MAL wieder in meiner Stammkneipe, wieder hörte ich den Tresen-Stammtisch in eifrigem Gespräch, das zeitweise laut wurde:
„Habt Ihr das schon gehört: Die Ablehnung der AfD ist bei BürgerInnen ab 70 am größten.“
„Das sind ja schlimme Aussichten! Die sterben bald weg, besonders bei der kommenden Hitze — jaaa, jetzt wird mir auch klar, warum die AfD weiter stur den Klimawandel leugnet und nur von heißem Sommerwetter spricht. Die wollen gar nichts für Hitzeschutz tun, damit noch mehr Alte wegsterben und nicht mehr andere Parteien wählen.“
„Das sind die Alten, die nicht auf TikTok etc. von Propaganda der AfD und Russland erreicht werden.“
„Oder die dagegen immun sind, weil sie noch soviel wissen: Diese Propaganda erinnert in Vielem den Sprüchen, die schon die Nazi-Propaganda geklopft hat.“
„Genau, siehe den Kulturkampf der AfD gegen das Bauhaus. Man glaubt es kaum, aber es ist wahr: Die holen dieselben Vorbehalte und Lügen aus der Mottenkiste, die schon vor ca. 100 Jahren in Weimar von rechtskonservativen Provinz-Holzköpfen benutzt wurden.“
„Davon habe ich auch gehört. Moderne Aufgeschlossenheit für Freiheit und Experimentierfreudigkeit in der Kunst, das soll ‚antideutsch‘ sein! In Weimar sagten sie damals ‚undeutsch‘. Den alten Provinzialismus wärmt die AfD einfach wieder auf und setzt wieder einmal auf Gefühle von Überforderung und Ressentiment.“
„Den Spruch der 68er ‚Unter den Talaren Muff von tausend Jahren‘ könnte man hier abgewandelt wieder anwenden. Provinzieller Muff ist das Kulturkonzept der AfD. Sowas wie Nazi-Kunst und Sozialistischer Realismus, alter, abgestandener Wein in neuen Schläuchen. Mit sowas würde sich Deutschland in der Welt doch nur lächerlich machen.“
„Eben! Während das Bauhaus international Ansehen genießt, will die AfD sich davon distanzieren und sich lieber in völkischem Muff verkriechen.“
„Überhaupt — was soll denn ‚völkisch‘ heißen? In unserer heutigen, vernetzten Welt ist es völlig daneben, sich in ein Schneckenhaus zurückzuziehen und so zu tun, als könnte man wirtschaftlich, kulturell oder sonstwie autark und abgeschottet bestehen. Das war schon in den 1930er Jahren nicht mehr zeitgemäß, da war Deutschland als Industrieland schon weiter entwickelt als die Nazis in ihren Ideen. Aber sie taten so, als gäbe es ein Zurück mit „Blut und Boden“ und all dem Unfug. Das konnte man damals auch nur den Leuten erzählen, die schlecht bzw. falsch informiert waren und daher manchen Stuss glaubten.“
„Und die gibt es auch heute, das ist das liebste Publikum der AfD. Ganz ähnlich übrigens auch wie in den USA die Anhängerschaft von Trump.“
„Nur, da merken allmählich immer mehr Leute, dass sie einem Hochstapler aufgesessen sind, der starke Sprüche klopft, aber das Land eben nicht ‚great again‘ macht.“
„Trump hat es versaut, als er sich selbst Lügen strafte: Er wollte keinen neuen Krieg anfangen. Und er wollte die Lebenshaltungkosten senken, an deren Höhe angeblich die Demokraten schuld waren.“
„Und bei uns gibt es tatsächlich ein paar Traumtänzer, die meinen, man sollte der AfD die Chance geben, mal zu zeigen, ob sie es besser können als die sogenannten Altparteien. Dabei zeigt die AfD schon ohne politische Macht, dass sie genauso korrupt und zerstritten ist, wie sie es den ‚Altparteien‘ nachsagt.“
„Ohne echte Demokratie, ohne echte gegenseitige Kontrolle der Institutionen oder ‚Gewalten‘ im Staat schleicht sich immer schnell Korruption und Machtmissbrauch ein. Dazu gibt es nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Gegenwart genug Beispiele. Schon das ist ein überzeugendes Argument für die Demokratie. Wer leichtsinnig meint, man könnte mal etwas anderes ausprobieren, der hat keine Krempe am Hut oder seinen Verstand weggekifft und weggesoffen.“
„Genau. Aber das tun wir hier nicht, auch wenn ich jetzt unserem Jupp zurufe: Jupp, eine Runde, wir haben zuviel Luft in unseren Gläsern!“
Jupp war wie gewohnt schnell und setzte flugs gut gezapfte Kölschstangen auf den Tresen.
„So läuft das! Also dann, Prost auf die Demokratie! Möge sie gut und noch besser funktionieren.“
Alle am Tresen hoben ihre Kölschstange und prosteten mit. Und — haste nicht gesehen — im Schankraum machten prompt Einige mit, und auch ich hob mein Glas.
W. R.
