Archiv des Autors: Wolfgang Reinert

Sagen, was man davon hält

UM nicht nur auf dieser Website www.fu-frechen.de Tacheles zu reden, sondern auch hin und wieder zusätzlich direkt politische Instanzen zu adressieren, schrieb W. R. wieder eine Mail.
Wie schon einmal zuvor, ging diese Wortmeldung an die CDU-Zeitrale in Berlin (Konrad-Adenauer-Haus). Sie ist eine Reaktion auf die fortgesetzte Attacke der derzeitigen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) auf Errungenschaften der Energiewende. Die Mail richtet sich aber nicht an das Wirtschaftsministerium, sondern an die derzeitige Regierungspartei CDU.
Die Mail im Original-Wortlaut:

(Betreff:) Energiepolitik 8.4.2026, 21:08
An kah@cdu.de
Guten Tag,
es liegt selbst für die Doofen auf der Hand: Öl und Gas sind Auslaufmodelle der Energieversorgung. Wir haben damit Probleme, wir kriegen damit noch mehr Ärger. Und dennoch: Selbst Trumps jüngste Kriegseskapaden stimmen unsere Wirtschaftsministerin und ihre Regierung nicht um. Stur und verbissen wird an der Umsteuerung weg von Regenerativen gearbeitet, unbelehrbar wird für die Rückabwicklung grüner Politik gekämpft. Alles, was Grün oder Links ist oder so erscheint, wird als „ideologisch“ beschimpft, besonders oft aus der CSU-Spitze. Dabei sieht die Union selbst verteufelt ideologisch aus mit ihrer versessen-antigrünen Haltung. —
Worum geht es eigentlich? Ums Land? Ums Klima? Um die Partei? Nö. Es geht um die Geschäfte von EON & Co. und aller damit verbandelten Personen und Gruppen, nichts Anderes. Ein schändliches Bild!
Wolfgang Reinert, Köln

Allein

Unglaublich! Ich traute meinen Augen nicht, ich musste ganz genau hinsehen, als ich die Bilder im Fernsehen sah: Abgeordnete in der Knesset mit einem Anstecker am Revers, der eine Galgenschlinge darstellte. Das waren rechtsradikale Politiker, die sich laut für die Verschärfung der Todesstrafe stark machen.“ So tönte es vom Tresen-Stammtisch, als ich gestern meine Stammkneipe betrat.

„Jetzt lässt die Regierung Netanjahu ganz die Maske fallen: Sie sind ein Haufen rechtsradikaler Rassisten! Todesstrafe für Terroristen, aber nur für Palästinenser. Und wer Terrorist ist, bestimmen nicht die Betroffenen.“
„Nu komm, werd nicht antisemitisch. Die Israelis müssen sich doch wehren.“
„Aber nicht so! Wir wissen doch längst, dass in vielen Ländern das Wort ‚Terrorist‘ nach Belieben verwendet wird, besonders in Autokratien. Und komm mir nicht mit ‚antisemitisch‘! Ich bin Freund von Juden, ich kenne welche gut, die hier in Deutschland leben. Ich kann die Leute nicht verstehen, die den hirnrissigen Märchen über Juden glauben, anstatt ihrem Verstand zu folgen. Aber wenn ich die zahlreiche Wählerschaft der AfD sehe, dann zweifele ich sowieso am Fortschritt der menschlichen Entwicklung.“
„Da sagst du was! Der Homo Sapiens bildet sich was ein auf sein großes Hirn — dabei scheinen Viele der Gattung zu verlernen, dieses Hirn auch zu benutzen.“
„Genau! Der Antisemitismus ist dafür ein krasses Beispiel. Wir fallen trotz technischer Neuheiten zurück ins Mittelalter, geistig-moralisch jedenfalls.“
„In den USA sieht es nicht besser aus. Rassismus wird sogar durch die Trump-Regierung gefördert. Wie 19. Jahrhundert ist das denn: ‚White supremacy‘, und von massakrierten Indianern und von Sklaverei wollen sie nichts mehr hören. Make white America great again, das ist in Wahrheit Trumps Parole. Und einige schwarze Wähler haben das noch nicht durchschaut.“
„Hör mir auf mit Durchschauen. Bei uns wählen Arbeiter die AfD, obwohl diese Partei gar nichts für sie tun will. Ich vermute, diese Wähler fallen auf das Märchen herein, die Zuwanderer würden ihnen Jobs und Wohnungen wegnehmen. Mir scheint, die deutschen Arbeiter waren schon mal klüger.“
„Vorsicht! Ich hab vor Jahren mal gelesen, dass im vorigen Jahrhundert bei uns viele Arbeiter auch CDU gewählt haben. Rein von der Logik der Interessen hätten sie eher SPD wählen müssen. Aber denen war vielleicht das frühere Klassenbewusstsein abhanden gekommen.“
„Weil sie vielleicht schon verbürgerlicht waren, sie wollten nicht Arbeiter sein, sondern Mittelschicht, was ‚Besseres‘ eben. Die orientierten sich am Bürgertum, nachdem sie sich eine Dreizimmerwohnung, ein Mittelklasse-Auto und einen Farbfernseher leisten konnten.“
„Blieben aber Lohnabhängige. Und hätten wissen müssen, dass Lohnerhöhungen oder bessere Arbeitsbedingungen am ehesten mit Gewerkschaften durchsetzbar waren — und sind! Trotzdem traten viele um 2000 herum aus der Gewerkschaft aus.“
„Ja, der alte Spruch ‚Allein machen sie dich ein‘ geriet in Vergessenheit. Das wurde überhaupt ein Trend: Vereinzelung. Heutzutage liest man überall von Einsamkeit als verbreitetem Problem.“ —

Oha, da fühlte ich mich ertappt. Denn ich saß abseits allein an einem Tisch und aß mein Menü, ohne Tischgesellschaft, ohne Gesprächspartner. Und zu Hause wartete auch niemand auf mich. Ob ich das ändern sollte? Ich kam ins Grübeln, und darüber verpasste ich das weitere Gespräch am Tresen…

W. R.

Geschäftsmodell: Leute verblöden

WENN die Union so weitermacht, muss sie bald mit den Grünen und den Linken koalieren, um nicht mit der AfD zusammen zu gehen. Wenn sie aber mit der AfD koaliert, ist das der Untergang der Union. Wie im Februar 1933. Da haben sich die Konservativen Illusionen gemacht, sie könnten Hitler und seine Partei in einer Koalition „an die Wand drücken, bis er quietscht.“ Später wussten alle: Das war ein schwerer Irrtum.
Ja, ein Blick in die Geschichte lehrt so Einiges. Die Feinde der Demokratie tönten damals: Deutschland sei (durch den Versailler Vertrag) zu Unrecht gedemütigt, und man müsse die nationale Größe wieder aufrichten und die Schmach von Versailles tilgen. Einige träumten dabei nicht nur von der Rückkehr verlorener Gebiete „heim ins Reich“, sondern sogar von der Wiedererlangung verlorener Kolonien.
Ein bekanntes Schema: Ich erkläre die Nation als gedemütigt, geknechtet, zu Unrecht kleingemacht, damit ich mich als Retter und Messias aufblasen kann, der die Nation wieder groß macht. Das ist ein Kern der Propaganda von Putin, aber auch von Trump („Make America great again“). Die AfD möchte das kopieren und behauptet, in Deutschland sei alles schlecht — und die AfD werde es wieder … ja was denn, vermasseln? Im Ernst: Sollen wir unsere Wirtschaft vollends ruinieren durch Austritt aus der EU, durch Stopp der Zuwanderung, ja sogar durch „Remigration“? Woher sollen denn nach Ansicht der AfD die fehlenden Fachkräfte in Industrie, Handwerk, Gastronomie, Kranken- und Altenpflege usw. kommen? Wie blöd muss man eigentlich sein, um als Arbeiter, Angestellter oder Rentner diese (würg!) AfD zu wählen? Und welcher Unternehmer will auf die Vorteile des EU-Binnenmarktes verzichten?
Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren: Wenn so viele junge Leute, besoffen von social-media-clips, dieser Unglücks-Partei ihre Stimme geben, dann zeigt das die verheerende, ja verblödende Wirkung der social media.
Ein Prozess in Kalifornien hat gerade gezeigt, dass Algorithmen auf bekannten social-media-Kanälen süchtig machen. Das heißt: Sucht steuert die User, sie verhindert das Einschalten des Hirns, sie lähmt den Willen selbst zu entscheiden, was man sehen und hören will und was nicht.
Das ist prinzipiell schlecht, es macht die User zu hilflos weiterscrollenden Puppen der Profitsteigerung. Denn es ist ein Geschäftsmodell, das müssten inzwischen auch die Dummen schon mal gehört haben. Und wo Profit gemacht wird, da fehlt natürlich die Motivation, sich zurückzunehmen. Eher im Gegenteil: Die Tech-Giganten verfeinern weiter die Methoden der Manipulation und Gehirnwäsche.
Die Tech-Milliardäre werden damit von stinkreich zu superreich, und die daddelnden, scrollenden, wischenden Handy-Abhängigen sind ihre besten Kunden, diese fetten, zappelnden Fische werden sie nicht freiwillig von der Angel lassen. Mehr zum Urteil: Strafen für Meta und Google: Schadensersatz wegen Social-Media-Sucht | tagesschau.de

W. R.

Ohne Plan

Natürlich, ich konnte es mir denken, der Tresen-Stammtisch in meiner Stammkneipe hatte mal wieder die Weltlage im Blick:
„Oha! Trump ist enttäuscht von der Nato. Weil sie ihm nicht mit Militär beispringt, um die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran aufzuheben. Sowas aber auch! Die Nato war für Trump immer ein lästiger Klotz am Bein, die USA wollten allein stark genug sein, um alle Probleme in der Welt zu lösen.“
„Ja, jetzt weiß er nicht mehr weiter mit dem Krieg gegen den Iran, da sollen plötzlich Andere helfen, die er sonst gern vor’s Schienbein tritt.“
„Nun stößt er nebulöse Drohungen aus, was ja eine seiner Spezialitäten ist. Ich will schon gar nicht mehr hinhören, wenn er in den Nachrichten zitiert wird.“
„Und bald redet er noch mehr Unsinn, weil er geistig abbaut. Sagen jedenfalls einige Mediziner, die ihn scharf beobachten.“
„Ach, der redet doch sowieso nicht wie ein Staatsmann, er ist im Dauerwahlkampf und wendet sich in einfacher Sprache an seine Stammwähler. Die sollen ihm applaudieren. Und dazu möglichst noch ausländische Pollitiker.“
„Genau! Früher hätte man gesagt: Als Politiker ist er unmöglich, den wählen doch höchstens ein paar primitive Haudraufs ohne Bildung.“
„Er gibt sich auch gar keine Mühe, sowas wie staatsmännisches Format zu zeigen. Goldene Vorhänge im Oval Office reichen, meint er, damit alle sehen, wie bedeutend er ist.“
„Und wie er über Kuba redet! Das Land ist am Ende, ich kann damit machen, was ich will. Ich würde ihm am liebsten direkt eine reinhauen, dem Widerling!“
„Also bitte, jetzt komm mal runter! Gewalt ist keine Lösung, auch wenn Trump und seine Kumpane das meinen.“
„Gewalt ist keine Lösung, ja, aber es gibt Ausnahmen. Oder wie willste die verrohten Russen in der Ukraine stoppen? Hä?“
„Ja, schon, da ist Gewalt von Vorneherein programmiert.“
„Die armen jungen Russen, sie tun mir schon leid! Erst werden sie in der Armee erbarmungslos geschleift und wie Vieh behandelt, um dann an der Front verheizt zu werden. Kein Wunder, dass Putin die Soldaten ausgehen.“
„Eben! Bei uns hieß es immer, der Ukraine gehen die Soldaten aus, Russland ist so riesig, die haben viel mehr…“
„… arme Schlucker, die mit Geld in die Armee geködert werden. Aber das scheint auch nicht mehr richtig zu funktionieren. Oder warum mussten über zehntausend Nordkoreaner als Kanonenfutter geholt werden?“

„Aber Trump hilft ihm aus der Patsche, jetzt mit Lockerung der Sanktionen gegen russische Ölausfuhren. Und warum? Aus Angst vor den Wählern in den USA, die sich über steigende Benzinpreise beschweren.“

„Trump hat so Manches mit seinem Idol Putin gemeinsam, z.B. einen Krieg anfangen ohne Plan.“

„Ohne Plan stehen noch ein paar Andere da, z.B. unsere Bundesregierung. Besessen von der Rückabwicklung grüner Politik, rufen sie die Rückkehr zu mehr Verbrennung von Öl und Gas aus, und Rumms, gibt’s auf dem Weltmarkt einen Preisschock, und Deutschland steht dumm da, weil es sich gerade wieder abhängiger macht von fossilen Energien. Wie bescheuert ist das denn!“

„Eben! Wir sind nicht die USA, die auch Öl und Gas exportieren. Wir sollten mehr erneuerbare Energien nutzen und unser Geld vor allem in die Bildung unserer Kinder und Heranwachsenden stecken. Das würde unserem Land nutzen…“

„… und unsere Zukunftsaussichten verbessern, genau! Aber da passiert zu wenig, ich würde sagen: wider besseres Wissen. Lieber schielt man zurück in eine überholte Vergangenheit, allen voran die AfD. Ach hör mir auf, mir wird gleich schlecht. Da hilft nur eins: Jupp, noch ne Runde von diesem goldenen Getränk!“ —

Welt der Kriege

Hurra! Es gibt Menschen, die Krieg bejubeln und glauben, dieses großartige Spektakel sei eine Manifestation von Macht und Kraft, Männlichkeit und Herrlichkeit.

Und es gibt Menschen, die Krieg als Machtmittel grundsätzlich geächtet sehen wollen — und auf keinen Fall mitwirken wollen an Zerstörung, Mord, Vergewaltigung, Verstümmelung, Traumatisierung, an all dem Leid, das ein Krieg einer großen Zahl von Menschen zufügt.

Trotzdem Hurra? Das kann nicht euer Ernst sein, ihr Waffenfetischisten, Männlichkeitsfantasten, Empathielosen, gewaltaffinen Haudraufs! Spätestens wenn in einer gewalttätigen Auseinandersetzung ihr selbst und eure nächsten Angehörigen zu Schaden kommen, dann — schreit ihr auch noch nach Rache und Vergeltung, nach noch mehr Gewalt und Grausamkeit. Unbelehrbar haltet ihr nach wie vor Gewalt für die erste Wahl, wenn es Probleme gibt. Warum? Weil ihr gar nicht in der Lage seid, etwas Anderes zu denken, geschweige denn zu versuchen.

Warum ist das so? Weil ihr nie gelernt habt, mit Menschen anders als mit Imponiergehabe, Drohungen und Einsatz von Gewalt zu kommunizieren. Weil ihr nicht fähig seid, ein Gespräch auf Augenhöhe und eine friedliche Verständigung trotz unterschiedlicher Sichtweisen herbeizuführen. Weil ihr für Schwäche haltet, was ohne toxisches Männlichkeitsgehabe auskommt — auch wenn dabei gute Verhandlungsergebnisse erreicht werden.

Nicht nur in der gegenwärtigen Weltlage zeigt sich, wie schnell Konflikte eskalieren können und die Haudraufs das Geschehen anheizen. Im Nahen und Mittleren Osten konnte man das schon seit Jahrzehnten beobachten. Gewaltbereite Regime gibt es aber auch in anderen Regionen. Sie können immer Unterstützer mobilisieren, die Gewalttätigkeit und Männlichkeit in eins setzen und das herrlich finden.

Diese toxische Mentalität wird in unserem Lande von einigen rechtslastigen Politikern verbreitet (z.B. von Herrn Krah, der für die AfD im Bundestag sitzt), um nicht nur mit dem Finger auf fremde Länder zu zeigen. Oder was denkt Ihr, sollen wir uns vorstellen, wenn führende AfD-PolitikerInnen laut von „Remigration“ faseln? Wir haben gesehen, was der gegenwärtige US-Präsident mit Gewalt anstellt, um sein Wahlkampfversprechen umzusetzen. Er und seine Spießgesellen unterstützen die AfD und andere rechtslastige Parteien und Gruppierungen in Europa. Ebenso wie Putin will auch Trump ein schwaches oder ein von rechtsgerichteten Nationalisten beherrschtes (und zugleich zersplittertes) Europa.

Nach Putin hat nun auch Trump die militärische Drohung und Gewaltanwendung gegen andere Länder als Mittel entdeckt, das schnelle Erfolge verspricht (so glaubt Trump offenbar). Kritik aus demokratisch regierten Ländern passt ihm gar nicht, da schlägt er mit Zöllen zurück (seinem bisherigen Lieblingsspielzeug). Die Risiken und Nebenwirkungen seiner Zollwut erkennt er — wenn überhaupt — erst später. Ebenso läuft er zur Hochform als oberster Kriegsherr auf und bedenkt nicht, dass Krieg nicht immer nach Plan läuft (frag deinen Buddy Putin!) und man besser einen Plan B in der Schublade vorhält.

Putin mit seiner Kraftmeier-Show (wir erinnern uns an Fotos von einem muskulösen Reiter und Sportler) ist das Musterbeispiel für die oben angeführte toxische Männlichkeit. Da ist nicht nur Gewaltbereitschaft, da ist kalte Entschlossenheit, ohne Skrupel selbst die perfidesten Mittel einzusetzen, um Macht zu sichern und Widerstand auszuschalten — im Inneren des Landes wie nach außen. Und Krieg ist für Putin etwas Normales, ebenso Folter und Mord.

Wollen wir so etwas als „normal“ hinnehmen? Wollen wir Verständigung und friedlichen Austausch zwischen Völkern wie zwischen Gruppen mit unterschiedlichen Meinungen als schwach und „weiblich“ geringschätzen?

Morgen, am 8. März, ist Weltfrauentag. Da sollten etliche Männer mal ihren angeblich überlegenen Verstand einschalten und ihr Verständnis von „Männlichkeit“ einer Überprüfung unterziehen. Dabei könnten sie überlegen, warum sie ihre angeblich „weiblichen“ Gefühle eher unterdrücken — aus Angst, nicht als „männlich“ zu gelten. Männer haben Angst? Kann doch gar nicht sein — oder doch? Also, überlegt mal ernsthaft und in Ruhe. Vielleicht tut Ihr Euch selbst damit einen großen Gefallen: wenn der Macho-Krampf sich löst und ihr zu Euch selbst findet.

W. R.

Nachtrag am 15.03.2026: Über Person und Charakter des Chaoten Donald Trump muss man an dieser Stelle nicht erneut Worte verlieren. Zu erwähnen ist vielleicht, dass es eine Tragödie für die Welt ist, dass diese und andere unheilbringende Figuren nicht gestoppt oder im äußersten Fall aus dem Verkehr gezogen werden. Der derzeit laufende Krieg gegen den Iran ist nur ein weiteres Beispiel dafür.

Um dem letzten Zeitgenossen die Illusion zu nehmen, dass Trump und seine Bande irgendetwas für Demokratie und Menschenrechte übrig hätten, verweise ich auf diesen Kommentar: Donald Trump und sein Größenwahn: Seine historischen Vorbilder – Kolumne – DER SPIEGEL

Das ist gewiss peinlich für die AfD, die sich so beflissen an Trump und Musk herangewanzt hatte. Deren Vertreter wissen derzeit gar nicht, wie sie sich verhalten sollen, sie winden sich zwischen Distanzierung und Herunterspielen.

Dabei schlittert die Welt offensichtlich auf eine schiefe Bahn zurück in vergangene Jahrhunderte, als Machtpolitik selbstverständlich Krieg einschloss und Gewalt als normal galt — so wie Putin das schon länger in seinem Machtbereich praktiziert und andere Machthaber seinem Beispiel gern folgen möchten. Auch Putin orientiert sich an historischen Vorbildern, nämlich russischen Gewaltherrschern von Zar Iwan dem Schrecklichen bis zu Stalin.

Trump light

SCHON eine ganze Weile sehe ich, und verstehe inzwischen auch, warum unser derzeitiger Kanzler Friedrich Merz (CDU) es relativ gut mit Donald Trump konnte: Beide waren lange in Geschäften tätig und denken großenteils in Kategorien der Finanzwirtschaft.

In seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung am 23.09.2025 freute sich Trump, dass Deutschland endlich „den kranken Weg der Klima-Politik“ verlassen habe. Abgesehen davon, dass man Worten aus Trumps Mund kaum einmal Glauben schenken darf (weil er fast immer entweder übertreibt oder lügt), sieht er bei uns wohl zu Recht Kräfte am Werk, die die Klimaziele aushebeln wollen zugunsten der Profite der Öl- und Gasverbrenner.

Die aktuelle Politik der Bundesregierung beschreibt dieser Kommentar: Heizungsgesetz: Robert Habeck doof finden ist keine Strategie – gefährdet aber Klimaziele – DER SPIEGEL

Alles klar? Wer jetzt meint, dann bliebe einfach nur noch der Protest mit der Wahl der AfD, der begibt sich voll auf den morschen Holzweg! Denn die Fachleute der Wirtschaft sind sich mit großer Mehrheit einig: Die Vorstellungen und Vorhaben der AfD sind keine annehmbare Alternative, sie würden Deutschland in den Abgrund stoßen. Darum kann man „AfD“ mit Fug und Recht so buchstabieren:

Mit einer AfD-Regierung bekämen wir statt „Trump light“ die volle Dröhnung antidemokratischer Umtriebe und autoritärer Herrschaft, dazu die weitgehende Verharmlosung der Nazi-Verbrechen (noch getarnt als angebliche Meinungsfreiheit), und eine gewaltverherrlichende Retro-Sicht auf die deutsche Geschichte. Nein, danke!!

Aktuell wird im Nahen Osten mal wieder Krieg geführt, und wer noch meint, damit hätten wir wenig am Hut, der fährt nicht Auto und heizt nicht mit Öl oder Gas. Und wer den Klimaschutz und die Energiewende nicht wichtig findet, dem wird trotzdem heiß, wenn er an die Preise für fossile Energieträger in der nahen Zukunft denkt. Hier schießt unsere Regierung für Deutschland gerade ein Eigentor. Wir erleben wieder ein böses Erwachen in der Abhängigkeit vom Weltmarkt — in Öl und Gas. Energiewende: Dieser Krieg ist eine Mahnung | DIE ZEIT

Was tun? Zuerst sollten wir uns keine Illusionen darüber machen, dass der alte Satz „Geld regiert die Welt“ immer noch viel Wahrheit enthält, Donald Trump macht es aller Welt ganz ungeniert vor. Und wer als BürgerIn und WählerIn politische Entscheidungen trifft, sollte genau hinschauen und hinhören: Wer vertritt da welche Interessen? Und wer redet nur, was die Leute hören wollen? Im Zweifel gilt der alte Spruch aus der Bibel: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“

Vielleicht sollte man zur Deutlichkeit noch sagen: Wem sollen diese und jene Parolen den Geldbeutel füllen? Wenigstens die Leute mit Ahnung von Wirtschaft sollten das erkennen. Anders geagt: Wessen Interessen vertritt dieser oder jene PolitikerIn wirklich, was steckt hinter den schönen Worten, wenn man mal nachdenkt?

Aber da kommen wir wieder an einen entscheidenden Punkt: Selber denken! Nicht denken lassen, auch nicht von einer KI. Und Vorsicht vor viel social-media-Konsum!

W. R.

Dumm, dümmer, KI-gesteuert?

WAS ist los mit der Menschheit? Will sie zurück ins Mittelalter, mit selbstherrlichen Königen, mit Brainwash? Früher durch Kirchen-Autoritäten, nun ersetzt durch allerlei Internet-Plattformen, Foren, Kanäle, etc.?), mit rassistisch-engstirnigem Weltbild, mit fremdenfeindlichem Provinzialismus und aggressivem Minderheiten-Bashing?
Das sogenannte Informations-Zeitalter wächst sich zum Zeitalter gigantischer Manipulation aus: Die Informationsflut wird von Algorithmen beherrscht, die undurchsichtige Vorgaben von Tech-Milliardären ausführen. „Künstliche Intelligenz“ macht uns ein X für ein U vor, damit wir das Vertrauen in Fakten, Wahrheit und Wissen verlieren. Wie im Mittelalter lebt bald jeder Mensch nur noch in einer Glaubens-Welt, Wissen und Wahrheit werden unglaubwürdig und damit unwichtig.

Und was geschieht daraufhin in der realen Welt? Die Manipulierten geben ihr Denken an der Kasse virtueller Verführungen ab und glauben, was ihnen da schön vorgegaukelt wird, sie jubeln „starken“ Führern zu und wollen nur noch ferngelenkt werden. Hauptsache: Entertainment! Dabei haben sie alle Daten über sich selbst längst preisgegeben und können perfekt manipuliert werden. Wer ist schuld? Beschwert euch nicht, ihr Einfaltspinsel, ihr habt doch selbst daran mitgewirkt!

Und wer profitiert davon? Die Fürsten und Führer scheffeln große Reichtümer zusammmen, ihre Tech-Diener scheffeln mit und sorgen dafür, dass die große Masse mit Entertainment abgelenkt, eingelullt, sediert wird und im Wachschlaf träumt, was die Algorithmen ihnen präsentieren.
Der feuchte Traum der Billionäre wird wahr, er überflügelt längst die utopische Vision von „Brave New World“. Das Buch kennt Ihr doch, oder? Was ist los mit der Menschheit, diese Frage scheint auf eine bestimmte Antwort zuzusteuern. Vor Jahren trug ein Buch den Titel: „Wir amüsieren und zu Tode“. Man könnte auch sagen: Wir lassen uns das Denken abkaufen und jubeln noch, während wir ungebremst auf der Achterbahn in einen Abgrund rasen.

Sorry, das hört sich schon wieder so pessimistisch an. Schnell im Internet ein paar drollige Tierbilder suchen, das bessert die Stimmung, und die Welt wird hübsch rosig. Hilft das noch nicht, werfe ich was ein oder rauche ’ne Tüte. Scheißegal, was in der realen Welt vor sich geht, ich koppele mich ab!

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann saufen und kiffen sie sich noch heute ihren Verstand weg… oder wischen den lieben langen Tag auf dem Handy herum und vergessen Zeit und reale Bedürfnisse.

W. R.

Deal?

AM Tresen herrschte gute Laune, man hatte sich die Welt schon ein wenig schön getrunken, und Einer meinte zum aktuellen Problem mit Trump und Grönland:

„Warum hat eigentlich noch niemand Trump einen Deal angeboten, einfach einen Tausch: Hör mal, Donald, wenn du unbedingt Grönland als Bundesstaat der USA haben willst, dann tausche es doch einfach gegen einen anderen Bundesstaat, z. B. Kentucky. Oder besser noch: Florida, weil das von Grönland per Boot erreichbar ist. Dann können die Grönländer über eine echte Alternative nachdenken. Und vergiss die hässlichen Drohungen mit Militär, das verdirbt die Stimmung am Verhandlungstisch. Versuch es doch mal mit Freundlichkeit, das löst die Spannungen, damit kommst du wahrscheinlich weiter.“

„Meinst du wirklich, Trump würde sich auf sowas einlassen? Doch nicht Florida, das fest in der Hand einer republikanischen Regierung ist. Trump würde eher, sagen wir, Connecticut anbieten…“

„… diesen Zwerg unter den US-Bundesstaaten? Von der Größe her schon, aber das ist, habe ich gehört, eine Art Steuerparadies, dagegen hätten viele reiche Trump-Unterstützer etwas einzuwenden. Das scheidet damit praktisch als Tauschobjekt aus.“

„Was dann? Montana vielleicht, im Norden gelegen und winterkalt?“

„Nee, glaub ich nicht. Der Trump meint doch, er kann alle in die Tasche stecken, mit Drohungen, wie ein Mafiaboss. Der verhandelt nur auf Augenhöhe, wenn ein ähnlich rücksichtsloser Mafiaboss am Tisch sitzt.“

„Stimmt leider. Jetzt droht er wieder mit der Zollkeule. Strafzölle für europäische Länder, die seinen Griff nach Grönland kritisieren. Damit will er Europa klar spalten.“

„Und leider stehen die Chancen nicht schlecht, dass Europa mal wieder uneinig bleibt…“

„… weil zwei oder drei Regierungen lieber ihr eigenes Süppchen kochen und sich Vorteile bei Trump erschleimen wollen — das alte Spiel, das Europa nicht vorankommen lässt.“

„Ja, schlimm, das kann man selbst mit leckerem Kölsch nicht schöntrinken.“

„Un? Wat willste maache? Jupp, trotzdem noch ne Runde!“

aufgezeichnet von W. R.

Spezialoperationen

DER Spiritus Rector der Freien Universität Frechen grüßt alle BesucherInnen im neuen Jahr und wünscht ein gutes 2026!


Wer weiß, was alles passieren mag. Schon mehrfach habe ich darauf hingewiesen, dass W. Putins „standing“ im Krieg gegen die Ukraine hierzulande oft überschätzt wird. Man sollte dazu das größere Bild nicht aus den Augen verlieren.
Zum größeren Bild gehört aktuell die jüngste „militärische Spezialoperation“ von Donald Trump. Wer vom Schlag gegen Venezuela und der Entführung von Maduro und seiner Frau überrascht ist, verkennt Trumps Bewunderung für Putin: Trump möchte so wie Putin machen, was er will, ohne irgendwelche Hemmungen oder Rücksichten.
Aber mit dieser „Spezialoperation“, die Trump gern als Strafverfolgungs-Aktion und nicht als militärische Intervention gesehen haben möchte (offiziell: das US-Kriegsministerium leistete dem Justizministerium Hilfe, das Anklage gegen Maduro erhob), bringt Trump seinen Buddy Putin in die Bredouille.
Putin verliert ein weiteres Mal einen Bündnispartner, dem er nicht beistehen kann. Und warum? Weil seine Kräfte durch den Krieg gegen die Ukraine gebunden sind. Das zeigte sich schon bei der Eroberung der Region Berg-Karabach durch Truppen Aserbaidschans (Sept. 2023), als Russland seinem Verbündeten Armenien nicht beistand. Das zeigte sich beim Fall des Assad-Regimes in Syrien (8.12.2024), dem Putin früher bei der Bombardierung von Wohnvierteln und Krankenhäusern in Rebellengebieten unter die Arme gegriffen hatte.

Und jetzt Maduro in Venezuela! Putin hat, auch wenn er das Gegenteil behauptet, alle Hände voll zu tun, um nicht nur im Ukraine-Krieg nicht ins Hintertreffen zu geraten, sondern auch seine Herrschaft in Russland stabil zu halten.
Bisher hat Trump ihm immer wieder geholfen, als starker Mann dazustehen. Nun könnten aber einige Leute, mehr als zuvor, fragen, ob der Kaiser wirklich so tolle Kleider trägt, und ob seine Erfolgsstory in der Ukraine nicht in Wahrheit schon viel zu lange viel zu hohe Verluste einfährt — an der Front wie auch in der Wirtschaft.
Putin kann es sich nicht leisten, jetzt Trump zu verärgern, das würde seine Karten im Spiel mit Trump verschlechtern, das er bisher so gut beherrscht hat. Denn in Wahrheit hängt Putin inzwischen ein großes Stück weit vom Wohlwollen Trumps ab. Er könnte seine Karten überreizen, wenn er wie bisher auf Maximalforderungen beharrt, auf de-facto-Kapitulation der Ukraine. Für ihn könnte es sehr schnell darum gehen, das Gesicht nicht zu verlieren, vor allem innenpolitisch.
Trump versucht übrigens auch, die Unzufriedenheit mit steigenden Lebenshaltungskosten in den USA durch Flucht in außenpolitische Aktionen zu dämpfen. Dabei trägt er selbst zur Misere bei, sowohl durch seine Zollwut als auch durch die Verfolgung illegaler Einwanderer, die nun als Arbeitskräfte der Landwirtschaft fehlen.
Manchmal fragt sich der Beobachter, ob Trump überhaupt in der Lage ist, wirtschaftliche Folgen seiner Dekrete im Voraus zu überdenken. Vermutlich fehlen ihm dazu die richtigen Berater. Denn wer ihm widerspricht, auf den hört er nicht, der wird gefeuert.
Aber das wissen Sie, die informierteren BesucherInnen dieses Blogs, ohnehin schon. Also, genug davon. Ich will nicht wiederholen, was schon vor Wochen und Monaten hier zu lesen war.

Was viele BeobachterInnen vom neuen Jahr erhoffen: Europa möge sich endlich — endlich!! — zusammenraufen und, statt quälende Uneinigkeit zu demonstrieren, zu gemeinsamer Handlungsfähigkeit finden und damit seine Stärke realisieren. Du meine Güte, wenn 27 Staaten gemeinsam einstimmig abstimmen müssen, ein paar wenige Politiker aber ihr nationalistisches Süppchen kochen und die Einigkeit torpedieren, dann werft sie raus, stellt sie kalt, sperrt ihnen die EU-Subventionen, da wird doch was gehen, nicht nur bei Orban aus Ungarn. Das wäre doch auch im eigenen, wohlverstandenen Interesse ihrer Länder! Denn in der heutigen Weltlage gilt umso mehr: „Allein — machen sie dich ein!“ (mehr > …und Europa? vom 30.04.2025)

S.R.

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Nachtrag am 05.01.2026: Großes Ablenkungsgepolter kam vom Oberschmutzwerfer der russischen Propaganda, Medwedew: Er überlegte laut, man könne doch eine Entführung von Kanzler Merz ins Auge fassen. Tja, wenn das schon ein akzeptiertes Mittel der Politik werden sollte, dann schau mal lieber auf deinen Chef Putin: Sicher, dass er es im Zweifel in den Safe Room schaffen würde?

Ergänzung am 07.01.2026: Putin hat’s offenbar nötig. Um Zweifel am Sinn seines Ukraine-Krieges möglichst zu übertünchen, zieht er die religiöse Karte und nennt seine Soldaten „heilige Krieger“. Unterstützung bekommt er dabei schon seit Jahren vom Metropoliten Moskaus, der auch aus kirchenpolitischem Eigeninteresse Putins Krieg gegen die Ukraine unterstützt — ein klassisches Bündnis von Kirche und staatlicher Macht als Win-Win-Situation, wie wir es seit Jahrhunderten kennen.

Nachtrag am 08.01.2026: Trump wäre nicht Trump, wenn er seine Maduro-Show nicht nur auskosten, sondern — ehe Kritik zu laut wird — gleich noch einen draufsetzen würde. Weitere Staaten und Gebiete kommen ins Fadenkreuz seiner imperialistischen Überlegungen, er kündigt eine enorme Erhöhung des US-Rüstungsetats an (der eh schon Weltspitze ist), finanziert durch Strafzölle, alles zu dem Zweck, der Welt den Stinkefinger zu zeigen: Uns bzw. mich kann keiner aufhalten, wagt es gar nicht erst!

Und um auch im Inneren Klarheit zu schaffen, verurteilt er den tödlichen Kopfschuss eines ICE-Mannes auf eine Autofahrerin nicht etwa, sondern entschuldigt das als Notwehr gegen eine „Terroristin“! Alles klar? Vergesst den Rechtsstaat ebenso wie internationales Recht, hier bestimme ich! Das ist Trumps Botschaft.

Notabene am Rande: Trumps Vize Vance schwadroniert ohne Sachkenntis über Grönland. Dänemark habe die Grönländer in der Vergangenheit zeitweise schlecht behandelt, und er vergisst dabei den Schulterblick zurück auf die US-Vergangenheit, in der indigene Einwohner der USA (früher „Indianer“ genannt) ziemlich schlecht behandelt wurden (Die Fakten sind bekannt, das braucht hier nicht näher erläutert zu werden).

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Mal etwas Zeitgeschichte: Überraschende Wendung

IN der Geschichte hat es schon öfter überraschende Wendungen gegeben, d.h. unerwartete Ereignisse, die den Lauf der Dinge entscheidend verändert haben. In der jüngeren Geschichte, auch Zeitgeschichte genannt, zählt dazu z.B. der unerwartet plötzliche „Fall der Mauer“ in Berlin.
Wie viele Andere verfolgte ich die Ereignisse um den 9.11.1989 anhand der TV-Nachrichten (in ARD und ZDF). Als Günter Schabowski auf der im Nachhinein berühmten Pressekonferenz am frühen Abend des 9. November noch einen Zettel zur Hand nahm und dann Reisefreiheit für DDR-Bürger bekannt gab, fragte ein Journalist nach, ab wann dies gelte, und Schabowski, selbst nicht auf die Frage vorbereitet und ohne nähere Informationen, antwortete: „Das gilt — nach meiner Kenntnis — ab sofort. Unverzüglich.“ Er verstand darunter den üblichen Instanzenweg, „sofort“ bedeutete demnach den bürokratischen Ablauf, der am 10.11. für Antragsteller beginnen würde. Aaaber… was die DDR-Funktionäre nicht auf dem Schirm hatten, war das westliche Mediengeschäft, wo jeder der Erste mit „breaking news“ sein wollte. So kam es, dass Journalisten in die Redaktionen telefonierten und diese daraus sofort Schlagzeilen machten: Reisefreiheit! Die Mauer ist offen! So eröffnete u.a. auch das Erste Deutsche Fernsehen die Nachrichten am Abend. Das sah ich live, und das sahen auch viele DDR-Bürger in Ost-Berlin; einige wollten das nicht glauben und sagten sich: Da gehen wir hin und schauen selbst nach, ob das stimmt. So kam es zu den bekannten Bildern im Fernsehen: An einigen Kontrollpunkten an der Berliner Mauer sammelten sich DDR-Bürger und wollten wissen, was Sache sei. Die Grenzpolizisten waren völlig ahnungslos und ohne jede Weisung, die höheren Vorgesetzten ebenso ahnungslos, im Feierabend und nicht direkt erreichbar. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Am späten Abend ließen die Grenzer angesichts großer Menschenaufläufe an wenigen Stellen tatsächlich die Schlagbäume hochgehen, und die Menschen strömten hinüber und genossen einen Ausflug nach Westberlin. Das war nicht mehr zurückzudrehen — zumal die neue Regelung am 10.11. eh in Kraft treten sollte, wenn auch in bürokratisch geordneter Form.
Günter Schabowski wurde (in meinen Augen eher zu Unrecht) zum Sündenbock, ja sogar zum Trottel abgestempelt, weil er für die verstolperte Mauer-Öffnung verantwortlich sei. Ja, was sollte er denn tun? Er war nicht anwesend, als am Ende der Sitzung des ZK vom 09.11.89 noch dieser Beschluss gefasst wurde, denn er war auf dem Weg in die Pressekonferenz, Egon Krenz drückte ihm zwischen Tür und Angel noch das Papier mit der neuen Regelung in die Hand. Schabowski hatte keine Zeit, sich dieses Papier durchzulesen, er notierte sich das Wichtigste nach Krenz‘ Angaben stichwortartig auf einen Zettel. Entsprechend stockend verlas und verkündete er die neue Reisefreiheit. Ihm ging es ähnlich wie bald darauf den Grenzern, die nicht mit den nötigen Informationen versorgt und daher überrumpelt wurden.

Dieser Vorgang, dass eine für den 10.11. vorgesehene Verfügung durch die verstolperte Kommunikation schon am Abend des 9.11. Fakten schuf, überraschte alle Akteure und Beobachter. Manche entsetzten sich bald danach: Ausgerechnet am 9.11.! Aber das hatte sich so niemand ausgesucht; wie man später hörte, war es vielmehr eine Folge unklarer Kommunikation zwischen Krenz und Schabowski und — wohl mehr noch — der Eigendynamik in den westlichen Medien, die auch in der DDR gesehen und gehört wurden.

Es war zu erwarten gewesen, dass früher oder später die Reisebeschränkungen für DDR-Bürger gelockert würden. Aber so hatte sich den Ablauf niemand vorgestellt, geschweige denn ihn vorausgesehen.

Dazu gibt es eine ausführliche Darstellung aus Sicht eines damaligen DDR-Bürgers: Die abgelesene Maueröffnung

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