{"id":8288,"date":"2023-05-01T21:45:45","date_gmt":"2023-05-01T19:45:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/?p=8288"},"modified":"2023-08-07T13:15:11","modified_gmt":"2023-08-07T11:15:11","slug":"nicht-mehr-tolerierbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/?p=8288","title":{"rendered":"&#8230; nicht mehr tolerierbar"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">A <strong>LLE<\/strong> reden von Kolonialismus und meinen damit meist die Zeit, in der europ\u00e4ische M\u00e4chte nach \u00dcbersee ausgriffen und sich Gebiete auf anderen Kontinenten aneigneten, wobei sie deren Bev\u00f6lkerung unterwarfen und bei Widerstand brutal dezimierten. Am Pranger dieses allgemeinen Geschichtsverst\u00e4ndnisses stehen die &#8222;\u00fcblichen Verd\u00e4chtigen&#8220; wie Spanien, Portugal, Niederlande, England, Frankreich, Belgien, Italien und Deutschland, also in etwa die Mehrheit der west- und mitteleurop\u00e4ischen L\u00e4nder. Weniger oft werden in diesen Blick die USA einbezogen, die nicht nur einen gro\u00dfen Teil Nordamerikas unterwarfen, sondern auch in den Pazifik ausgriffen und sich in Lateinamerika in die Politik der unabh\u00e4ngig gewordenen Staaten einmischten, die US-Politiker als &#8222;unseren Hinterhof&#8220; bezeichneten.<br>Bei alldem hatte bei uns fast niemand die Expansion Russlands nach Asien im Blick, die Unterwerfung der V\u00f6lker Sibiriens und des heutigen S\u00fcdrusslands.* Wie schon bei den Alten R\u00f6mern wurde und wird in Russland die Erz\u00e4hlung verbreitet, man habe damit  Kultur und Zivilisation in weniger entwickelte Gebiete gebracht. <br>Dieselbe Erz\u00e4hlung \u00fcbernahmen auch die Briten, als sie von &#8222;the white man&#8217;s burden&#8220; sprachen: Wei\u00dfe bringen den V\u00f6lkern anderer Hautfarbe die hochentwickelte Zivilisation der Europ\u00e4er und heben diese so auf eine h\u00f6here Kulturstufe.<br>Wir alle wissen aber l\u00e4ngst, dass es bei den &#8222;Entdeckungen&#8220; und der darauf folgenden Aneignung von Kolonien nur um wirtschaftliche und machtpolitische Interessen ging. Widerstand von aufst\u00e4ndischen &#8222;Eingeborenen&#8220; dieser L\u00e4nder wurde mit brutaler Gewalt gebrochen, auch das hatte schon Vorbilder im R\u00f6mischen Reich.<br>Was wir derzeit an Putins Russland sehen, ist die Fortsetzung dieser imperialen Denkweise. Man konstruiert sich einen Anspruch auf Territorien benachbarter L\u00e4nder: Man handelt zum Schutz angeblich unterdr\u00fcckter russischer Minderheiten, und\/oder man stellt historisch begr\u00fcndet fr\u00fchere Grenzen wieder her &#8212; ungeachtet der l\u00e4ngst ver\u00e4nderten Verh\u00e4ltnisse, und ungeachtet des V\u00f6lkerrechts. Solche Gr\u00fcnde zog z.B. auch Hitler heran, um die Expansion des deutschen Reiches zu rechtfertigen und seiner Machtpolitik einen legitimen Anstrich zu geben.<br>Wir wissen auch: Solange Machtpolitik und territoriale Expansionw\u00fcnsche die K\u00f6pfe von Regierenden beherrschen, kommt die Welt nicht zur Ruhe. Und solange es gen\u00fcgend einf\u00e4ltige Menschen gibt, die sich daf\u00fcr und im Zweifel auch f\u00fcr Krieg motivieren und einspannen lassen, gibt es immer wieder bewaffnete Konflikte.<br>Ein Grund\u00fcbel ist, dass immer wieder Menschen das <em>Trennende<\/em> betonen und dabei das <em>Gemeinsame<\/em> in Abrede stellen, sich also lieber abgrenzen als sich mit Anderen zusammenfinden. Da wird die Identit\u00e4t einer Gruppe, eines Volkes. einer Nation \u00fcber das Trennende definiert, da wird ab- und ausgegrenzt, werden Unterschiede betont. Dabei wird bewusst vergessen: Unsere haupts\u00e4chliche Identit\u00e4t ist, dass wir MENSCHEN sind. Menschen sind soziale Wesen, die Gemeinschaft brauchen, die in Not menschliche Solidarit\u00e4t brauchen, die anderen Menschen zu helfen bereit sind. Diese Gemeinschaft betrifft die Menschheit insgesamt. Wer aber k\u00fcnstlich Grenzen zieht, Barrieren und Mauern errichtet, Menschen Hilfe verweigert, der zeigt sich selbst von einer unmenschlichen Seite.  Wenn dann noch eine faschistische Grundhaltung hinzukommt, ist die n\u00e4chste gewaltsame Auseinandersetzung nicht fern. Im Blog-Beitrag &#8222;Gibt es liebe Faschisten?&#8220; vom 02.10.2020 k\u00f6nnen Sie N\u00e4heres dazu lesen.<br>Leider passiert so etwas oft schneller als gedacht. Ein M\u00e4nnlichkeits-Gewaltkult ist meist der Treiber, der zur Gewalt-Eskalation f\u00fchrt. Staaten, in denen ein nationalistischer Militarismus propagiert wird, befinden sich auch bald im Krieg mit Nachbarstaaten. China f\u00fchrt das derzeit vor mit mlit\u00e4rischen Drohgeb\u00e4rden gegen Taiwan. China begr\u00fcndet sein Verhalten mit einem Wunsch nach &#8222;Wiedervereinigung&#8220; mit einer &#8222;abtr\u00fcnnigen Provinz&#8220; (was historisch schr\u00e4g ist, denn Taiwan war nie Teil des kommunistischen China), China missachtet auch den Willen der Bev\u00f6lkerung Taiwans, die weiterhin lieber in einer Demokratie leben wollen, und China missachtet (wie Russland gegen\u00fcber der Ukraine) das V\u00f6lkerrecht, das gewaltsame Verschiebung von Staatsgrenzen nicht zul\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Man muss <em>Nationalismus<\/em> heutzutage kritisch sehen<\/strong>, gerade nach den europ\u00e4ischen Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts, wo in vielen F\u00e4llen Nationalismus zu Kriegen gef\u00fchrt hat. Eine starre Vorstellung von Nationalstaat, in dessen Grenzen es nur<em> ein<\/em> Volk geben soll, f\u00fchrt <em>automatisch<\/em> zu Konflikten. Die Bev\u00f6lkerung des Staates wird dann oft von Machthabern in ein Korsett eines erzwungen homogenen Staatsvolkes gepresst, Minderheiten passen nicht ins Bild und werden unterdr\u00fcckt, benachteiligt, ignoriert, zur Assimilation an die Mehrheit gen\u00f6tigt. Doch ein Staatsgebiet ist normalerweise nie ein Gebiet, das nur von <em>einem<\/em> Volk mit <em>einer<\/em> gemeinsamen Sprache bewohnt wird. Insofern ist die Idee vom v\u00f6lkischen Nationalstaat weltfremd.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem: K\u00fcnstlich auf der Landkarte gezogene Staatsgrenzen kann man nicht quasi abdichten, im Gegenteil: Ein Staatsgebiet ist an seinen Grenzen immer osmotisch, also offen f\u00fcr Austausch. Und Austausch von Waren und Ideen n\u00fctzt meist den Menschen auf beiden Seiten der Grenze. (Darum ist die EU eine gute Sache. Und am Brexit sieht man, wie sich GB selbst ins Bein schie\u00dft. Trotzdem will uns die &#8222;patriotische&#8220; AfD weismachen, wir sollten die EU verlassen&#8230;)<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann den Natonalismus begrifflich trennen vom Begriff Nation. Eine Nation ist in erster Linie eine gro\u00dfe Menschengruppe, die sich einer Gruppe zugeh\u00f6rig sieht, sei es aufgrund einer gemeinsamen Sprache, Kultur, Geschichte, usw. Eine solche Nation ist historisch gewachsen und kann nicht pl\u00f6tzlich verordnet werden. Meist l\u00e4sst sie sich an den R\u00e4ndern aber auch nicht scharf abgrenzen, es gibt \u00dcberschneidungen zu Nachbar-Nationen, mit denen man einige Gemeinsamkeiten hat. Und genau darauf fu\u00dft z.B. die <strong>Idee eines Europa mit einer kulturellen und historischen, gemeinsamen Identit\u00e4t<\/strong>. Denn es ist leicht, das Trennende zu betonen, doch viel leichter ist es, Gemeinsamkeiten zu sehen und in Begegnungen festzustellen, wie wenig uns von den Nachbarn anderer L\u00e4nder trennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen versuchen Nationalisten, das Trennende zu anderen Nationen als identit\u00e4tsstiftend herauszustellen. Und sie konstruieren oft auch eine Erz\u00e4hlung oder einen Gr\u00fcndungsmythos, der sie von anderen Nationen als etwas Besonderes, Einzigartiges abheben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Nationalisten in Europa wollen ein sogenanntes &#8222;Europa der Vaterl\u00e4nder&#8220;, d.h. alles beim Alten lassen, und ein politisches Zusammenwachsen Europas m\u00f6glichst verhindern. Das war schon in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df, aber im 21. Jahrhundert sind solche Retro-Vorstellungen erst recht kontraproduktiv. Denn Europa kann in der Weltwirtschaft und Weltpolitik keine gestaltende Rolle spielen, wenn einzelne Staaten immer wieder aus gemeinsamer Politik ausscheren und ihr eigenes S\u00fcppchen kochen. Dabei verlieren diese Einzelstaaten ebenso wie Europa insgesamt.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb, wie gesagt, muss man Nationalismus heute kritisch sehen, in meiner Sicht sogar <em>sehr<\/em> kritisch. Denn neben den oben genannten Gr\u00fcnden muss man gegen Nationalismus auch anf\u00fchren, dass M\u00e4chte wie China oder Russland ihn ganz gezielt einsetzen, um ein heterogenes Vielv\u00f6lkerreich auf Einheit zu trimmen, Minderheiten zu drangsalieren und territoriale Anspr\u00fcche auf Nachbarstaaten zu stellen, wobei sie aufr\u00fcsten und ein milit\u00e4risches Drohpotential aufbauen. All das dient nicht dem Frieden in der Welt, sondern dem egoistischen Machtstreben von Machthabern und ihren Regimen, die auch Gewalt und Krieg durchaus als legitime Mittel ihrer Politik sehen. Und all das, die ganze Aggressivit\u00e4t, dient angeblich dem Wohle dieser Nation &#8212; daf\u00fcr wird unabl\u00e4ssig Propaganda gemacht. Und wenn es doch Kritik im Lande gibt, werden Spannungen zu Nachbarstaaten erzeugt und im Inneren nationale Solidarit\u00e4t gegen den \u00e4u\u00dferen Feind gefordert &#8212; ein sehr altes Muster autorit\u00e4rer Politik.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen sp\u00e4testens beim Blick auf die weltumspannenden Probleme wie die drohende Klimakatastrophe:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diese Welt braucht nicht mehr Abgrenzung und Egoismus, sondern mehr Verst\u00e4ndigung und Zusammenarbeit \u00fcber alle Grenzen hinweg. Das gebietet nicht nur die Vernunft, das entspricht auch der Menschlichkeit und dem Wunsch der allermeisten Erdenb\u00fcrgerInnen, friedlich zusammenzuleben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damit wir der Erf\u00fcllung dieses Wunsches n\u00e4her kommen, muss in den K\u00f6pfen Vieler noch ein Wandel eintreten: Schluss mit dem Unfug von m\u00e4nnlichen Machtfantasien, Schluss mit dem Aufhetzen von Menschen gegen Minderheiten, Schluss mit dem Unfug der unbegrenzten Ausbeutung von Menschen, Tieren und nat\u00fcrlichen Ressoucen, Schluss mit den falschen Rechtfertigungen von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung durch religi\u00f6se oder rassistische Irrlehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn in Afghanistan die Taliban-Machthaber Frauen unterdr\u00fccken und zu ungebildeten Sklavinnen degradieren wollen, wenn im Iran die Machthaber Religion als Hilfsmittel der Unterdr\u00fcckung missbrauchen, wenn im Sudan zwei bewaffnete Machtgruppen aufeinander schlagen und dabei Land und Leute kaputt schie\u00dfen, wenn  in den USA der Schusswaffengebrauch die h\u00e4ufigste Todesursache von Kindern ist &#8212; in diesen und (leider) vielen weiteren F\u00e4llen m\u00fcssen Menschen sich sch\u00e4men, wenn sie das tolerieren und f\u00fcr &#8222;normal&#8220; halten wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn das ist der (angeblichen) Krone der Sch\u00f6pfung nicht w\u00fcrdig, es ist unter Niveau des (selbsternannten) Homo Sapiens. Und das ist in unserer Zeit \u00fcberhaupt nicht mehr tolerierbar.<\/p>\n\n\n\n<p>W. R.<\/p>\n\n\n\n<p>* Mehr dazu &gt; <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/ausstellung-in-ngbk-berlin-zu-jahrzehntelangem-kolonialismus-in-russland-und-seiner-verarbeitung-in-der-kunst-18832962.html\">Ausstellung in NGbK Berlin zu jahrzehntelangem Kolonialismus in Russland und seiner Verarbeitung in der Kunst<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"286\" height=\"213\" class=\"wp-image-8215\" style=\"width: 120px;\" src=\"https:\/\/www.fu-frechen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/1v-Vign.-wr-1.jpg\" alt=\"\"><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A LLE reden von Kolonialismus und meinen damit meist die Zeit, in der europ\u00e4ische M\u00e4chte nach \u00dcbersee ausgriffen und sich Gebiete auf anderen Kontinenten aneigneten, wobei sie deren Bev\u00f6lkerung unterwarfen und bei Widerstand brutal dezimierten. 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