{"id":1030,"date":"2013-12-19T22:03:57","date_gmt":"2013-12-19T21:03:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fu-frechen.de\/?p=1030"},"modified":"2017-10-06T15:15:15","modified_gmt":"2017-10-06T13:15:15","slug":"mittelalter-magazin-der-hl-martin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/?p=1030","title":{"rendered":"Zum Beispiel: der hl. Martin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/052fa.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-810 alignleft\" src=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/052fa-300x189.jpg\" alt=\"052fa\" width=\"240\" height=\"151\" srcset=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/052fa-300x189.jpg 300w, https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/052fa-1024x646.jpg 1024w, https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/052fa-624x393.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a>I<\/strong>n den K\u00f6ln-Notizen #9 ging es u.a. um den heutigen Blick auf St. Martin und das Verst\u00e4ndnis der moralischen Werte, f\u00fcr die diese Figur steht. Diese Figur ist ein Heiliger der katholischen Kirche, au\u00dferdem eine historische Pers\u00f6nlichkeit, die im 4. Jahrhundert lebte, in einer Zeit, in der das Christentum im R\u00f6mischen Reich nicht mehr von Staats wegen verfolgt, sondern anderen Religionen\u00a0 durch das Toleranzedikt Kaiser Konstantins aus dem Jahre 313 endlich gleichgestellt, und bald darauf sogar vom Staat gef\u00f6rdert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Streng historisch genommen lebte Martin also in der Sp\u00e4tantike, aber im \u00dcbergang zum Mittelalter wurde er zum Nationalheiligen des fr\u00e4nkischen Reiches und auch in den folgenden Jahrhunderten hoch geachtet. Dabei wurden jedoch manche Aspekte seiner Pers\u00f6nlichkeit ignoriert, weil sie nicht ins kirchenpolitische Konzept passten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin hatte seinen eigenen Kopf und war alles Andere als ein stromlinienf\u00f6rmiger Mitl\u00e4ufer. In der ber\u00fchmten Mantelteilung h\u00e4ngte er sein M\u00e4ntelchen gerade <em>nicht<\/em> nach dem Wind, sondern half einem frierenden Armen, ohne sich um Vorschriften zu k\u00fcmmern, die ihm das untersagt h\u00e4tten: Als r\u00f6mischem Armeeangeh\u00f6rigen war es ihm nicht erlaubt, Heereseigentum zu besch\u00e4digen oder zu verschenken (Das ist auch heute noch Teil der milit\u00e4rischen Vorschriften). Doch er zerschnitt seinen Mantel und gab dem Frierenden einen Teil, auf dass er sich vor dem kalten Wind sch\u00fctze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mantelteilung ist <em>die<\/em> symbolische Handlung schlechthin, die sich mit dem Namen des heiligen Martin von Tours verbindet. Doch war das nicht die einzige Gelegenheit, bei der Martin sich als Mensch zeigte, der Menschlichkeit und Gewissen \u00fcber Vorschriften, Regeln oder die Mehrheitsmeinung stellte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin war wenig begeistert vom Trend der christlichen Kirche, von Konstantin und den Nachfolgern nicht nur Wohltaten anzunehmen, sondern sich dem Kaiser und dem Staat sozusagen an den Hals zu werfen und dadurch nicht nur Vorteile zu erlangen, sondern auch eine engere Verbindung mit dem r\u00f6mischen Staat einzugehen und Abh\u00e4ngigkeiten in Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sich vorstellen, dass die Kirche, nach der bekannten historischen Entwicklung zur Staatsreligion im R\u00f6mischen Reich sowie zur engen Zusammenarbeit mit anderen Machthabern wie dem Frankenk\u00f6nig Chlodwig und den Regierungen bis heute, die Vorbehalte des Martin gegen die Verquickung von Kirche und Staat nicht gern thematisierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und eine weitere Stellungnahme Martins zu einer anderen Entwicklung passte dem Mainstream ebenso wenig: Als der spanische Bischof Priscillian wegen abweichender theologischer Meinungen als Ketzer zum Tode verurteilt wurde, protestierte Martin gegen diesen Beschluss. Martin teilte die Ansichten des Priscillian nicht, wehrte sich aber gegen die neue Praxis, solche Abweichler zum Tode zu verurteilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider hatte Martins Protest keinen Erfolg, vielmehr wurde es im Mittelalter g\u00e4ngige Praxis, als Ketzer Verurteilte \u00f6ffentlich zu verbrennen. Die Kirche bzw. ein Inquisitionstribunal verurteilte (streng korrekt) nach festgelegten Kriterien den &#8222;Ketzer&#8220;, \u00fcbergab ihn dann zur Vollstreckung des Urteils der weltlichen Gerichtsbarkeit, weil die Kirche &#8222;kein Blut an den H\u00e4nden&#8220; haben wollte. Und dann wurde der Scheiterhaufen angez\u00fcndet. \u00c4hnlich verfuhr man mit &#8222;Hexen&#8220; oder &#8222;Hexern&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen den Hexenwahn und die unmenschliche Praxis der Prozesse, die in der fr\u00fchen Neuzeit meist unweigerlich zum Todesurteil f\u00fchrten, wandte sich Friedrich Spee von Langenfeld, auch ein Mann der Kirche, in einem Buch mit dem Titel &#8222;Cautio Criminalis&#8220; (1631). Daran sieht man: Wer pauschal &#8222;die Kirche&#8220; f\u00fcr Ketzer- und Hexenverfolgung sowie andere Grausamkeiten verantwortlich macht, der \u00fcbersieht, dass Viele in der Kirche moralisch sensibel waren und ihr Gewissen befragten, wodurch sie nicht nur zu kritischen Gedanken gef\u00fchrt wurden, sondern sich auch zu offener Kritik gedr\u00e4ngt f\u00fchlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offene Kritik war riskant, man gef\u00e4hrdete nicht nur seine Karriere, man wurde oft auch verd\u00e4chtigt, mit Ketzern oder Hexen zu sympathisieren. So l\u00e4uft das immer in autokratischen bzw. autorit\u00e4r gef\u00fchrten Systemen. Von da f\u00fchrt eine gedankliche Linie bis zu dem Katholiken Hans K\u00fcng, der als Theologe seine Kirche kritisierte und damit seine kirchliche Lehrerlaubnis riskierte. K\u00fcngs Kritik zielt vor allem auf die absolutistische Macht des Papstes \u00fcber die Kirche, er favorisiert ein System erweiterter Mitsprache der Gl\u00e4ubigen, z.B. auch mit mehr Macht f\u00fcr die Konzilien, wie es sie in der Geschichte fr\u00fcher teilweise gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurzum: Es gibt (nicht nur in der katholischen Kirche) durchaus Menschen, die mit einem durch ihre Religion gesch\u00e4rften Gewissen offen ihre Meinung kundtun und sich nicht vor vorgesetzten Autorit\u00e4ten wegducken. Daf\u00fcr gab schon Martin von Tours ein Beispiel, das aus erkl\u00e4rbaren Gr\u00fcnden (s.o.) auf seine Mitleidstat gegen\u00fcber einem armen Frierenden reduziert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sagen: Zumindest in der heutigen Zeit, in der wir demokratische Werte hochhalten und oft von Menschenrechten reden, reicht es nicht mehr, sich stur gegen den &#8222;Zeitgeist&#8220; zu stemmen und an Werten aus Kaisers Zeiten festzuhalten. Da m\u00fcssen Christen mehr bieten als Lippenbekenntnisse, um glaubw\u00fcrdig zu sein. Sturer Doktrinismus und Fundamentalismus sind keine Qualit\u00e4tsmerkmale f\u00fcr eine Religion, die f\u00fcr sich beansprucht, die Menschen und ihre N\u00f6te wirklich ernst zu nehmen. &#8211;<\/p>\n<h6 style=\"padding-left: 30px;\">Quelle zu St.Martin u.a.: Martin Happ, &#8222;Die Martinslegende als ein religionsgeographisches Problem&#8220;, \u00fcberarb. Fass. aus: M. B\u00fcttner (Hrsg.), Beitr\u00e4ge zum Geographentag in Bonn 1997, Fft.\/M. 1998, S. 59-88<\/h6>\n<p style=\"text-align: justify;\">-SR-<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-256 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+-300x219.jpg\" alt=\"13g+\" width=\"102\" height=\"74\" srcset=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+-624x457.jpg 624w, https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+.jpg 864w\" sizes=\"(max-width: 102px) 100vw, 102px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den K\u00f6ln-Notizen #9 ging es u.a. um den heutigen Blick auf St. Martin und das Verst\u00e4ndnis der moralischen Werte, f\u00fcr die diese Figur steht. 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