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Nur noch Realsatire?

EIGENTLICH wollte ich mal wieder in Ruhe in meiner Stammkneipe ein Schnitzel verspeisen, doch mit der Ruhe war es bald vorbei. Denn am Tresen wurde es in der Stammtisch-Runde laut.
„Menschenskind, begreifst du denn nicht? Der Merz und seine Politikerriege leben auf einem anderen Planeten! Die wissen so wenig vom Alltag der großen Mehrheit, dass sie solchen Unsinn produzieren. Das mit den Attesten am ersten Tag hat auch den Protest der niedergelassenen Ärzte provoziert.“
„Und was die Bär als Bafög-Reform vorgeschlagen hat, war auch realitätsfern.“
Und jetzt kommt der Spahn mit seinem Leihmutter-Kind aus den USA, ja wo simmer denn? Hier macht er sich gegen Leihmutterschaft stark, und dann…“
„… entscheidet er sich mit seinem Partner für eine Vaterschaft, obwohl das für ihn politisch heikel ist. Klar, dass er nun ein Problem als Politiker hat, aber menschlich — ich muss sagen, ich konnte ihn nicht leiden, aber jetzt kriegt er für mich zum ersten Mal menschliche Züge.“
„Ist eine Frage, an der sich die Geister scheiden, das mit der Leihmutterschaft. Einer von der CSU redete vom christlichen Menschenbild, und dass das nicht ginge aus Respekt vor dem Leben. Also, ich habe den Respekt vor dem Leben schon an anderen Stellen vermisst, und zwar vor dem längst geborenen.“
„Genau! Zum Beispiel vor den sogenannten vulnerablen Gruppen, die sehr unter den Hitzeperioden leiden, die wir immer öfter erleben. Da wird Klimapolitik der Wirtschaft zuliebe …“
„… und aus antigrüner Besessenheit…“
„… total ausgeblendet, ja sogar zurückgedreht, und man tut so, als sei das auch der Wille der Bevölkerung. In Umfragen sagen Viele aber etwas Anderes.“
„Und lokal werden hier in Köln gern mal reihenweise alte Bäume gefällt, weil Bauvorhaben wichtiger sein sollen. Ausgerechnet jetzt, wo bei sehr vielen Menschen der Groschen gefallen ist: Der Klimawandel ist keine Theorie, er ist schon da, und es wird schlimmer.“
„Trotzdem wird in Chefetagen und Verwaltungen immer noch getrickst und getäuscht, wenn es um Grün in der Stadt oder um Verkehrspolitik geht. Das Verbrenner-Aus für Neuwagen ab 2035 hat die Union torpediert, sie hat sich gegen ein Tempolimit auf Autobahnen gewehrt…“
„… wobei hier nicht das Ausland zum Vergleich genommen wird, wo es fast überall Tempolimits gibt. Aber wenn es um Atomkraftwerke geht, dann ziehen sie gern das Ausland aus der Tasche, wo angeblich überall die AKWs auf dem Vormarsch sind. Man zieht nur Vergleiche, wenn’s gerade passt.“
„Oder es wird passend gemacht. So werden auch Statistiken benutzt. Da pickt man sich Daten zum Vergleich heraus, um irgendwas zu beweisen, und verschweigt dabei, dass man tatsächlich Äpfel mit Birnen vergleicht.“
„Sarkastisch gesprochen, sage ich dir: Sei froh, dass sie sich wenigstens diese Mühe machen. Denn schlimmer geht immer, siehe Trump. Der lügt schamlos in die Fernsehkameras und auf seinem Kanal, dass sich die Balken biegen. Jetzt versuchen angeblich die Chinesen, Wahlen in den USA zu manipulieren. Seine Niederlage gegen Biden damals war ja angeblich eine gestohlene Wahl.“
„Die Chinesen müssen bei Trump ja für alles Mögliche herhalten.“
„Dabei gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass 2016 Putin ihm bei seiner ersten Wahl zum Präsidenten geholfen hat. Später hat Trump alle verfolgt und gestraft, die damals in Sachen russische Einflussnahme ermittelt haben.“
„Ja, rachsüchtig ist er auch, der Lügenbaron und Möchtegern-Kaiser.“
„Er ist einfach unmöglich als Politiker.“
„Da passt er gut mit Infantino zusammen, der ist unmöglich als FIFA-Präsident. Beide haben nur Geldgier im Kopf.“
„Da werden alle Maßstäbe von Moral und Anstand in die Tonne gekloppt. Das ist alles nur noch Realsatire.“
„Genau, wer das vor zwölf Jahren vorausgesagt hätte, wäre nicht mal als Komiker ernst genommen worden.“
„Überlegt euch das mal: So weit sind wir gekommen! Was ist aus dieser Welt geworden, wenn die Großkopferten sich nicht mal mehr Mühe geben, ihre Unmoral zu verbergen…“
„… während ich jetzt mal gegenüber unserem Jupp nicht verbergen will, dass Nachschub in unseren Gläsern äußerst willkommen wäre. Leute, positiv denken! Trotz alledem! Jupp, schaff er frisches Bier herbei! Und dann wollen wir uns die Welt ein bisschen schöner trinken!“


aufgezeichnet von W. R.

Sagen: So nicht!

ENDE Mai 2026 äußerten Unions-Politiker Zweifel an der scheinbar in der Regierungkoalition längst beschlossenen Bafög-Erhöhung zum kommenden Wintersemester.

Mail an kah@cdu.de [=CDU-Zentrale im Konrad-Adenauer-Haus, Berlin], gesendet am 01.06.2026 [hier wörtlich wiedergegeben]:

Bafög

Guten Tag!

„Was erlauben Spahn? Was erlauben Bär?“ so könnten empörte Rufe von der Seitenlinie lauten. Es erschließt sich (nicht nur) mir überhaupt nicht, wieso man an der Unions-Spitze plötzlich die beschlossene Bafög-Erhöhung in Frage stellt. Wenn das nicht wieder verdeckte Wahlkampfhilfe für die AfD ist …

Ich (im Alter von 70+) bin nicht mal indirekt von diesem Thema betroffen. Aber ich frage mich, was der Union einfällt, auch noch die letzten Stimmberechtigten der AfD zuzutreiben. Frau Bär müsste besser wissen, wie es um die realen Lebensverhältnisse sehr vieler Studierender steht. Dennoch behauptet sie, die Studierenden seien „sehr privilegiert“. Woran macht sie das bloß fest? Es wurde längst sachlich festgestellt, dass das Bafög in der bisherigen Gestaltung wenig dazu beiträgt, ein zügiges Vorankommen im Studium zu ermöglichen. Nicht die Studierenden sind „sehr privilegiert“, sondern nach Frau Bärs Vorstellung zukünftig die ohnehin privilegierten aus finanziell sehr gut gepolsterten Familien. Ich brauche nicht näher auszuführen, was für einen verheerenden Eindruck das hinterlässt, oder?

Übrigens wirft das weitere Fragen auf, z.B. diese: Wo sollen zukünftig all die klugen Köpfe herkommen, die Deutschland braucht, um international Schritt zu halten? Wenn man den Intelligenz-Pool der Bevölkerung auf die gut Betuchten einengt, wird das für Deutschland Folgen haben. Wir hatten vor rund 60 Jahren (die Älteren werden sich vielleicht erinnern) schon einmal die Situation, dass das herkömmliche Bildungssystem zu wenig Hochschulabsolventen lieferte und u.a. die Wirtschaft von der Politik Maßnahmen forderte …

Wer es ganz schwarz sehen will, stellt fest: Deutschland steckt schon in einer Bildungskatastrophe, und die Union will noch eins draufsetzen. Das kann doch wohl nicht wahr sein!!

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Reinert


Angst essen Seele auf

ES fällt PolitikerInnen meistens leicht, über die Pflichten anderer Leute zu reden und von ihnen etwas zu verlangen — so auch am 03.11.25 Jens Spahn, Fraktionschef der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag. Nachdem Außenminister Wadephul (CDU) persönlich die Zerstörungen in Syrien in Augenschein genommen hatte, sagte er, dass er momentan die massenhafte Rückkehr geflohener Syrer nicht für angesagt halte, wenn er das Ausmaß der Zerstörungen auch in der Infrastruktur sehe.
Dagegen brachte Spahn ins Spiel, es sei die „patriotische Pflicht“ der syrischen Flüchtlinge, zurückzukehren und beim Aufbau ihrer Heimat zu helfen.
Da wird manch ein Kenner der Realität in Deutschland spontan aufgestöhnt und sich an den Kopf gefasst haben: Wie kann Spahn so reden, wenn wir die syrische Ärzte, Pflege- und sonstige Fachkräfte in diesem Land brauchen!
Aber geht es überhaupt darum, den bald drohenden Kollaps unseres Gesundheitssystems zu verhindern — oder geht es nicht eher darum, kurzfristig populistisch auf Stimmenfang zu gehen und der in Umfragen starken AfD ein paar Stimmen abzujagen?
Was wir hier symptomatisch miterleben können, ist die abschüssige Bahn, auf die Deutschland gerät, wenn AfD-Parolen und ihre völkisch-ausländerfeindliche Grundausrichtung bei Wählern verfangen — und aus Angst vor Machtverlust in der Union aufgegriffen werden.

Ist es nicht außerdem unverschämt, Ausländern eine „patriotische Pflicht“ zu diktieren, wenn das erstens ihre eigene Sache ist, und wenn zweitens keine Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse in Syrien genommen wird? Und mir kommen da auch Zweifel, ob man bei einem durchaus nicht geeinten Syrien von einer homogenen Nation sprechen kann, für die sich alle Syrer selbstverständlich „patriotisch“ ins Zeug legen wollen oder sollen.

Da liegt überhaupt der Hase im Pfeffer: Manche PolitikerInnen hierzulande erzählen den Deutschen irgendwas über Syrer oder Menschen aus anderen Ländern, und das verfängt bei Vielen, weil sie uninformiert sind. So geht meist die AfD vor. Deren Vorsitzende Alice Weidel tönte sofort nach dem Sturz Assads, jetzt könnten alle geflüchteten Syrer umgehend zurückgehen, denn es gebe keinen Fluchtgrund mehr. Dabei wusste jeder informierte Zeitgenosse, wie es in vielen Teilen Syriens aussieht. Und unser Außenminister hat es sich vor Kurzem in Syrien live angeschaut. Da ist es völlig nachvollziehbar, dass er eine massenhafte Rückkehr der Flüchtlinge ausschließt, solange nicht abzusehen ist, wie und wovon sie dort leben sollen. Das ist so klar, dass man sich fragen muss: Was soll der shitstorm gegen Wadephul aus Teilen der Union?

Und da wir gerade bei diesem Thema sind: Immer noch ist der Umgang mit Afghanen beschämend, die nach Pakistan geflüchtet sind und eine Aufnahmezusage von Deutschland haben. Ich will mich nicht wiederholen, aber ich erinnere daran, was für einen schlechten Eindruck das macht, und was man international in Zukunft von Zusagen aus Deutschland halten wird — z.B. wenn wir mal wieder auf Hilfe von Ortskräften im Ausland angewiesen sein könnten.

Man kann Wadephul Empathie zugute halten, oder auch Vernunft und Realismus. Jedenfalls vermisse ich derzeit in unserer Regierung z.T. diese Eigenschaften, und darüber hinaus vermisse ich eine positive Strategie, wie man die Menschen hier von der Ablehnung populistischer Parolen überzeugt (statt die Populisten nachzuäffen).

Was dieses Land dringend braucht, ist eine positive Erzählung vom künftigen Leben in einem demokratischen, toleranten Deutschland.

Es hilft überhaupt nicht, den Leuten Sand in die Augen zu streuen und ihnen vorzugaukeln, alle Veränderungen der letzten Jahrzehnte in der Welt könnte man zurückdrehen oder außen vor halten. Das glaubt sowieso kein Mensch, der bei Verstand ist. Also muss „die Politik“ uns BürgerInnen positiv darstellen, wie wir mit der Zeit gehen und dabei keine schwerwiegenden Verluste erleiden, und wie wir auch Chancen nutzen, die sich aus Veränderungen ergeben.

Derzeit scheint eher das Prinzip „Angst essen Seele auf“ zu dominieren: Aus Angst vor den Rechtspopulisten gibt Deutschland seine tolerante, menschenfreundliche Seele auf und setzt aus kurzfristigen, wahltaktischen Motiven auf Angleichung an negative Erzählungen von Rechts, auf Abschottung, auf politischen Rückwärtsgang, auf fremdenfeindliche Kälte… Der Effekt ist keine Zurückdrängung der AfD, weil das Angleichungsverhalten eher eine Bestätigung der AfD als eine Bekämpfung ihrer Parolen ist.

Darum noch einmal: Verkündet endlich ein positives Bild, die Vision eines demokratischen Landes mit menschenfreundlichem Gesicht!

W. R.


Der Schaden ist angerichtet

WAS geschah am Freitag, dem 11.07.2025 im Berliner Reichstag? Drei neue RichterInnen für das Bundesverfassungsgericht waren von einem Sachverständigen-Ausschuss nominiert, vorgeschlagen von den Regierungsparteien. Gewählt sind sie erst, wenn der Bundestag mit Zweidrittelmehrheit dem Vorschlag zugestimmt hat. Das war früher meist eher eine Formsache. Diesmal aber wurde die Abstimmung sehr kurzfristig abgesagt, weil die Unionsparteien sich nicht sicher waren, ob nicht einige CDU-Abgeordnete ihre Zustimmung verweigern würden.
Die BesucherInnen dieser Website erinnern sich sicher noch an die Nachrichten, als das Thema die Schlagzeilen beherrschte und Ursachen und Folgen erörtert wurden, von dem schlechten Job des CDU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn bis zu möglichen Ablehnungsgründen.
Unter den drei Kandidaten: die Top-Juristin Frauke Brosius-Gersdorf. Tage vor der geplanten Abstimmung kochte eine orchestrierte Welle hoch, eine Kampagne gegen die angebliche Befürworterin einer extrem liberalen gesetzlichen Abtreibungsregelung und Verfasserin einer angeblichen Plagiatsdoktorarbeit. Das alles stellte sich schnell als falsch heraus, reichte aber, um einigen CDU-Parlamentariern Bedenken wachsen zu lassen. Der Schaden ist angerichtet, das Parlament in die Sommerpause gegangen.
In der Nacht zum16.07. schrieb W. R. eine Mail an die CDU-Zentrale in Berlin mit folgendem Wortlaut:
Guten Tag, in Kürze gesagt: Wenn die Union sich von einer gezielten Social-Media-Kampagne treiben lässt und falsche Behauptungen ungeprüft zur Grundlage wichtiger Entscheidungen im Parlament macht, dann „Gute Nacht!“ parlamentarische Demokratie!
Ich rede nicht von einem möglichen Fehler von Herrn Spahn, darüber mögen Andere streiten. Ich frage mich, wie die Unions-Abgeordneten ticken, die sich in die Oppositionsrolle gegen die eigene Regierung begeben. (Bei der Kanzlerwahl tauchte die Frage schon einmal auf.) Ich dachte, das hätte es nur in der Ampel gegeben (mit der FDP).
Und davon abgesehen: Wo bleibt der Respekt vor einem Verfassungsorgan? Das läuft auf Wahlhilfe für die AfD hinaus…
Mit freundlichen Grüßen Wolfgang Reinert, Köln

Im Übrigen darf man gespannt sein, wie sich die Sache weiterentwickelt.
W. R.

Zwischenstand am 21.07.: Wahl der Bundesverfassungsrichter: SPD-Fraktion kritisiert Aussagen aus Union zur Verfassungsrichterwahl | DIE ZEIT

Zusatz am 23.07.2025: „Der Schaden ist angerichtet“ — das muss man auch an einigen anderen Stellen kritisieren. So wurde schon oft berichtet, dass die Behörden in Sachen Abschiebungen stur und mit dem Ziel von größeren Zahlen vorgehen, dabei menschliche Rücksichten hintanstellen und, trotz laufender Eilanträge vor Gericht, eilig Abschiebungen betreiben. Schlimmer noch: „Wir schieben die Falschen ab“, hieß es schon oft und seit Jahren, weil a) häufig gut integrierte Zugewanderte, teils sogar in Mangelberufen tätig, rigoros aus formalen Gründen abgeschoben werden, und weil b) offensichtlich Schutzbedürftige aus fadenscheinigen Gründen ins Flugzeug gesetzt werden, wie zuletzt eine Jesiden-Familie mit vier Kindern (Wir erinnern uns: Jesiden sind Opfer des IS-Völkermords, sofern sie nicht versklavt wurden).

Solches Vorgehen ist nicht gerade geeignet, das Vertrauen in Behörden und die EntscheiderInnen in der Politik zu stärken. Offenbar wird in Deutschland die Befolgung von Vorschriften und Vorgaben „von oben“ prinzipiell höher bewertet als dem Einzelfall angemessene Entscheidungen mit gesundem Menschenverstand. Hinzu kommt leider „oben“ eine Tendenz zu Populismus und Symbolpolitik nach dem Motto: War der Straftäter ein Zugewanderter? Wenn ja, rufen wir sofort eine Verschärfung von Grenzkontrollen und der Flüchtlingspolitik aus. So läuft es — man könnte argwöhnen: nach dem Vorbild von Trumps gnadenloser Hetzjagd gegen „illegale Einwanderer“.

Meine Unterstützung für diese Haltung habt Ihr NICHT!

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