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Natürliche Auslese?

AM Tresen, Ihr wisst schon, gab es wieder große Gespräche:
„Unsere Welt wird immer unübersichtlicher, wer blickt da noch durch?“
„Ja, und immer kränker. Social media verderben die Jugend, desinformieren die Erwachsenen, verdummen das Volk…“
„… weil du gar nicht mehr weißt, welche Katastrophe du zuerst wahrnehmen sollst, denn überall brennt es, gibt es Überflutungen…“
„Und dabei wird soviel Geschwätz verbreitet, dass keine Regierung mehr das Thema Klimaschutz ernst nimmt — und immer mehr Verdummte AfD wählen.“
„Ja, danke CDU und CSU! Eure nicht vorhandene Klimapolitik hat ein Gutes: Die Rentner werden weniger, weil es immer mehr Hitzetote unter den Alten gibt. Und das Gesundheitssystem wird so auch saniert: Vulnerable Gruppen, das sind ja nicht nur Alte, sondern auch chronisch Kranke und geschwächte Personen. Die belasten dann bald nicht mehr unser Gesundheitssystem, weil sie früher versterben. Geniale Lösung! Danke, Unionsparteien! Wer Geld genug hat, kann sich sowieso immer noch besser versorgen, also sterben mehr Arme weg. Das kostet dann weniger Bürgergeld, nein, wie heißt das jetzt? Grundsicherung? Danke. Und die Tafeln können dann auch wieder durchschnaufen, da stehen dann weniger Leute an. Natürliche Auslese heißt das in der freien Natur. Und so sehen das auch Zyniker, Sozialdarwinisten, Rechtsradikale und Faschisten.“ —

Wow! Ich musste mal durchatmen, denn soviel Sarkasmus hatte ich selten vom Tresen-Stammtisch gehört. Ich stürzte meinen Rest Kölsch hinunter, zahlte und ging hinaus. Da warf mir (gefühlt) jemand eine dicke Wolldecke über, so eine warme, stickige Luft war draußen — um diese Zeit noch! Da sollte jetzt kühlende Abendluft über meine Wangen streichen, aber nix da.

Zu Hause angekommen, schaute ich noch Nachrichten. Aber das wurde mir zuviel, immer noch und schon wieder diese Waldbrände in verschiedenen Teilen Europas, das scheint gar nicht mehr aufzuhören. Und das Mittelmeer ist viel zu warm: Wer will an Mallorcas Strand in fast schon heißes Wasser (33 Grad) steigen? Und wie überleben das die Lebewesen im Meer? Zugleich schmelzen die verbliebenen Alpengletscher, Felsabbrüche mehren sich, den Kühen auf den Almen vertrocknet das Gras… Ach, es ist einfach grauenhaft. Am schlimmsten: Die galoppierende Klimaveränderung, die in der Geschichte noch nie so rasend schnell vor sich ging — sie kommt nicht unvorhergesehen. Aber wo und wie weit hat die Politik die Warnungen beherzigt? Im Gegenteil, nicht nur Trump geht den bequemen Weg und leugnet erst den Klimawandel, dann die Ursachen, und redet den Leuten ein, man könne weiter Kohle, Öl und Gas verbrennen und damit weiter die Erde aufheizen. Man macht kräftig Propaganda gegen Klimaschutzpolitik, und Trump bezahlt sogar RWE dafür, dass sie an Amerikas Küsten keine Windparks bauen, die schon geplant waren.

Und wenn du denkst, es reicht jetzt, ich will was Positives aus der Wirtschaft hören, dann trocknet der Rhein fast aus (auch das nicht überraschend, wir hatten das 2018 schon mal), und das hat Folgen für die Wirtschaft, weil Binnenschiffe kaum noch Lasten befördern können…

Aber Klimaschutz ist ja überflüssig, ist in den Augen der Union grünes Teufelszeug, das machen wir auf gar keinen Fall! Wir faseln zur Ablenkung was von Atomkraft und Mini-AKWs in der (fernen) Zukunft. Hätten wir auf die Atomkraft-Fans gehört und unsere AKWs weiter laufen lassen, dann hätten wir jetzt ähnliche Probleme wie Frankreich oder Rumänien, wo den AKWs, gebaut an Flüssen, das Kühlwasser fehlt.

Die Leute, die Vernunft und gesunden Menschenverstand für sich reklamieren und den Grünen immer „Ideologie“ vorwerfen wollen, sind selbst ideologisch verbohrt und ignorieren die Klimakrise in dem Glauben, Recht behalten zu können bis zum Gehtnichtmehr. Viele wollten Klimaschutz gegen Wirtschaftwachstum ausspielen, und nun kommt die Quittung: Die Hitze und Dürre gefährden gerade das ersehnte Wirtschaftswachstum. Und uns werden steigende Preise vorausgesagt. Ganz toll!

Ach ja, dazu wollen wir noch die alternativen Lösungen der AfD hören: Aber da sind keine. Da dreht sich alles, wirklich alles nur um das „Problem“ Migration. Migranten sind an allem schuld, so einfach ist das — für Leute, die meinen, es geht auch ohne Denken. Die AfD setzt voll auf Gefühl, aber leider auf Retro-Gefühlsmatsch. Da werden Heimatliebe, Nationalstolz, Angst vor „Überfremdung“ zu einem Matsch verrührt, der die Leute vom Denken abhalten soll. Und als Krönung wird von „Remigration“ gefaselt.

Wer immer noch nicht weiß, dass wir Mangel an Fachkräften haben und deshalb Zuwanderung brauchen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, dem ist nicht zu helfen. Wer immer noch nicht merkt, dass da harmlos tuende Leute Schwarz-Rot-Gold schwenken, aber sich Schwarz-Weiß-Rot wünschen (und einige diese Farben mit einem Kreuz, das schwere Haken hat), wer nur noch mitjohlen und mitlaufen will, der hat den letzten Rest seiner politischer Bildung vergessen.

Europa erwärmt sich schneller als der Rest der Welt. Vielleicht wird es uns bald zu heiß, und wir flüchten vor der Klimakrise in andere Weltgegenden. Wie wollen wir da empfangen werden?

W. R.

Köln-Notizen Sept. 2025

ALSO sprach der größte Prophet ever: „Der Klimawandel ist der größte Betrug aller Zeiten.“ Da dies aber konträr zum heutigen Stand der Wissenschaft steht, misstraue ich den Behauptungen des großen Lügenbarons Trump auch in diesem Punkt und halte mich an vielfach belegte und von Allen beobachtbare Vorgänge und Fakten. Ich verweise nur auf Beispiele wie Ahr-Hochwasser und andere, auf vermehrte Waldbrände, auf sich aufheizende Städte und, nicht zuletzt, auf Probleme mit der Weinernte durch Klimaveränderungen.

Auch in Köln macht man sich Sorgen wegen länger andauernder Hitzeperioden im Sommer, man will mehr Grün in die Stadt und ihre Umgebung bringen, versiegelte Flächen entsiegeln (Stichwort: Schwammstadt), u.a.m.

In Köln haben die Grünen in den letzten Wahlen gut abgeschnitten, weil sie als einzige Partei den Klimawandel ernst genug nehmen, weil sie entschieden dafür eintreten, viel dafür zu tun, dass die weitere Erderwärmung mit ihren katastrophalen Folgen gebremst wird. Das bedeutet für Köln auch, keine Flächen mehr zu versiegeln und zuzubauen, vor allem nicht die für das Stadtklima notwendigen Lüftungsschneisen zu blockieren. Es geht darum, die schon jetzt nicht mehr aufzuhaltenden Folgen des Klimawandels für die Gesundheit der Stadtbewohner möglichst erträglich zu machen. Und, liebe MitbürgerInnen, man muss auch vorausdenken: Wo soll das noch hinführen?

Vor diesem Hintergrund gibt es Kontroversen um ein Erweiterungsprojekt des Fußballvereins und Bundesligisten 1.FC Köln, der sein Gelände im Kölner Grüngürtel erweitern will, indem er dafür u.a. ein langgestrecktes Wiesengelände vereinnahmen will, die „Gleueler Wiese.“

Im aktuell laufenden Kommunalwahlkampf hat der FC lautstark seinen Anspruch erneuert, dass für ihn nur diese Erweiterung in Frage komme. Er hofft auf mehr Rückhalt in der Stadtpolitik, doch scheint diese Hoffnung trügerisch. Zwar spricht sich vor der Stichwahl zum OB der SPD-Kandidat für den FC aus, aber die Kandidatin der Grünen bleibt zu diesem Projekt auf Distanz.

Gleueler Wiese – Wikipedia Derzeit ist noch ein Gerichtsverfahren anhängig, das eine Bürgerinitiative zur Erhaltung der Gleueler Wiese angestoßen hatte.

Übigens, auch im Hinblick auf Natur ist dieses Wiesenterrain keineswegs belanglos >Gleuer Wiese – Insekten, Pflanzen, Biodiversität

Nachtrag am 25.09.25: >Klimakrise: Experten warnen vor mehr Extremwetter durch globale Erwärmung – DER SPIEGEL — Da haben wir’s! —

Nachtrag am 29.09.25: In Köln holte der SPD-Kandidat bei der Stichwahl zum OB die meisten Stimmen. Das heißt aber nicht, dass er im Stadtrat, wo die Grünen die stärkste Fraktion bilden, die Bebauung der Gleueler Wiese leichter durchsetzen könnte. —

W. R.

Zu Themen des Tages,16.01.2023

Unüblich in diesem Blog, äußere ich mich hier mal zu tagespolitischen Dingen:
1. Lützerath: Nach gefühlt 2 Wochen ständiger „Kriegsberichterstattung“ aus dem ehemaligen Dorf Lützerath im Braunkohlerevier ist erstmal Ruhe eingekehrt. Jetzt werden Details geklärt zum Polizeieinsatz und zu Gewaltszenen. Die Klima-Aktivisten hatten ihre maximale Aufmerksamkeit in den Medien. So, und was weiter? Wird nun eine Diskussion eröffnet über Gewaltlosigkeit und Legalität? Wollen die Aktivisten noch eins drauflegen? Ehrlich: Mir wurde bei einigen Äußerungen von Aktivisten klar, warum ich nicht Aktivist geworden bin.
2. Die Grünen werden von mehreren Seiten angegangen, teils angefeindet. Was haben sie getan? Wer in politischer Verantwortung steht, von dem erwarte ich jedenfalls mehr als nur Klientelpolitik. PolitikerInnen im Amt müssen Verantwortung für das Land und seine Bevölkerung wahrnehmen. Das haben in meinen Augen Vertreter der Grünen im Bund (Ampel-Regierung) und auch in NRW getan — was man nicht von allen Anderen so sagen kann. Ich sehe bei verschiedenen Gelegenheiten eher Leute damit beschäftigt, sich für Partei-Interessen einzusetzen, ihre Wähler populistisch zu mobilisieren und auf Umfragen zu schielen. Darum: Wenn es je Gründe gab, die Grünen zu unterstützen, dann jetzt, siehe oben.
3. Wann endlich bekommt die Ukraine in ausreichendem Umfang die militärischen Geräte, die sie schon längst hätte haben müssen, um die russische Armee aus dem Land zu werfen? Wie lange wollen einige Leute warten — vielleicht, bis wir die halbe Bevölkerung der Ukraine als Kriegsflüchtlinge aufgenommen haben? Bis Putin alle Städte plattgemacht hat? Bis Putin zwei Drittel des Landes vermint oder in Trümmer gelegt hat? Was, bitte, stellt Ihr Euch vor, die Ihr den Eiertanz um „schwere Waffen“ veranstaltet? Was bringt es, weiterhin alles Militärische – pfui, bah – zu verteufeln und Diplomatie und Verhandlungen herbeizuwünschen bzw. zu fordern, die es ziemlich sicher erst nach schwerwiegenden militärischen Entscheidungen geben kann? Hallo da draußen, wir leben nicht mehr in der Welt der frühen 1980er Jahre („Frieden schaffen ohne Waffen“). Ja, ich hätte mir auch gewünscht, Putin hätte weniger Lust auf Kriegführung und menschenverachtende Brutalität, aber da will ein skrupelloser Machtmensch ein Großrussland erzwingen, egal auf wessen Kosten. Wie wollt Ihr den denn stoppen? Oder wollt Ihr ihn belohnen, nur damit Ihr Euren Frieden habt? Andere Diktatoren schauen genau hin!

Soweit für heute.

W. R.

Zu Punkt 3 ein aktueller Nachtrag: Zwei prominente und politisch aktive Frauen haben einen Offenen Brief an Bundeskanzler Scholz geschickt und Verhandlungen statt Waffenlieferungen gefordert. Ts, ts, ts… Im Kölner Stadt-Anzeiger vom 14.02.23 schreibt dazu Heribert Münkler eine Kritik, die diesen Brief und seine Argumentation auf sachkundiger Basis in Grund und Boden stampft. Und kurz darauf meldet sich auch noch eine bekannte Theologin zu Wort und fordert auch ein Ende der Waffenlieferungen plus sofortige Verhandlungen.

Jo, mei! Darauf schrieb ich am 19.02. einen Leserbrief:

„Alle diese pazifistischen Wortmeldungen entspringen sicherlich ehrenwerten Gefühlen, doch geben sie keine rationalen Antworten auf realpolitische Fragen. So der ansonsten von mir sehr geschätzte Herr Precht nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges, oder später andere hochintelligente Menschen bis hin zu Wagenknecht und Schwarzer… Es wird zwar von der „hohen Kunst der Diplomatie“ gesprochen, auf die statt auf Militär gesetzt werden sollte, doch an diplomatischen Bemühungen hat es vor dem Krieg nicht gefehlt. Ich habe die Bilder noch vor Augen: Macron und Scholz mussten an einem gefühlt kilometerlangen Tisch Putin auf Rufweite gegenübersitzen. Das erinnert an die diplomatischen Aktivitäten 1938, als Politiker sich bemühten, Hitler vom Einfall in die Tschechoslowakei abzuhalten. Bekanntlich konnte damals der Friede nicht bewahrt werden, weil ein Hauptakteur nicht wollte. Und jetzt? Der Hauptakteur hat sich selbst in eine Lage manövriert, aus der er nur mit extremer Gewaltanwendung hinauskommen könnte — sofern die Ukraine an Unterstützung verliert. Übrigens: Wer von der Geschichte lernen möchte, mag sich das Schicksal der Tschechoslowakei 1938/39 anschauen. Wer bitte möchte der Ukraine Ähnliches zumuten — nur „um des lieben Friedens“ willen, der auch für die Ukraine Unterwerfung und Gewaltherrschaft bedeuten würde?“