese habe ich für meine ehemaligen MitschülerInnen in der Volksschulklasse (in entsprechend kleiner Auflage) produziert. Sie enthält eine Widmung für unsere verstorbene Mitschülerin Gudrun Horn. Dieses Heft von 35 Seiten im Format A5 ist seit April 2018 vergriffen, ein Nachdruck ist nicht vorgesehen. Bei der kleinen Auflage von 25 könnte es dereinst zum Sammlerstück werden.

Aufbauend auf diesem Heft verfasste ich einige Monate später eine durchgesehene und erweiterte Fassung dieser „Frechener Geschichte“, diesmal bestimmt für alle interessierten FrechenerInnen. Sie wurde im Juni 2018 fertiggestellt. Das Büchlein, ebenfalls im Format A5, hat 52 Seiten und viele Abbildungen. Im Anhang sind die beiden (aus meiner Sicht) wichtigsten Quellen zur Frechener Geschichte auszugsweise zitiert.

Diese FRECHENER GESCHICHTE kann man für 8,- € in der Buchhandlung Brauns in Frechen erwerben (> Buchhandlung – Antiquariat Brauns) und sich an diesem kompakten, gut lesbaren Lauf durch die Jahrtausende erfreuen. —

W. R., im Juni 2018

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Anmerkungen zur frühen Geschichte Frechens

von W. R.

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Zur Baugeschichte der Kirche St. Audomar

Wer sich für die Geschichte Frechens im Mittelalter interessiert, kommt an einer historischen Tatsache nicht vorbei: an der schriftlich bezeugten Verbindung des Dorfes Frechen zur Abtei Saint-Bertin in Saint-Omer. Das ist oben aus den einleitenden Ausführungen schon hinreichend klar geworden. Und dabei spielt die Persönlichkeit Audomar, der posthum als Heiliger verehrt wurde, eine wichtige Rolle.

Wie oben bereits erwähnt, gibt es von Audomar keine zeitgenössische oder zeitnahe Abbildung, die wir als Porträt werten könnten. Darum ist in meinen Augen die Statue von Olaf Höhnen eine umso verdienstvollere Leistung, weil sie nicht nur eine historisch glaubhafte, sondern auch eine dem Respekt gegenüber der Lebensleistung angemessene Darstellung liefert.

Diese Statue flankiert gemeinsam mit der des Erzengels Michael das Portal der heutigen Kirche St. Audomar. Auch das ist kein Zufall: Zunächst einmal ist Michael ein weiterer Namenspatron dieser Kirche. Zudem ist das Portal Teil des Westwerks des neuromanischen Neubaus, der 1909 fertiggestellt wurde und in der Bautradition der romanischen Kirchen steht: Dort war das Westwerk eine Art Bollwerk gegen das Böse in der Welt und wurde oft burgartig gestaltet, zudem ließ man außen Figuren und Darstellungen anbringen, die apotropäische Bedeutung hatten, d.h. die gegen das Böse abschreckend wirken sollten.

So brachte man außen an romanischen Kirchen oft steinerne Dämonen und Fabelwesen an, die ihre „Artgenossen“ in Fleisch und Blut in Schach halten und abweisen sollten. Aber auch Figuren und Darstellungen von Heiligen und Engeln hatten solche Wirkung, indem sie das Böse bannten. Daher standen z.B. am Westportal der Frechener Kirche zwei heilige Apostel, nämlich Peter und Paul. Sie gingen irgendwann verloren, und Olaf Höhnen bekam Anfang der 1980er Jahre den Auftrag, zwei neue Figuren zu schaffen.

Weil St. Peter und St. Paul schon die Schutzpatrone der Abtei Saint-Bertin waren, die die erste Kirche in Frechen baute, liegt es nahe, hier den Grund für die Platzierung der früheren Figuren am Westportal zu suchen. Doch nach dem Abbruch der Hofkapelle des Klarenhofs, die dem Erzengel Michael geweiht war, „wanderte“ dieses Patrozinium zur Kirche St. Audomar. Dieser Erzengel gilt als starker Kämpfer gegen das Böse, daher steht seine Statue wehrhaft mit Schild und Lanze, in manchen Darstellungen sticht er auf das Böse (in symbolischer Gestalt eines Drachens) zu seinen Füßen ein. Schon an frühen romanischen Kirchen wachte er am Westwerk. Hier wirkt er weniger martialisch, vielmehr blickt er eher versonnen auf die Menschen herab, die sich dem Portal nähern.

Die Michaels-Statue an St. Audomar ist also keineswegs eine Verlegenheitslösung, vielmehr hat sie ihren berechtigten Platz am Westwerk der neuromanischen Kirche St. Audomar. Und was bedeutet die Aufschrift auf dem Schild: „Quis ut deus“ (Wer ist wie Gott)? Das ist die lateinische Übersetzung des hebräischen „Mikael“.

Michael und Audomar stehen auf Säulen, die von ausgeschmückten Kapitellen bekrönt sind. Auffallend sind die Flechtwerk-Ornamente. Sie passen durchaus zur frühen Romanik, man findet sie auch in der Buchmalerei mittelalterlicher Handschriften bis ins Hochmittelalter. Ursprünglich war diese Flechtwerk-Ornamentik Teil des in der altirischen Kultur entwickelten Stils. Irische Mönche, die in Westeuropa seit dem 7. Jahrhundert missionierten, brachten diesen Stil mit. (siehe dazu ausführlicher im >Blog den Beitrag „Als Irland…“, zu finden in der Kategorie Mittelalter-Magazin)

Indirekt ist auch die Frechener Kirche mit dem Alten Irland verbunden: Das Kloster Luxeuil (eine Gründung des irischen Missionars Columban des Jüngeren) sandte Audomar als Missionar zur Kanalküste, der gründete dort die Abtei Saint-Bertin, die wiederum die Kirche in Frechen begründete (was oben schon nachzulesen ist).

Früheres Aussehen der Kirche zu Frechen

Die heutige Gestalt von St. Audomar in Frechen geht bekanntlich auf den Entwurf des Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner (1802-1861) zurück, welcher 1859 fertiggestellt wurde und 1909 erweitert wurde. Der Bau von 1859 behielt noch den alten Turm,  der 1714 im Zuge des Neubaus der Kirche errichtet worden war. Dieser Turm musste der Erweiterung von 1909 weichen, die sich ein Stück darüber hinaus schob und das oben erwähnte Westwerk mit dem hoch aufragenden, neuen Turm bekam, alles im neuromanischen Stil nach Zwirners Absicht.

Leider fehlen uns Darstellungen oder Akten zu den Vorgängerbauten. Auf Fotos des späten 19. Jahrhunderts sieht man zwar noch den Turm von 1714, mehr ist aber von diesem Kirchenbau nicht dokumentiert. Vor dem Neubau nach Zwirners Plan lag der Chor weiter vorn, da wo heute die Stufen zum Altarraum liegen. Der Kirchenraum reichte von dort bis zur heutigen Empore mit der Orgel.

Überhaupt, der Innenraum: Öfter noch als das Äußere hat das Innere Umgestaltungen erfahren. Der Bau von 1859/1909 war innen gemäß dem Stil romanischer Kirchen ausgemalt, wie es heute noch z.B. in Hildesheim oder in Gengenbach (Abteikirche) zu sehen ist. Was wir heute in vielen alten Kirchen sehen, nämlich weiß gekälkte oder gestrichene Wände, entspricht nicht dem Erscheinungsbild des Mittelalters. Vielmehr setzte sich vor allem um die Mitte des 20. Jahrhunderts die Vorstellung durch, in den Kirchen sollte es hell und nüchtern sein, und dunkle Einrichtung oder Ausmalung sollte möglichst entfernt werden. So war auch St. Audomar eine Zeitlang innen ziemlich weiß und nur karg geschmückt, 1981 wurden zurückhaltend wieder farbige Akzente gesetzt, und erst 2002 kehrte wieder mehr Farbe ein.

Und wie sah die Kirche in früheren Jahrhunderten aus, vor dem Neubau im 19. Jahrhundert? Wie gesagt, der Vorgängerbau reicht zurück ins Jahr 1714. Darüber ist wenig bekannt. Und wie die Kirche aussah, bevor sie 1583, im Truchsessischen Krieg, abgefackelt wurde, ist noch weniger dokumentiert. Es dürfte sich um einen Bau mit südlichem Seitenschiff und einem Turm gehandelt haben.

Zur Zeit der Gründung der Kirche zu Frechen, im 8. Jahrhundert, wurde zunächst ein Bau aus Holz errichtet. Das klingt für heutige Ohren nach einem sehr einfach gehaltenen Bauwerk, da wir doch an Kirchen in Form von Steinbauten gewöhnt sind. Doch zu jener Zeit, als im Frankenreich noch viel Missionsarbeit zu leisten war, wurden sehr häufig Kirchen und Kapellen aus Holz gebaut.

Dafür gab es mehrere Gründe. Zum Einen war die Errichtung von Steinbauten bei den Germanen nicht üblich, hingegen gab es viele gute Holz-Handwerker. Zum Zweiten waren geeignete Stein-Materialien nicht überall verfügbar, selbst wenn man an manchen Orten römische Ruinen als Steinbruch nutzen konnte. Möglicherweise spielten bei der Standortwahl für die Kirche in Frechen auch römische Fundamente eine Rolle (Heeg 1984, S. 133). Der erste Bau wird aber oberirdisch aus Holz hochgezogen worden sein.

St. Martinus in Borr; der kleine Vorbau links dient lediglich dem Wetterschutz am Eingang

Die äußere Gestalt der ersten Kirche in Frechen könnte (sicher weiß man es nicht) dem Erscheinungsbild der Kirche von Borr (südlich von Lechenich) ähnlich gewesen sein: eine kleine Hallenkirche mit Apsis, ein größerer Dachreiter trägt den Glockenstuhl. Während die heutige Kirche in Borr ein Steinbau ist, war damals noch der gesamte Aufbau aus Holz. Daher hatte auch die Apsis der Holzkirchen einen rechteckigen Grundriss; runde Apsiden finden sich an Steinbauten. In Borr fügte man im frühen 18. Jahrhundert der Apsis in Stein noch eine Erweiterung mit trapezförmigem Grundriss an. Auch der Windfang am Westeingang entstand erst später. Trotz fehlender Nachweise vor dem 14. Jahrhundert kann man in Borr eine Gründung in fränkischer Zeit annehmen; darauf weist das Patrozinium des heiligen Martin hin. Wie in jener Zeit üblich, nutzte man die römische Wasserleitung von der Eifel nach Köln als Steinbruch: Die Friedhofsmauer um das Areal wurde teils aus Gussplatten des (nicht mehr genutzten) Aquädukts errichtet.

Wie schon gesagt, man darf sich die frühen Holzkirchen nicht durchweg als primitive Bauten vorstellen. Das technische Know-how der Holzbearbeitung war auf hohem Niveau, und die Ausschmückung der Kirchen kann durchaus anspruchsvoll gestaltet worden sein. Größere Kirchenbauten wurden später nicht zwingend in Mauerwerksbau errichtet:

Bischöfliche Holzkirchen sind aus Hamburg (um 1020), aus Verden (um 850 bis um 1000) und aus Schwerin (um 1200) überliefert. (Conrad 1990, S. 15)

Wann in Frechen der Holzbau der Kirche ganz oder teilweise durch Mauerwerk und Steinmetzarbeit ersetzt wurde, ist nicht klar auszumachen. In der Beatus-Chronik heißt es:

[47] Zu einem weiteren Umbau von St. Audomar gab der Einsturz des großen Dachreiters Anlass, der mit dem Glockenstuhl beim großen Erdbeben von 1117 herabgeschüttelt wurde. So gab höhere Gewalt den Anlass, dass die vielfach ausgebesserte und teils baufällige Holzkirche durch einen auf Stein gegründeten Fachwerkbau ersetzt wurde. Dazu erhielt die Kirche einen Turm, der in Stein aufgeführt wurde. (…) Dem einschiffigen Bau wurde etwa 90 Jahre später, zur Zeit des Pfarrers Gerlacus, der diese Chronik begann, noch ein südliches Seitenschiff mit großen Bogenfenstern angesetzt … (S. 24f.)

Ob weitere Um- oder Ausbauten stattfanden, wissen wir nicht. Fest steht, dass die Kirche im Truchsessischen alias Kölnischen Krieg (1583-90) in Flammen aufging. Ob der Neubau sich am Vorgängerbau orientierte, bleibt im Dunkel der Geschichte. 1714 wurde er mit der Errichtung des neuen Turms fertig. Gut 100 Jahre später war er zu klein geworden für die wachsende Zahl der katholischen Gläubigen, sodass man eine Erweiterung oder einen Neubau ins Auge fasste.

Doch war es ein langer Weg mit einigen Hürden, bis endlich Zwirners Plan abgesegnet und realisiert werden konnte. Unterwegs gab es Finanznöte, die Gemeinde konnte das nötige Geld nicht aufbringen, der Bau geriet ins Stocken und kam durch ein „Gnadengeschenk“ der Preußischen Regierung wieder in Gang. H. J. Riesop bilanziert:

Für die Frechener Bevölkerung war die Finanzierung des Kirchenbaus im 19. Jahrhundert eine ungeheure Leistung und die dafür benötigte Summe von 22000 Talern ein für uns heute kaum vorstellbares Opfer. (Riesop 1983, S. 42)

Karl Göbels schildert in seinem Buch von 1961 ausführlich diese Baugeschichte. Der 1859 vollendete Bau war aber auch bald schon wieder zu klein, weil Frechens Bevölkerung durch die beginnende Industrialisierung rasch wuchs:

Schon kurz nach der Jahrhundertwende musste man sich wiederum um eine Vergrößerung der Kirche bemühen. Allerdings hielt man sich dann nicht mehr an die Pläne Zwirners, die nur noch eine Aufstockung des Turmes vorsahen. Man verlängerte das Kirchenschiff um ein Joch und baute einen neuen Turm. Dadurch bekam die Kirche ihre heutige Gestalt. (S. 119)

Die Autoren sind geteilter Meinung darüber, ob die Erweiterung von 1909 ein gelungener Wurf ist, oder ob dadurch der ursprüngliche Plan Zwirners in ein proportionales Missverhältnis verändert wurde. Die Erweiterung war damals offenbar notwendig, und sie wurde auch dem neuromanischen Stil des bis dahin ausgeführten Baus angepasst. Man mag den Turm mit seinen 57 Metern Höhe für übergroß halten; er passt fast schon für einen „Frechener Dom“, aber er markiert weithin sichtbar als ein Wahrzeichen Frechens den Bereich, wo die historische Keimzelle des Dorfes Frechen liegt. —

Zitierte Literatur:

Dietrich Conrad, Kirchenbau im Mittelalter. Leipzig 1990

Karl Göbels, Geschichte der Pfarrkirche St. Audomar in Frechen. Frechen, o.J. (1961)

Egon Heeg, Frechener Straßen. Köln 1984

Wolfgang Reinert (Hg.), Die Beatus-Chronik. Münster 2013

Hermann Josef Riesop, Die Pfarrkirche St. Audomar in Frechen. Frechen 1983

 

Übrigens: Das hier gezeigte Wappenschild mit dem Engel als Schildhalter ist inspiriert von dem Bild in einem Frechener Gerichtssiegel aus dem frühen 17. Jahrhundert. Ein Foto dieses Siegels findet sich in Göbels‘ Buch Frechen damals, S. 79, zuvor wurde es schon von Robert Steimel abgebildet und erläutert. Steimel bespricht das Frechener Stadtwappen [Abb. siehe oben am Schluss des Beitrags „Wie Frechen entstand (2)] unter heraldischen Gesichtspunkten und schreibt:

Grundsätzlich sollte man bei der Annahme eines neuen Gemeindewappens von den alten Siegeln, wenn überliefert, ausgehen, um die vorhandene Tradition fortzusetzen. Aber das einzige Siegel von Frechen gehört der heraldisch schwachen Epoche des Barock an und verstößt gegen eine Grundregel der Heraldik: Im Wappenschild gibt es keine Zahlen und keine Buchstaben. (…) Mit der inhaltslosen Initiale „F“ kann auch das barocke Englein als Schildhalter nicht versöhnen. In diesem besonderen Fall war man in den 1920er Jahren gut beraten, als man mit dem Jülicher Löwen die alte Landeszugehörigkeit und mit dem Bartmannskrug die alte Frechener Töpferkunst in heraldisch einwandfreier Form darstellte. (Siegel und Wappen…, S. 122)

Mich stört in dem frühbarocken Siegel (erhalten an einer Urkunde vom 10. Okt. 1603) eher die harte Ausführung des „F“ ähnlich eines modernen Druckbuchstabens mit Serifen, daher wählte ich in der Zeichnung einen Buchstaben in geschwungenen, weicheren Linien, gab dem Schild eine klarere Form und machte den Engel deutlicher erkennbar. So ziert die Zeichnung auch das Titelblatt der kleinen Ausgabe meiner FRECHENER GESCHICHTE sowie die Seite 51 der großen Ausgabe.

Zitierte Literatur:

Karl Göbels, Frechen — damals. Köln 1977, N.D. 1986

Köllen/Kisky/Steimel, Siegel und Wappen, Burgen und Schlösser im Landkreis Köln. Köln o.J. (1966)

Ü.

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