Schlagwort-Archive: 1989

Mal etwas Zeitgeschichte: Überraschende Wendung

IN der Geschichte hat es schon öfter überraschende Wendungen gegeben, d.h. unerwartete Ereignisse, die den Lauf der Dinge entscheidend verändert haben. In der jüngeren Geschichte, auch Zeitgeschichte genannt, zählt dazu z.B. der unerwartet plötzliche „Fall der Mauer“ in Berlin.
Wie viele Andere verfolgte ich die Ereignisse um den 9.11.1989 anhand der TV-Nachrichten (in ARD und ZDF). Als Günter Schabowski auf der im Nachhinein berühmten Pressekonferenz am frühen Abend des 9. November noch einen Zettel zur Hand nahm und dann Reisefreiheit für DDR-Bürger bekannt gab, fragte ein Journalist nach, ab wann dies gelte, und Schabowski, selbst nicht auf die Frage vorbereitet und ohne nähere Informationen, antwortete: „Das gilt — nach meiner Kenntnis — ab sofort. Unverzüglich.“ Er verstand darunter den üblichen Instanzenweg, „sofort“ bedeutete demnach den bürokratischen Ablauf, der am 10.11. für Antragsteller beginnen würde. Aaaber… was die DDR-Funktionäre nicht auf dem Schirm hatten, war das westliche Mediengeschäft, wo jeder der Erste mit „breaking news“ sein wollte. So kam es, dass Journalisten in die Redaktionen telefonierten und diese daraus sofort Schlagzeilen machten: Reisefreiheit! Die Mauer ist offen! So eröffnete u.a. auch das Erste Deutsche Fernsehen die Nachrichten am Abend. Das sah ich live, und das sahen auch viele DDR-Bürger in Ost-Berlin; einige wollten das nicht glauben und sagten sich: Da gehen wir hin und schauen selbst nach, ob das stimmt. So kam es zu den bekannten Bildern im Fernsehen: An einigen Kontrollpunkten an der Berliner Mauer sammelten sich DDR-Bürger und wollten wissen, was Sache sei. Die Grenzpolizisten waren völlig ahnungslos und ohne jede Weisung, die höheren Vorgesetzten ebenso ahnungslos, im Feierabend und nicht direkt erreichbar. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Am späten Abend ließen die Grenzer angesichts großer Menschenaufläufe an wenigen Stellen tatsächlich die Schlagbäume hochgehen, und die Menschen strömten hinüber und genossen einen Ausflug nach Westberlin. Das war nicht mehr zurückzudrehen — zumal die neue Regelung am 10.11. eh in Kraft treten sollte, wenn auch in bürokratisch geordneter Form.
Günter Schabowski wurde (in meinen Augen eher zu Unrecht) zum Sündenbock, ja sogar zum Trottel abgestempelt, weil er für die verstolperte Mauer-Öffnung verantwortlich sei. Ja, was sollte er denn tun? Er war nicht anwesend, als am Ende der Sitzung des ZK vom 09.11.89 noch dieser Beschluss gefasst wurde, denn er war auf dem Weg in die Pressekonferenz, Egon Krenz drückte ihm zwischen Tür und Angel noch das Papier mit der neuen Regelung in die Hand. Schabowski hatte keine Zeit, sich dieses Papier durchzulesen, er notierte sich das Wichtigste nach Krenz‘ Angaben stichwortartig auf einen Zettel. Entsprechend stockend verlas und verkündete er die neue Reisefreiheit. Ihm ging es ähnlich wie bald darauf den Grenzern, die nicht mit den nötigen Informationen versorgt und daher überrumpelt wurden.

Dieser Vorgang, dass eine für den 10.11. vorgesehene Verfügung durch die verstolperte Kommunikation schon am Abend des 9.11. Fakten schuf, überraschte alle Akteure und Beobachter. Manche entsetzten sich bald danach: Ausgerechnet am 9.11.! Aber das hatte sich so niemand ausgesucht; wie man später hörte, war es vielmehr eine Folge unklarer Kommunikation zwischen Krenz und Schabowski und — wohl mehr noch — der Eigendynamik in den westlichen Medien, die auch in der DDR gesehen und gehört wurden.

Es war zu erwarten gewesen, dass früher oder später die Reisebeschränkungen für DDR-Bürger gelockert würden. Aber so hatte sich den Ablauf niemand vorgestellt, geschweige denn ihn vorausgesehen.

Dazu gibt es eine ausführliche Darstellung aus Sicht eines damaligen DDR-Bürgers: Die abgelesene Maueröffnung

——-