Unglaublich! Ich traute meinen Augen nicht, ich musste ganz genau hinsehen, als ich die Bilder im Fernsehen sah: Abgeordnete in der Knesset mit einem Anstecker am Revers, der eine Galgenschlinge darstellte. Das waren rechtsradikale Politiker, die sich laut für die Verschärfung der Todesstrafe stark machen.“ So tönte es vom Tresen-Stammtisch, als ich gestern meine Stammkneipe betrat.
„Jetzt lässt die Regierung Netanjahu ganz die Maske fallen: Sie sind ein Haufen rechtsradikaler Rassisten! Todesstrafe für Terroristen, aber nur für Palästinenser. Und wer Terrorist ist, bestimmen nicht die Betroffenen.“
„Nu komm, werd nicht antisemitisch. Die Israelis müssen sich doch wehren.“
„Aber nicht so! Wir wissen doch längst, dass in vielen Ländern das Wort ‚Terrorist‘ nach Belieben verwendet wird, besonders in Autokratien. Und komm mir nicht mit ‚antisemitisch‘! Ich bin Freund von Juden, ich kenne welche gut, die hier in Deutschland leben. Ich kann die Leute nicht verstehen, die den hirnrissigen Märchen über Juden glauben, anstatt ihrem Verstand zu folgen. Aber wenn ich die zahlreiche Wählerschaft der AfD sehe, dann zweifele ich sowieso am Fortschritt der menschlichen Entwicklung.“
„Da sagst du was! Der Homo Sapiens bildet sich was ein auf sein großes Hirn — dabei scheinen Viele der Gattung zu verlernen, dieses Hirn auch zu benutzen.“
„Genau! Der Antisemitismus ist dafür ein deutliches Beispiel. Wir fallen trotz technischer Neuheiten zurück ins Mittelalter, geistig-moralisch jedenfalls.“
„In den USA sieht es nicht besser aus. Rassismus wird sogar durch die Trump-Regierung gefördert. Wie 19. Jahrhundert ist das denn: ‚White supremacy‘, und von massakrierten Indianern und von Sklaverei wollen sie nichts mehr hören. Make white America great again, das ist in Wahrheit Trumps Parole. Und einige schwarze Wähler haben das noch nicht durchschaut.“
„Hör mir auf mit Durchschauen. Bei uns wählen Arbeiter die AfD, obwohl diese Partei gar nichts für sie tun will. Ich vermute, diese Wähler fallen auf das Märchen herein, die Zuwanderer würden ihnen Jobs und Wohnungen wegnehmen. Mir scheint, die deutschen Arbeiter waren schon mal klüger.“
„Vorsicht. Ich hab vor Jahren mal gelesen, dass im vorigen Jahrhundert bei uns viele Arbeiter auch CDU gewählt haben. Rein von der Logik der Interessen hätten sie eher SPD wählen müssen. Aber denen war vielleicht das frühere Klassenbewusstsein abhanden gekommen.“
„Weil sie vielleicht schon verbürgerlicht waren, sie wollten nicht Arbeiter sein, sondern Mittelschicht, was ‚Besseres‘ eben. Die orientierten sich am Bürgertum, nachdem sie sich eine Dreizimmerwohnung, ein Mittelklasse-Auto und einen Farbfernseher leisten konnten.“
„Blieben aber Lohnabhängige. Und hätten wissen müssen, dass Lohnerhöhungen oder bessere Arbeitsbedingungen am ehesten mit Gewerkschaften durchsetzbar waren. Trotzdem traten viele um 2000 herum aus der Gewerkschaft aus.“
„Ja, der alte Spruch ‚Allein machen sie dich ein‘ geriet in Vergessenheit. Das wurde überhaupt ein Trend: Vereinzelung. Heutzutage liest man überall von Einsamkeit als verbreitetem Problem.“
Oha, da fühlte ich mich ertappt. Denn ich saß abseits allein an einem Tisch und aß mein Menü, ohne Tischgesellschaft, ohne Gesprächspartner. Und zu Hause wartete auch niemand auf mich. Ob ich das ändern sollte? Ich kam ins Grübeln, und darüber verpasste ich das weitere Gespräch am Tresen…
W. R.