{"id":8756,"date":"2024-06-05T22:50:28","date_gmt":"2024-06-05T20:50:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/?p=8756"},"modified":"2024-11-22T17:39:17","modified_gmt":"2024-11-22T16:39:17","slug":"mehr-als-nur-ein-bisschen-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/?p=8756","title":{"rendered":"Mehr als nur ein bisschen Frieden"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">V<strong>iele<\/strong> Menschen bewegt die Frage: Was ist in der Welt los, wenn gewaltaffine Machthaber zunehmend die Weltpolitik beeinflussen, wenn ihre Kritiker und Gegner gefangen gehalten, gefoltert, umgebracht werden, wenn Machthaber in Wahnvorstellungen von einer Gro\u00dfmachtstellung oder Weltherrschaft Kriege anzetteln und Nachbarl\u00e4nder \u00fcberfallen&#8230; ?<br>Seht Euch das Gebaren dieser Machtpolitiker an: Vor Kameras spielen sie den &#8222;Starken Mann&#8220;, der alles (und noch mehr) im Griff hat und jeden Widerstand platt macht. Diese autorit\u00e4ren Herrscher und Diktatoren haben sich mit Hilfe des Milit\u00e4rs an die Macht geputscht oder nach einer Karriere im Geheimdienst mit allen dort erlernten Mitteln und Tricks sowie Seilschaften alter Kollegen an die Macht gedr\u00e4ngt.  <br>Damit ist nicht hinreichend erkl\u00e4rt, warum es viele solcher Typen gibt und warum Viele ihnen nacheifern und <em>Macht \u00fcber Menschlichkeit<\/em> stellen, ja sogar letztere ganz aus den Augen verlieren. Diese Typen glauben, es sei gerade die R\u00fccksichtslosigkeit, die sie nach oben bringe. Und sie bilden sich ein, daf\u00fcr besondere Bewunderung zu verdienen, weil sie auf ihre speichelleckende Entourage h\u00f6ren. Es w\u00e4re besser f\u00fcr unsere Gesellschaft und f\u00fcr die Welt \u00fcberhaupt, wenn sich viel mehr Leute einig w\u00e4ren, solches Verhalten zu \u00e4chten und nicht nur moralisch fragw\u00fcrdig zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer, um seine Macht zu vergr\u00f6\u00dfern, keine Skrupel kennt und auch nicht danach fragt, was es den betroffenen Menschen bringen soll, an einer Front verheizt zu werden in einem Krieg, der den meisten Menschen im Land der Angreifer rein gar keinen Vorteil bringt, der geh\u00f6rt ge\u00e4chtet und vor ein Gericht gestellt. Und das Land der Angegriffenen sollte jede Unterst\u00fctzung bekommen, den Angreifer zur\u00fcckzuschlagen, um den Schaden zu begrenzen und weitere Sch\u00e4den zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bringt es denn dem einzelnen Staatsb\u00fcrger, sich f\u00fcr aggressive Politik einspannen zu lassen? In Deutschland gibt es wahrlich genug historische Beispiele vom Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg, die uns klar machen: Krieg ist Mist. Und in der Regel brechen Kriege nicht aus, sondern werden mit Absicht riskiert oder sogar angezettelt. Manchmal aus m\u00e4nnlicher Ehrenpusselei, mal als Ausflucht vor Kritik im Inneren, mal aus plattem Kalk\u00fcl der Machtgier und der Aussicht auf reiche Beute, etc. <\/p>\n\n\n\n<p>Krieg ist aber auch f\u00fcr die M\u00e4chtigen riskant, die sich daraus Vorteile versprechen. Wie die Geschichte zeigt, werden selten die Vorstellungen erf\u00fcllt, die sich Angreifer ausgerechnet oder erhofft haben. Schon Herodot, der erste Historiker der Griechen, berichtet von einem K\u00f6nig, der ein Nachbarland angreifen wollte und vorher ein Orakel \u00fcber seine Erfolgsaussichten befragte. Die Antwort: &#8222;Wenn du diesen Krieg beginnst, wirst du ein gro\u00dfes Reich zerst\u00f6ren.&#8220;  Das nahm er erfreut als Verhei\u00dfung auf und griff an. Doch das Resultat war: Er wurde geschlagen, das Reich, das er zerst\u00f6rte, war sein eigenes. <\/p>\n\n\n\n<p>Denken Sie selbst an Beispiele, Sie finden sicher welche von Kriegen, die f\u00fcr die Angreifer im Desaster endeten. Historische Studien haben festgestellt: Krieg verl\u00e4uft nie nach Plan. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch aktuell sehen wir, dass Putins Plan f\u00fcr seinen Eroberungskrieg gegen die Ukraine nicht aufging. Alle Welt hat gesehen, dass sein &#8222;Blitzkrieg&#8220;-Vorsto\u00df auf Kiew im Desaster und mit R\u00fcckzug endete. Und dass ab M\u00e4rz 2022 der Krieg anders verlief, als russische Milit\u00e4rs sich das gedacht hatten. Was den weiteren Kriegsverlauf betrifft, so treten in unseren Medien immer wieder Milit\u00e4rexperten und auch selbsternannte Experten auf, die wissen wollen, was f\u00fcr die Zukunft zu erwarten sei. <\/p>\n\n\n\n<p>Darunter sind Stimmen, die verk\u00fcnden, dass Russland diesen Krieg gar nicht verlieren k\u00f6nne, weil es ein so gro\u00dfes Land sei. Das klingt in meinen Ohren oberfl\u00e4chlich, wenn nicht naiv. Wer keine Ahnung von milit\u00e4rischen und kriegslogistischen Dingen hat, neigt vielleicht dazu, so etwas f\u00fcr \u00fcberzeugend zu halten. In diesem Krieg sind aber bisher schon einige Dinge passiert, die manche Pessimisten nicht f\u00fcr m\u00f6glich hielten, weil sie die Ukraine von vorneherein f\u00fcr hoffnunslos unterlegen hielten. <\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal beschleicht mich das Gef\u00fchl, die Unterst\u00fctzung aus westlichen L\u00e4ndern f\u00fcr die Ukraine kam (aus was f\u00fcr Gr\u00fcnden auch immer) nicht z\u00fcgig und konsequent, man debattierte (vor allem bei uns) \u00fcber Waffengattungen und ihre Wirkungsweise, man \u00e4u\u00dferte Furcht vor Eskalation, man wollte Putin nicht reizen&#8230;. Dabei war es doch Putin, der keine R\u00fccksicht auf irgendwen nahm und diesen Krieg vom Zaun brach. Und Putin drohte und droht immer wieder mit Eskalation durch Einsatz von Nuklearwaffen. Warum wohl?<\/p>\n\n\n\n<p>Immer noch fordern Friedensbewegte, unsere Regierungen sollten mehr &#8222;die hohe Kunst der Diplomatie&#8220; nutzen und weniger von Waffenlieferungen reden. Dazu f\u00e4llt mir zuerst immer das Foto aus dem Kreml ein, wo im Februar 2022, einige Tage vor dem russischen Angriff, Kanzler Scholz zum Gespr\u00e4ch mit Putin an einem Tisch sitzt, und Putin hat ihn sich an einem absurd langen Tisch gegen\u00fcber gesetzt. Das war schon die symbolische, bildliche Verh\u00f6hnung aller diplomatischen Bem\u00fchungen. Putin lie\u00df sich nicht vom Krieg abhalten. Putin, der Machtmensch, zeigt gern in Bildern, was f\u00fcr ein machtvoller, starker Kerl er sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Friedenbewegten im Lande greifen st\u00e4ndig unsere Regierung und &#8222;den Westen&#8220; wegen &#8222;zuwenig diplomatischer Ben\u00fchungen&#8220; an, reden aber fast gar nicht von der Gegenseite am Verhandlungtisch. Und da kommen wir wieder an den Anfang, an den nicht vorhersehbaren Verlauf von Kriegen. Gegen die historische Erfahrung wird behauptet, die Fortsetzung der Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine sei sinnlos, man m\u00fcsse sofort \u00fcber Waffenstillstand verhandeln. &#8222;Jeder Krieg endet am Verhandlungstisch&#8220;, riefen sie. Ja, aber soweit sind wir doch noch nicht. Die Frage lautet zuerst: Was muss entscheidend passieren, damit \u00fcberhaupt verhandelt wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Solange Putin sich von der Fortsetzung des Krieges mehr verspricht als von einem Waffenstillstand, wird er nicht ernsthaft in Verhandlungen eintreten wollen. Das liegt auf der Hand. Leider war aber die Unterst\u00fctzung der Ukraine nicht so konsequent, wie sie h\u00e4tte sein m\u00fcssen, damit Putin gr\u00f6\u00dfere milit\u00e4rische Niederlagen erlitten h\u00e4tte. Nur das h\u00e4tte ihn umstimmen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus muss man sich klarmachen: Der Charakter Putins und seines Herrschaftsapparates \u00e4ndert sich nicht, wenn er irgendwelche Vereinbarungen \u00fcber Waffenstillstand oder Frieden unterschreibt. Das ist ja nach wie vor Fakt: Putin hat gezeigt, dass er Vereinbarungen und Vertr\u00e4ge ignoriert, wenn es ihm Vorteile bringt. Darum ist mit seiner Unterschrift noch nicht viel gewonnen. <strong>Einen Frieden bekommen wir erst, wenn er effektiv eingebunden wird in ein Sicherheitssystem, das in Europa wieder stabile Grenzen und deren Respektierung schafft.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte es f\u00fcr eine Illusion zu glauben, dass Russland seine imperialen Ziele aufgeben wird, nachdem Putin schon die Geschichtsb\u00fccher f\u00fcr die Jugend umschreiben lie\u00df und st\u00e4ndig Propaganda f\u00fcr seine Vorstellung der &#8222;russischen Welt&#8220; macht. Wenn einer schon Stalin (!) als Vorbild wiederbelebt und seine Soldaten Gr\u00e4ueltaten unter Zivilisten begehen l\u00e4sst (Die Milit\u00e4r-Einheit, die in Butscha viele zivile Tote auf den Stra\u00dfen zur\u00fccklie\u00df, wurde von Putin pers\u00f6nlich vor Fernsehkameras mit Orden belohnt), was soll man da f\u00fcr die Zukunft erwarten? <\/p>\n\n\n\n<p>Zu erwarten ist, dass die Saat des imperialistischen Denkens in Russland auch auf lange Sicht aufgehen wird, dass Putins <em>Werteprinzip der r\u00fccksichtslosen Gewalt<\/em> die russische Gesellschaft nachhaltig pr\u00e4gen wird, dass also Russland nicht als friedensstiftender Faktor in Europa wirken wird (egal, wie der aktuelle Krieg in der Ukraine beendet wird). <\/p>\n\n\n\n<p>Wer jetzt der Ukraine die Unterst\u00fctzung entziehen will, ist entweder politisch naiv oder von Putins Propaganda eingenommen. Beides l\u00e4uft auf eine Unterwerfung unter die Herrschaft von Putin hinaus. Dies sollten alle bedenken, die glauben, ein schneller Waffenstillstand und Frieden mit Putin um jeden Preis sei das Gebot der Stunde.  <\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00dcbrigen finde ich es unversch\u00e4mt, wenn &#8222;Friedenstauben&#8220; der Ukraine nahelegen, auf Gebiete zu verzichten, damit Ruhe einkehre. Ruhe f\u00fcr wen? Ihr k\u00f6nnt nicht Putin Gebiete schenken, die Euch gar nicht geh\u00f6ren! Putin hat sich schon widerrechtlich Teile der Ukraine angeeignet und dort &#8222;Russifizierung&#8220; mit all ihren h\u00e4sslichen Konsequenzen begonnen. Das wollt Ihr ihm durchgehen lassen und ihm auch noch eine Belohnung geben? F\u00fcr ein bisschen (vorl\u00e4ufigen) Frieden? Glaubt Ihr denn, danach k\u00f6nntet Ihr ruhiger schlafen? Das ist in meinen Augen Traumt\u00e4nzerei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Offensichtlich geht es um viel mehr als nur um die Frage, wie man den aktuellen Krieg in der Ukraine beendet. Es geht nicht um ein bisschen Frieden, um eine Atempause zu haben, w\u00e4hrend Putin weitere Ziele auf dem Kartentisch absteckt. Es geht um eine stabile Friedensordnung, in der wirklich Friede in Europa einkehrt &#8212; und bleibt. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W. R. <\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Mehr zur aktuellen Debatte um Pazifismus und Waffen siehe Essay &#8222;Und den Menschen ein Wohlgefallen?&#8220;, zu finden in der Unterseite Clio, 6. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Zusatz am 11.08.24:<\/em> Der Vorsto\u00df ukrainischer Truppen in den Bezirk Kursk beweist, dass die ukrainische Armee bisher daran gehindert wurde, ihre Operationen so zu planen, wie es die russische Seite kann. Der Westen hat stets seine Waffenlieferungen an Bedingungen gebunden &#8212; zum Vorteil der russischen Seite: Im Gegensatz zur Ukraine konnte das angreifende Russland vor effektiven Angriffen auf sein Gebiet relativ sicher sein. Putins Propaganda bezeichnet den berechtigten Angriff der Ukraine auf russisches Staatsgebiet denn auch als &#8222;Provokation&#8220;; wenn er &#8222;Provokation&#8220; sagt, versucht er wieder einmal, besonders <em>den Deutschen Angst zu machen<\/em>. Bei den Ukrainern kann er seinen Terror sowieso nicht mehr steigern. Putin versucht an der mentalen Front, deutsche Friedenstauben weich zu kochen, weil er die deutsche Hilfe f\u00fcr das angegriffene Land sehr gern ausschalten w\u00fcrde. Und weil er mit seinen Trollfabriken die M\u00f6glichkeit hat und nutzt, die Tiktok-Generation zu beeinflussen und AfD und BSW weiter Sch\u00fctzenhilfe zu geben. &#8212; <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Menschen bewegt die Frage: Was ist in der Welt los, wenn gewaltaffine Machthaber zunehmend die Weltpolitik beeinflussen, wenn ihre Kritiker und Gegner gefangen gehalten, gefoltert, umgebracht werden, wenn Machthaber in Wahnvorstellungen von einer Gro\u00dfmachtstellung oder Weltherrschaft Kriege anzetteln und Nachbarl\u00e4nder \u00fcberfallen&#8230; ?Seht Euch das Gebaren dieser Machtpolitiker an: Vor Kameras spielen sie den &#8222;Starken [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,530,636,544],"tags":[624,633],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8756"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8756"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8756\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9116,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8756\/revisions\/9116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fu-frechen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}