F.U.F. – Bibliothek

53IE Freie Universität Frechen ist online seit dem 23. April (Tag des Buches) 2013. Ein Buch als Symbol der Bildung und der Weisheit findet sich sowohl in mittelalterlichen Darstellungen des hl. 2+#Audomar, des Schutzheiligen von Frechen, wie auch im mittelalterlichen Wappen der Universitas Frekenae, die, wie man der Beatus-Chronik entnehmen kann, im Jahre 1303 kurz vor ihrer Gründung stand.

Ich halte es nicht für gewagt, für die Zukunft vorherzusagen, dass sich das Buch nicht von den neuen Medien verdrängen lassen wird. Vielmehr rechnet der Spiritus Rector der F.U.F. mit einer in bildungsnahen Kreisen steigenden Wertschätzung des Buches. Wir blicken immerhin auf eine Tradition von weit über zweieinhalb Jahrtausenden zurück, in denen das geschriebene Wort von besonderer Bedeutung war und daher wertgeschätzt wurde.

In der F.U.F. besonders wertgeschätzte Bücher werden mit dem Animus-Preis ausgezeichnet, wobei nicht der aktuelle Buchmarkt, sondern der langfristige Wert des Buchinhalts das wichtigste 29Kriterium für eine Nominierung ist. Hier interessiert also nicht die Spiegel-Bestsellerliste oder eine ähnliche Hit- oder Ranking-Liste, die sich an Verkaufszahlen orientiert. Denn auf solchen Listen erscheinen ziemlich viele Titel, deren Verlage auf schnelle Verkaufserfolge aus sind und den evtl. literarischen Wert oder die ggf. bildende bzw. aufklärerische Tragweite fast schon billigend in Kauf nehmen.

Der Buchmarkt

Wir sollten das den Verlagen nicht verübeln, denn sie müssen sich auf einem Markt behaupten, der in den letzten 1½ Jahrzehnten durch die neuen Medien noch schwieriger geworden ist. Dabei setzen Lektoren und Verlagsleiter sowie deren Geschäftführer natürlich nur z.T. auf Qualität; in den Vordergrund ist inzwischen die Frage gerückt, ob ein Manuskript das Zeug zu einem Bestseller hat und damit ein paar weniger gut verkaufte Titel quersubventionieren kann.

Dabei kann niemand sicher vorhersagen, ob ein Buch zum Bestseller wird. Da aber die Verlage insgesamt vorsichtiger in der Auswahl der Manuskripte geworden sind, kommt es sicher häufiger als in früheren Zeiten zu einer Ablehnung von Manuskripten, die sowohlIMG_0534 Qualität aufweisen als auch vom Lesepublikum gut angenommen würden. Es gibt wenige Ausnahmen, wo VerlegerInnen noch Leidenschaft für Literatur und für wirklich gute Bücher in ihre Entscheidungen einbeziehen.

Wir alle haben schon von früheren Fehlurteilen von LektorInnen bzw. Verlagsleitungen gehört, die Manuskripte ablehnten, bis der 10. oder 15. Verlag es doch wagte und damit einen Sensationserfolg landete. So erging es Arthur Conan-Doyle mit seinen Sherlock-Holmes-Geschichten im späten 19. Jahrhundert, oder Joanne K. Rowling mit ihren Harry-Potter-Romanen im späten 20.

Da kann man heute jeder Autorin und jedem Autor, deren Namen noch niemand kennt, nur raten, unbeirrt an viele Verlage heranzutreten und sich von Absagen nicht abschrecken zu lassen. Allerdings muss man auch hier einschränken: Manch ein Lektorat ertrinkt in Zusendungen von Manuskripten und prüft daher dieselben nicht mehr eingehend, sondern nur nach vorheriger Reduzierung der Auswahl.

So landen viele Manuskripte ungelesen beim Absender, weil oft überlastete und zugleich unterbezahlte LektorInnen die Menge nicht bewältigen können. Außerdem verlassen sich viele Verlage gern auf die Vorauswahl von LiteraturagentInnen, die vermittelnd zwischen Autoren und Verlage treten.

Und im Zweifel verlegt man lieber mit Lizenz einen erfolgreichen Autor aus dem Ausland als einen deutschen Neuling. Beim ersteren weiß man: Der hat im Ausland schon hohe Verkaufszahlen gebracht, das unternehmerische Risiko ist folglich geringer. Gut, man muss das Buch übersetzen lassen – aber Übersetzer werden traditionell schlecht bezahlt (Das deckt sich heutzutage voll mit den neoliberalen Denkmustern: Man spart am Personal, das ist immer der erste Ansatz zur Kostensenkung).  So rechnet sich das Ganze.

Und so sieht dann auch ein großer Teil des Buchmarktes aus: Man versucht, den Massengeschmack zu treffen und mit knalligem Cover und exzentrischem Titel das Buch dem potentiellen Käufer unterzujubeln. Bücher verkaufen kann nun jede/r, die/der anständig reden kann, von Literatur muss sie/er nichts verstehen. Werden überhaupt noch BuchhändlerInnen ausgebildet? Wenn ja, wer stellt sie ein, wo doch nach neoliberaler Denke am liebsten mit Billigpersonal gewirtschaftet wird?

Wenn das Buch noch ein „Kulturgut“ sein und bleiben soll, dann fragt sich der nachdenkliche Mensch: Was sagt die heutige Buchproduktion über unsere Kultur? Und wenn es nicht mehr so sehr um das Medium Buch geht, wie sieht es in den anderen Medien aus? Was spiegelt sich denn in den Filmen, der Musik, den Spielen, die uns auf dem Markt entgegenfluten?

Fragen über Fragen – über die es sich nachzudenken lohnt. Und schon Albert Einstein stellte fest: „Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“

Der Animus-Preis

Die F.U.F. zeichnet mit dem Animus-Preis Bücher aus, die man getrost (neben anderen) in die Rubrik „Das Buch als Kulturgut“ einordnen kann. Aber die hier preisgekrönten Kulturgüter erfüllen außerdem einen wertvollen sozialen Zweck:

Der ANIMUS-PREIS der Freien Universität Frechen wird vergeben an AutorInnen, die in besonderer Weise – und im Sinne des inhaltlichen Programms der FUF –  zur Aufklärung und Horizont-Erweiterung ihres Publikums beitragen und Menschen anleiten, sich mehr ihres eigenen Verstandes zu bedienen und ihr Urteilsvermögen zu stärken.

7Der Animus-Preis gebührt also Menschen, die uns ohne Rücksicht auf liebgewonnene und eingefahrene Denkgewohnheiten andere Wege und neue Zusammenhänge sehen lehren, auf dass wir unsere Welt tiefer begreifen und sinnvoller mitgestalten können.

Nominierung und Preisvergabe beziehen sich auf ein bestimmtes oder auch auf mehrere Werke der Preisträgerin oder des Preisträgers. Ein Auswahlkriterium dabei ist die Veröffentlichung in deutscher Sprache nach 1980.

Der Animus-Preis ist eine ideelle Auszeichnung und nicht materiell dotiert. Er sollte aber dazu beitragen, dass einige beachtenswerte Werke nicht dem Vergessen anheimfallen, nur weil der Markt der Medien die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gern im raschen Wechsel auf das jeweils Neueste lenken will.

Es folgt die Liste der bisherigen PreisträgerInnen — in chronologischer Reihenfolge der Erstveröffentlichung ihres als preiswürdig ausgezeichneten Werkes:

Hartwig Suhrbier, Günter Krüger, Richard David Precht, Elke Heidenreich, Frank Dix, Matthias Schulz, Waltraud Sperlich

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HARTWIG SUHRBIER für sein Buch „Blaubarts Geheimnis“. 1984

Anlässlich einer Lesung in der Galerie „Blickwinkel“ in Frechen und dem sich daraus ergebenden Gespräch im Mai 2014 wurde deutlich, dass die Blaubart-Figur und die Bearbeitungen des Stoffs seit der ersten Fassung von Charles Perrault aus dem Jahre 1697 eine kulturhistorische Dimension besitzen, deren Brisanz nicht nur von späteren Bearbeitern des Stoffs empfunden wurde, die ihn abzumildern suchten, sondern in psycholgogischer Sicht auch eine erschreckende Aktualität aufweisen.

Zur Erinnerung: Das Märchen vom „Blaubart“ erzählt von einem Mann, der von Frauen besessen ist und sie zugleich unter seine totale Kontrolle zu bringen versucht. Er stellt ihnen als Gehorsamsprobe eine Falle: Sie dürfen während seiner Abwesenheit ein bestimmtes Zimmer des Hauses nicht öffnen und betreten – doch gerade dieser Versuchung kann die Neugier nicht widerstehen. Als die Ehefrau die Tür zur verbotenen Kammer aufschließt, findet sie dort ihre ermordeten Vorgängerinnen – und wird daraufhin vom zurückgekehrten Blaubart selbst ermordet. Erst als eine es schafft, mit Hilfe ihrer herbeieilenden Brüder Blaubarts mordender Hand zu entkommen und ihn zu töten, ist der Bann gebrochen, und sie kann ein eigenes, selbstbestimmteres Leben beginnen.

In der Einleitung zu der Sammlung von Blaubart-Texten aus mehreren Jahrhunderten schreibt Suhrbier: „Dass mit Blaubart ein repräsentativer Typ geschaffen wurde, dürfte eine wichtige Voraussetzung für den außerordentlichen Erfolg dieser Erzählung nicht nur in Frankreich gewesen sein…“ (S. 12). Was repräsentiert er? Blaubart ist ein extremer Exponent der Männerherrschaft, die die Frauen zu kontrollieren und zu unterdrücken sucht, ein Patriarch, der sich sogar ein Urteil über Leben und Tod der Frau anmaßt.

Dabei muss „Tod“ nicht wie im Blaubart-Märchen wörtlich genommen werden, Herrschaft kann und wird vielfach auf subtilere Art ausgeübt, nämlich als psychische Kontrolle, d.h. durch Angst bis hin zur Todesangst, oder als totale Kontrolle über das Leben der Frau, die kein eigenes hat und völlig zur Kreatur des Mannes wird. „Tod“ ist hier das nicht gelebte eigene Leben, tot ist die eigene Persönlichkeit der Frau.

Spätere Fassungen, die die Blaubart-Erzählung in den Orient verlegen, entspringen offensichtlich dem Bedürfnis, diese Thematik als exotisch auszulagern und ihre Bedeutung als nicht relevant für die bürgerliche Gesellschaft Mittel- und Westeuropas kleinzureden. Dabei muss doch das Publikum die Symbolik des Blaubarts gepürt haben, sonst wäre er nicht sonderlich interessant und der Stoff nicht so erfolgreich gewesen. Im späten 19. Jahrhundert, in dem mit Hilfe der Technik die Natur unterworfen, mit Hilfe der Waffentechnik die Welt in Kolonien aufgeteilt wird, ist Blaubart die Chiffre des Zeitgeistes schlechthin:

Mit dem Unterwerfungsversuch über die Gehorsamsprobe befindet sich Blaubart in Übereinstimmung mit den Leitwerten der bürgerlich-patriarchalischen Gesellschaft. Denn Unterwerfung, Dienstbarmachung und schließlich auch Zerstörung der Natur ist in ihr, bedingt durch die kapitalorientierte Wirtschaftsweise, an der Tagesordnung – Allmachtsphantasien, die heute als umweltzerstörender Allmachtswahn erkennbar sind. (S. 18f.)

Blaubart will das „Naturwesen“ Frau, ihre emotionale und sexuelle Vitalität, domestizieren und kontrollieren, weil er sich davon bedroht fühlt. Das heißt, er fühlt sich einer Begegnung auf Augenhöhe nicht gewachsen. Blaubart mordet nicht aus Lust, sondern aus Angst, damit die Frauen nicht hinter sein Geheimnis kommen: die Hohlheit seines Wesens, seine emotionale Impotenz (weil er Gefühlsunterdrückung für starke Männlichkeit hält).

Nun könnte man aus heutiger, mitteleuropäischer Sicht einwenden: Wir haben doch inzwischen die Frauen-Emanzipation und eine weitgehende Gleichberechtigung der Geschlechter durchlaufen; bei uns ist Blaubart nicht mehr aktuell, sondern eine ferne Erinnerung an überwundene Gesellschaftsstrukturen. Doch stimmt das wirklich?

Lassen wir mal die Mitbürger außer Acht, die aus patriarchalischen Gesellschaften zu uns eingewandert sind. Wir regen uns gern – und völlig zu Recht – über sogenannte Ehrenmorde in Familien von Migranten auf. Doch schauen wir auf die eingesessenen: Wie steht es denn flächendeckend mit der Gewalt in der Kindererziehung einer deutschen Familie, mit Gewalt in der Ehe, mit Vergewaltigung? Sind das völlig verschwundene Phänomene?

Relevante Untersuchungen zeigen, dass es nicht umsonst Frauenhäuser gibt, in die sich Frauen vor prügelnden Ehemännern flüchten. Denn eine große Zahl macht immer noch Erfahrungen von Gewalt, nicht nur in der Ehe. Sexuelle Übergriffe, auch scheinbar harmlose verbale, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Machtspiele von Männern, die Frauen in die Rolle der Schwächeren, Unterlegenen drängen wollen. Auch Vergewaltigungen sind ja eigentlich weniger sexuelle als vielmehr Gewaltverbrechen.

Wenn wir dann noch die Perspektive erweitern und uns fragen, wie weltweit diese Machtkämpfe zwischen den Geschlechtern aussehen und was uns das über den Menschen im Allgemeinen sagen könnte, dann kommen wir so schnell aus dem Grübeln nicht mehr heraus. Dazu fand ich einen Zeitungsartikel, der diese Thematik aktuell beleuchtet: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/pakistan-sudan-indien-barbarische-akte-gegen-frauen-erschuettern-die-welt/9976026.html

Da soll noch Eine oder Einer sagen, „Blaubart“ sei nicht mehr aktuell! Darum gehört dieses Buch, und die Beschäftigung mit der Blaubart-Figur, in die Bibliothek der F.U.F. und mit dem Animus-Preis ausgezeichnet.

-SR-

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GÜNTER KRÜGER für sein Buch „Bauen und Wohnen im Wandel: ein baugeschichtlicher Streifzug durch den Erftkreis.“ 1992

Günter Krüger starb im Jahre 2009 – ein Verlust für die Stadt Brühl (im Rheinland), die ihm viele Anstöße und Aktivitäten verdankt, und diese beschränkten sich nicht auf sein künstlerisches Wirken. Er setzte sich vehement für die Wertschätzung und Erhaltung alter Bauwerke aus verschiedener Epochen ein, um eine dem Menschen angemessene Lebenswelt zu erhalten, in der Altes mit Neuem versöhnt und in harmonischer Beziehung steht. Diesem Ziel diente auch sein hier ausgezeichnetes Buch, das den ganzen Rhein-Erft-Kreis in den Blick nimmt.

In den 1970er Jahren startete Krüger die Bürgerinitiative „Rettet Brühl jetzt!“, die sich – z.T. mit Erfolg – gegen das forsche Abräumen alter, denkmalwürdiger Bausubstanz in Brühl wehrte. Später gelang ihm die Erhaltung und Unterschutzstellung einiger, z.T. jahrhundertealter Bauten im Zentrum der Stadt Brühl. In einem dieser denkmalgeschützten Gebäude richtete er das Museum für Alltagsgeschichte ein, das nach seinem Tod „Günter-Krüger-Haus“ getauft wurde. mehr>http://www.bruehler-museumsinsel.de/museum_alltagsgeschichte.html

Krüger stellte mit seiner vielfältigen Arbeit unter Beweis, dass nicht nur bombastische Zeugnisse der Vergangenheit wie das Brühler Schloss interessant und erhaltenswert sind, sondern auch eher unscheinbare Objekte, die dem flüchtigen Auge leicht entgehen. Der Schönheit, der Aura, ja der spirituellen Qualität auch kleinerer Relikte aus dem Leben unserer Vorfahren galt sein besonderes Augenmerk. Das musste jedem Besucher des Museums für Alltagsgeschichte auffallen, wenn z.B. am Nachmittag Sonnenstrahlen durch die Sprossenfenster fielen und nicht nur die Holzdielen des Fußbodens warm aufleuchten ließen, sondern auch die Ensembles der hier präsentierten Objekte in ein fast mystisches Licht tauchten. In diesem Haus, so erlebte es der SR bei einem Besuch, war man in einer Welt, die sich wohltuend den hastigen Sehgewohnheiten moderner Medienkonsumenten widersetzte.

Krügers Blick war nicht allein auf Kleinode fixiert; der Vielseitige ging auch nicht an den Highlights Brühler Selbstvermarktung vorbei, ohne sich damit auseinanderzusetzen. So trat er im Jubeljahr des Brühler Schlosses mit einer Veröffentlichung hervor, die den Nachruhm Balthasar Neumanns kritisch betrachtete und dessen Rolle beim Bau des Schlosses vom genialen Architekten zum tüchtigen Bauleiter herabstufte.

Ebenso ließ er die Lobhudelei auf den großen Künstler und Sohn der Stadt, Max Ernst, nicht unkommentiert. In einer seiner letzten Publikationen, die auch optisch sehr schön gestaltet ist, bürstete Krüger den Nimbus auf und stellte Max Ernst vom Kopf auf die Füße: „Max Ernst macht Spaß: Fakten statt Legenden.“ Nicht als Demontage des berühmten Künstlers, sondern als Richtigstellung und Ergänzung einer einseitigen Sicht will Krüger dieses Buch verstanden wissen.

So verweist er auf die oft eher schnell übergangene Frühzeit des Künstlers, als er sich der DADA-Bewegung anschloss und mit Anderen in Köln eine Ausstellung organisierte, die von der Polizei geschlossen wurde. DADA war politisch, gesellschaftskritisch und provokant. Später experimentierte der phantasievolle M.E. viel mit künstlerischen Techniken, blieb aber bescheiden und lehnte 1971 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Brühl ab. Krüger erwähnt den Hintergrund — nicht ohne Seitenhieb auf das offizielle Brühl: Man tat sich schwer mit dem „verlorenen Sohn“ der Stadt — und hätte ihn am liebsten nur als den berühmten Künstler vereinnahmt, dessen Werke am internationalen Kunstmarkt hohe Preise erzielten.

Krüger wird hier für das eingangs genannte Buch geehrt. Doch auch sein Buch „Max Ernst macht Spass“ (Verlag dieterklein.com, 2005) hätte ihn für den Animus-Preis empfohlen. Dazu mehr >Im persönlichen Gespräch: Günter Krüger, Museumsleiter und Buchautor .

Man kann Günter Krüger mit Fug und Recht einen politischen Künstler nennen. Darüber hinaus war er ein Kultur-Aktivist, der sich nicht auf Appelle beschränkte, sondern selbst in Wort und Tat auf die Verwirklichung von Ideen und Projekten drängte, die sowohl die ästhetische Erziehung wie die soziale Sensibilisierung der Menschen fördern sollten.

In einem Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger vom 29.07.2009 mit der Überschrift „Querdenker voller Ideen“ werden Stimmen über Günter Krüger zitiert: „Er konnte hinter grauen Fassaden das Einzigartige sehen.“ – „Er war ein enfant terrible.“ – „Er hat Geschichte in Brühl bewahrt und Geschichte geschrieben.“

Und nicht zu vergessen: Er war ein exzellenter Zeichner.

-SR-  (An Günter Krüger wird auch auf der Unterseite >Persönliches erinnert.)

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RICHARD DAVID PRECHT für sein Buch „Noahs Erbe: vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen.“ 1997

Precht bietet mit diesem denkerischen Rundumschlag ein Paradebeispiel für das, was der Animus-Preis auszeichnen will. Sein vernetztes Denken, sein weiter Horizont und seine Darstellung von Zusammenhängen werden in verständlicher Sprache dem Publikum näher gebracht.

Auch Precht zu hören ist eine Wohltat: in Interviews wie in seinen Beiträgen zur Diskussion in Talkshows besticht sein Auftritt durch eine klare, allgemeinverständliche Ausdrucksweise, und in seiner unaufgeregten Art macht er auch dem weniger informierten Publikum Sachverhalte klar. Das fällt besonders auf im Kontrast zu manchen Politikern, die ihm in Talkrunden gegenübersitzen und dazu neigen, Dinge eher wortreich zu verschleiern als kenntlich machen.

Precht hat nach dem hier prämierten Werk weitere Bücher veröffentlicht, die es wie „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ zum Bestseller brachten. Aber der Animus-Preis gebührt dem Inhalt und nicht dem Verkaufserfolg. „Noahs Erbe“ schlug der Spiritus Rector (SR) der FUF schon vor Jahren für eine Auszeichnung vor, denn sein Motto dabei lautet: „Was gut ist, soll man auch gut nennen!“

Nachtrag vom 21.04.2017: Mehr zum Inhalt dieses Buches findet man hier > Noahs Erbe von Richard D Precht bei LovelyBooks (Sachbücher)

-SR-

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ELKE HEIDENREICH für das Fernseh-Feature „Schlafes Mörder – über Shakespeares Macbeth“, zusammen mit Tom Krausz, 2008 (vorausgegangen: Buch 2002, Film 45 Min. 2005)

Unter dem Titel „Schlafes Mörder“ gibt es mehrere Versionen der Behandlung dieses Sujets. 2002 erschien ein Buch, zu dem der Fotograf Tom Krausz die Bilder aus der schottischen Landschaft lieferte. Diese erste Version stand noch sehr unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September 2001, was die Verweise auf aktuelle Bezüge betrifft. Später gab es auch eine Verfilmung. Die hier prämierte Fassung war ein noch späteres Fernseh-Feature, in dem Elke Heidenreich auch als Sprecherin agierte.

Die letztgenannte Version verbindet wie die vorangegangenen die Faszination des „Macbeth“ von Shakespeare einerseits mit der atmosphärisch meist düster fotografierten schottischen Landschaft, fügt andererseits den aktuellen Bezügen Verweise auf die im September 2008 von Finanz-Zockern ausgelöste Finanzkrise (Stichworte: Immobilienkrise in den USA, Zusammenbruch der Bank Lehman-Brothers) hinzu, die eine weltweite Wirtschaftskrise auslöste.

Für die Einen fallen ihre Aktualisierungen zu deutlich aus, für die Anderen wird „Macbeth“ als zeitlos gültige Darstellung menschlicher Verführbarkeit und Gier gerade damit in seiner Aktualität bestätigt und für das breite Publikum nachvollziehbar interpretiert, man könnte auch sagen: popularisiert.

Gerade der letztgenannte Aspekt begründet die Preisverleihung. Shakespeare ist zwar bis heute zeitlos-aktueller Bestandteil von Theater-Spielplänen weltweit, doch wird damit nur ein kleiner Teil der Bevölkerung erreicht. Heidenreich aber versucht, die Hemmschwelle des theaterfernen Publikums zu umgehen und das herrliche Stück „Macbeth“ über eine populäre Fernseh-Aufbereitung einem größeren Publikum nahezubringen. Schade, dass dieses Fernseh-Feature vom WDR zu sehr später Stunde ausgestrahlt wurde.

-SR-

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FRANK DIX für sein Buch „Futurizing Oberberg: Gewinnerregion oder Haferspanien?“ 2008

Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft einer ganzen Region. Dix macht in seinem Buch etwas, das eigentlich Berufenere schon hätten tun können: die vorhandenen Indikatoren einer Situation und die daraus resultierenden Perspektiven der Entwicklung zusammenzustellen, auszuwerten, und daraus ein Gesamtbild für eine Region und ihre Chancen zu entwerfen.

Dix bleibt nicht bei der Analyse stehen, er zeigt auch Handlungsmöglichkeiten für die Entscheider und die Menschen an den Stellschrauben auf, um einer negativen Tendenz rechtzeitig entgegenzusteuern und die Weichen für eine positive Entwicklung in der Region zu stellen. Und er verbindet dies mit einem Appell: Die Zeit drängt! Die Verantwortlichen an den Schaltstellen (das sind nicht nur Politiker!) müssen aktiv werden und um breite Unterstützung werben, damit ein Gesamtkonzept für die Region erarbeitet und möglichst bald umgesetzt werden kann. Dann kann der Kreis Oberberg, um den es hier geht, in eine prosperierende Zukunft steuern.

Das Buch entstand aus einer Diplomarbeit, die Dix im Spätsommer 2008 an der Fachhochschule in Gummersbach vorlegte. Die renommierte Kienbaum-Unternehmensberatung zeichnete diese Arbeit mit einem Sonderpreis aus.

Das Buch ist aber nicht, wie man meinen könnte, nur für Interessierte aus dem Oberbergischen Kreis lesenswert. Auch außerhalb dieser Region interessieren Menschen sich dafür, wie eine solche Untersuchung durchgeführt wird und mit welchen Parametern man zu solchen Ergebnissen kommen kann. So gesehen hat das Buch auch exemplarischen Charakter für alle, die einen Ausblick in die Zukunft einer Region versuchen wollen. –

Einige Jahre später zurückblickend, muss man sich über das geringe Echo dieser Publikation in der Öffentlichkeit wundern. Am Buch und seinem Thema kann es nicht liegen. Aus der Ferne betrachtet erscheint das sonderbar: In Oberberg wurde diese, schon vom Thema her wichtige Veröffentlichung nahezu totgeschwiegen. Fürchtete man vielleicht, zu weitreichenden Taten gedrängt zu werden, wo doch wichtiger erscheint, zeitnah wiedergewählt zu werden, oder die letzten Jahre in der Verwaltung bis zur Pensionierung in Ruhe abzusitzen, oder überhaupt sich nicht im eingefahrenen Trott aufstören zu lassen, oder… ?

Vielleicht spielte der einsetzende Rummel um die Entwicklung des neuen Zentrums der Kreisstadt Gummersbach eine – möglicherweise entscheidende – Rolle: Da flossen Fördergelder aus dem Topf „Regionale 2010“, da wurde aus dem neu zu gestaltenden Steinmüller-Gelände ein innovatives Zukunftsprojekt, als „Leuchtturm“ gelobt in den Medien – um das sich natürlich Viele verdient gemacht haben wollten.

In der Internet-Präsentation konnte man allerdings nicht erkennen, dass in diesem Projekt einer „Standort-Entwicklung und Standort-Vermarktung“ über die Stadt Gummersbach hinaus, also für den übrigen(!) Oberbergischen Kreis, positive Impulse oder Perspektiven mitgedacht und mitgeplant worden wären. Daher kann man vermuten, dass das Buch von Dix ungelegen kam und von Einigen als störender Zwischenruf in der offiziellen Gummersbach-Euphorie empfunden wurde.

Schade, dass der Zwischenruf von Dix ungehört zu verhallen scheint – schade vor allem für die Region Oberberg, die nun mal nicht bloß aus der Stadt Gummersbach besteht. Die konkurrierenden Nachbarkreise werden im Zweifel von der Ignoranz in Oberberg profitieren. Auch das kann man schon bei Dix, sachlich begründet, seit 2008 lesen. Dix‘ Appell zur Eile wurde nicht gehört, nun hat der Kreis das Nachsehen: Inzwischen wurden messbare Anzeichen festgestellt, nämlich Abwanderung junger Menschen und sinkende Immobilienpreise. –

Dass sich der Negativtrend fortsetzen wird, prognostiziert eine Studie, die im Oktober 2013 veröffentlicht wurde. Mehr>http://www.ksta.de/politik/-bevoelkerungsentwicklung-landlust-und-landfrust-in-nrw,15187246,24631066.html (Man beachte die Grafik: Oberberg liegt am nordöstlichen Rand des dort abgebideten Regierungsbezirks Köln.) –

Anm.: „nahezu totgeschwiegen“ – mit einer Ausnahme, nämlich der „Rundschau“, die am 01.10.2008 einen Artikel über die Arbeit von Dix brachte: „Region mit Licht und Schatten“ von Julia Jochem – allerdings in der Regional-Ausgabe „Rhein-Berg“ — nicht „Oberberg“! Ein Schelm, wer da denkt, bestimmte Leute mit Einfluss hätten ein Interesse daran gehabt, die Studie von Frank Dix von der Öffentlichkeit in Oberberg fernzuhalten.

-SR- zuletzt bearb. Okt. 2013

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MATTHIAS SCHULZ  für seinen Beitrag „Romantiker in Waffen“ über Alexander den Großen, in: Johannes Saltzwedel (Hg.), Götter, Helden, Denker: Die Ursprünge der europäischen Kultur im antiken Griechenland. München 2008, TB-Ausgabe München: Goldmann / Spiegel-Buchverlag 2010, S. 215-227

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Rest eines Wandgemäldes in Pompeii (Ausschnitt, Nachzeichnung): Alexander in der Schlacht von Issos gegen den persischen Großkönig Dareios

Schon gegen Ende meines Geschichts-Studiums, als Alexander der Große eins meiner Examensthemen war, beschlich mich die Frage, wozu dieser Mann das alles veranstaltet hatte und worin der nachhaltige Nutzen des zusammeneroberten, kurzlebigen Riesenreichs für die Menschheit gewesen war. Ja, gewiss, nach ihm kam das Zeitalter des Hellenismus, und die Welt des Nahen und Mittleren Ostens konnte am hellenischen Wesen genesen… oder so. Das zumindest berichteten die Geschichtsbücher, darin mehr oder weniger treu den antiken Autoren folgend; und ein römischer klebte jenem Alexander aus Makedonien das Etikett „der Große“ an, das ihm bis heute wie selbstverständlich anhaftet.

Dankbar las ich in den Ausführungen von Matthias Schulz, dass die Fragen, die mich damals beschlichen, auch ihn, und zwar besonders, beschäftigt hatten. Dass Alexander sich für göttlich hielt und selbst schon von Anbeginn seines Feldzuges gegen das Persische Reich dafür sorgte, dass seine Taten im rechten Licht gesehen und der Welt kundgetan würden, wusste man ja schon. Aber wundern darf man sich doch darüber, wie selbstverständlich die aus der Heldengeschichtsschreibung antiker Autoren sprechende Verehrung Alexanders von den Historikern des 19. und 20. Jahrhunderts übernommen und fortgeschrieben wurde.

Was war so „groß“ an diesem Alexander? Mit Blick in den Geschichtsatlas gesprochen: Klar, die große Ausdehnung seines Reiches, das sogar noch über die Grenzen des persischen Großreiches hinausgriff. Eine Karte des „Alexanderzuges“ darf in keinem Geschichtsbuch fehlen. Was war sonst noch groß? Er war weder groß von Gestalt, noch großzügig gegen besiegte Feinde. Groß war aber sein Durst nach alkoholischen Getränken, und groß war bisweilen sein Zorn und seine Tobsucht im Rausch. Groß, nein, eher vermessen war sein Drang zu immer neuen Eroberungen, bis seine Soldaten am Indus nach exzessivem Abschlachten nicht mehr weiter wollten. Ließ er deshalb einen Großteil des Heeres auf dem Rückweg durch die Wüste umkommen?

Selbst da schiebt sich vor den Wahnsinn des „Großen“ noch die verklärende Legende: Ein Soldat fand in der Wüste etwas Wasser und brachte es in seinem Helm dem Feldherrn. Der aber goss es aus und sprach: „Ein Alexander trinkt nicht, während seine Soldaten dürsten.“ Das mag sich genau so zugetragen haben, es zeigt dann eher die sich selbst nicht schonende Besessenheit dieses Menschen. Er sprengte immer wieder an der Spitze seiner Reiterei ins Schlachtgetümmel, was ihm natürlich auch verstärkte Loyalität seiner Soldaten einbrachte. Er soff aber auch bis zum Gehtnichtmehr und war dann tagelang kaum vor seinem Zelt zu sehen.

So zechte er auch eines Nachts gegen jede Vernunft und ohne Maß, bis er mit heftigen Bauchschmerzen zusammenbrach und Tage darauf verstarb, am 10. Juni, dem Vorabend seines nächsten, schon vorbereiteten Feldzuges im Jahre 323 v. Chr. Ohne einen designierten Nachfolger zerfiel Alexanders Reich in zahlreiche Teile, von denen einige als „Diadochenreiche“ unter seinen Generälen fortbestanden. Und die Autoren schrieben fleißig, dass der Hellenismus, die griechische Kultur, dank Alexander den Osten befruchtet habe…

Schulz wendet ein:

Doch seit einigen Jahren fällt Schatten auf den antiken Gröfaz* (…). Historiker werfen dem Mann einen „psychotischen Charakter“ und eine krankhafte Todessehnsucht vor. Auch von „autoaggressiven Trinkgewohnheiten“ (Vössing) ist die Rede. (…) Vieles spricht dafür, dass er an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse starb – ein typisches Trinkersymptom. (…) War Alexander ein Komatrinker? Diese Diagnose verdüstert das traditionelle Bild vom edel gesinnten „Weltverbrüderer“, der griechische Lebensart bis ins Land der Brahmanen gebracht habe und der am Ende tragisch an Malaria oder einem Giftanschlag verschieden sei.

Ein Held? Wohl kaum, meint Schulz:

Die Wahrheit ist weit weniger erbaulich. Schätzungen zufolge starben beim Angriff auf das Morgenland, den der Stratege als „Rachefeldzug“** startete, etwa 750 000 Menschen. Zerschlagen wurde dabei ein tolerantes Vielvölkerreich, das Religionsfreiheit, erträgliche Steuerlasten und Chancengleichheit ohne Ansehen der Rasse bot. In dieses „Paradies“ (…) schlug Alexander mit nie gekannter Brutalität hinein. (S. 217)

Der Animus-Preis wird vergeben mit Dank dafür, dass hier auch einmal Fragen beantwortet wurden, die in früheren Zeiten eher überhört wurden, in Zeiten nämlich, da Feldherren imperialen Großmachtträumen nachhingen und Alexander als großes Vorbild sahen. Und wer sich mit den ideologischen Rechtfertigungen der Römer für ihre Eroberungen befasst hat, der erkennt: Das Rechtfertigungsmuster lag schon vor: Die Barbaren können froh über unsere Eroberungen sein, denn wir bringen ihnen die höhere Zivilisation.

Daran wird im 19. jahrhundert, im Zeitalter des Imperialismus, nahtlos angeknüpft und z.B. im britischen Weltreich von „the white man’s burden“ bramarbasiert: Wir weißen Europäer laden die Last auf uns, andere Kontinente mit unserer hochentwickelten Zivilisation zu beglücken. Und folglich kann auch Alexander in den Augen der damals tonangebenden Historiker nur segensreich erobert haben – denn er war der Halbgott, der die hellenische Hochkultur mitbrachte.

Der Beitrag von M. Schulz regt auch dazu an, über die Frage nachzudenken, wer warum einigen Persönlichkeiten der Geschichte den Beinamen „der Große“ zugeschrieben hat. —

Übrigens: Auch andere Beiträge in diesem Buch sind lesenswert – der oben belobigte füllt nur etwa 12 der knapp 280 Seiten dieses Sammelbandes.

_______________________________

 * Gröfaz = spöttische Abkürzung für „größter Feldherr aller Zeiten“, ein Propaganda-Etikett für Hitler

 ** Alexander hatte etliche griechische Stadtstaaten zur Teilnahme am Feldzug gegen das Perserreich überredet, indem er als Kriegsziel Rache für die Zerstörung griechischer Heiligtümer durch persischer Truppen verkündet hatte. –

-SR- Aug. 2013

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WALTRAUD SPERLICH für ihr Buch „Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Steinzeit.“ Darmstadt: WBG/Theiss-Verlag, 2013

Wer das Cover dieses Buches sieht und den Titel liest, könnte meinen, es handelte sich um ein sehr populär verpacktes Werk, mit dem der Verlag breite Käuferschichten ansprechen möchte. Es ist auch im Stil gut verständlich und publikumsnah geschrieben und verzichtet auf „Fachchinesisch“. Das ist auf jeden Fall gut so, denn damit ist dieses Buch ein Beispiel für Wissenschaft, die einem breiteren, interessierten Publikum nahe gebracht wird, ohne dabei auf sachlich korrekte Darstellung zu verzichten. Ein so konzipiertes Buch ist aus der Sicht der F.U.F. auf jeden Fall preiswürdig.

Vom Theiss-Verlag kennt man ja schon einige gute Bücher, die den neueren Stand der Wissenschaft den Interessierten, d.h. gebildeten Laien vorführen, so sie sich einen fundierten Überblick über ein Wissensgebiet verschaffen wollen. Das bekommt man – auf den zweiten Blick – auch hier geboten, wenn man nicht auf den ersten Blick, fälschlich und vorschnell, das Buch beiseite gelegt hat in der Meinung, es handele sich um so etwas wie Wisssenschaft „für Dummies“.

Nein, dieses Buch hat vor allem ein Anliegen: Aufklären und irrige Ansichten beseitigen, die noch in unseren Köpfen sitzen mögen. So haben die deutschen SchülerInnen bis in die 1980er Jahre aus ihren Geschichtsbüchern noch gelernt, dass der Neanderthaler im Vergleich zum Homo Sapiens grobschlächtig, affenartig, primitiv und kulturell wenig entwickelt und schon aus anatomischen Gründen nicht in der Lage gewesen sei, sprachliche Laute zu formen oder gar eine differenzierte sprachliche Kommunikation aufzubauen.

014-Neandertaler-Figur, 1928Und selbstverständlich hielten es früher die Autoritäten der Wissenschaft für unmöglich, dass Höhlenmalereien aus der Steinzeit von einem Anderen als dem Homo Sapiens geschaffen sein könnten. Nach dem ersten Knochenfund im Neanderthal bei Düsseldorf (1856) wurde in Deutschland Jahrzehnte lang bestritten, dass es sich um vorzeitliche Menschenknochen handeln könnte. Als das Alter nicht mehr zu leugnen war, entwarf man das oben zitierte Zerrbild des unterbelichteten Wilden, dessen Abbild man als Statue noch heute unweit des Neanderthalmuseums besichtigen kann (siehe Foto) — auch ein Zeitzeugnis!

Sieben Jahre nach der Entdeckung ordnet der irische Geologe William King den Neandertaler der Gattung Frühmenschen zu und klassifiziert ihn als Homo neanderthalensis. Ein Jahr, bevor Virchow [1872] sein vernichtendes Urteil fällt, schreibt Charles Darwin: „Nichtsdestoweniger muss zugegeben werden, dass einige Schädel von sehr hohem Alter, wie beispielsweise der berühmte Neandertaler-Schädel, sehr gut entwickelt und geräumig sind.“ Die wissenschaftlichen Sphären waren zu keiner Zeit hehre. Schon damals wurde gehauen und gestochen, was das Zeug hielt. „Bevor sich eine neue Theorie durchsetzt, müssen erst ihre Gegner sterben“, mag man da Max Planck zitieren. … (S.61)

Auch das lehrt dieses Buch: Nicht nur viele Irrtümer hielten sich z.T. bis heute in unseren Köpfen, auch die Geschichte der Wissenschaft ist z.T. ein Vorwärtsirren, und vielen Menschen fällt es eben schwer, eine einmal gefasste Meinung zu korrigieren oder gar einen Fehler einzugestehen.

Sperlich stellt dar, dass – man staune – der Neandertaler anscheinend sogar in Vielem besser an die Bedingungen der Eiszeit angepasst war als der später eingewanderte Homo sapiens, und dass manche Spuren künstlerischer Betätigung wohl fälschlich dem Homo sapiens zugeordnet wurden – aus den o.g. Gründen.

Der Neandertaler ist nicht ausgestorben, weil er als Primitivling dem modernen Menschen unterlegen war. Kulturell war er ihm zumindest ebenbürtig, hatte Kunstempfinden ebenso entwickelt wie Speere und Keilmesser. Und körperlich war der bullige Kraftprotz dem Homo sapiens weit überlegen. (S. 66)

Exemplarisch wurde hier das Kapitel „Irrtum 5: Der Neandertaler war mehr Tier als Mensch“ herausgegriffen, um dieses Buch vorzustellen. Es ist auf jeden Fall lesenswert, denn kaum jemand hat den neuesten Stand der Forschung zur Frühgeschichte des Menschen „auf dem Schirm“ (wie man heute sagt). Wer das dennoch von sich meint, überprüfe sein Wissen am letzten Kapitel: „Die Entwicklung des Menschen: Statt Stammbaum ein Stammbusch“.

-SR- August 2015

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Der Name ANIMUS-Preis

Woher leitet sich der Name „Animus“ ab?  Zunächst sei klargestellt: Hier geht es nicht um die Begrifflichkeit von C.G. Jung, vielmehr entlehnen wir das Motto dieses Preises beim römischen Dichter Ovid (43 v. Chr. – ca. 18 n.). Dessen berühmtes Werk „Metamorphosen“ (Verwandlungen) beginnt mit den Worten: „In nova fert animus.“ Ins Deutsche übersetzt bedeuten sie soviel wie: „Ins Neue führt der Mut.“ Oder: „Zu Neuem trägt der Esprit.“ –

Ovid erzählt in Kapitel VIII der Metamorphosen vom griechischen Baumeister Dädalus, der mit seinem Sohn Ikarus auf der Insel Kreta festgehalten wurde, aber in seine Heimatstadt Athen zurückkehren wollte. König Minos zögerte die Gewährung einer Ausreisegenehmigung immer wieder hinaus, weil ihm Dädalus als innovativer Kopf wertvolle Dienste leistete. Er wollte also einen „brain drain“ aus Kreta verhindern.

Der Geist verleiht Flügel

Daher begann Dädalus im Geheimen, eine besondere Erfindung zu entwickeln. Wenn König Minos die Küsten und Häfen kontrollierte, dann musste eben ein anderer Weg gefunden werden – durch die Luft: „Omnia possideat, non possidet aera Minos.“ (Alles mag Minos besitzen, die Lüfte besitzt er nicht. – VIII, 187) Also baute Dädalus für sich und seinen Sohn Ikarus Flügel aus Gänsefedern und Bienenwachs, und mit diesen erhoben sich die beiden eines Tages in die Lüfte und entschwanden dem Machtbereich des Königs Minos.

Die Erfindung des Dädalus funktionierte. Doch sein Sohn ignorierte nach einiger Zeit die Gebrauchsanweisung, flog in jugendlichem Überschwang zu hoch, und das Wachs schmolz in der Hitze der Sonne. Ikarus stürzte aus großer Höhe ab und ertrank im Meer, nahe der nach ihm benannten Insel Ikaria. Dädalus erreichte allein und in tiefer Trauer Athen. Von seinen Erfindungen brachte ihm vor allem das Labyrinth auf Kreta bleibenden Nachruhm. —

Das nebenstehend abgebildete Emblem entwickelte W. R. 1970 für eine Reihe seiner Individual-Publikationen, die unter der Flagge „Animus-Verlag“ und „Edition Animus“1-Animus-Verlags-Emblem ab ca. 1980 segelten, und für die das umlaufende Zitat, in übertragenem Sinne, besonders passend schien. Denn diese Editionen knüpfen u.a. an die Tradition der „Gegenkultur“ an, in der nach Bedarf bestimmte, am Markt nicht verfügbare Werke als sogenannte Raubdrucke nachgedruckt und zu einem geringen Preis in „alternativen“ Läden verkauft wurden.

Mit diesem Zeichen erscheinen Unikate und Kleinstauflagen, die in erster Linie für die Freie Universität Frechen hergestellt wurden, nicht jedoch zu kommerziellen Zwecken. In der hier gezeigten Form erscheint es ab 1980. Es findet sich auch in der Buchveröfffentlichung DIE BEATUS-CHRONIK, S. 2, unter der Information über den Autor (mehr zu diesem Buch >gleichnamige Unterseite von fu-frechen.de).

-SR-

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Buch-Empfehlungen

für den Herbst/Winter 2016, wenn die Tage kürzer, die Abende länger werden und man sich gern mit guter Lektüre in den Sessel kuschelt:

→ Wolf Biermann, Warte nicht auf bessere Zeiten! Die Autobiografie. Propyläen/ Ullstein: Berlin 2016

→ Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. dt. Ausgabe 2016 bei C. Bertelsmann, München; engl. London 2015

→ Carel van Schaik u. Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit: Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2016; amerikan. Originalausg. New York 2016

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Die richtige Lektüre für historisch Interessierte, die auch das Große Ganze im Blick behalten wollen, sowie eine wichtige Lektüre für Frechener, die bisher ihre Heimatstadt als relativ unbedeutenden und wenig geschichtsträchtigen Ort gesehen (und damit unterschätzt) haben:

050mehr zu diesem Buch → Unterseite  Die Beatus-Chronik  (siehe Leiste oben)

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