Archiv der Kategorie: Homo Sapiens

Die wundersame Natur der sogenannten Krone der Schöpfung

Köln-Notizen Aug. ’19

Folgen des Klimawandels berühren uns nicht — oder doch? Na gut, da waren zwei Hitze-Sommer, da waren in verschiedenen Regionen „Jahrhundertfluten“, ja mei, das kann halt passieren, das Wetter ist halt unzuverlässig, oder? Jetzt bombardieren sie uns vermehrt mit Meldungen von Klimaschäden: riesige Waldbrände in Sibirien, zuviel Wärme in der Arktis und schnelles Abschmelzen des Eises, und so.  Fehlt noch ein Sack Reis, der in China umfällt, oder was?
Und jetzt dies: Hier bei uns, z.B. im Kölner Stadtwald, werden vermehrt Buchen und andere Bäume gefällt, weil sie vertrocknen oder wegen Trockenheit anfälliger für Pilze und Schädlinge geworden sind und umzufallen drohen. Und ein Biologe stellt fest, dass er schon mehrere Tigermücken in Köln gesichtet hat (die gehören eigentlich in die Subtropen und Tropen).
Wer mal rausfährt, z.B. ins Bergische Land, sieht schon an der Autobahn immer wieder Fichten, die braun geworden sind oder schon wie Gerippe dastehen. Und beim Waldspaziergang sieht man jede Menge gefällte Fichten, die vom letzten Sturm umgedrückt oder abgebrochen wurden, und von denen die meisten, sogar für Laien sichtbar, von Borkenkäfern heimgesucht worden waren.
Aber so isser, der Homo Sapiens: Was er nicht zur Kenntnis nehmen will, das verdrängt er. Nicht alle sind blöd genug, Donald Trumps Behauptung zu folgen und den (zum großen Teil von Menschen gemachten) Klimawandel als „Erfindung der Chinesen“ abzutun. Aber viele wollen gern glauben, dass alles übertrieben sei und nicht so schlimm. Vor allem wollen die meisten nicht vom Gewohnten lassen und schon gar nicht auf irgendetwas verzichten.
Kein Wunder, dass vielen, vor allem jungen Menschen der Kragen platzt und sie mit der „Fridays-for-Future“-Bewegung der schläfrigen Politik Beine machen wollen. Erste Erfolge sind da, krasses Beispiel ist die Kehrtwende des ergrünten bayrischen Ministerpräsidenten Söder (CSU).
Währenddessen hatte sein Parteikollege Scheuer (Bundesverkehrsminister) den grandiosen

E-Scooter liegen am Stadtwaldgürtel herum, Köln, Anfang August 2019: ein „Beitrag zur Verkehrswende“

Einfall, Elektroroller für den öffentlichen Straßenverkehr zuzulassen — als Beitrag zur Verkehrswende. Mit den Folgen lässt er die Städte allein, es gibt Unfälle, oft werden die Roller einfach irgendwo stehen oder liegen gelassen. Im Nachhinein denkt man über verschärfte Regeln nach.
Der Homo Sapiens Germanicus der Gegenwart will meist auf Gewohntes nicht verzichten, wie schon gesagt, und er will seit Neuestem sich nichts von niemandem mehr sagen lassen. Regeln — wozu? Sollen sich doch Andere daran halten, ich nicht, mir sagt keiner was! Man erlebt es im Straßenverkehr, und auch sonst im menschlichen Miteinander, das oft zu einem Gegeneinander entgleist. Es scheint, als degeneriere bei vielen Exemplaren des Homo Sapiens die Fähigkeit, sich in ein soziales Miteinander einzuordnen. Manche scheinen da geistig überfordert, da vermisst man die soziale Intelligenz.
Ist das eine Art von Wohlstandsverwahrlosung, die in den wohlhabenden Industrieländern um sich greift? Findet deshalb vielleicht auch das Ertrinkenlassen von Flüchtlingen im Mittelmeer Zustimmung in Teilen der Bevölkerung Europas? Man kann doch nicht ernsthaft behaupten, das stehe im Einklang mit den Werten der Europäischen Union — oder etwa doch? Die viel beschworene „christlich-jüdische Kultur des Abendlandes“, moralische Grundlage Europas — was ist sie praktisch wert? Politikergewäsch? Und welche Werte will eigentlich Pegida verteidigen — gegen den Islam?
Entweder haben wir es da durch die Bank mit hohlen Phrasen zu tun, oder diese Menschen wissen überhaupt nicht, wovon sie reden.

W. R.

Aber wozu?

Fanatismus und Terror wie im Mittelalter, das ist anscheinend das Wunschziel vieler „moderner“ Terroristen. Ob Christchurch (Neuseeland) im März oder Sri Lanka im April 2019, die Mordanschläge zeigen uns, wie die schlimmsten Mörderbanden ticken. Es gibt immer einen Grund zu morden, es kommt ihnen gar nicht darauf an, warum, und gegen wen sich ihre Bomben und automatischen Waffen richten. Hauptsache: Viel Kawumm erzeugen, viel Leid anrichten, großes Medien-Aufsehen erreichen. Toll, gelungen!
Aber wozu? Das ist Nebensache, auch wenn sie behaupten, es ginge ihnen um eine Sache, eine wichtige. Blutige Anschläge sind nie eine positive Reklame für eine Sache. Einziges Resultat: Sie setzen eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt in Gang, befeuert von Rachegedanken — eine Steinzeit-Logik, die nicht in unsere Zeit passt.

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen: Unfähig zu Aussprache und Versöhnung, kennen sie nur eine Fortsetzung der Gewalt. So auch die jüngste „Heldentat“ einer kleinen Gruppe namens Neue IRA, die in Nordirland wieder Bürgerkrieg herbeiwünscht und bei ihrer Aktion eine junge Journalistin erschießt, die nichts weiter tat als ihren Job zu machen. Diese Narren! Sie verstehen nicht, dass die Bevölkerung weder Krieg noch Bürgerkrieg wünscht, sie verirren sich in ihren krausen Gedanken zu der Illusion, eine „Propaganga der Tat“ würde ihnen Sympathien gewinnen und neue Anhänger zuführen. Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass meist das Gegenteil eintritt: Mit Gewalttaten verscherzen sich Terroristen die Sympathie, die vielleicht bei einem Teil der Bevölkerung für ihre politischen Ziele bestand. Das lernen hoffentlich auch die Extremisten, die sich derzeit unter die Gelbwesten in Frankreich gemischt haben.

Anscheinend funktioniert es beim Homo Sapiens meist so: Je mehr Gewaltbereitschaft er entwickelt, umso weniger ist er fähig, kluge politische Konzepte zu denken, und noch weniger, sie mit kühlem Kopf umzusetzen. Was folgt daraus?

S. R.