{"id":467,"date":"2013-07-08T12:48:37","date_gmt":"2013-07-08T10:48:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fu-frechen.de\/?p=467"},"modified":"2018-07-06T22:00:09","modified_gmt":"2018-07-06T20:00:09","slug":"koln-notizen-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/?p=467","title":{"rendered":"K\u00f6ln-Notizen #4"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-278 alignleft\" src=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/50-300x191.jpg\" alt=\"50\" width=\"277\" height=\"188\" \/>D<\/strong>as zerbombte K\u00f6ln 1945 &#8211; wer kennt sie nicht, diese Fotos von der verheerten Tr\u00fcmmerlandschaft, aus der nur der Dom scheinbar unversehrt herausragt? Die Innenstadt war nicht mehr wiederzuerkennen. Das Entsetzen steckte allen K\u00f6lnern in den Knochen, die den Krieg und seine Schrecken \u00fcberlebt hatten und in ihre Heimatstadt zur\u00fcckkehrten. Da war es f\u00fcr viele wohl ein zu gro\u00dfer seelischer Kraftakt, auch noch zuzugeben, dass sie die Katastrophe mitverschuldet hatten durch ihre Duldung oder Unterst\u00fctzung des NS-Regimes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im K\u00f6lner Stadt-Anzeiger von heute, 08.07.2013, beschreibt Carl Dietmar ganzseitig den Umgang der K\u00f6lner mit dieser seelischen Belastung. Insbesondere geht er der Frage nach, wie es zu der Nachkriegslegende kam, K\u00f6ln sei ein Hort des Widerstandes gewesen, in dieser Stadt habe es st\u00e4rkere Vorbehalte gegen Hitler gegeben als in vielen anderen deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten. Dietmar stellt fest:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\"><em>Die \u00fcberwiegende Mehrheit der K\u00f6lner hat die NS-Herrschaft, wenn auch unter beispiellosem systemimmanentem und kollektiven Druck, mehr oder weniger widerspruchslos hingenommen &#8211; oder angepasst mitgetragen. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4ch Dietmars mit Werner Jung, dem Leiter des K\u00f6lner NS-Dokumentationszentrums, liest man, dass die Aufarbeitung von Schuld bei der gro\u00dfen Masse schnell in den Hintergrund gedr\u00e4ngt wurde, weil man den Aufbau eines neuen, demokratischen Gemeinwesens angehen musste und nicht Millionen von &#8222;Belasteten&#8220; wegen ihrer Parteimitgliedschaft in der NSDAP einfach ausschlie\u00dfen konnte: <em>Es bestand eine personelle Kontinuit\u00e4t in fast allen Bereichen, und diese Kontinuit\u00e4t machte dann, erst recht in der Phase von Kaltem Krieg und Wirtschaftswunder, das konsequente Verdr\u00e4ngen der Vergangenheit m\u00f6glich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Carl Dietmar hat in einem fr\u00fcheren Artikel schon gezeigt, dass man im K\u00f6lner Karneval diese Widerstandslegende pflegte und dabei verdr\u00e4ngte, wie wenig tats\u00e4chlich der Vereinnahmung durch die Nazis entgegengesetzt wurde, und das auch eher nur im organisatorischen, formalen Bereich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir, die <strong>wir heute<\/strong> in bequemer Distanz, mit mehr Hintergrundinformation und in einem v\u00f6llig anderen gesellschaftlichen und politischen Umfeld urteilen k\u00f6nnen, sollten uns nicht zu einer schnellen, h\u00e4mischen Verurteilung der damals erwachsenen Menschen hinrei\u00dfen lassen. Verdr\u00e4ngung von unbequemer oder kaum zu ertragender seelischer Belastung ist ein menschliches Ph\u00e4nomen, das wahrlich nicht auf K\u00f6ln oder die Nachkriegszeit beschr\u00e4nkt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch in den Jahren um 2000 regten sich viele, vor allem \u00e4ltere Deutsche \u00fcber die damalige <strong>Wehrmachtsausstellung<\/strong> auf, die der Beteiligung regul\u00e4rer Soldaten (nicht SS etc.) an Gr\u00e4ueltaten und Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg besondere Aufmerksamkeit widmete und damit der Legende entgegentrat, die Wehrmacht sei &#8222;sauber&#8220; geblieben und habe sich nicht in die Verbrechen des Regimes verstrickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist nicht auf Deutschland beschr\u00e4nkt, Menschen in anderen L\u00e4ndern verdr\u00e4ngen solch unbequeme Wahrheiten auch ganz gern. Das ist z.T. eine Folge der \u00fcblichen Kriegspropaganda: Unsere Jungs k\u00e4mpfen auf der richtigen Seite, wir sind die &#8222;Guten&#8220;, dagegen die zu Feinden erkl\u00e4rten Anderen die &#8222;B\u00f6sen&#8220;. Dieses Schwarz-Wei\u00df-Schema ist eine Beleidigung f\u00fcr jeden intakten Verstand, hilft aber dem Oberkommando bei der Emotionalisierung der eigenen Bev\u00f6lkerung, die dabei ihre eigene Erfahrung und Menschenkenntnis vergessen soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als z.B. eine Fernseh-Dokumentaton der BBC \u00fcber das Massaker von <strong>Srebenica<\/strong> (1995) nach 2000 im serbischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, ging ein Aufschrei der Emp\u00f6rung durch das Land: Unsere jungen Helden haben so etwas nicht getan\u00a0\u2014 sie haben nur f\u00fcr die heilige serbische Nation gek\u00e4mpft!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hat einige Zeit gedauert, bis verst\u00e4ndige Leute wenigstens einen Teil ihrer serbischen Landsleute davon \u00fcberzeugen konnten, zumindest einen Teil dieser Verbrechen f\u00fcr wahr zu halten: Serbische Soldaten (bzw. Milizion\u00e4re) unter dem Kommando des Generals Mladic hatten ca. 8000 unbewaffnete m\u00e4nnliche Personen aus Srebenica mitgenommen und auf einem Marsch im Gel\u00e4nde umgebracht (N\u00e4heres &gt;Wikipedia &gt;Massaker von Srebenica). Mladic befahl diese Aktion gezielt, um Feindschaft zu vertiefen und sp\u00e4tere Vers\u00f6hnung zu torpedieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen laden bisweilen Schuld auf sich, indem sie unkritisch einer Fahne hinterherlaufen und ihren Verstand ebenso wie ihren F\u00e4higkeit zum Mitgef\u00fchl (Empathie) zur\u00fccklassen. Falls sie sp\u00e4ter Verstand und Empathie wiederfinden und zur Einsicht kommen, finden sie meist selbst schrecklich, wozu sie sich haben hinrei\u00dfen lassen, und verdr\u00e4ngen es. Wenn nicht, zerbrechen sie an ihrer Schuld\u00a0\u2014 oder bleiben fanatische Rechtfertiger der unter dieser Fahne begangenen Missetaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sinnvolle Weg zur Heilung dessen, was sich nicht ungeschehen machen l\u00e4sst, ist die Aufarbeitung der Schuld, indem man sich den Tatsachen stellt, indem man, statt totzuschweigen, im Gespr\u00e4ch das Belastende benennt, sich damit auseinandersetzt, und lernt, damit zu leben. Das h\u00f6rt sich leichter an, als es f\u00fcr Betroffene ist. Darum fl\u00fcchten Viele lieber in die <em>Verdr\u00e4ngung<\/em>. So gibt es z.B. immer noch Menschen, die den Holocaust leugnen oder die Zahl der Opfer nicht anerkennen wollen. Sie erkennen nicht einmal, dass sie selbst Opfer sind\u00a0\u2014 von T\u00e4uschung und Selbstt\u00e4uschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich den Tatsachen stellen hei\u00dft auch: Wahrhaben, dass man Mitmenschen Empathie und menschliche Solidarit\u00e4t verweigert hat, dass man sie als &#8222;Feinde&#8220; entmenschlicht und sie kaltherzig zu Opfern gemacht hat. Und dass man damit <em>sich selbst<\/em> ein St\u00fcck Menschlichkeit genommen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W. R.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-256 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+-300x219.jpg\" alt=\"13g+\" width=\"95\" height=\"69\" srcset=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+-624x457.jpg 624w, https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/13g+.jpg 864w\" sizes=\"(max-width: 95px) 100vw, 95px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das zerbombte K\u00f6ln 1945 &#8211; wer kennt sie nicht, diese Fotos von der verheerten Tr\u00fcmmerlandschaft, aus der nur der Dom scheinbar unversehrt herausragt? Die Innenstadt war nicht mehr wiederzuerkennen. Das Entsetzen steckte allen K\u00f6lnern in den Knochen, die den Krieg und seine Schrecken \u00fcberlebt hatten und in ihre Heimatstadt zur\u00fcckkehrten. Da war es f\u00fcr viele [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,11],"tags":[107,117,122,505,123,118,504,119,121,120],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/467"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=467"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/467\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3658,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/467\/revisions\/3658"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}